Kapitel 7 – Blutbad

Kapitel 7 – Blutbad

 

Aurelie

Das Tablett mit gebratenem Fisch lag schwer in meinen Händen. Vor der Tür zum Festsaal hatten sich die Sklaven in einer Reihe aufgestellt. Wir waren es, die die Mahlzeiten hereinbrachten und Getränke nachfüllten. Allerdings bezweifelte ich, dass es großes Interesse an Letzterem geben würde. Ich war selbst dabei gewesen, als Ashur die Sklaven, die ihr Blut hergeben sollten, für den Abend ausgesucht hatte. Mich hatte er dabei übergangen. Dafür hatte er viele Kinder ausgewählt. Mädchen, die oft noch nicht einmal zur Frau gereift waren. Es waren auch ältere dabei, aber das älteste unter ihnen war siebzehn.

Mein Herz pochte schnell beim Gedanken daran, was hinter diesen Türen lag. Bei dem heutigen Bankett wären zahlreiche Vertreter des hiesigen Adels, sowie alle drei Fürstenhäuser vertreten. Bestimmt war also auch der Mann, der einst um meine Hand angehalten hatte, dabei. Es nahm mich Wunder, ob er wirklich so grausam war, wie es immer behauptet worden war. Meine Gedanken schweiften allerdings schnell zu den anderen Personen in diesem Saal ab. Die ganze königliche Familie befand sich hinter diesen Türen. Erst heute Morgen noch hatten sie mich ihr Frühstück servieren lassen. Prinz Ashur hatte mir ein Bein gestellt, woraufhin ich schlitternd neben dem König zu Boden gegangen war. Dieser, erzürnt ob meiner Achtlosigkeit, ließ mich zur Strafe von den Grigoroi verprügeln. Allerdings mit der Anweisung, ich solle heute Abend noch arbeiten können. So war beschlossen worden, mein Gesicht zu verschonen. Ich glaubte, eine meiner Rippen gebrochen zu wissen. Auf jeden Fall schmerzte es schrecklich, wenn ich tief Luft holen musste, und trieb mir bei jeder unbedachten Bewegung Tränen in die Augen.

Die Stimme des Königs drang vom Inneren des Raumes nach außen. „Heute Abend wollen wir feiern und erst morgen die leidigen Formalitäten klären.“ Eine Kunstpause ließ meine Anspannung weiter steigen. „Daher erkläre ich das heutige Bankett offiziell als eröffnet!“, verkündete er, was uns als Auftakt gereichte.

Endlich öffneten sich die Türen und Dutzende Sklaven, inklusive mir, strömten mit zahlreichen kulinarischen Köstlichkeiten in den Raum. Zügig stellte ich das Tablett auf dem dafür vorgesehenen Tisch ab, drehte mich um und flüchtete wieder aus dem Saal hinaus.



Der König sprach weiter. Seine laute Stimme drang von hinten zu mir heran: „Ich habe weder Kosten noch Mühen gescheut, um den heutigen Tag zu zelebrieren! Wir werden tanzen, feiern und trinken! Aus diesem Anlass habe ich heute genügend Sklaven bereitgestellt, die nur darauf warten, euch freiwillig mit ihrem Blut zu dienen!“

Ich eilte nach draußen, bis ich seine Stimme nicht mehr vernehmen konnte und nur die einsetzende Musik leise an mein Ohr drang.

„Da bist du ja!“, schimpfte die alte Gisela und kam mir schon mit einem großen Krug Wein entgegen. „Los, spute dich, Kindchen!“

Ich war dreimal so alt wie sie, aber das ließ ich unerwähnt. Widerwillig griff ich nach dem Krug und machte mich auf den Weg zurück in den Saal. Wieder trat ich durch die großen Türen hindurch, in den ausladenden, prunkvoll dekorierten Festsaal voller Vampire. An den Wänden zu beiden Seiten der Tür knieten, zitternd ihren Tod erwartend, die Sklaven, die heute von Ashur ausgewählt worden waren. Einige fehlten bereits. Die Speisen, für die ich und die anderen Sklaven den ganzen Tag geschuftet hatten, füllten die Tische und die Bäuche der Gäste.

Mit gesenktem Kopf trat ich um den Tisch herum, vom einen zum anderen. Ich schenkte nach, fragte aber nicht. Als Sklave war es mir nicht erlaubt, das Wort ungefragt an einen Höhergestellten zu richten. Ich sah nicht, wo ich hinlief. Ich füllte nach, ging zur nächsten Person und wiederholte. Fast schon in einem Zustand der Trance ging ich wieder zurück in die Küche, holte mir den nächsten Krug und setzte meine Tätigkeit fort.

