Kapitel 29 – Erste gemeinsame Nacht
Kapitel 29 – Erste gemeinsame Nacht
Cyrus
Ich spürte, wie mein Blut in Leeanders Mund lief. Nach einigen Momenten durchstachen scharfe Zähne meine Haut und die Hände meines alten Freundes schlangen sich um mein Handgelenk, sodass es schon zu brechen drohte.
„Genug!“, verlangte ich und spürte, wie schwer es Lee fiel, seine Lippen von meinem Handgelenk zu lösen. Mit meiner Hilfe stand er auf und liess sich von mir in mein Wohnzimmer schleppen, wo ich ihn auf dem Sofa ablegte. Fast zeitgleich kam Aurelie aus dem angrenzenden Bad und stockte mitten im Schritt. Ich sah, wie sie ihre Nase rümpfte. Ihr Blick glitt zu meinem Handgelenk und dann zu Leeanders blutverschmiertem Mund. Ihre Augen wurden groß, als sie begriff, dass Lee von mir getrunken hatte. Etwas, das sich nicht schickte. Ein Grigoroi trank nicht von einem Vampir, erst recht nicht von seinem Erschaffer. Doch sie schwieg. Vermutlich hatte sie Angst, sollte sie meine Beziehung zu meinen Grigoroi infrage stellen, mir auch von Isidor berichten zu müssen. Sie hatte also für den Moment ihre Geheimnisse und ich die meinen. „Ruh dich aus, Leeander. Sobald die Verstärkung da ist, werden wir die Wachen verdoppeln.“ Kompromisslos drängte ich seinen Oberkörper zurück auf’sSofa, als er den Versuch startete, sich aufzusetzen. Danach wandte ich mich Aurelie zu. „Wie viele Grigoroi hat Ashur erschaffen?“
Sie druckste herum. „Ich weiß … es nicht. Also … ich …“
Langsam wurde ich wütend. „Wie viele, Aurelie?“
Sie wollte sich den Mund mit der Hand abwischen, erstarrte dann aber, als sie das Blut darauf sah, welches sie vorhin offensichtlich noch nicht bemerkt hatte. Sie drehte um und wollte zurück ins Badezimmer gehen, doch innerhalb eines Sekundenbruchteils stand ich eben ihr und packte sie am Handgelenk. „Hier geblieben, junge Dame!“
„Ich … Ich weiß es nicht! Jetzt lass mich! Lass mich! Ich muss das weg machen!“ Ihr Blick klebte an ihren Händen und ihr Gesicht war bleich. Kreideweiß.
Genervt verdrehte ich die Augen, ging mit ihr in das angrenzende Bad und drückte sie auf die Bank vor dem geräumigen Badezuber. Dann nahm ich einen Eimer Wasser, wusch meine Hände darin und tunkte anschließend ein Tuch in das kalte Wasser. Dann begann ich, vor ihr in die Hocke gehend, ihre blutigen Hände mit dem Tuch zu säubern. „Jetzt beruhige dich, Aurelie. Sag mir, wie viele Grigoroi dein Bruder erschaffen hat. Zwei bekehrte ich auf meine Seite. Sie sagten, es waren nicht viele, die Ashur erschuf. Aber sie konnten mir keine Zahl nennen.“ Ich hob den Kopf, um ihrem Blick zu begegnen. „Angeblich hielt er nichts von Grigoroi.“
„Nein das tat er wohl nicht“, murmelte sie leise. „Er machte sich gerne selbst die Hände schmutzig …“ Ihre Stimme wurde mit jedem Wort leiser. Sie sah auf und mir direkt in die Augen. „Ich weiß die genaue Zahl nicht, Cyrus. Als sie mich in den Kerker sperrten, waren es vier oder fünf. Er ließ sie lediglich niedere Arbeiten verrichten. Sie alle waren männlich.“ Auf einmal wirkte sie unglaublich müde. Als trüge sie die Last der ganzen Welt auf ihren schmalen Schultern.
