Kapitel 42 – Die Erste von Unzähligen
Kapitel 42 – Der Erste von Unzähligen
Kelevan
Meine Fänge befanden sich im Hals der schwarzhaarigen Schönheit; mein Phallus in ihrem weichen, warmen Schoss. Mit jedem meiner Stösse keuchte sie erregt, während ihr aufgeregter Herzschlag mir ihr Blut auf dem Silbertablett servierte und geradezu willig in den Mund schiessen liess.
„Mein König …!“
Ein leises, zufriedenes Knurren entrang sich meiner Kehle. Mit einem Fauchen zog ich meine Fänge zurück und leckte ihr über die salzige Haut. Lange, schwarze Haare bedeckten ihren Rücken und fielen zu beiden Seiten ihres vornübergebeugten Körpers herab. Doch ihr Haar war eine Nuance zu dunkel.
„Oh, bitte …!“
Und sie war zu laut. Wäre Rjna auch so laut? Oder eher schambehaftet und leise?
Meine Hüfte bewegte sich drängend vor und zurück. Doch irgendwie wollte heute nichts so recht gelingen. Wütend knurrte ich auf und beschleunigte. Das Weibsbild unter mir schrie. Schrie nach mehr, nach ihrem König, nach Befriedigung. Dabei war sie genau wie alle anderen einzig daran interessiert, meine Königin zu werden. Der Gedanke war absurd. Seit fast viertausend Jahren lebte ich nun schon. Über sechsundsechzig Menschenleben hatte ich gesehen. Und nie hatte ich das Bedürfnis nach einer Königin, einer Frau an meiner Seite, verspürt. Und auch heute tat ich es nicht.
Mit einem unsanften Schlag auf ihren Hintern begann sie wieder zu schreien. Ich schnaufte genervt und meine Bewegungen kamen zum Stillstand. Ich hatte sie kaum berührt. Hatte sie nicht stimuliert, sondern sie lediglich herbestellt und mich sofort in ihrem verdammten Loch vergraben. Sie konnte kaum wirklich erregt sein, kreischte aber wie eine wildgewordene Henne herum, als wolle sie jemandem etwas beweisen.
„Mein König! Mein König!“ Plötzlich wurde die Tür zu meinem Arbeitszimmer aufgestossen. Ein Soldat kam hereingerannt, schwer keuchend und kalter Schweiss auf der Stirn prangend. „Mein König!“ Als er sah, in welcher Situation er mich unterbrochen hatte, schluckte er hastig und drehte sich um. „D…Die Hauptmänner! Sie kämpfen! H…Hauptmann Tadurial ist ausser Rand und Band!“
„Bitte?“ Meine Stirn runzelte sich unzufrieden. Andererseits war es die perfekte Gelegenheit, dies kreischende Weib loszuwerden. Ich zog mich aus ihr zurück und wusch mich notdürftig ab. „Wo?“
Auf dem Platz hinter der Kaserne angekommen, traute ich meinen Augen kaum. Tadurial ging auf Andol los, als meinte er es ernst. Und Andol wehrte ab, so gut er konnte. Aber lange würde er das nicht mehr mitmachen.
Ich schoss vor, schaffte Andol an den Rand des Kampffeldes und stellte mich vor Tadurial. Die Knochen in meinen Händen knackten wütend. „Du musst dich abkühlen?“ Mit diesen Worten bewegte ich mich in Vampirgeschwindigkeit neben Tadurial und verpasste ihm eine in den unteren Magen.
Tadurial wurde zurückgeschleudert. Als er sich wieder aufrappelte, hielt er sich keuchend den Bauch. „Mein König?“
Meine Augenbrauen hoben sich auffordernd und Tadurial verstand. Grimmig, doch mit zitternder Unterlippe, deutete er eine Verbeugung an. Er hatte meinen Hauptmann herausgefordert. Und ich übernahm den Kampf stellvertretend. Einen Rückzieher konnte er sich nicht erlauben. Nicht in diesem Moment, nicht, nachdem er Andol dafür verspottet hatte, aufgeben zu wollen.