Plötzlich wurde ich am Handgelenk gepackt und zu jemandem hingezogen. Erschrocken quietschte ich auf, aber bei den flehenden Geräuschen der Sklaven im Hintergrund fiel das keinem mehr auf.

„Nicht so schnell“, raunte mir jemand zu, während ich noch versuchte, mich wieder richtig hinzustellen. Schon spürte ich Zähne an meinem Handgelenk.

Panik stieg in mir auf. „Nein! Bitte! Ich bin nicht zum Trinken hier!“, protestierte ich mit hoher, angsterfüllter Stimme.

Der Vampir stöhnte genervt auf, aber seine Zähne durchstießen mein Handgelenk nicht. Er war plötzlich wie erstarrt. Ich konnte beobachten, wie das helle Blau seiner Augen zu einem unheimlichen, glänzenden Weiß wurde. Erschrocken zuckte ich zusammen. Der Krug zitterte in meiner anderen Hand, woraufhin ich ihn mit Mühe und Not auf den Tisch hievte.



Im nächsten Moment riss der Vampir den Kopf hoch. Mit großen, nun wieder hellblauen Augen sah er mich an. Eine Strähne seines welligen, braunen Haares fiel ihm in sein junges Gesicht. Ungläubig blieb sein Blick an mir hängen, meinen ganzen Körper, mein Gesicht penibel studierend.

Ich hingegen presste nur die Lippen aufeinander und wandte den Blick schnell wieder zu Boden. Mein Handgelenk zog ich zittrig an mich und umfasste es fest mit der anderen Hand.

„Ah, meine Lieblingssklavin!“, ertönte hinter mir die Stimme, deren Kälte und Härte mich seit drei Jahren jedes Mal vor Angst zum Erzittern brachte.

Gesenkten Hauptes und ohne einen weiteren Blick auf den anderen Vampir zu werfen, drehte ich mich um und sank auf meine Knie. „Herr“, grüßte ich den Kronprinzen vor mir, behielt den Blick aber penibel gesenkt.

„Komm“, wies er an, keinen Widerspruch zulassend.

Schnell rappelte ich mich auf und folgte ihm gehorsam zu seinem Platz. Dort ließ ich mich von ihm auf seinen Schoß ziehen, wo er besitzergreifend seine Arme um mich legte. Er griff nach meinem Handgelenk und hielt es sich genießerisch aufstöhnend an die Nase.

Mich durchfuhr ein eisiger Schauer.

„Weißt du, Vampire teilen ihr Blut manchmal“, raunte er mir leise ins Ohr. „Wenn sie“, er fuhr mit seiner Zunge langsam meinen Hals entlang, „es miteinander treiben, zum Beispiel.“ Er hielt kurz vor der Beugung zu meinem Kinn inne und fing an zu saugen.

Erneut erschauderte mein Körper. Zu meinem Erstaunen, aber nicht gänzlich des Ekels wegen. Was war nur los mit mir? Panisch blickte ich auf meinen Schoß, meine Hände darin gefaltet. Ashur griff nach meinem Handgelenk und fuhr langsam mit dem Mund meinen Unterarm entlang, bis er an der Stelle mit feinen Abdrücken ankam, die der andere Vampir hinterlassen hatte.

„Da hat Kretos gerade noch mal Glück gehabt“, murmelte er leise. „Sei brav.“ Mit diesen Worten versenkte er seine Fangzähne am selben Ort, wo Kretos, der Fürst des Nordens, es vorhin noch beabsichtigt hatte. Den Gerüchten nach hatte er vor kurzem seine Eltern verloren. Aber das war erst, nachdem ich zum Sklaven geworden war.

Wie verlangt, blieb ich ruhig und hielt brav hin. Erstaunlicherweise war Ashur sanft. Nur ein unwilliges Schluchzen ließ ich verlauten. Das Gefühl, wenn jemand einem das Blut aussaugte, war, trotz seiner Sanftheit, schrecklich. Und es war die reinste Demütigung. Das Blut von Vampiren war heilig. Und es sollte niemals ohne ausdrückliche Erlaubnis genommen werden. So zumindest hatte man es mich gelehrt. Erschwerend kam hinzu, dass ein Vampir bei seinem Biss immer kleine Mengen an Gift in sein Opfer absonderte. Menschen machte dies mit der Zeit süchtig. Vampire wurden davon geschwächt.



Ashur ließ von mir ab und tätschelte meinen Rücken, als würde er mich dafür belohnen, dass ich so still gehalten hatte. Es beruhigte mich. Obwohl ich Angst vor ihm hatte, war ich nur allein durch diese Geste glücklich. Vielleicht, so dachte ich, würde er mir heute nicht mehr wehtun, wenn er jetzt mit mir zufrieden war.