Ich musterte sie eine Weile, dann stand ich auf und hob sie dabei auf meine Arme. Erst stützte sie sich noch mit beiden Händen an meinem nackten Oberkörper ab, zuckte dann aber zusammen, als habe sie sich verbrannt. Es dauerte nicht lange, und ihr Kopf lag müde an meiner Schulter an.
Wieder einmal liess ihr Verhalten mich leicht den Kopf schütteln. Sie hatte mich bei meinem Namen genannt. Und sie hatte schon einmal für einen Augenblick die förmliche Anrede vergessen. Es schien, als würde ihr Widerstand langsam bröckeln. Oder ihre Kraft. Vielleicht auch ihr Verstand.
„Schlaf noch ein paar Stunden“, murmelte ich leise, verließ das Bad mit ihr auf meinen Armen, ging durch das Wohnzimmer und musterte dabei Lee, der sich wider meiner Anweisung aufgesetzt hatte. Aber meiner ganzen Sorge zum Trotz – er war alt genug, um selbst einschätzen zu können, wie es um seine Wunden stand. Wir nickten uns zu, dann ging ich weiter in den Ruheraum. Dort stand eine große Liege, auf die ich mich setzte, während ich Aurelie auf meinem Schoß festhielt. Mit einer Hand griff ich nach einer Decke, mit der anderen hielt ich Aurelie weiter fest. Dann legte ich mich hin, bettete sie seitlich neben mich und deckte sie zu. Ich selbst würde diese Nacht keinen Schlaf mehr finden. Aber ich wollte Aurelie nicht alleine lassen. Nicht in dieser Nacht. Morgen früh würde ich Ashur aufsuchen. Zusammen mit Aurelie. Aber dafür musste sie wieder bei Kräften sein.
Nach wenigen Sekunden war sie eingeschlafen. Ihr Herzschlag war regelmäßig und ihre Atmung langsam. Entspannt lag ihr Körper an meinen gelehnt. Sie hatte sich nicht verspannt, als ich sie hochgehoben hatte. Vielleicht fing sie sogar an, meine Nähe zu schätzen?
Ich seufzte leise. Ich sollte realistisch bleiben. Ich hatte ihre Familie umgebracht, welches Mädchen würde sich ausgerechnet bei dem Mann wohlfühlen oder Schutz suchen, der ihr alles genommen hatte? Aber sie war ein Kind. Es entsprach ihrem Instinkt, bei einem erwachsenen Vampir Schutz zu suchen. Ohne mich war sie der Welt ausgeliefert und das in einer Position, in der sie massig Feinde hatte.
Nach wenigen Minuten fing sie an, leise vor sich hinzumurmeln. Sie begann, zusammenzuzucken, sich zu winden und unruhig um sich zu schlagen. Doch als ich mich über sie stützte, um ihr ins Gesicht sehen zu können, wandte sie sich mit geblähten Nasenflügeln mir zu, umschloss meinen Nacken mit ihren Armen und kuschelte sich mit dem Gesicht voran an meine Brust. Es dauerte einen Moment, bis ich mich aus meiner Starre löste und erneut vorsichtig einen Arm um sie legte. Es war befremdlich, so mit ihr zu liegen. Es kam selten vor, dass ich nach dem Akt noch mit einer Gefährtin im Bett lag. Meistens wollte ich danach meine Ruhe oder arbeiten. Nur selten schlief ich ein, während ein verführerischer Frauenkörper dicht an mich geschmiegt war. Kuscheln war nichts für mich. Zumal mir Frauen nachts zu aktiv im Bett waren, sich hin und her drehten oder mir irgendwelche Extremitäten ins Gesicht schlugen. Aber bei Aurelie war es für den Moment anders. Wahrscheinlich, weil sie instinktiv einfach nur Schutz und Geborgenheit suchte. Und weil sie eine Reinheit und Unschuld verkörperte, die ich schon viel zu früh verloren hatte.
