Kapitel 30 – Sillia
Kapitel 30 – Sillia
Rjna
Ein lauter Ruf riss mich aus meinem Schlaf. Sabber lief mir das Kinn hinunter und meine Augen fühlten sich verklebt an. Verklebt und schwer. Mein Mund öffnete sich zu einem ausgiebigen Gähnen.
„Es gab einen Ausbruch! Der Junge, dieser Nomrin!“
Meine Stirn runzelte sich. Langsam schloss sich mein Mund wieder. Ich blinzelte träge. Einen Ausbruch? Nomrin? Der Junge, der mir die Lügenmärchen über Vater aufgetischt hatte? Ja … ich hatte es verdrängt. Ich verstand es nicht. Ich verstand so vieles nicht. Angefangen dabei, wie er in meinen Träumen auftauchen konnte. Auch heute … War das überhaupt ein Traum gewesen? Durch die kalten Gassen waren wir gelaufen. Und obwohl es kaum echt sein konnte, schmerzten meine Füsse, als wären sie die ganze Nacht über harten Asphalt gerannt.
„Und wieso bist du dann hier, Tad?“ Meister Xelus klang verwirrt. „Ich dachte, der König wollte dich bereits wieder einsetzen?“
„Ich werde gerade eingearbeitet“, knurrte es wütend. „Und ich bin hier, weil der Junge nicht allein rausgekommen sein kann!“
Ich zuckte zusammen. Die Stimmen schienen so nah!
„Und wie kann ich dir jetzt helfen?“ Meister Xelus blieb ruhig, wo es in Tadurial – oder jetzt Hauptmann Tadurial? – geradezu zu brodeln schien.
„Dein Schützling kommt dir da nicht zufällig in den Sinn?“ Tadurial klang, als wäre der Fall klar. „Du weisst schon. Dunkelbraune, sehr lange Haare, genauso dunkle Augen, eher klein …“
„Tadurial, ich weiss, wie mein Schützling aussieht, aber das ändert nichts daran, dass sie sowas unmöglich getan haben kann!“, unterbrach Meister Xelus den Grünäugigen bestimmt. „Woher sollte sie wissen, dass ihr ihn in den Kerker gesperrt habt? Woher sollte sie wissen, wie sie dort hinkommt?“
Daraufhin war es erst einmal still. Ich war schon dabei gewesen, aus dem Bett zu steigen, hatte aber, als ich Tadurials Beschuldigungen gegen mich vernommen hatte, in der Bewegung innegehalten. Jetzt zog ich meine Beine zurück unter die Decke, legte mich wieder hin und starrte an die Decke. Denn ja, meine Füsse taten weh. Und in meinem Traum war ich durch die Gassen der Stadt gerannt, den Jungen an meiner Seite. Hatte ich ihn befreit? Aber Xelus’ Worte waren berechtigt! Woher sollte ich wissen, wo ich den Jungen fände? Und wieso sollte ich ihn überhaupt befreien?
Schritte erklangen auf der Treppe. Ich hatte das Gespräch der beiden nicht länger belauscht. Jetzt drehte ich mich dem Fenster zu und schloss die Augen erneut. Kam Tadurial jetzt, um mich festzunehmen? Musste ich wieder in einen Kerker gehen?
Die Zimmertür öffnete sich. Ich schaute nicht hin, doch ich wusste, es war nicht Tadurial, der dort stand. Dafür fehlte mir die unbehagliche Gänsehaut im Nacken.
Einen Moment war es still, ehe ein leises Seufzen erklang. Meister Xelus kam ins Zimmer geschritten und setzte sich kurzerhand auf meine Bettkante. Eine Hand wurde auf meiner Schulter abgelegt. „Ich muss zur Kaserne, Rjna. Das könnte heute dauern.“
Ich nickte langsam, behielt die Augen aber geschlossen. Leise fügte ich hinzu: „Ja, Meister.“
Meister Xelus bekundete meine Reaktion mit einem tiefen Seufzen. „Nur Xelus, Rjna.“ Er hielt kurz inne. „Sillia ist da. Mach dich mit ihr bekannt. Verbringt einen schönen Tag.“ Ich nickte erneut, nahm wahr, wie er einen sachten Kuss auf meinen Scheitel platzierte und dann auch schon wieder aus dem Zimmer verschwand. „Wir sehen uns spätestens heute Abend wieder!“, hörte ich es noch von der Zimmertür her rufen, dann fiel sie ins Schloss.