Den Mund direkt neben meinem Ohr positioniert, raunte er mir zu: „Hätte ich gewusst, wie lecker meine kleine Schwester schmeckt, hätte ich dich schon lange vorher vernascht.“ Seine Worte waren gehaucht, fast schon süß, wüsste ich nicht um seine Grausamkeit. „Jetzt iss was“, verlangte er und hielt mir eine Gabel, gefüllt mit warmem Fisch und Honigsauce, vor den Mund. In diesem sammelte sich bereits Speichel an, in freudiger Erwartung auf etwas zu essen, was ich aber nicht haben durfte. So gnädig und sanft Ashur sich gerade noch verhalten hatte, so war das doch nicht! Es war eine Falle! Er versuchte, mich in Sicherheit zu wiegen, damit ich jetzt einen Fehler beging und zugriff. Zeitgleich verweigerte ich mich seinem Befehl, wenn ich es nicht tat. Was war nun also richtig? Was würde die kleinere Pein nach sich ziehen?

 

Ich behielt meinen Blick gesenkt und den Mund geschlossen. Schlussendlich führte er die Gabel mit einem finsteren Lächeln auf den Lippen an seinen eigenen Mund.

 

So ging es weiter. Er ließ mich nicht mehr von seinem Schoß herunter. Die ganze Zeit lagen seine Arme fest um meinen Körper. Immer öfter rieb er sich an meinem Schoß und stöhnte mir dabei erregt ins Ohr. Er flüsterte mir schmutzige Worte zu und seine Erektion an meinem Po ließ mich unbehaglich auf seinem Schoß herumrutschen. Ich spürte die lähmende Wirkung seines Giftes, welches er mir bei seinem Biss injiziert hatte. Es machte mich müde. Mein Organismus konnte es noch nicht abbauen. Diese Fähigkeit erlangte man erst mit der Reife.

Nur nebenbei bekam ich mit, wie erneut die Sklaven in den Saal strömten und sämtliche Speisen durch Nachtisch ersetzten. In diesem Moment spürte ich Ashurs Zähne an meinem Hals.

„Bitte nicht“, flehte ich schwach, wohl wissend, dass er mir erneut sein Gift verabreichen würde. Vermutlich, damit er mich heute Abend, ihm vollkommen ausgeliefert, endlich nehmen konnte. Die ganzen zugeflüsterten Worte ließen darauf schließen, dass er mit seiner Geduld am Ende war. Er würde sich nicht mehr mit Irina zufriedengeben, wenn sie sich vor mich warf, um ihn zu verführen und von meiner Wenigkeit abzulenken. Er würde mich nehmen. Und so, wie ich ihn kannte, wäre er alles andere als sanft.



Nur hatten die Götter augenscheinlich ganz andere Pläne.

Ashur stoppte abrupt. Stühle wurden umgeworfen, Schreie wurden laut. Erschrocken sah ich mich um, doch dann wurde ich schon gewaltsam von seinem Schoß gerissen und landete mit einem schweren Keuchen auf dem Boden.

Ein großgewachsener Mann und eine Frau hatten sich auf Ashur gestürzt. Schnell rappelte ich mich auf. Sklaven wie Vampire flohen laut schreiend aus dem Raum. In diesem Moment hallte Alexanders gurgelnder Schrei durch die Halle. Mein Blick schoss zu ihm. Sein Oberkörper lag leblos auf einem Tisch, sein Kopf in meine Richtung gewandt. Kretos wandte sich gerade von ihm ab, ein blutiges Messer in seiner Hand, und eilte auf Ashur zu, um dabei zu helfen, ihn zu bändigen.

Aus Alexanders Kehle sprudelte das Blut heraus, wie aus einem nie enden wollenden Quell, und färbte das weiße Tischtuch grausam rot. Sein träger Blick fand meinen. Darin las ich nur noch Furcht. All die Arroganz, der Hohn, waren wie weggeblasen. Er erkannte wie ich, dass er sterben würde. Für den Moment verstummten all die Geräusche um uns herum. Die Farben verloren ihre Intensität und ich sah nur noch das Blut, das unaufhaltsam aus seiner Wunde lief. Er starb! Mein Zwillingsbruder starb direkt vor meinen Augen! Eine engere Bindung, wie die, die wir als Kinder geteilt hatten, würde ich nie wieder kennen!

Ich wollte zu ihm. Verdammt, ich wollte zu ihm und ihn retten! Meine Beine setzten sich in Bewegung. Langsam und träge. Doch dann schüttelte Alex mit letzter Kraft den Kopf. Schwach formten seine Lippen ein letztes Wort: Lauf!

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