Meine Lippen legten sich wie von selbst auf ihren Scheitel; ich roch an ihren Haaren, nahm ihren zarten, blumigen Duft auf. Es war selbst nach der Reife nicht einfach für einen Vampir, und in diesem Moment überkam mich wieder das starke Bedürfnis, dieses Wesen zu beschützen. Meine Nase nahm allerdings noch einen anderen Geruch wahr. Eine böse Vorahnung hegend, legte ich zwei meiner Finger an ihren Hals, bis ich die kleine Schnittwunde fand. Sie blutete, leicht, aber dennoch.
Meine Fangzähne schossen hervor und brachten mich dazu, stumm vor mich hinzufluchen. Zu gerne hätte ich meine Fänge jetzt in ihren Hals vergraben und ihr Blut getrunken. Aber das ging nicht. Nicht jetzt. Ja, nicht in naher Zukunft. Trotzdem legte ich beide Finger an meine Lippen und leckte das Blut von meinen Fingerspitzen. Dann biss ich mir selbst in den Zeigefinger und drückte diesen auf ihre Wunde. Es würde die Heilung – so vermutete und hoffte ich zumindest – immerhin ein klein wenig beschleunigen.
Plötzlich wurde ihre Atmung schneller, geradezu panisch. Unruhig wand sie sich hin und her. Ihre Hände krallten sich in meinen Nacken. Sobald ich meine Hand wieder von ihrem Hals weggenommen hatte, wurde sie wieder ruhiger.
Stirnrunzelnd legte ich wieder meinen Arm um sie. Nur sachte. Immerhin wollte ich, dass sie sich ausruhen konnte. Nicht, dass ich ihr Albträume bescherte. Wie von selbst nahmen meine Finger Fahrt auf und begannen sich in sachten Kreisen auf ihrem Rücken zu bewegen. Es war eine Zeit der Stille, der Ruhe, und meine Gedanken rasten. Ich schmiedete Pläne für die nächsten Tage und Wochen, ging Gespräche mit den Fürsten durch und betrachtete dabei den zierlichen Körper neben mir.
Es dämmerte bereits, als ich Schritte hörte und die Ohren spitzte. Kleine, zierliche Füße. Stimmen, die aus der Wohnstube drangen. Und kurz darauf ein spitzer, hoher Schrei.
Stimmt. Meine Mundwinkel zuckten. Der tote Grigoroi lag noch im Schlafzimmer und die Mädchen waren von dem Anblick sicher vollkommen verstört.
Aurelie schreckte aus meinen Armen hoch, prallte dabei mit ihrer Stirn gegen meine und kam mit einem tiefen Stöhnen zum Sitzen. Als sie bemerkte, wie nah wir uns waren, sorgte sie schnell für Abstand und stand auf.
„Sind sie vielleicht …“ Die Tür wurde geöffnet und darin stand niemand anderes als die rothaarige Schönheit. Irina hieß sie, wenn ich mich recht entsann. „Asha!“, sagte sie erleichtert und seufzte auf.
Aurelie sprang vom Sofa, stolperte dabei halb über meine Beine, lief aufgeregt auf die Menschenfrau zu und warf sich vertrauensvoll in deren Arme.