Zehn Minuten später donnerte meine rechte Faust ein letztes Mal in Tadurials Gesicht und nahm ihm augenblicklich das Bewusstsein. Dabei hatte ich mich noch zurückgehalten.
Schnaubend packte ich ihn am Kragen und schleppte ihn so in das Verlies unter der Kaserne. Dort warf ich ihn in eine der Ausnüchterungszellen, sperrte ab und betrachtete ihn für einen kurzen Moment noch kopfschüttelnd durch das Fensterchen hindurch. Was war nur in ihn gefahren?
Als ich wieder hinter die Kaserne trat, sass Andol noch immer am Rande des Übungsplatzes, den Blick ungläubig auf das Feld gerichtet.
„Hat es dich überrascht?“ Ruhig stemmte ich mir die Hände in die Seiten.
Langsam schüttelte der jüngere Hauptmann den Kopf, fragte aber: „Dass er mich übertroffen hat? Oder dass er nicht eingehalten hat?“
„Letzteres.“ Ich trat vor ihn, blieb stehen und begutachtete seine Wunden. Auf den ersten Blick entdeckte ich nichts Ernsteres – sehr zum Glück von Tadurial. Einige kleinere Schnittwunden und mehr blaue Flecken, als mir lieb waren, prangten auf seiner Haut.
„Ich weiss nicht.“ Er schüttelte den Kopf. „Nein. Ich denke nicht. Ich habe bemerkt, dass er etwas auf dem Herzen hat. Aber ich dachte nicht … dass er so brutal …“
Ich nickte. „Schlimme Erfahrungen können einen grossen Einfluss auf die Persönlichkeit haben, Andol. Wir wissen nicht, was er alles durchgestanden hat. Wir behalten das im Auge.“
„Ich …“ Andol nickte schluckend. „Ich vermag es mir gar nicht vorzustellen.“ Langsam wandte sich sein Gesicht mir zu. Andol riss die Augen auf. „Mein König!“ Schon machte er Anstalten, sich aufzurichten, um mich formgemäss zu begrüssen.
Bestimmt schüttelte ich den Kopf. „Nein. Bleib sitzen.“ Er sollte sich jetzt besser ausruhen. Ehrerbietig neigte er dennoch den Kopf, wobei mir das vor Schmerz verzogene Gesicht nicht entging. „Was ist vorgefallen?“
„Tadurial … schien etwas neben sich zu stehen. Er forderte mich zu einem Schwertkampf auf.“ Schwach zuckte Andol mit den Schultern. „Und dann ist er ohne Zurückhaltung auf mich los. Ich weiss nicht, was ihn getrieben hat, mein König. So habe ich ihn noch nie erlebt.“ Zum Schluss zitterte Andols Stimme unmerklich.
Seufzend hob ich ihn hoch, seinen Protest ignorierend, und brachte ihn in Vampirgeschwindigkeit ins Schloss. Dort setzte ich ihn im königlichen Wohnbereich ab und schenkte ihm einen eindeutigen Blick, der aussagte: Sitzenbleiben, oder du kämpfst als Nächstes gegen mich.
„Mein König!“, keuchte er, als ich ihn absetzte. „Ihr könnt mich doch nicht wie einen ungehorsamen Jungvampir durch die ganze Stadt tragen!“, empörte er sich entrüstet, was ich nur mit einem Schmunzeln quittieren konnte.
„Ach, kann ich nicht?“ Herausfordernd hob ich eine Augenbraue, woraufhin Andol die Augen verdrehte. Das konnte sich nur er erlauben. Jemand anderen hätte ich für diese Frechheit zur Verantwortung gezogen.
