34. Hünengrab

Als wir weiterfuhren, war es bereits später Nachmittag. Maren wollte mir noch das „Hünengrab“ zeigen, eine alte, heidnische Kultstätte. Auch Jürgen hatte bereits davon erzählt. Er und Silke unternahmen wohl häufiger Touren mit dem Roller dorthin. Hünengrab, Kultstätte – das klang spannend, auch wenn ich mir nicht viel darunter vorstellen konnte.
Alle menschlichen Behausungen hörten nun auf, es wurde völlig einsam. Uns begegneten keine Autos mehr, auch keine Radfahrer oder Wanderer. Eine geradezu unheimliche Stille senkte sich herab, es wirkte fast, als hätten wir unwissentlich ein Sperrgebiet betreten, eine für Menschen verbotene Zone.
Allmählich ging mir die Puste aus. Ich wollte Maren bereits fragen, wie weit es noch war, da entdeckte ich einen auffälligen, mit Bäumen bewachsenen Grashügel, der mitten in einem Kornfeld lag. Das Gebilde wirkte wie ein Fremdkörper, ein kulturelles Überbleibsel aus alten Zeiten. Das musste es sein, das geheimnisvolle Hünengrab!
Maren bremste ab und schaute konzentriert auf den Knick am Wegrand. „Irgendwo hier kommt man durch“, sagte sie. Schließlich entdeckten wir eine schmale Öffnung, hinter der sich ein Pfad anschloss. Er war einfach ins Korn getrampelt.
Die Seitenwände des Hügels waren steil, wir mussten regelrecht klettern, um hinaufzukommen. Die Oberseite dagegen war flach wie ein Plateau. Wir wanderten zwischen den Bäumen umher und lasen die in die Stämme geritzten Inschriften. Einige waren bereits wieder zugewachsen. Einmal glaubte ich etwas zu erkennen, das wie „1904“ oder „1914“ aussah. Ehrfurcht ergriff mich: Noch immer Spuren von Leuten zu finden, die vor ewigen Zeiten genauso hier herumgelaufen waren wie wir jetzt – es fühlte sich aufregend an. Nur schade, dass ich nichts dabei hatte, um uns genauso zu verewigen. Die Messer unseres Picknickgeschirrs eigneten sich dafür leider nicht. Ich nahm mir vor, demnächst wiederzukommen und das Versäumte nachzuholen. Falls ich allein überhaupt den Weg fand, was ich stark bezweifelte.
Irgendwann hatten wir genug geschaut. Wir setzten uns an die Hügelkante und blickten still über das in der Abendsonne leuchtende Korn. Es breitete sich in alle Richtungen, soweit das Auge reichte. Jürgen hatte mal gesagt, er kenne keinen anderen Ort, an dem eine solche Ruhe herrsche. Jetzt wusste ich, was er meinte.
Jürgen – erst gestern hatte mich mit ihm und Bernd getroffen, auf der Wiese vor unserem Haus. Wir hatten bis in die Nacht zusammengesessen und über Gott und die Welt gelabert. Auch der Name Rusi war dabei gefallen. Auf mein Nachfragen hatte Jürgen bloß erwidert, über das Thema solle ich besser mit Maren quatschen.
Es war jedes Mal dasselbe: Sobald man auf diesen Typen zu sprechen kam, prallte man gegen eine Mauer aus Abwehr und Schweigen. Als wäre etwas Schlimmes an dem Kerl, als dürfe man über ihn nicht reden, am besten nicht mal seinen Namen erwähnen. Maren hatte mir ebenfalls noch nichts von ihm erzählt. Wobei ich mich bislang auch nie getraut hatte, sie darauf anzusprechen. Wir redeten überhaupt nur über mich, nie über sie. Es war schon merkwürdig: Sie wusste mittlerweile fast alles von mir, während ich nicht einmal ihre jüngste Vergangenheit kannte.
Lange hatte ich das hingenommen und meine Ungeduld im Zaum gehalten. Aber jetzt wollte ich endlich mehr über sie erfahren. Wenigstens die Sachen, die sowieso allgemein bekannt waren.
„Erzähl mir von Rusi“, sagte ich. Trotz des Gefühls, im Recht zu sein, fing mein Herz plötzlich zu hämmern an.
Erst verzog sie das Gesicht, als wollte sie sagen: „Muss das sein?“ Aber dann schien sie sich eines Besseren zu besinnen. Sie atmete durch und begann.
Ihr Vater war früher oft beruflich unterwegs gewesen. In dieser Zeit hatte sich Rusi sehr um sie gekümmert. Er war wie ein älterer Bruder gewesen. Ein bisschen auch wie ein Vater.
Ungefähr vor zwei Jahren merkten die beiden, dass ihre Gefühle füreinander sich verändert hatten. „Und dann waren wir zusammen.“
„Einfach so?“, fragte ich erstaunt.