„Irina“, hauchte sie, den Kopf an ihrer Brust vergrabend. „Du warst gestern plötzlich weg! Ich dachte schon …“
„Sh, alles gut, meine Kleine. Ich konnte doch nicht dort bleiben. Unter all den gierigen Blutsaugern?“ Sie hob eine Augenbraue, strich Aurelie aber weiter beruhigend über den Rücken. „Du warst zauberhaft, meine Kleine“, beteuerte sie und pflanzte einen Kuss auf Aurelies Stirn. „So unglaublich. Langsam wirst du wohl erwachsen.“
Die Frau schmunzelte bei letzterer Bemerkung, wobei ich lediglich die Augenbrauen zusammenzog. Weiterhin das Schauspiel beobachtend, richtete auch ich mich langsam auf und streckte mich. Wobei mir die Blicke, die mir die Menschenfrau zuwarf, nicht entgingen. Sehnsüchtig und schuldig. Beides zugleich. Ihr Herzschlag kam aus dem Takt und ihr Blick blieb an meinem Oberkörper hängen. Wäre Aurelie nicht im Zimmer, würde ich mir diese Frau nun packen und ihre sehnlichsten Wünsche erfüllen. Aber dafür war später noch Zeit. Ich strich mir über die Haare, bemerkte, dass sich mein Haarband gelockert hatte und löste es. Dadurch fielen mir die schwarzen, bis zu meinem Kiefer reichenden Locken wild ins Gesicht. Langsam stand ich auf und ging an den beiden vorbei in das Wohnzimmer. Genau in dem Moment öffnete sich die Tür und Lee trat herein, der meinem Blick auswich. Schämte er sich etwa wegen der gestrigen Nacht? Weil er sich von einem anderen Grigoroi hatte überrumpeln und verletzen lassen? So viel Drama um mich herum, seit ich in diesem Schloss war. Schrecklich.
„Räum die Leiche in meinem Schlafzimmer weg und lass sämtliche Spuren verschwinden, Lee. Ich möchte heute Nacht wieder in meinem Bett schlafen können.“
„Sehr wohl“, erwiderte Lee eine Spur zu unterwürfig.
„Wo sind die Zofen der Königin? Sie sollen sich um sie kümmern, ihr etwas zu essen bringen und sie neu einkleiden. Zweckmäßig. Ich habe später noch etwas vor.“
Lee verneigte sich knapp und ging wieder. Aurelie und die Rothaarige standen noch immer im Ruheraum. Mein Weg führte mich ins Schlafzimmer, die Tür liess ich für den Fall der Fälle jedoch offen.
„Geht es dir gut? Hat er dir wehgetan?“, fragte die Menschenfrau besorgt.
Ich verdrehte die Augen. Logisch, dass sie dachte, ich würde mir Aurelie nach der Hochzeit nehmen. Menschen hatten kein Verständnis für die Angelegenheiten der Vampire. Noch weniger verstanden sie unsere Achtsamkeit und Vorsicht, wenn es um unseren Nachwuchs ging. Menschen produzierten Nachwuchs im Überfluss – nur dass ein Grossteil davon das erste Lebensjahr nicht überlebte. Weibliche Vampire wurden Zeit ihres Lebens mit Glück zwei Mal schwanger. Eine hohe Kindersterblichkeit wäre das Ende unserer Rasse. Aus diesem Grund waren uns unsere Kinder auch heilig. Nie könnte ich mich so an Aurelie vergreifen! Ein Vampirkind sexuell zu misshandeln könnte weitaus schwerwiegendere Folgen haben als nur das dadurch ausgelöste Trauma!
„Er hat … mir nicht wehgetan. Es ist alles gut, Irina.“
Langsam atmete ich aus. Ich hatte gar nicht bemerkt, wie ich die Luft angehalten hatte.
„Oh, Asha, der Göttin sei Dank! Ich konnte dich nicht beschützen, verzeih. Ich konnte die Nacht nicht zu Euch gelangen …“
„Irina, es ist alles gut“, versicherte Aurelie. „Kannst du mich aber bitte … nenn mich Nayara. Ich will nicht mehr den Namen tragen, den der Kronprinz mir gegeben hat“, murmelte sie leise, woraufhin es still wurde. Dann bestätigte Irina und die beiden zogen sich den Geräuschen nach wieder in eine feste Umarmung.
Bei diesem ganzen Geschnulze konnte ich nur den Kopf schütteln. Ich kleidete mich an, zog mir eine einfache, praktische Hose und ein Leinenhemd über und schnallte mir einen Gurt um. Ich war zwar jetzt König, aber das bedeutete nicht, dass ich edle, teure Kleidung der zweckmäßigen vorziehen würde. Müde setzte ich mich an meinen Arbeitstisch und begann, ein paar Dokumente aufzusetzen. Anweisungen, um den Bürgern den Übergang zu erleichtern. Der alte König hatte sich einen Dreck um sein Volk geschert. Es gab im ganzen Goldenen Reich keine einzige Hilfsstelle, an die sich Menschen in Not hätten wenden können.