„Ich bin kein Jungvampir mehr, mein König!“
„Aber immer noch mein Sprössling. Und ich passe auf meine Sprösslinge auf.“
Daraufhin murrte er irgendetwas von wegen: „Mein armer Ruf …“
Schmunzelnd schüttelte ich den Kopf. „Alomis checkt dich kurz durch. Dann nimmst du dir einen Tag frei.“ Protestierend öffnete Andol den Mund, sicherlich um einen äusserst guten Grund hervorzubringen, wieso er das nicht tun konnte, kam aber nicht mehr dazu. „Das ist ein Befehl.“ Sein Mund klappte zu. „Gut. Schön, wenn Sprösslinge nach all den Jahren Erziehung wissen, wie man zuhört.“ Ich wandte mich um. „Alomis!“, rief ich in den Raum hinein. Keine Minute später stand eben dieser mit fragendem Blick vor mir. „Würdest du dir Andol kurz einmal anschauen?“
Alomis’ Blick schweifte zu Andol und dann wieder, mit seiner typischen Ausdruckslosigkeit, die viele als bösen Blick fehlinterpretierten, zu mir. „Werden wir angegriffen?“, fragte er zweifelnden Blickes, in diesem ich auch etwas Belustigung zu erkennen glaubte.
Ich schnaubte leise. „Nein. Meine Hauptmänner haben sich ein Duell ohne Zurückhaltung geliefert. Und Tadurial beruhigt sich gerade wieder in einer der Ausnüchterungszellen.“
Diese Nachricht kam selbst für Alomis überraschend. „Bitte?“ Ein leises Glucksen verliess meine Kehle. Es war ungewohnt, meinen Vampirbruder mit einem anderen Gesichtsausdruck als dieser ständigen Nüchternheit zu sehen. Der Ausdruck auf seinem Gesicht verfinsterte sich. „Gut. Ich werde mir Andol ansehen.“ Ohne weitere Umschweife hob er Andol auf beide Arme und verschwand mit ihm in seinem Untersuchungszimmer hier im Schloss.
Dieses Mal ertönten keine protestierenden Rufe. Bei Alomis traute sich das selbst ein Hauptmann nicht.
Die folgenden zwei Stunden verbrachte ich damit, mich in der Schreibarbeit zu vergraben. Es gab stets genug davon. Ausserdem zwang sie mich, meinen Kopf zu klären und konzentriert zu bleiben. Nach besagter Zeit begab ich mich wieder in die Kaserne, hinunter zum Verlies. Vor der Zelle, in der ich Tadurial zurückgelassen hatte, blieb ich stehen – mittlerweile dürfte Tadurial sein Bewusstsein wiedererlangt und meine Anwesenheit wahrgenommen haben –, dann öffnete ich die Tür.
Die Zelle besass massive Wände und war keine, in die man von aussen freien Blick hatte. Dies hier diente ja auch dazu, meinen Hauptmann zu zügeln und nicht, ihn vor der ganzen Kaserne blosszustellen. Hinter mir liess ich die Tür wieder ins Schloss fallen, sodass wir ganz unter uns waren.
Wie vermutet war Tadurial in der Zwischenzeit wieder zu Bewusstsein gekommen. Jetzt sass er mit wehleidigem, schamvollem und gedemütigtem Ausdruck im Gesicht an der Wand und neigte unterwürfig den Kopf zur Begrüssung, als ich eintrat. „Mein König …?“
„Erkläre dich“, verlangte ich streng, ohne seine Geste zu würdigen.
