Kapitel 24 – Die Hochzeit
Kapitel 24 – Die Hochzeit
Cyrus
Ich betrat den Thronsaal durch die kleine, private Tür, die direkt zum Podest führte, auf dem der große Thron stand. Vor dem Podest waren mehrere Stuhlreihen aufgestellt, auf denen die geladenen Vampire saßen und sich leise unterhielten. Jeder von ihnen trug heute seine schönsten Gewänder. Noch war mein Eintreten unbemerkt geblieben, daher blieb ich eine Weile an der offenen Tür stehen. Es gab selten Momente in meinem Leben, in denen ich nervös war. Dieser Tag gehörte definitiv dazu. Bisher hatte ich in beinahe allen Lebenslagen die Kontrolle über mich und mein Umfeld. Seit ich jedoch Aurelie entdeckt hatte, geriet diese Kontrolle ins Wanken.
Warum ihre Familie bekannt gegeben hatte, sie wäre verstorben, war mir ein Rätsel. Hatten sie ihre Tochter verstoßen, weil sie mit weit über einhundert Jahren ihre Reife noch nicht erreicht hatte? Oder war das Teil eines Planes gewesen, den ich hatte vereiteln können? Und wenn es einen Plan gegeben hatte, welche Rolle hatte die Prinzessin darin gespielt?
Ein leises Räuspern unterbrach meine Gedanken und zog meine Aufmerksamkeit auf den Hohepriester, der bereits auf dem Podest stand, um die Krönung zu vollziehen. Nein, erst die Hochzeit. Eine lästige Farce des Königspaares, um die Gunst ihres Volkes zu erlangen. Denn üblicherweise reichte der Blutschwur vollkommen aus. Ich trat aus der offenen Tür heraus, schloss diese geräuschvoll hinter mir und trat auf das Podest zum Hohepriester. Kurz bevor ich bei ihm stand, neigte ich mein Haupt. Seinen Nachfolger und jungen Gelehrten bedachte ich nur mit einem knappen Nicken.
Die Gespräche verstummen augenblicklich. Ich trat nach vorne und stellte mich direkt neben den Thron. Doch ich setzte mich nicht darauf, sondern starrte an den Gästen vorbei zur großen Doppeltür. Ich spürte die Blicke der Gäste und hier und da wurde leise geflüstert und getuschelt. Natürlich fragten sie sich, warum nichts geschah. Für einen Moment überlegte ich, das Wort an sie zu richten, um ihnen die kurzfristige und spontane Änderung des heutigen Tages bekannt zu geben. Aber ich schwieg, denn ich würde nun sicher keine Diskussion anfangen. Zumal die meisten Gäste bereits beim Bankett gewesen waren und sich bestimmt nicht trauen würden, ein falsches Wort an mich zu richten.
Meine Gedanken wurden unterbrochen, als sich die großen Doppeltüren öffneten. Zeitgleich spielte ein Quartett ein leises Stück. Ich straffte mich, als ich das schwarze Kleid von Aurelie erblickte, die ebenfalls deutlich sichtbar das neue Wappen unserer Häuser trug. Natürlich fiel mir sofort auf, dass sie wieder keinen Schmuck trug, bis auf das schlichte Diadem. Neben ihr ging … Mein Mund wurde trocken, als ich sah, dass nicht Leeander die Prinzessin begleitete, sondern eine Frau mit roten Haaren. Und exakt derselben Statur, wie die Frau von letzter Nacht sie gehabt hatte. Sie war also im Schloss herumgeschlichen, weil sie zu Aurelie gewollt hatte!
Es fiel mir schwer, den Blick wieder auf die Prinzessin zu richten und es war mir unmöglich, ihr ermutigend zuzulächeln. Wer auch immer die Frau mit den roten Haaren war, sie hatte mich für den Moment völlig aus dem Konzept gebracht. Ich würde Leeander auf die Frau ansetzen müssen. Aktuell stufte ich sie als Gefahr ein, denn sie war mir definitiv zu nahe an der Prinzessin. Die beiden Mädchen hatte ich im Griff, aber diese Frau könnte noch zu Problemen führen. Die grünen Augen … Innerlich fluchte ich leise, denn mein Blick klebte wieder an der Frau. Leise knurrend ermahnte ich mich und richtete meinen Blick wieder auf Aurelie.
