Kapitel 59 – Cyrus in Aurelies Reich

Kapitel 59 – Cyrus in Aurelies Reich

 

Cyrus

Irritiert starrte ich auf das kleine Loch, durch das sich Aurelie gezwängt hatte und mit einem Mal verstand ich, warum Leeander zunächst nicht erneut in einen Geheimgang gehen wollte. „Bleibt es darin so eng oder kann ich zumindest annähernd stehen?“, fragte ich durch das Loch. Es war so dunkel dahinter, dass ich Aurelie nicht annähernd sehen konnte. Vielleicht war sie schon weg. Geflohen vor dem Ehemann, der zugegeben hatte, dass er sie zunächst töten wollte wie den Rest ihrer Familie. Am See war sie zugänglicher gewesen, hatte wieder das vertraute Du genutzt. Und nun sorgte sie wieder für maximalen Abstand. Vielleicht sollte ich einfach aufhören, ihr Verhalten zu deuten. Es würde mich zumindest davor bewahren, sie völlig falsch zu verstehen. Warum verbrachte ich überhaupt so viel Zeit mit ihr? Sie sollte bloß bei den Ratssitzungen anwesend sein und mir irgendwann ein Kind schenken. Der Rest konnte mir getrost egal sein. Ich ging in die Hocke, um wenigstens einen Umriss von Aurelie zu erkennen. Sollte sie noch da sein.

„Ob du stehen kannst, weiß ich nicht. Mir ist es möglich“, hörte ich ihre Stimme hallen, konnte sie allerdings nicht ausmachen. „Kommst du?“

Seufzend betrachtete ich das Loch. Es führte wohl kein Weg daran vorbei. Allerdings würde ich nicht mit dem Gesicht nach unten hindurchkriechen. Ich setzte mich auf den Boden, legte mich auf den Rücken und drückte mich mit den Beinen Kopf voran durch das Loch. Als ich zur Hälfte drin war, richtete ich mich vorsichtig auf, indem ich mich erst hinsetzte und dann aufstand. Es war eng. Unglaublich eng sogar. Aber ich konnte stehen. Testweise streckte ich einen Arm in die Luft; die Decke konnte ich nicht ertasten. Ich drehte mich nach allen Seiten um und sah die Umrisse von Aurelie rechts von mir. „Gut. Wo entlang?“

Wortlos kniete sie sich hin und verschloss den Zugang wieder. Jetzt konnte ich noch nicht einmal mehr ihre Silhouette ausmachen. „Nimm meine Hand“, befahl sie streng. Als ich nicht sofort reagierte, setzte sie nach: „Wenn du nicht Stunden hier herumirren willst, weil du mich verlierst.“

Ich ersparte es mir, sie darauf hinzuweisen, dass sie mich wieder duzte. Vermutlich war sie gerade wieder gut gelaunt. Weil diese Gänge bisher ihr Geheimnis gewesen waren und sie sich darin bestens auskannte. Es war quasi ihr Reich. „Aber mach langsam“, ermahnte ich und ergriff ihre Hand. Wofür ich drei Anläufe brauchte, weil ich rein gar nichts mehr sehen konnte.



Ohne etwas zu erwidern, begann sie, langsam zu gehen. Ich hörte ein regelmäßiges Schleifen, welches immer wieder einmal kurz aussetzte. Vermutlich dann, wenn ein Seitengang hinzukam. Und da realisierte ich erst richtig, dass ich nicht der Einzige war, der hier nichts sehen konnte. Natürlich war mir das klar gewesen, aber ich hatte mir noch keine Gedanken darüber gemacht, wie sie sich hier eigentlich zurechtfand.

„Du zählst die Abbiegungen?“, flüsterte ich beinahe ehrfürchtig. Wenn sie sich in diesen Gängen so gut auskannte, wie es wirkte, dann musste sie das ganze Schloss, alle Geheimgänge darin in ihrem Kopf kartografiert haben. Jede Abbiegung, Stufe und jeden einzelnen Zugang!

„Mhm“, machte sie leise, wirkte aber abgelenkt. Kein Wunder, dachte ich mir. Ich hatte teilweise schon Probleme, mich im erleuchteten Teil des Schlosses zurechtzufinden, so verwinkelt wie es war.

Es fühlte sich an, als wären wir eine halbe Ewigkeit in dieser Dunkelheit gefangen, und ich verlor jegliches Zeitgefühl. Mein Magen fing an, zu knurren. Es war bestimmt schon der neue Tag hereingebrochen. Ich gehörte an den Schreibtisch und Aurelie ins Bett. Aber wie konnte ich ahnen, dass wir so lange in den Geheimgängen umherirren würden? Wieder gab mein Magen ein jämmerliches Geräusch von sich und ich hörte Aurelie vor mir leise kichern. Wenigstens war sie noch guter Laune. Das hieß also, sie hatte sich nicht verlaufen. Auch wenn es sich so anfühlte, als wären wir mehrmals im Kreis gelaufen.

„Wenn ich jemals die Idee äußere, dieses Schloss weiter auszubauen oder weitere Geheimgänge anzulegen, halte mich bitte davon ab“, gab ich unzufrieden von mir

„Davon hat es fürwahr schon genug“, entgegnete Aurelie abgelenkt, wobei sie aber keineswegs irgendwie bedrückt wirkte. So wie ich. Wie konnte sie in diesen engen Gängen nur so gute Laune haben? Wie konnte sie sich hier wohlfühlen? Ich fand es schrecklich beengend und konnte mittlerweile gut verstehen, warum Leeander keinen Fuß mehr in einen der Geheimgänge setzen wollte. Vielleicht sollte ich Aurelie die Aufgabe geben, die Gänge zu kartografieren. Das würde sie vermutlich über Monate hinweg beschäftigen.