Mit einem leisen seufzen beschloss ich, aufzustehen. Jetzt noch einmal den Versuch zu starten, zu schlafen, hatte keinen Sinn. Nur wusste ich nicht, was ich tun sollte. Das Haus putzen, vielleicht?
Ich setzte mich auf und schwang meine Beine aus dem Bett. Ein überraschtes Keuchen entkam mir, als meine Füsse den Boden berührten. Stirnrunzelnd hob ich einen an, um nachzuschauen, und schauderte. Teilweise waren meine Fusssohlen offen. Wie war das nur geschehen?
Abwesend schüttelte ich den Kopf. Das war nicht weiter von Belang. Ich erhob mich, ignorierte den Schmerz und schlurfte ins Badezimmer, um die übriggebliebene Müdigkeit mit frischem Wasser hinwegzuspülen. Als ich dort, des langen Nachthemds entledigt, vor der spiegelnden Oberfläche stand, glitten meine Hände, meine Finger über jede einzelne Narbe. Als wäre ich in einen Zustand der Trance gefallen, erinnerte ich mich an ihre Entstehungen, wenn ich auch nicht sagen konnte, wann welche dazugekommen war. Mein Körper glich einem Teppich aus Narben, einer Leinwand mit weissen Strichen, wo keine sein sollten. Als ich mich umdrehte, um auch meinen Rücken zu betrachten, stockte ich, die Augen weit aufgerissen.
Die Narben, die Vater hinterlassen hatte, waren im Vergleich dazu geradezu schön. Die Wunden am Rücken jedoch waren schlecht verheilt. Teilweise erkannte man noch, wie sehr die Haut aufgerissen sein musste, denn sie war nicht richtig zusammengewachsen und verursachte Spannungen. Grössere Spannungen, als ich mir gewohnt war. Andererseits konnte ich mich nicht mehr an ein Leben ohne erinnern.
Ich drehte mich wieder um, musterte mein Gesicht. Das Gesicht einer jungen Frau, die erschlagen von den sich überschlagenden Ereignissen nur noch schlafen wollte und kaum mehr Kraft fand, aufzustehen und weiterzugehen. Tiefe Augenringe, ein abgemagerter Körper und gut sichtbare Rippenbögen verdeutlichen meinen Zustand.
Die Fangzähne in meinem Mund drückten gegen mein Zahnfleisch. Ganz als wollten sie sagen: Komm, sieh mich an! Lass mich raus! Bestaune mich!
Doch ich weigerte mich, dem Monster ins Gesicht zu sehen, zu dem ich geworden war.
Als ich weniger später wieder ins Nachthemd gekleidet aus dem Zimmer trat, lief ich direkt in ein Mädchen hinein, welches mich erschrocken ob des Zusammenpralls anstarrte. Verlegen machte ich einen Schritt zurück. „Ver…“
Ihr Blick glitt stirnrunzelnd meinen Körper hinab. „Du bist das Mädchen, das Xelus mitgebracht hat“, stellte sie abfällig fest. Ihr braunes Haar reichte ihr bis etwa unter die Schulterblätter, war aber momentan zu einem strengen Zopf geflochten, der ihr über der Schulter lag. Körperlich war sie praktisch das Gegenteil von mir. Ihre Brust war füllig und ihre Kurven breit und wunderschön. Einzig in der Grösse ähnelten wir uns. Grasgrüne Augen blickten mir entgegen, die Gesichtszüge fremdartig und zugleich bezaubernd. „Ich bin Sillia. Du … solltest dich ankleiden, ehe du dein Zimmer verlässt.“
„Und dann?“
Die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, blickte sie mich an. „Was dann?“
„Wobei kann ich helfen?“
„Lies ein Buch. Geh spazieren. Mach, was immer dir beliebt. Du bist Xelus’ Abkömmling.“
Sillia war schon dabei, an mir vorbeizugehen, da hielt ich sie unsicher nochmals auf. „Und … was soll ich anziehen? Was wäre angemessen?“
Sillia stockte einen Moment, als könnte sie nicht fassen, was ich zu fragen gewagt hatte. Dann ging sie wortlos an mir vorbei, verdrehte dabei sichtlich genervt die Augen und deutete mir, ihr zu folgen. Sie lief geradewegs in mein Gemach hinein und zum Kleiderschrank hin. „Wieso weisst du so etwas nicht?“, murmelte sie angefressen, während sie sich am Schrank zu schaffen machte.