In schwarzem Kleid mit hochgeschossenem Kragen und unserem gemeinsamen Wappen auf der Brust schritt sie zwischen den Stuhlreihen entlang, direkt auf mich zu. Dabei wirkte sie nicht unsicher. Sie hatte den Kopf erhoben, genauso wie man es von der Königsfamilie kannte. Und dieses Arrogante, Selbstverliebte, was sie gerade ausstrahlte, brachte mein Blut zum Brodeln! Wie konnte sie so arrogant erscheinen, wenn sie die letzte Nacht noch vor mir gebuckelt hatte? Hatte sie sich etwa umentschieden? So wie sie hier auf mich zulief, könnte ich es mir vorstellen. Sie wollte sich die Krone unter den Nagel reißen und mich vor allen bloßstellen! Am Ende behauptete sie noch, ich hätte sie diese Nacht mit Gewallt genommen und diskreditierte mich damit!
Angespannt presste ich meine Lippen aufeinander und gab mir größte Mühe, meine Hände nicht zu Fäusten zu ballen.
Lee glitt hinter den beiden Frauen durch die Flügeltür und spielte, so wie das aussah, Blumenmädchen ohne Blumen. Seine Haltung war aufrecht, dennoch fühlte er sich momentan ganz offensichtlich unwohl. Er mochte keine Aufmerksamkeit, auch wenn er sich durch die Jahrhunderte an meiner Seite damit hatte arrangieren können.
Jetzt lag allerdings die Aufmerksamkeit keines einzigen Vampirs auf ihm, wenngleich er durch den Mittelgang schritt. Nein, denn diese galt definitiv der verstorben geglaubten Prinzessin.
Laute ‚Ohs‘ und ‚Ahs‘ machten die Runde, ehe die Gäste lautstark zu tuscheln begannen. Die Hände schossen nach oben, in einem lächerlichen Versuch, ihre Worte nicht bis zu mir dringen zu lassen und ihre vor Schock geöffneten Münder und geweiteten Augen zu verdecken. In dem einen oder anderen Gesicht sah ich Missgunst, in anderen Hoffnung und in den meisten reinsten Schock. Spätestens, wenn sie sich ausgerechnet hatten, wie alt ihre Prinzessin mittlerweile war.
Die Reaktionen stellten mich zufrieden. Die ängstlichen Blicke zu mir hin bestätigten meine Vermutung, dass keiner den Mut aufbringen würde, etwas gegen diese Verbindung einzuwerfen. Nicht, dass ich darauf gehört hätte, aber es hätte Unruhen im Volk ausgelöst. Mehr noch, als sowieso schon aufgrund der gewaltvollen Übernahme entstanden waren und zweifellos noch entstehen würden.
Die Prinzessin – und das war sie mit dieser Ausstrahlung unbestreitbar – zog wirklich jeden einzelnen Blick auf sich, während sie hocherhobenen Hauptes durch den Mittelgang auf mich zukam. Noch nie in meinem Leben hatte etwas so lange gedauert, wie ihr Gang durch diese verfluchten Stuhlreihen. Und als die ersten Leute wirklich verstanden, tatsächlich realisierten, wer da zwischen ihnen den Gang entlang schritt, schossen sie hoch. Kaum standen sie, verbeugten sie sich. So gut wie das zwischen den ganzen Stühlen und anderen Vampiren nun mal möglich war.
In meinem Mund fuhren wütend meine Fänge aus, als ich beobachtete, wie das Volk hinter ihrer Prinzessin stand. Gleichzeitig wirkte sie von der ganzen Aufmerksamkeit überrascht. Doch anstatt weiterzugehen, hielt sie inne und drehte verwundert den Kopf herum. Ihre Augen glitten über die ganzen gesenkten Häupter … ihr zu Ehren!
Das verlief nicht so, wie ich das geplant hatte! Meine Fäuste ballten sich unabdinglich zu festen Ballen und mein eben noch neutraler Gesichtsausdruck wurde eine Spur unfreundlicher. Ich nickte Lee zu und er verstand. Aurelie wurde sanft von ihm nach vorne gedrängt und wenn die Rothaarige an ihrer Seite bei ihr bleiben wollte, musste sie mit.
Irritation machte sich unter den Vampiren breit. Was machte die Prinzessin hier? Wieso war sie noch ein Kind? Und wohl die wichtigste Frage: Was machte dann auch der Fürst hier, der ihre ganze Familie kaltblütig abgeschlachtet hatte?
Nach wenigen Schritten ging Aurelie wieder von selbst, klammerte sich aber noch fester als vorhin schon an den Arm der rothaarigen Schönheit von der letzten Nacht.
Kaum zu glauben. Da warf ich das Flittchen aus dem Schloss und am nächsten Tag tauchte sie an der Seite meiner Gemahlin bei unserer Hochzeit auf.
Die verwirrt aussehenden Vampire setzten sich langsam wieder, ihre Blicke unverwandt auf die Prinzessin gerichtet, die mehr oder weniger freiwillig, aber zielgerichtet auf mich zukam. Und das wieder mit dieser unglaublichen Arroganz in Gesicht.