Betroffen sah er auf, liess den Blick aber gleich wieder sinken. „Natürlich, Majestät. Ich … bin momentan etwas …“ Er seufzte tief. „Rjna sie … Sie ist dem Blutrausch verfallen, mein König.“
Ein leises Knurren hallte zwischen den kalten Wänden wider, als mein innerer Vampir vorschnellte und sich zwiegespalten fühlend, sowohl besorgt als auch wütend, regelrecht aufbäumte. „Wie?“
„Xelus hat mich gewarnt, dass sie nicht freiwillig trinken würde. Also bot ich ihr meinen Magier an! Ich war mir sicher, sie könnte ihm nicht widerstehen und … so war es auch. Nur, dass sie nicht aufhören wollte. Als ich ihn ihr entriss, kämpfte sie immer weiter gegen mich an.“ Ein normales Verhalten während des Blutrausches. Nur hätte es nie so weit kommen dürfen. Zögernd sprach er: „Ganze drei Stunden lang, mein König. Schlussendlich ist sie vor Erschöpfung eingeschlafen. Aber ich weiss nicht …“
Er wusste nicht, ob sie den Rausch überwunden hätte, wenn sie erst wieder aufwachte. Ja. Das musste er nicht ausführen. Meine Stirn hatte sich gerunzelt, halb im Zweifel, halb vor Unglauben. „Drei Stunden sagst du?“
Tadurial nickte, das Gesicht verzogen, als hätte er noch Schmerzen. „Ja, mein König.“
„Hm …“ Der Blutrausch war eine wirklich unschöne Sache. Oft waren es Jungvampire, die damit Probleme bekamen, aber auch ein ausgehungerter, älterer Vampir konnte ihm zum Opfer fallen. Der Rausch an sich war in den meisten Fällen zwar zu stoppen, aber das eigentliche Problem war: Geschah es einmal, wurde die Wahrscheinlichkeit, dass es wieder passierte, grösser. An und für sich war es vergleichbar mit einem Alkoholproblem: War man erst einmal süchtig, wurde es immer schwerer, die Hände davonzulassen. Nur, dass der Blutrausch deutlich schwerwiegendere Folgen haben konnte. Im schlimmsten Fall fand der Vampir nicht mehr zurück. Er blieb im Rausch gefangen, bis seinem Leben ein Ende gesetzt wurde. Geschah es aber das erste Mal, wachten die Vampire für gewöhnlich nach ein paar Stunden Schlaf vollkommen desorientiert wieder auf. „Wer ist jetzt bei ihr?“
„Meine Hausangestellten. Und ein Leibwächter.“
Er stellte für eine Prinzessin des Königshauses in einem ungeschützten Bereich wie seinem Haus nur eine Leibwache ab? Zugegeben, in Friedenszeiten eigentlich völlig legitim, aber aus irgendeinem Grund passte mir das überhaupt nicht.
„Gute Nacht, Tadurial.“ Mein Hauptmann verbarg sein Gesicht in seinen Händen, während ich die Zelle verliess und sie wieder absperrte. Morgen würde ich ihn rauslassen und dann würde auch er einen Tag zwangsfrei bekommen. Aber heute Nacht durfte er noch die grauen Steinwände begutachten. Denn, auch wenn ich verstehen konnte, dass ihn die Situation mit Rjnas Blutrausch mitnahm, war es doch kein Grund, der rechtfertigte, so auf Andol loszugehen.
Mein Weg führte mich zu Tadurials Haus. Es herrschte tiefste Nacht – eigentlich eine Zeit, die dazu gedacht wäre, zu ruhen oder sich zu vergnügen. Stattdessen wurde ich mit allerlei Dummheiten geplagt. Aufeinander losgehende Hauptmänner, ein Weib, das beim Verkehr kreischte wie der Hahn am frühen Morgen, und ein Jungvampir mit Trinkproblemen.
Aber es war wohl nicht nur das, dachte ich, meine Schritte langsamer werdend. Falten machten sich auf meiner Stirn breit. Sie war bei ihrem letzten Besuch … so distanziert gewesen. Das oder alles, was sie von sich gegeben hatte, war nach Strich und Faden an den Haaren herbeigezogen gewesen. Der Kontrast ihrer Gefühle an den beiden aufeinanderfolgenden Tagen war einfach zu gross gewesen, als dass es noch einfach zu erklären gewesen wäre.
Die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, ging ich weiter und versank dabei immer weiter in Gedanken. Ein beissender Geruch kitzelte meine Nasenschleimhäute und liess mich die Nase rümpfen. Unterbewusst runzelte ich die Stirn. „Was ist das?“, hörte ich mich flüstern. Ich blieb stehen und hob die Nase in die Luft. Als ich dem Geruch einen Ursprung zuordnen konnte, riss ich die Augen auf. In Vampirgeschwindigkeit folgte ich dem beissenden Gestank des Feuers, bis ich es knistern hören konnte. Doch mit jedem Schritt, mit dem ich dem Ursprung näherkam, wurde mir flauer im Magen.