„Ich … empfand meine Kleidung nicht als unpassend“, versuchte ich zu erklären, was sie dazu brachte, ihren Kopf aus dem Schrank zurückzuziehen und mir einen ungläubigen Blick zuzuwerfen.
„Du bist im Nachtgewand“, stellte sie unnötigerweise fest. Natürlich war mir das bewusst. Aber ich hatte es nicht als anmassend wahrgenommen. Früher war ich in deutlich weniger Stoff herumgelaufen. Vater hatte auf dem Feld einfach nicht genug verdient, um uns allen anständige Kleidung zu beschaffen.
Wortlos zog Sillia ein Kleid hervor. Ein Einteiler in zartem Rot, mit langen Ärmeln und bodenlangem Rock. In Anbetracht dessen, dass es vermutlich bald zum Frost käme, war das vermutlich wirklich angebrachter als das Nachtgewand. Der Schnitt um den Hals herum war eng und rund, sodass man auch hier vor der Kälte geschützt wäre. Dazu zog sie noch ein dunkelrotes Mieder aus dem Schrank, welches aber nur halb so gross war, wie das, welches ich am Vortag von ihr ausgeliehen bekommen hatte. Somit endete es unter der Brust und sollte wohl auch hier wieder etwas hervorheben, was ich nicht hatte. Sie legte alles auf dem Bett ab und wandte sich dann zur Tür. „Ich bin unten, falls du etwas brauchst.“
Wenig später steckten meine Arme in dem Kleid. Der Rest meines Körpers jedoch war noch gänzlich unbedeckt und meine Arme konnte ich nicht mehr herausziehen, ohne es zu zerreissen. Mit verzweifeltem Blick besah ich mich des Dilemmas. So viel wie ich, den Stoff halb über dem Gesicht liegend, eben noch sehen konnte. Und jetzt?
Recht dümmlich fühlend, ging ich zur Zimmertür und öffnete sie einen Spalt. „Sillia? Könntest … du kurz kommen?“
Wenig später stand eine, erstmal ziemlich gereizte, dann aber überraschte Sillia vor meiner Tür und sah mich an, als wäre ich nicht mehr ganz bei Verstand. „Wieso streckst du nur den Wenig später stand eine, erstmal ziemlich gereizte, dann aber überraschte Sillia vor meiner Tür und sah mich an, als wäre ich nicht mehr ganz bei Verstand. „Wieso streckst du nur den Kopf durch die Tür?“
„Also … ich, das ist … Ich komme nicht in das Kleid.“
Ihrem verwunderten Blick nach zu urteilen, hatte sie damit nicht gerechnet. Seufzend trat sie auf die Tür, und somit auf mich, zu und wollte hineinkommen, wobei sie aber gezwungenermassen, bei der Tür angekommen, stehen bleiben musste. Denn ich rührte mich keinen Finger und stand direkt dahinter. „Was soll das? Willst du meine Hilfe oder nicht?“
„Ich … kannst du mir nicht einfach sagen, wie das geht?“, entgegnete ich mit einem Anflug Verzweiflung in der Stimme. Ich wollte nicht, dass sie mich so sah. Meinen Körper sah. Ich wollte kein Mitleid.
„Nein. Entweder du lässt mich jetzt rein und ich helfe dir oder ich gehe und wende mich wieder meinen Aufgaben zu.“
Geschlagen liess ich die Luft aus meinen Lungen entweichen; meine Augen schlossen sich besiegt. „Na schön“, brachte ich leise hervor, gab meine Stellung hinter der Tür auf und liess sie eintreten.