Als Irina plötzlich mit drängender Stimme auf das Kind einredete, erstarrte ich.
„Nayara … ich nenne dich Naya, passt das? Ich … brauche deine Hilfe …“ Aurelie gab einen fragenden Laut von sich und ich legte meine Stirn in Falten. „Du musst … ich muss zu einem … Grigoroi werden!“, flüsterte sie eindringlich, was mich nur noch mehr verwirrte. Denn Aurelie konnte sie nicht verwandeln. Dazu war sie zu jung. Sie hatte noch kein eigenes Vampirgift. Und das wusste sie auch selbst.
„Irina, ich kann nicht! Du weißt, ich bin noch nicht durch die Reife. Wenn ich könnte, würde ich! Sofort! Aber …“
„Dann bring deinen König dazu!“, rief sie aufgebracht. Darum konnte sie mich nicht selbst bitten? Oder hatte sie das in der Nacht, als ich sie genommen hatte, schon getan? Hatte ich es vergessen? So oder so … ich hätte es nicht getan, also spielte es eigentlich auch keine Rolle.
„Wieso? Damit du auf ewig seinen Befehlen gehorchen musst?“, brauste Aurelie auf und klang wütend. „Ein oder zwei Jahre noch, Irina! Ich … bestimmt …“
„Es sind doch schon dreizehn! Du bist dreizehn Jahre drüber! Und ein Jahr ist zu viel!“ Nun klang sie weinerlich. „Bitte!“
„Er wird niemals auf mich hören! Und ich will nicht, dass du unter seiner Kontrolle stehst!“, würgte Aurelie nun ebenfalls weinerlich hervor, mindestens aber genauso wütend wie bedrückt. „Du bist mir wie eine Mutter! Wem soll ich vertrauen, wenn nicht dir? Und wie soll ich dir vertrauen, wenn du unter seiner Fuchtel stehst?“ Aurelie weinte herzzerreißend.
Die vor mir liegende Schriftrolle hatte ich noch nicht einmal angerührt. Seufzend legte ich das Papier zurück, erhob mich und ging in die Wohnstube. Aus den Augenwinkeln sah ich gerade noch, wie Irina aus dem Ruheraum stürmte, ihre Augen nass und eine Hand vor ihren Mund gepresst. Sie erblickte mich, wandte sich aber sofort ab und stürmte aus meinen Gemächern. Für einen Moment war ich versucht, sie ziehen zu lassen. Sollte sie doch ihre Probleme mitnehmen und am besten das Schloss verlassen und von hier verschwinden. In einigen Jahrzehnten würde Aurelie sie vergessen haben.
Innerhalb eines Wimpernschlags war ich jedoch an der Tür, trat ebenfalls hinaus auf den Flur und sah Irina dabei zu, wie sie laut schluchzend rannte. Ich hatte sie eingeholt, noch bevor sie einen weiteren Schritt machen konnte, und drückte sie mit dem Rücken an die Wand. Meinen Unterarm presste ich oberhalb ihrer Brust gegen sie, sodass ich ihr gefährlich nahe kam. Am besten, ich stellte mich erst mal dumm. Menschen vergaßen nur zu schnell, wie fein das Gehör eines Vampirs war.
„Du hast meine Königin zum Weinen gebracht. Erkläre dich!“
„Mein König.“ Sie wich meinem Blick aus und versuchte es, als Unterwürfigkeit zu tarnen.
„Sieh mich an“, verlangte ich genervt und übte ein wenig mehr Kraft auf meinen Arm aus.
Sie keuchte auf und hob widerwillig den Blick. Darin sah ich nichts mehr von der eben gespielten Unterwürfigkeit.
