Kapitel 28 – Wirre Geschichten

Kapitel 28 – Wirre Geschichten

 

Rjna

Als ich aufwachte, lag ich in Meister Xelus’ Armen. Ein vertrautes Gefühl mittlerweile. Ein wohliges, angenehmes Gefühl, das mich an ein zu Hause erinnerte, welches ich niemals hatte.

Ich erhob mich, schlüpfte unter seinen Armen hindurch und rieb mir die Augen, den Blick ungläubig auf meinen Meister gerichtet. Doch ich wagte nicht, ein Geräusch von mir zu geben. Friedlich lag er da und schlief. Doch der Brustkorb bewegte sich nicht. Er holte keine Luft. Ein merkwürdiger Anblick. Einen, den auch ich jetzt abgeben musste, wenn ich schlief …

Desorientiert sah ich mich um. Schemenhaft konnte ich mich an ein Haus erinnern, an ein Bett, in das ich gelegt worden war. Die Sonne war gerade erst dabei, aufzugehen. Schwach kämpften sich einige ihrer Strahlen durch die dünnen Vorhänge der zwei grossen Fenster hindurch. Ausserhalb lag eine grosse Grünfläche voller fein säuberlich gestutzter Büsche und Bäume, versteckt platzierten Bänken und einem kleinen Teich.

Stirnrunzelnd wandte ich mich von dem übertrieben idyllischen Bild ab und liess meinen Blick durchs Zimmer schweifen. Die Wände waren weiss grundiert. Darüber hatte jemand mit viel Vorsicht und Geduld wunderschöne, ineinander verschlungene Schnörkel in einem etwas dunkleren Weiss gemalt. Der hölzerne Boden war hell und eben. Mit sichtlich grosser Achtsamkeit gefertigte, teure Holzmöbel füllten den Raum. Ein Schrank, eine Kommode und das grosse Bett – in dem mein Vampirmeister noch immer ruhig vor sich hindöste. Zwei Türen führten aus dem Zimmer hinaus, wovon eine – wie sich schnell herausstellte – in ein geräumiges Badezimmer führte. Generell wirkte das Zimmer sehr unpersönlich, deswegen aber nicht weniger freundlich.

All die teure Einrichtung liess mich unwillkürlich die Luft anhalten. Allein der Stoff der Vorhänge wirkte seidig weich. Und die Bettwäsche …! Es hatte sich angefühlt, als wäre ich auf Wolken gelegen!

Doch all der Schönheit zum Trotz trugen mich meine Beine zielstrebig aus dem Zimmer hinaus und den unbekannten Flur hinab. Vor der nächsten Tür blieb ich stehen, hob die Hand – klopfte aber nicht an. Ich stockte und griff dann nach der Türklinke, drückte sie hinunter und trat ein. Hinter mir schloss sich die Tür wieder mit einem leisen Klicken.



Auch hier war die Einrichtung schlicht gehalten, wenngleich keineswegs schäbig. Und im Bett lag, eingemummelt in einer dicken Decke, der Junge. Der, der gestern noch seine Lippen auf meine gepresst hatte. Der, der mir heute in meinen Träumen aufgelauert hatte. Sein blondes, kurzes Haar stand ihm wild vom Kopfe ab, während die hohen Wangenknochen ihm fast schon etwas Majestätisches verliehen. Wären da nicht die eingefallenen Wangen, die tiefen Augenringe und die fahle Haut gewesen, wäre er vielleicht sogar irgendwie schön gewesen.

Stumm trat ich an das Bett heran, blickte abschätzend auf ihn hinab. Die Stirn des Jungen runzelte sich, seine Augen flatterten und sein Mund öffnete sich zu einem ausgiebigen Gähnen. Die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, blinzelte er zu mir hoch.

„Mein Vater hat in einem kleinen Dorf gelebt. Er war Knecht. Hat auf den Feldern gearbeitet. Abends kam er nach Hause und speiste mit uns. Mit seiner Frau und seinen Töchtern.“

„Nein“, entgegnete der Blonde mit vom Schlaf rauer Stimme. „Das war er nicht.“

„Doch.“ Meine Hände ballten sich schwach zu Fäusten. „Wie hast du das gemacht? Wie hast du zu mir gesprochen? In meinem Traum?“

Verlegen blickte der Junge weg. „Ich habe mich gestern von Euch genährt. Es hält nur ein paar Tage.“ Leicht schüttelte er den Kopf. „Aber darum seid Ihr nicht hier, Hoheit.“

Zischend stiess ich die Luft aus, schüttelte dabei den Kopf und blickte ungläubig auf ihn hinab, der sich jetzt im Bett aufrichtete und streckte. Das Laken fiel von seinem Körper und offenbarte helle Haut und einen dünnen, nackten Oberkörper. Schnell wandte ich den Blick zu Boden. „Was sprichst du da?“, wisperte ich. „Wieso spinnst du dir diese Lügenmärchen zusammen?“ Ich sah auf, wollte die Wahrheit in seinen Augen sehen.