Schliesslich stand ich vor Tadurials Haus. Lichterloh funkelte das Feuer durch die Fenster.
„Hey, du da, aus dem Weg!“, schrie eine kräftige Frauenstimme. Ich drehte mich um. Das Weib vor mir trug ein Nachtgewand, das an den unteren Enden Brandspuren aufwies. In ihren Händen hielt sie einen bis zum Rand mit Wasser gefüllten Eimer, mit dem sie schleunigst auf das Haus zurannte und das Wasser mit Schwung durch die Eingangstür beförderte. Sie keuchte. „Wir brauchen einen Magier! Verflixt und zugenäht!“
Gerade wollte sie wieder an mir vorbeihasten, da griff ich nach ihrem Arm und hielt sie auf. „Wurde schon jemand zu den Magierunterbringungen gesandt?“
Die Frau nickte energisch. „Natürlich, natürlich! Unser eigener ist …“ Sie blickte auf das Haus und schluckte.
„Verstehe. Wo ist die Prinzessin?“
Ihre Stirn runzelte sich und ihr Ausdruck wurde abfällig. Sie nahm sich einen Moment, um mich zu mustern – dann wurden ihre Augen gross. „Sie ist“, erneut nickte sie in Richtung Haus, „noch da drin, Majestät. Der Herr Hauptmann ist allerdings noch nicht zurück.“
Sie war noch … da drin? Ungläubig riss ich meine Augen auf. „Wieso?“, brachte ich wütend hervor. Meine Fangzähne schossen heraus. „Wieso zum Geier habt ihr sie nicht herausgeholt?!“
Die Unterlippe der Alten begann minimal zu beben. „Weil … weil keiner ihr zu nahekommen wollte …!“
„Und wo ist die Leibwache?“
„D…der holt den Magier!“
„Melinda! Was stehst du da herum? Wir brauchen deine Hilfe! Da sind noch zwei Personen drin!“
Melinda, die Frau, die mir meine Fragen beantwortet hatte, machte Anstalten, ihr Handgelenk von meinem Griff zu befreien. „Majestät …! Wenn Ihr sie retten wollt, dann sollten wir dringend …!“
Ich zischte aufgebracht, bemüht, die Fassung zu bewahren. „Wo?“
„I…im oberen Stockwerk, e…erste Tür rechts.“
„Ihr macht hier weiter! Ich hole sie da raus.“
„A…aber…!“
„Melinda!“
„J…ja, ich komme …! Mit einem letzten unsicheren Blick zu mir hetzte die alte Magd mit dem leeren Eimer davon.
Knurrend vor unterdrückter Wut krempelte ich meine Ärmel hoch, tat dasselbe mit den Hosenbeinen, band mein Haar zurück und warf den Mantel ab. Mit ernstem Gesicht trat ich auf das Haus zu und stoppte zu atmen. Der beissende Geruch wurde mit jedem Schritt, den ich näher trat, schlimmer. Ob sie noch im Zimmer war? Vermutlich traute sie sich nicht hinaus.
Gerade als ich im Begriff war, in voller Geschwindigkeit loszulaufen, um die kleine Jungvampirin aus ihrem Zimmer zu befreien und aus dem brennenden Haus zu retten, trat plötzlich jemand aus den Flammen. Ohne jedes Kleid am Leib torkelte Rjna aus dem Haus heraus, die Augen nur einen winzig kleinen Spalt weit geöffnet, den Blick zu Boden gerichtet. Ihr dunkles Haar wurde von den sie umgebenden Flammen aufgewirbelt, aber nicht verbrannt. In dieser Szenerie wirkte sie wie ein höheres Wesen, eine Gesandte der Götter oder ein Mythos aus alter Zeit. Das Bild vor mir hätte die Illustration eines äusserst begabten und fantasievollen Künstlers sein können. Doch sie wankte mehr, als dass sie ging. Die Türschwelle übersah sie, stolperte und fiel mir kraftlos und schlaff direkt in die Arme.