„Ich habe nur eine simple Forderung gestellt!“, fuhr ich sie ungeduldig an. Wenn ich sie ein wenig mehr unter Druck setzte, würde sie bald zusammenbrechen. Dann könnte ich ihr ein paar Fragen zu Aurelie stellen. Vor allem in Bezug auf den toten Grigoroi vor meinem Bett und Aurelies Verhalten, kurz bevor er starb. Hatte sie sich dieses Verhalten von dieser Frau abgeguckt?
„Wie weint!“
„Das war nicht mein Ziel!“, fauchte sie wütend und blinzelte verzweifelt, im Versuch, ihre Tränen vor mir zu verstecken.
Ich ließ meinen Arm höher rutschen und drückte ihn gegen ihren Hals. „Wir können diese Unterhaltung auch an einem anderen Ort weiterführen“, knurrte ich wütend.
„Das würde sie dir nie verzeihen!“ Irinas Zähne knirschten. „Wenn du mir etwas tust, wird sie dir das niemals vergeben!“ Sie spuckte und traf mich im Gesicht.
Heisser Zorn schoss durch meine Adern. „Ist dir eigentlich bewusst, dass es mich einen Scheißdreck interessiert, ob die Kleine mich mag oder nicht?!“ Ich beugte mich weiter vor, bis meine Nase praktisch ihre berührte, den Speichel ignorierend, der mir über die rechte Wange lief. Zurück in meine Gemächer konnte ich sie nicht bringen, zudem hatte sie die Leiche des Grigorois bereits gesehen. Damit würde ich sie nicht mehr schockieren können. Aber mir kam da eine ganz andere Idee. In einer schnellen Bewegung nahm ich meinen Unterarm von ihrem Hals, packte sie mit einer Hand am Arm, zog sie etwas weiter vor und griff mit der anderen Hand ihren Nacken. „Ich hoffe, dir ist bewusst, dass ich deinen Hals mit einer einzigen Bewegung brechen kann. Und wenn die Königin nach dir fragt, werde ich sagen, dass meine Männer gesehen haben, wie du heulend aus dem Schloss gerannt bist. Natürlich würde ich ihr versichern, dass ich meine Männer schicke, um dich zu suchen. Aber du bist leider wie vom Erboden verschluckt. Die Kleine wird sich ihr Leben lang vorwerfen, dich in den Tod getrieben zu haben.“ Ich ließ den Griff an ihrem Nacken nicht locker und führte sie die Flure entlang, bis zu der Treppe, die hinunter in den Kerker führte. Dabei wischte ich mir kurz ihren Speichel vom Gesicht, packte aber sofort danach wieder ihren Arm. Wir passierten die dicke Kerkertür, ich öffnete eine der Zellen, warf das Miststück hinein und kehrte um.
„Das kannst du nicht tun!“, schrie sie, doch ich ignorierte sie und lief weiter. „Wo … wo bleibt meine Bestrafung, hm? Schlag mich! Tritt mich! Na los! Bitte! Du kannst mich foltern! Das liebt ihr Vampire doch so sehr!“
Ich schüttelte nur belustigt den Kopf.
„Du verweichlichter, minderwertiger, kleingeistiger Thronräuber! Lässt dich von Frauen bespucken und tust nichts, als sie einzusperren?“ Sie lachte hyterisch.
Süß, wie sie nun plötzlich bettelte. Aber ich ging nicht darauf ein und ging zu einer ganz bestimmten Zelle weiter. Wie passend, dass ich später mit Aurelie hierher zurückkehren würde und ihr nicht nur ihre inhaftierte Vertraute zeigen würde, sondern auch noch gleich den anderen Abschaum, der hier unten hauste. An den Gitterstäben zu Ashurs Zelle blieb ich stehen. Der Durst nach Blut müsste sich mittlerweile bemerkbar machen. Noch wäre es nur ein nagendes Gefühl, aber in ein paar Tagen würde er um Blut betteln. Ohne ein Wort wandte ich mich wieder ab und zählte dabei die Zellen, bis ich wieder bei der Rothaarigen ankam. Sechs Stück.

































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