Sein Blick erwiderte den meinen mit einer Ernsthaftigkeit, die mich schaudern liess. „Euer Vater hat Eure Mutter verstossen und mit einem Fluch belegt. Das sind keine Lügenmärchen. Legende wäre wohl der Begriff, den Ihr sucht. Eine Legende war es, bis ich Euch traf, Hoheit. Jetzt ist sie zur Wahrheit geworden. Hat sich als richtig herausgestellt. Die Hoffnung meines Volkes schwindet mit jeder Generation. Doch ich, Nomrin aus dem Hause…!“



„Hör auf!“, rief ich, entschlossen, diesem verrückten Gerede ein Ende zu bereiten. Die ganze Nacht hatte er mir unsinnige Dinge erzählt, von Flüchen und Prophezeiungen gesprochen! „Ich bin nicht eure ersehnte Retterin! Ich bin…!“

Das Krachen der Tür hinter mir unterbrach mich abrupt. Ich wirbelte herum, doch den angefangenen Gedanken führte mein Verstand zu Ende. Denn ich war nichts. Ein unnützes Mädchen, ohne Familie oder Mitgift. Einzig einen Lebensgrund hatte ich noch. Rache, das war mein Ziel. Und Rache würde ich bekommen.

„Was machst du hier?“ Tadurials Blick lag streng auf mir.

„Ich…ich war nur …!“ Meine Fäuste hatten sich gelöst; Schweiss auf ihren Innenflächen. Wieso blickte er mich so an? So … durchdringend. Als wüsste er etwas, was ich nicht wusste. Als wollte er jeden Moment auf mich losgehen! Ich stolperte zurück, strauchelte. Die Bettkante drückte mir in die Kniekehlen und diese gaben nach, sodass ich weich auf der Matratze landete.

Wo ich mich in Anwesenheit des jungen Mannes hinter mir einfach nur aufgeregt hatte, mich über seine haltlosen Behauptungen empört hatte, kroch jetzt Angst in mir empor. Tadurial strahlte etwas aus, was mir nicht behagte. Er war mir nicht wohlgesonnen. Ich schluckte schwer, dann räusperte ich mich. „Ich wollte nur nach ihm sehen. Ich bin mir ziemlich sicher, er hat sich den Kopf angeschlagen, denn er spricht wirres Zeug.“

Tadurial tat einen Schritt vor und sah an mir vorbei. „Zieh dich an. Du hast in wenigen Minuten eine Verabredung in der Kaserne. Und du, junge Dame“, den Blick an mir hinuntergleiten lassend, legte er die Stirn in Falten. „Du gehst zu deinem Meister und bittest um angemessene Kleidung.“ Kopfschüttelnd packte er mich am Arm und zog mich aus dem Zimmer. „Xelus wird ausrasten, wenn er erfährt, dass du mit ihm allein in einem Zimmer gewesen bist“, murmelte er leise. Vor dem Zimmer, das ich zuvor noch verlassen hatte, hielt er inne und liess von mir ab. „Na los!“

Ich schluckte schwer, trat aber schnell einen Schritt von ihm weg. „Was … was wird jetzt mit ihm passieren?“

Die Stirn des Grünäugigen runzelte sich. „Mit wem?“

„Mit Nomrin. Ihm!“, erklärte ich, zu der nun wieder verschlossenen Zimmertür nickend.



Tadurial machte einen einschüchternden Schritt auf mich zu. „Ich wüsste nicht, was dich…“

Erneut unterbrach eine sich öffnende Tür die Situation. Dieses Mal jedoch war ich dankbar darum. Ein sichtlich müder, gähnender Meister Xelus erschien im Türrahmen und betrachtete uns aus verschlafenen Augen. „Ich habe geschlafen“, stellte er mit einem gewissen Mass an Überraschung fest. Er hob seine Hand und legte sie anstandshalber vor den Mund, ehe er gähnend sprach: „Götter, das ist nötig gewesen.“

Hastig war Tadurial zurückgetreten. Jetzt räusperte er sich. „Ich werde in der Kaserne zum Bericht und anschliessend im Schloss erwartet. Den Jungen, den wir mitgebracht haben, soll ich mit in die Kaserne bringen.“

Meister Xelus nickte, während ich dastand, angespannt und fassungslos. „Aber wieso?“, wollte ich leise wissen. Meine Augenbrauen hatte ich besorgt ins Gesicht gezogen. „Er hat doch nichts getan …?“

„Der Geruch seines Bluts ist eindeutig und meine Anweisungen ebenso. Ich werde jetzt gehen.“

„Aber…!“ Meine Stimme zitterte. Ich wollte nicht, dass der Junge weggebracht wurde. Er war vermutlich kaum älter als ich …! Zeitgleich hatte ich Angst, einem Mann wie Tadurial zu widersprechen. Generell jemandem zu widersprechen. Meine eigene Meinung zu sagen. Ich zu sein. Das alles waren Dinge, die mir bis vor kurzem strengstens untersagt gewesen waren!

