Prolog

Prolog
Aurelie
Ein schmerzerfüllter, schriller Schrei hallte durch das dunkle, nach Blut, Schweiß und Exkrementen stinkende Gemäuer. Sogar die Ratten zuckten bei diesen Klängen, die Mark und Bein eines jeden Lebewesens zu erschüttern drohten, ängstlich zusammen, obschon sie sich die letzten Monate hindurch doch eigentlich daran gewöhnt haben sollten.
Nachdem er das Messer wieder abgesetzt hatte, erschlaffte mein Körper. Kraftlos ließ ich mich hängen und spürte, wie die Ketten, die an meinen Handgelenken befestigt waren, durch mein Gewicht straffgezogen wurden. Meine Schultern schmerzten, als würden sie bald von meinen Armen getrennt. Mein Schrei klang ab. Stattdessen entfleuchte meinen Lippen ein verzweifeltes Wimmern. Kraftlos versuchte ich, den Kopf anzuheben und ihn anzusehen. Ich wollte verstehen, wieso er mir das antat, hatte ich ihm doch niemals etwas getan!
„Ashur …“ Meine Stimme versagte, denn der Verrat schnitt tiefer als jedes Messer.
Der Kronprinz nahm das Messer von meiner Seite, betrachtete das Blut darauf und richtete seinen kalten Blick auf mich, als wäre ich nur ein weiteres seiner unzähligen Opfer. Ashur hatte immer schon gerne gefoltert. Es war eine seiner liebsten Freizeitbeschäftigungen, doch niemals hätte ich gedacht, dass er seine grausamen Fantasien irgendwann einmal an mir ausleben würde. Und doch war es nicht das erste Mal, dass ich dieses Funkeln in seinen Augen sah. Seine Gier nach dem Leid und dem Schmerz anderer, welche ihm aus einem, für mich unerklärlichen Grund, vollendete Zufriedenheit verschaffte.
„Wolltest du etwas sagen, kleine Ratte?“ Seine Stimme drang rau und kalt an meine Ohren.
Bestürzt über die emotionslose Stimme blieb ich still, senkte die Lider und ließ das Kinn zurück auf mein Brustbein fallen. Es war mir unmöglich, ihn länger anzusehen. Mein Verstand weigerte sich, die Situation zu begreifen.
Der Kronprinz lachte leise auf, setzte das Messer an der Stelle an, wo er es vorhin abgesetzt hatte, und zog das kalte Metall quälend langsam weiter hinauf, bis zur Kuhle meiner rechten Achsel.
Wieder spannte sich mein Körper an, wie die Sehne eines Bogens. Ein weiterer Schrei durchdrang das alte Kerkergewölbe, wodurch die Eisenstäbe, welche der Folterzelle als Wände dienten, ein Lied anstimmten, welches eine Geschichte von Schmerz und tiefem Verrat erzählte. Schummriges, flackerndes Licht drang vom Flur her in die Zelle hinein und fügte dem grausigen Funkeln in Ashurs Augen ein mich verhöhnendes Fünkchen Wärme hinzu. Es lachte mir spöttisch entgegen, als ich versuchte, darin noch die Hoffnung auf ein Leben zu finden, das mir mit einem Mal, binnen weniger Sekunden, gänzlich entrissen worden war.
Da war keine Wärme in dem Blick, der mich niederstarrte, kaum hatte er das Messer abgesetzt. Zeitgleich verstummten meine Schreie und wurden zu einem müden Keuchen. Mein geschundener Körper sackte zusammen. Nicht zum ersten Mal in dieser Nacht drohte ich, der Ohnmacht zu verfallen. Ich hatte kein Gefühl mehr in meinen Armen, die bereits seit einer Ewigkeit an zwei Eisenringen in der Decke festgekettet waren. Waren es Stunden? Tage? Wochen? Das Zeitgefühl verschwamm mit jedem seiner Besuche ein wenig mehr.
„Was für eine Enttäuschung“, murmelte er verachtend und zog grob an meinen Haaren, damit ich ihn ansehen musste. Er setzte das Messer an meine rechte Wange und schnitt. Kurz darauf floss warmes Blut über meine unterkühlte Haut.
„Warum?“, flüsterte ich mit Tränen in den Augen und versuchte verzweifelt, auch nur einen Funken Liebe für mich in seinen Augen zu finden. Er war doch mein großer Bruder! Hatte er nicht geschworen, mich immer zu beschützen?!
Ashur nahm die Klinge herunter und senkte seinen Kopf zu meinem hinunter, und das mit einer Geduld, die mich vor wachsender Angst zum Wimmern brachte. Als ich seinen Atem an meiner blutenden Wange spürte, lief es mir kalt den Rücken hinunter. Er hob seine Hand, legte sie mir, mit einem irrsinnigen Lächeln auf den Lippen, auf die rechte Wange und strich mit dem Daumen quer über die Wunde, die sein Messer keine Minute zuvor noch hinterlassen hatte. Er schnalzte mit der Zunge, belustigt von meinem Versuch, mir den Schmerz nicht anmerken zu lassen. Grinsend wandte er sich ab, trat aus der Zelle, die sich seit geraumer Zeit nun schon mein Heim nannte, und verließ den Kerker samt Fackel und Licht.









































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