Sie nickte. „Einfach so.“
Ihre Eltern waren glücklich über den Gang der Dinge. Sie hatten auch kein Problem damit, dass Rusi drei Jahre älter war als Maren. „Klar, bei diesem Traumschwiegersohn“, sagte sie mit leichtem Spott in der Stimme. Tatsächlich war Rusi damals so gewesen, wie alle Eltern es sich wünschten: gut erzogen, charmant, ein Ass in der Schule, zudem die totale Sportskanone.
Er und Maren verbrachten eine traumhaft schöne Zeit miteinander. Ihre besten Freunde hießen Kristina und Bernd, die selbst gerade zusammengekommen waren. Man nannte die vier allgemein das „Quartett“, weil man sie immer bloß gemeinsam sah.
Ich lag mittlerweile im Gras und schaute nach oben, ins grüne Dickicht der Baumkronen. Überließ mich ganz dem Klang von Marens Stimme, die sich weich anhörte, verträumt. Als ich einmal guckte, hatte ihr Blick sich verschleiert und ging irgendwo in die Ferne.
Rusi, erzählte sie weiter, war ein lieber, aufmerksamer Typ, aber er hatte eine Schwäche: seine Eifersucht. Sobald Maren bloß in die Nähe eines anderen Jungen kam, durfte sie sich hinterher seine Tiraden anhören. Und wenn sie mal einen Nachmittag nicht mit Rusi verbrachte, wurde sie anschließend regelrecht ausgefragt: was sie unternommen hatte, wer dabei gewesen war und so weiter.
„Das muss ja genervt haben“, meinte ich.
Sie drehte sich zu mir, schaute mich verwundert an. „Ging so.“ Ihre Stimme war eine Spur kühler geworden.
Irgendwann fing Rusi an, mit ein paar Älteren herumzuhängen, Leuten aus Schmölln. Er machte plötzlich auf obercool und unnahbar. War permanent zugekifft. Wusch sich kaum noch, wechselte die Klamotten nicht mehr, fing an zu stinken. Bei Maren ließ er sich jetzt kaum noch blicken. Wenn er doch mal vorbeikam, behandelte er sie immer total herablassend, wie ein Kind, das keine Ahnung von der Welt hat. Allmählich wurde er ihr immer fremder.
„Eines Tages kam er an und meinte: Es ist Schluss.“ Sie wirkte jetzt vollkommen abwesend. In ihren Augenwinkeln glänzten Tränen. „Ich fiel in ein regelrechtes Loch. Weiß nicht, wie ich’s sonst sagen soll. Er war immer dagewesen, ich hatte das Gefühl, ohne ihn gar nicht leben zu können.“
Sie mochte nicht mehr vor die Tür gehen, stand manchmal den ganzen Tag nicht auf. Andauernd hatte sie Schmerzen, aber der Arzt konnte nichts feststellen.
Mein Blick wanderte zu den Narben an ihrem Oberarm: In der tiefstehenden Sonne zeichneten sie sich umso deutlicher ab. Stammten sie aus dieser Zeit? Hatte Maren ihrer Verzweiflung irgendwie Luft machen wollen? War sie gar überzeugt gewesen, dass sie die Schuld an allem trug?
Schuld – so ein Quatsch! Was konnte sie dafür, wenn dieser Rusi so ein durchgeknallter Spinner war?
„Hat der Typ dir wenigstens mal erklärt, weshalb er Schluss gemacht hat?“, fragte ich.
Sie schwieg. Nach ein paar Sekunden schüttelte sie kaum merklich den Kopf. „Nein, nie.“
Ruckartig setzte ich mich auf. „Mit dem Kerl bist du ja wohl fertig, oder? So ein mieser Sack!“ Ich hatte das Gefühl, jeden Moment zu explodieren, zu platzten.
Aber sie schien mich gar nicht zu hören. „Er musste dann in die Nervenklinik. Hatte einen Zusammenbruch. Ihm ging’s wohl ziemlich schlecht.“
Sollte das jetzt eine Entschuldigung für ihn werden?
„Solche Vertrautheit wie zwischen ihm und mir gibt’s bestimmt nicht oft. Wir wussten alles voneinander…“
Sie wussten alles voneinander… diese Worte lenkten meine Gedanken in eine komplett andere Richtung. Plötzlich geisterte mir eine Idee durch den Kopf… aber es konnte eigentlich nicht sein, so jung wie sie damals gewesen war. „Habt ihr eigentlich auch…?“ Wie sollte ich es sagen? Gefickt? Gevögelt? Gebumst? „Äh… zusammen…“ Fieberhaft suchte ich nach der passenden Bezeichnung.
„Geschlafen?“, fragte sie, fast gelangweilt. „Ja klar. Zum Schluss ist er ja bloß deswegen überhaupt noch vorbeigekommen. Meine Eltern fielen aus allen Wolken, als ich die Pille haben wollte.“ Sie ahmte den Tonfall ihrer Mutter nach, wie sie es häufiger tat: „Kind, du bist doch erst 14.“
Schon wurde sie wieder ernst: „Aber dann war ja eh Schluss.“
Sie sagte nichts mehr. Aber ich wollte auch nichts mehr hören. Auf einmal fühlte ich mich hundeelend, bereute es fast, dass ich überhaupt nachgefragt hatte.