„R…Rjna?“, hauchte ich. Wie erstarrt stand ich da, blickte geradeaus ins Feuer und schaffte es nur langsam, den Blick auf ihren leblos in meinen Armen hängenden Körper zu senken. Ich musste sie instinktiv aufgefangen haben. „Götter …“
Es dauerte einen Moment. Doch kaum war ich wieder bei Sinnen, trug ich sie schnell von der stechenden Hitze weg und legte sie ein Stück vom Haus entfernt auf dem Boden ab. Dort schnappte ich mir meinen Umhang, den ich zuvor noch voller Tatendrang zu Boden geworfen hatte, und kniete mich neben sie, um ihn ihr über den entblössten Körper zu legen. Doch ich stockte. Meine Augen glitten ihren Körper hinab, nicht mit Lust, sondern Irritation gefüllt. Ungeachtet dessen, was ich über sie wusste, kam das hier unerwartet. Die Narben. Sie waren so weitläufig, so vielzählig, ich konnte eine nicht von der anderen unterscheiden …!
„Hast du Sillia gesehen?“
„Sagt nicht, sie ist auch noch da drin!“, keuchte es erschrocken.
„Nein. Nein, sie ist ausgegangen.“
„Und wir müssen hier Wasser schleppen“, grummelte eine junge Stimme.
„Kinder! Seid lieber froh, dass sie nicht verletzt ist!“
„Stimmt. Entschuldige, Melinda.“
„Ja, entschuldige …“
Erst als die Geräusche hinter mir von der erneuten Rückkehr der wassertragenden Bediensteten kündeten, kam ich wieder zu mir, blinzelnd, als müsse ich das Bild vor Augen irgendwie loswerden. Schnell warf ich noch einmal einen Blick über sie, um nach Verbrennungen zu suchen – wurde aber nicht fündig. Was für ein Glück. Erleichtert aufatmend legte ich den Umhang deckend über ihren Körper.
In dieser Nacht trug ich die junge Prinzessin in meinen Armen durch die Strassen der Stadt, bis ins Schloss hinein. Als ich den Wohnbereich betrat, sprang Alomis sofort auf.
„Was ist passiert?“
„Nicht jetzt, Alomis.“ Ohne weiteres Wort trug ich Rjna in meine persönlichen Gemächer, legte sie in meinem Bett ab und deckte sie zu. Die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, setzte ich mich neben sie, nahm ihre Hand und dachte nach. Ein Blutrausch. Schlafwandeln durch Feuer hindurch. Und keine einzige Verbrennung am Leib. Sie mochte unendliches Leid erfahren haben. Aber dass sie noch unter den Lebenden weilte, zeugte von einem beinahe anstössigen Mass von Glück im Unglück. Wer also auch immer die Verteilung dieser beiden Attribute in Händen hielt – er hatte noch nicht vor, sie gehen zu lassen.
Rjna stöhnte leise, drehte sich zur Seite und packte dabei meine Hand, die sie ganz selbstverständlich unter ihren Kopf führte, um es sich richtig bequem zu machen. Gleich darauf drehte sie den Kopf, drückte ihre Nase gegen meine Handinnenfläche und atmete tief ein.
Ein leises Glucksen entkam mir ungewollt. Mein innerer Vampir streckte stolz die Brust heraus. „So, so …“ Offenbar war sie mir nicht so abgeneigt, wie ich zu Beginn angenommen hatte. Waren die ernsten Blicke im Thronsaal ganz zu Beginn unseres ernsten Treffens also nicht einer Antipathie, sondern vielleicht einer kleinen Schwärmerei entsprungen? Auch hatte sie sich heute in meine Arme geflüchtet. Oder war viel mehr hineingestolpert. Und hatte dann sofort das Bewusstsein verloren.