Kurz bevor sie das Podest erreichte, stieg ich die beiden Stufen hinunter, um ihr die Hand zu reichen. Die Rothaarige blickte mir prüfend in die Augen, ehe sie mir, nur zögerlich, Aurelies Hand übergab und mir das Mädchen damit anvertraute. Was auch immer sie mit ihr zu tun hatte, was ihr das Recht dazu gab, sie zu übergeben … Ich griff sofort nach Aurelies zweiter Hand und hauchte einen leichten Kuss auf ihre Fingerspitzen, verbunden mit einer angedeuteten Verbeugung. Ehe ich mich gänzlich erhob, lehnte ich mich vor zu ihrem Ohr und raunte: „Einhorn und Drache passen besser zusammen als erwartet, nicht wahr?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, führte ich Aurelie hoch auf das Podest und zog sie ein Stück näher an mich heran, achte dabei aber darauf, genug Anstand zu wahren. „Du siehst fabelhaft aus, meine Liebe.“
Sie verzog keine Miene. „Vielen Dank, Fürst Cyrus“, sprach sie förmlich und knickste konzentriert. Vampirkinder hatten nicht das beste Gleichgewichtsgefühl. Doch sie blieb stehen und ihr Blick liess nicht von meinem ab.
„Bereit?“, fragte ich und sah ihr dabei tief in die Augen. Faszinierende Augen, wie ich zugeben musste. Kein langweiliges Braun, sondern heller, wie goldbrauner Bernstein mit leichtem Honiggelb. Sie würde in ihrer Reife zu einer wahren Schönheit mutieren. Schon jetzt hatte sie feine Gesichtszüge und sobald die kindlichen Züge komplett verschwunden wären, würde sie atemberaubend aussehen.
Sie schluckte sichtlich nervös, fing sich aber schnell wieder. „Ja“, flüsterte sie so leise, dass nur ich sie hören konnte. Allerdings war der ganze Saal mittlerweile so ruhig, dass ich vermute, auch die geladenen Gäste erhofften sich, ihre Antwort zu hören.
Ich nickte, dann wandte ich mich an die Gäste. „Die junge Dame zu meiner Rechten ist Prinzessin Aurelie Nayara Athanasia und wie ihr sehen könnt, ist sie alles andere als tot. Eine der vielen Lügen des alten Königs.“ Während ich eine kurze Kunstpause machte, legte ich meine rechte Hand an ihren unteren Rücken. „Aurelie steht ab sofort unter meinem persönlichen Schutz.“ Natürlich erwähnte ich den Blutschwur nicht. Die Vampire sollten ruhig denken, dass die folgende Hochzeit bloß eine Farce sei. Niemand würde es wagen, mich öffentlich zu kritisieren. Ohne weiteres Wort drehte ich mich zum Hohepriester, damit er beginnen möge.
Normalerweise wurde den Bund zwischen zwei Vampiren nicht öffentlich zelebriert. Als Königspaar jedoch … war das nötig. Und dies ging offenbar mit nicht enden wollenden Reden des Hohepriesters einher. Er sprach über die Götter, deren Leitsterne und wie verheißungsvoll die Zeichen standen. Er sprach von einer neuen Zeit des Friedens und Wohlstandes. Er sprach von Einigkeit und einem goldenen Zeitalter für das Goldene Reich.
Es fiel mir immer schwerer, mich auf die Worte zu konzentrieren, denn langsam forderte der Schlafmangel seinen Tribut. Entsprechend langsamer reagierte ich, als der Hohepriester meine Hand verlangte und sie auf die Hand der Prinzessin legte. Er nahm rote und silberne Bänder und wickelte sie umständlich um unsere Finger, Hände und Unterarme.
„Der heilige Bund unter Vampiren ist ein ewiges Versprechen, insbesondere, wenn zwei so bedeutende Häuser sich vereinen. Die Stärke des Drachen kombiniert mit der Loyalität des Einhorns bilden eine perfekte Symbiose …“ Der Hohepriester nahm unsere Hände und ging mit uns einen Kreis auf dem Podest, um die ersten gemeinsamen Schritte in der Ehe zu untermauern, während er immerzu sprach. Danach löste er die kunstvoll ineinander verschlungenen Bänder und reichte mir das rote Band, während er Aurelie das Silberne gab. Ich wickelte das silberne Band mehrmals um ihr rechtes Handgelenk, bevor ich einen Knoten machte. Danach wickelte Aurelie das rote Band um mein Handgelenk und verknotete es fest. Ein Symbol, dass wir von nun an immer ein Teil des Anderen bei uns tragen würden. Im Folgenden gingen wir alleine im Kreis und hielten uns dabei an den Händen. Danach gab es weitere Reden, die mich fast dazu brachten, auf meiner eigenen Hochzeit zu gähnen. Eigentlich hatte ich gedacht, ich wäre auf meiner eigenen Hochzeit aufmerksamer. Immerhin war es zugleich auch die erste Hochzeit, auf der ich war. Schließlich waren sie selten und nur der Hochadel verlangte danach, dass solche Verbindungen auch vor dem Volk vollzogen werden mussten.