Zuerst betrachtete sie amüsiert, in welch unangenehme Lage ich mich da hineinmanövriert hatte. Auch einen Funken Hohn meinte ich in ihrem Blick zu erkennen. Dann aber kam der längst erwartete, schockierte Blick, welcher meinem malträtierten Körper galt.
Doch sie sagte nichts. Sie tat nichts. Sie stand einfach nur da und besah sich meines Körpers mit all seinen Andenken. Und da gab es viel zu sehen. Angefangen bei unzähligen Narben, weiter zu einigen, offensichtlich schmerzhaften Bisswunden, bis hin zu den stark hervorstehenden Knochen an jeder einzelnen Stelle meines Körpers. Die Schlüsselbeine, die Hüftknochen und von den Rippen fing ich gar nicht erst an.
Ich wusste nicht, wie Hauptmann Emil es sich zusammenreimen konnte. Wie ich von Vater gezüchtigt worden war, konnte Meister Xelus ihm nicht gesagt haben, davon hatte er selbst keine Kenntnis. Nein, der Hauptmann hatte mir tief in die Augen und dadurch in die Seele hinabgeblickt, dessen war ich mir sicher.
Aber Sillia brauchte mir nicht in die Seele zu schauen. Ein Blick auf meinen verfluchten Körper reichte völlig aus. In ihrem einst höhnischen Blick lag nun Unverständnis, Verwirrung, Unglaube und allem voran Mitleid. Letzteres konnte sie gern behalten.
Leute, die einem Mitleid entgegenbrachten, waren kein Stück besser als die, die Grund für Mitleid schufen. Die einen schufen Erinnerungen, die anderen holten sie wieder hervor. So gesehen, waren mitleidige Blicke also noch schlimmer als das eigentliche Erlebnis. Das Erlebnis an sich ging vorbei. Es hatte ein Ende. Irgendwann. Sei es auch erst nach drei Jahren oder einem ganzen Leben. Aber irgendwann hätte es ein Ende und das war gewiss.
Mitleid begegnete einem aber immer und immer wieder. Und genau so oft riss es einen zurück. In die Hütte, die ich einst zu Hause nannte oder in den Kerker, der mich still und leidend drei Jahre lang fern von jeglichem Licht gehalten hatte.
Wenn die Folter, die Gefangenschaft, die Tat also der Hieb war, der die Wunde verursachte, war Mitleid das Salz. Es wurde nachträglich auf die offene Wunde gestreut und fein säuberlich eingerieben, sodass es auch sicher brannte und nicht zu heilen begänne.
„Kannst du mir jetzt bitte helfen?“
Betreten nickte sie und half mir mit dem Kleid. Tief in Gedanken versunken löste sie die Knöpfe an der Seite, streifte es mir richtig über und knöpfte es wieder zu. Kein Wunder, war ich nicht selbst in das Kleid gekommen!
Anschliessend schnürte mir Sillia das Mieder und drehte mich mit meinem Oberkörper zu der spiegelnden Oberfläche hin, damit ich mich betrachten konnte. Tatsächlich schlich sich jetzt ein kaum merkliches Lächeln auf meine Lippen. Atmen war zwar nicht mehr möglich mit diesem Teil, aber das brauchte ich ja auch nicht mehr zu tun. Es versteckte sogar hervorragend meine fehlende Körperfülle. Und die hervorstehenden Rippen waren nicht einmal zu erahnen.
Dankbar drehte ich mich um, um meiner Retterin ins Gesicht sehen zu können. „Danke!“, brachte ich glücklich hervor, meine Stimme nicht mehr als ein Flüstern.
„Gern geschehen“, antwortete sie mit einem sanften, ehrlichen Lächeln auf den Lippen und … umarmte mich.
Eine ganze Weile stand ich einfach nur da, steif wie ein Baum, bis sich meine Arme ganz langsam zu einer Erwiderung überreden liessen.


























































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