Die Story mit Rusi war das eine. Hinzu kam eine weitere, fast noch wichtigere Sache. Maren war jetzt 15, also ein Jahr jünger als ich. Jedenfalls rein biologisch. Was ihre Lebenserfahrung anging, schien sie mir aber weit, weit voraus. Und nicht nur sie – alle Leute hier wirkten so unglaublich reif, so entwickelt und erfahren.
Und was hatte ich die ganze Zeit getrieben? Ich war in der Nordstadt rumgelaufen und hatte auf Dicke Hose gemacht. Die Fassade war das Entscheidende gewesen, nicht der Inhalt. Aber welche Gefühle hatte ich gehabt, womit hatte mich auseinandergesetzt, welche Dinge waren mir klar geworden? Und ich hatte immer gedacht, bei uns würde das wahre Leben toben, nur in der Nordstadt könne man lernen, was abgeht in der Welt.
Verglichen mit den Schönhagenern kam ich mir wie eine leere Hülle vor. Ich war ein Niemand, ein absolutes Nichts. Wie sollte ich alles nachholen, was sie längst kannten? Und schließlich: Wie sollte ausgerechnet ich die Lücke füllen, die Rusi in Maren hinterlassen hatte? Niemals würde das funktionieren, das begriff ich in diesem Moment.
Die Erkenntnis kam urplötzlich, wie ein heftiger Schlag aus dem Nichts, der einen voll erwischte. Mir schwanden regelrecht die Sinne, ich hatte das Gefühl, den Halt zu verlieren, zu fallen, immer schneller…
Dann hörte ich wieder Marens Stimme: „Die anderen haben sich wirklich rührend um mich gekümmert. Bernd, Kristina, Jürgen, Silke – alle. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich selbst in der Klapsmühle gelandet. Und wie sie sich freuten, als es endlich besser wurde. Als sie merkten, dass es wieder jemanden nach Rusi für mich gab.“
Es dauerte einen Moment, bis ihre Worte bei mir ankamen. Und einen weiteren, bis ich kapierte, von wem die Rede war.
„Klar hab ich gemerkt, dass sie alles im Blick hatten und total gespannt waren, wie es weitergeht.“ Ein leises, glucksendes Lachen kam nun von ihr, voller Wärme. „Aber ich hab mich ja selbst so gefreut. Dachte ernsthaft, diese Dunkelheit, dieses Elend – das bleibt jetzt immer so. Und endlich wieder: Licht!“
Sie schwieg, eine Weile war nur das Rauschen der Bäume zu hören. Dann sprach sie weiter: „Zuerst fand ich dich ja ziemlich blöd. Ich dachte immer: Was für ein polteriger, lauter, unbeholfener Typ! Aber wenn du erzählt hast, war es doch spannend. Und auch lustig. Die Jungs hatten am Anfang Respekt vor dir. An der Eisdiele hatten einige, glaub ich, sogar ein bisschen Schiss. Aber da war noch etwas anderes an dir…“ Sie suchte nach Worten. „Etwas Weiches, irgendwie Liebes. Wie du auf dem Gut mitgearbeitet hast… Hartmann hätte das bestimmt nicht gemacht, oder?“
Ihre Stimme kam auf einmal deutlicher bei mir an, auch lauter – sie musste sich in meine Richtung gedreht haben.
„Alles okay?“, fragte sie und klang besorgt.
Man sah mir wohl an, dass ich mich in den letzten Minuten nicht besonders gut gefühlt hatte. Aber es war schon wieder besser. Viel besser sogar. Ich spürte Erleichterung, wie nach einem abziehenden Sturm. Das Grün der Baumkronen erschien mir frischer und kräftiger denn je.
Ich schüttelte den Kopf, musste mich aber räuspern, bevor ich sprechen konnte: „Es ist nichts. Alles klar.“
Maren legte sich neben mich, strich mir mit der Hand über die Stirn. „Aber du hast mitgemacht auf Gut Neudorf“, flüsterte sie mir ins Ohr. „Du wolltest… zu uns kommen. Das war schön.“
Sehr langsam fuhren ihre Finger durch mein Haar, über die Kopfhaut. Eine Gänsehaut lief mir über den Nacken. Sie rückte sehr nah an mich heran, ihr Atem war nun fast lauter war als ihre Stimme: „Ich bin so glücklich, dass du da bist.“
Im Augenwinkel hatte ich eine Träne, die immer dicker und schwerer wurde. Und wupps – schon fiel sie runter. Ich stellte mir vor, wie sie über Marens Haar perlte und schließlich darin versank. Wieder strich ihre Hand, die jetzt ganz warm war, über meine Stirn.
Stille. Ein goldener, milder Sommerabend.


























































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