Erneut spielte das Quartett ein Stück, und diesmal standen die Gäste auf. Einige von ihnen lächelten, aber die meisten Vampire zeigten keine Regung. Sie waren nicht damit einverstanden, dass ich ein Kind geheiratet hatte. Die nächsten Monate versprachen, schwierig zu werden, und ich würde vorsichtig sein müssen. Vielleicht würden es einige Vampire wagen, sich gegen mich zu stellen. Immerhin war es unter Vampiren als die schlimmste aller Sünden, Kinder zu schänden. Ja, sogar die Hand gegen sie zu erheben, war verpönt. Denn unsere Kinder waren uns das Heiligste überhaupt.
Ich drehte meinen Kopf und musterte Aurelie neben mir. Was ihre Familie ihr angetan hatte, grenzte an Hochverrat an der eigenen Rasse. Die Narben auf ihrem Körper sprachen eine deutliche Sprache. Narben, die sonst niemand sehen durfte, denn es könnte sonst sein, dass das Gerücht umherginge, ich hätte sie so zugerichtet.
Während ich sie musterte, sah ich neben ihrem arrogant gehobenen Kopf ein kleines Detail. Ihr Gesicht wirkte reifer, wenn auch verbissen, dadurch, dass sie ihre Lippen fest zusammenpresste. Für den Moment nahm ihr Gesicht schon fast erwachsene Züge an. Diese wichen aber sofort, als sie meinen Blick bemerkte und ich kurz die Unsicherheit in ihren Augen aufflackern sah. Auch ihr Körper zeigte schon leichte Spuren, dass sie bald ihre Reife durchleben würde. Von ihrem Oberkörper standen leichte Knospen ab und auch ihre Taille wurde zur Mitte hin etwas schmaler. Anzeichen dafür, dass ihre Reife kurz bevorstand. Wobei dieser Prozess in ihrem Alter durchaus ein paar Monate andauern konnte. Sobald sie ihren Reifeprozess abgeschlossen hätte, würde der Unmut des Volkes schwinden. Niemand würde sich dann noch darüber empören, dass ich sie vor ihrer Reife geehelicht hatte.
Nachdem die Musik verstummt war, setzten sich die Gäste wieder und der Hohepriester bedeutete Aurelie, sich auf den Thron zu setzen.
Ich warf der Kleinen einen mahnenden Blick zu und deutete kaum merklich mit dem Kinn zu ihrer rothaarigen Freundin, die als einziger Mensch dieser Vermählung beiwohnen durfte, sich aber wie es sich gehörte, niedergekniet hatte und mit gesenktem Blick abwartete. Sollte Aurelie es wirklich wagen, die Krone und das Zepter zu behalten, wäre ihre Freundin tot. Dabei formte ich mit meinen Lippen das Wort „Ashur“.
Die Augen des Mädchens wurden groß und sie dachte wohl, ich würde auch ihre Freundin zu Ashur in die Zelle stecken. Aber das wäre in diesem Fall ein viel zu schneller Tod.
Ich entfernte mich einen Schritt vom Thron, als der Hohepriester nach der Krone griff. Auch die alte Königin hatte eine Krone getragen, aber das Zepter gehörte nur jenem, der auf dem Thron saß und das Land regierte.
Die Worte des Priesters fielen nun überraschend knapp aus. Er löste das Diadem und setzte Aurelie die Krone auf das Haupt. Nach weiteren, salbungsvollen Worten legte er ihr das Zepter in die Hände. Danach half er ihr, sich als neue Königin des Goldenen Reiches zu erheben.
Ich hörte, dass die Vampire wieder aufstanden. Sie alle verbeugen sich oder knicksten ganz besonders tief, während sie ihre Köpfe demütig neigten. Auch ich ging neben Aurelie auf ein Knie und senkte meinen Kopf. Mein Herz pochte laut in meinen Schläfen. Würde sie es wirklich wagen, jetzt gegen mich aufzubegehren?








































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