Ein Arm legte sich an meinen unteren Rücken und dirigierte mich sanft ins Zimmer zurück. „Komm. Du ziehst dich um, wäschst dich und danach gehen wir in die Stadt. Besorgen dir eine Garderobe, in der du dich zeigen kannst und dann“, Meister Xelus seufzte leise, „gehen auch wir beide ebenfalls zur Kaserne, um Bericht zu erstatten.“

Bericht erstatten? Die Worte hingen mir wie eine mahnende Drohung nach, als Meister Xelus das Zimmer bereits wieder verlassen hatte, mit der Aussage, mir Kleidung von seiner Bediensteten holen zu gehen. In der Zwischenzeit sollte ich ein Bad nehmen. Eines, das er bereits vorbereitet hatte.

Als ich schüchtern wieder aus dem Badezimmer trat, in ein unglaublich flauschiges Handtuch gewickelt, lagen auf dem Bett eine weisse Bluse, ein dunkelgrünes Mieder und ein schöner, langer, dunkelgrüner Rock. Staunend besah ich mich der vielen Kleidung. Mit vorsichtigen Schritten trat ich näher und streckte die Finger nach dem Stoff aus. Ich berührte die feine Webarbeit mit Hochachtung und die genauen Nähte mit nachhaltiger Fassungslosigkeit. Ausserdem waren das ganze drei Kleidungsstücke! Drei!



Meister Xelus erhob sich geräuschlos von dem Stuhl in der Zimmerecke. „Brauchst du noch etwas? Ansonsten würde ich dich jetzt allein lassen, damit du dich anziehen kannst.“ Sichtlich zufrieden mit meiner Reaktion hatte sich ein Lächeln auf seinen Lippen ausgebreitet. Nur leider hatte ich keinen Schimmer, wie man dergleichen anlegte. Und offenbar sprach mein Gesichtsausdruck Bände, denn mein Vampirmeister kam auf mich zu, griff leise seufzend einfach nach der Bluse und deutete mir, das Handtuch fallen zu lassen. Und während er mir in die neue Kleidung hineinhalf, versank ich tief in Gedanken.

„Hast du alles verstanden?“

Ich schreckte auf. „Was?!“ Meister Xelus stand hinter mir. Ich konnte ihn durch die geheimnisvolle, spiegelnde Oberfläche ganz genau sehen. Eine Augenbraue hatte er erhoben. Ich schluckte schwer. „Entschuldigt, ich habe nicht zugehört, Meister. Ich war in Gedanken.“

Meister Xelus sah mich kurz perplex an, bevor er in einen Lachanfall ausbrach, welcher wiederum mich zu einem irritierten Blick veranlasste. Meine in Runzeln gelegte Stirn richtig deutend, gestand er schmunzelnd: „Weisst du, du erinnerst mich dermassen an mich selbst in deinem Alter. Auf keinen Fall zuhören oder machen, was verlangt wird …“

„Aber so ist das doch gar nicht!“, beteuerte ich inbrünstig und drehte mich halb herum. In seinen Händen lagen noch die Schnüre des Mieders, das er mir band.

„Ach nein?“, fragte er schmunzelnd, woraufhin ich erneut heftig den Kopf schüttelte.

„Nein! Ich war nur mit meinen Gedanken ganz woanders. Wäret Ihr so freundlich … und würdet Euch wiederholen …?“

Amüsiert schüttelte er den Kopf. „Diese langweiligen Ausführungen über das Benehmen im Hochadel kannst du auch nachlesen.“ Mit einem letzten Ruck zog er das Mieder fest und knotete es mit einem Schleifchen zusammen. Dann trat er zwei Schritte zurück und musterte mich von oben bis unten. Als er bei meinen Füssen ankam, wirkte es, als wolle er sich die Hand gegen die Stirn schlagen. „Dir fehlen noch Schuhe!“

Schon verschwand er wieder aus dem Zimmer, nur um wenig später mit ein Paar wunderschön gearbeiteter Schnallenschuhe wiederzukommen. „Das sind welche von Sillia, meiner Hausangestellten. Auch die Kleider, die du trägst, sind von ihr.“ Er legte den Kopf leicht schief. „Aber ihr scheint ähnlich gross zu sein. Nur die Proportionen passen nicht ganz.“



Doch die Schuhe passten. Ich konnte mich nicht darüber beschweren. Nur darüber, dass es sich seltsam anfühlte, Schuhe zu tragen. Das hatte ich jahrelang nicht getan. Und in meiner Kindheit nur im Winter, um Material zu sparen.

Als mein Blick erneut die spiegelnde Oberfläche traf, wurde mir ganz anders. Ich trug Kleidung, wie ich sie noch nie getragen hatte. Und richtige Schuhe! Meister Xelus war sogar gerade noch dabei, mir das Haar zu flechten, und ich stand da, fassungslos ob der schnellen Veränderungen in meinem Leben. Es fühlte sich an, als wäre ich einen Wasserfall hinuntergestürzt, von festem Boden in kaltes Wasser gefallen. Jede Kontrolle war mir entglitten. Alles Bekannte entschwunden.

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