Mit zuckenden Mundwinkeln sah ich auf sie hinab. Bald würde sie die Veränderungen, die das Vampirleben mit sich brachten, zur Gänze kennenlernen. Gesteigerte Emotionen, drängender Durst, stärkere Lust. Nicht ohne Grund galt das Bluthaus, sobald es dunkel wurde und die unerfahrenen Jungvampire schlafen gegangen waren, auch als Freudenhaus.
Der Gedanke, Rjna könnte zu mir kommen und um Befriedigung bitten, liess meine Lenden voller Ungeduld zucken. Nur dass es sicher noch eine ganze Weile dauern würde, bis sie so viel Vertrauen gefasst hatte. Ich unterdrückte ein ungeduldiges Aufseufzen und schüttelte den Kopf. Vorsichtig entzog ich ihr meine Hand. Ich hatte noch etwas zu tun.
Es musste einen Grund dafür gegeben haben, dass Aurelius sich nicht mit Xelus treffen konnte. Mittlerweile war auch der nächste Bote ohne Lebenszeichen meines Spions zurückgekehrt, sodass mir nur noch eine Option blieb.
Ich brummte unzufrieden, als ich die Stufen des Mak’s hinunterging. Hier unten, in dem Kerker, den ich einzig und allein für Magier konstruieren und errichten lassen hatte, vegetierte seit eineinhalb Jahrtausenden ein ganz besonderer Gefangener vor sich hin. Er war der Stärkste unter ihnen. Seine Kraft unberechenbar – und doch nützlich.
Auf meinem Weg tiefer in das Verlies hinein kam ich an einer Zelle vorbei, in der ein Junge schlief. Kein ungewöhnlicher Anblick im Mak. Das Einzige, was mich an ihm interessierte, war, dass er sich scheinbar gut mit Rjna verstand. Aber auch sein Blut war speziell. Es roch und schmeckte stärker nach Magie als das eines jeden anderen Magiers. Unzählige kleine Schnitt- oder Bisswunden sangen ein Liedchen davon, wie bemüht wir um Antworten waren. Doch der Junge hielt dicht. Er offenbarte uns nicht einmal seine Kraft.
Kopfschüttelnd lief ich weiter. Seinetwegen war ich schliesslich nicht hier. Meine Beine trugen mich bis zum hintersten Verlies. Ich nickte den beiden Wachen zu, liess das Tor von ihnen öffnen und trat ein. Da fiel mein Blick auf ihn. Seine Arme, seine Beine, sein Bauch und sein Hals waren allesamt mithilfe dicker, verstärkter Lederriemen an die Wand hinter ihm gekettet. Seine Arme waren weit gespreizt, um Selbstverletzung zu vermeiden.
Bestimmt nicht sehr gemütlich, dachte ich mir mit einem zufriedenen Grinsen auf den Lippen.
Zerfetzte Überreste von einst edler Kleidung hingen ihm vom Körper; sein Körperbau war zu meinem Verzagen selbst nach all den Jahren noch von verhältnismässig beeindruckender Statur. Die schwarzen, langen Haare fielen ihm streckengerade die Schultern hinab und fettige Strähnen hingen ihm ins Gesicht. Erinnerungen von einer Zeit, als seine Haare noch kürzer gewesen waren und unsere Verbindung noch Bedeutung gehabt hatte, tauchten vor meinem inneren Auge auf. Damals hatte er sein Haar immer gerade so lang getragen, dass sie ihm über die Augen fielen. Die stahlgrauen Augen, die einst voller Bewunderung, begeistert und strahlend zu mir emporgeblickt hatten, waren heute unter einer angezurrten Augenklappe versteckt.
Der Magier, mit dem alles begonnen hatte. Der erste Gefangene von Unzähligen. Der Magier, mit der Kraft, ganze Länder nur mit einem simplen Gedanken dem Untergang zu widmen.
Mein erster Abkömmling.





















































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