Irgendetwas landete in meinem Gesicht. Als es dann noch anfing, zu krabbeln, riss ich meine Hand aus Aurelies, um es mir schnell aus dem Gesicht zu wischen.



„Alles in Ordnung?“, flüsterte Aurelie vor mir.

Hatte ich einen Ton von mir gegeben? Oder war es bloß, weil ich meine Hand aus ihrer gezogen hatte? Nun, es war einerlei. Ich würde mir sicher nicht die Blöße geben und ihr gegenüber zugeben, dass ich mich hier in den Gängen unwohl fühlte. „Ja, alles bestens!“, knurrte ich. Und im selben Moment stieß ich mir heftig den Kopf an. „Au!“, entfuhr es mir und ich taumelte einen Schritt zurück.

Aurelie kicherte wieder. „Kleine Lügen strafen die Götter sofort.“

Ich entgegnete nichts und rieb mir die schmerzende Stirn. Ohne einen Kommentar schlich ich, jetzt in leicht gebeugter Haltung, hinter Aurelie her. Doch nach nur zwei Schritten trat ich plötzlich ins Leere, ruderte mit den Armen und ließ mich nach hinten fallen. „Ah! Verflucht!“, schimpfte ich und landete hart auf meinem Allerwertesten.

„Oh“, machte die Kleine vor mir. Ich hörte sie mühsam ein weiteres Kichern zurückhalten. „Hier geht eine Treppe nach unten. Ich vergaß, es anzusagen“, entschuldigte sie sich wenig glaubhaft, denn ihre Stimme gluckste immer wieder leicht.

Mühsam rappelte ich mich auf und strich mir eher aus Reflex über meine Hose. Vermutlich machte ich damit nicht mal ansatzweise den Dreck weg. „Deine Hand“, verlangte ich seufzend und spürte kurz darauf tastende Finger an meiner Hose. Sofort griff ich danach und musste zugeben, dass mich die Berührung ein wenig erleichterte. Wir brachten unzählige Treppenstufen hinter uns. Immer weiter ging es hinab und Aurelie konnte mir in jedem einzelnen Fall genau sagen, wie viele Stufen mich erwarteten. Wenn mich mein Gefühl nicht täuschte, mussten wir uns mittlerweile im Berg befinden. Also zwischen Berg und Schloss irgendwo. Aber wenn ich ehrlich war, so hatte ich jeglichen Orientierungssinn verloren. Immer wieder spürte ich Spinnweben in meinem Gesicht und schnitt eine Grimasse nach der anderen. Mit der freien Hand wischte ich sie jeweils sofort wieder weg. Gleichzeitig war ich über die Gleichgültigkeit überrascht, mit welcher Aurelie das Getier hinnahm. Andere Frauen hätten angefangen zu quietschen und zu schreien. Hier aber war einzig und allein das Hallen unserer vorsichtig platzierten Schritte zu hören. Und irgendwas schliff an der Wand entlang. Vermutlich ihre freie Hand. Als sie auf einmal ins Stocken geriet, wurde ich aus meinen Gedanken gerissen. Aus Gedanken, in denen ich sie auf eine gewisse Weise bewundert hatte.



„Sind wir da?“, fragte ich irritiert und verstand nicht, wieso sie nicht reagierte. „Aurelie?“, bohrte ich nach, als sie nichts erwiderte.

„Warte“, zischte sie schroff. Einmal atmete sie tief durch, dann löste sie unsere Hände.

„Was soll das werden?“

„Ich muss mich neu orientieren“, brummte sie konzentriert und schien schon ein wenig weiter von mir weg. Viel zu lange war ich allein in der Dunkelheit und starrte in die Schwärze vor meinen Augen. Hatte sie sich verlaufen? Wahrscheinlich. „Aurelie!“ Angespannt presste ich die Zähne aufeinander und gab mir Mühe, die mittlerweile modrig gewordene Luft zu ignorieren. Der Geruch von abgestandenem Wasser drang in meine Nase ein. Plötzlich drang ein Schrei an meine Ohren und forderte meine Achtsamkeit. Das war niemand anderes gewesen als Aurelie! „Was ist passiert?“ Sofort eilte ich in die Richtung, aus der ich den Schrei vernommen hatte. Dabei tastete ich mich nun selbst mit einer Hand an der Wand entlang. Die andere streckte ich vor mir aus. „Aurelie! Sag etwas!“, verlangte ich. In der Nähe hörte ich ein seltsames Klopfen, welches ich nicht einordnen konnte. Aber es übertönt ihren Herzschlag!, dachte ich grimmig.

Auf einmal prallte voller Wucht ein Körper gegen mich. Arme schlagen sich schutzsuchend um meine Taille und ich hörte Aurelies schweren, schnellen Atem; spürte, wie die warme Luft mir an die Brust drang.

„Was ist passiert?“, erkundigte ich mich und legte beide Arme um sie. Dabei zog ich sie noch etwas fester zu mir und strich ihr sacht über ihre Haare. Und Spinnweben. Und Dreck.

„S…sackgasse. Keine Sackgasse. Alex, du verfluchter Lügner!“, stieß sie flüsternd aus, hörte sich aber an, als wäre sie noch nicht ganz bei sich. „Wir … wir müssen nach rechts.“

„Was ist passiert?“ Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich sie weiter festhalten sollte. Aber sie machte keine Anstalten, sich von mir wegzudrücken. Also hielt ich sie noch eine Weile in den Armen und strich ihr weiter über den Kopf.

Nach einigen tiefen Atemzügen beruhigte sie sich langsam wieder und schaffte es, klare Sätze zu formulieren: „Als wir hier unten die Gänge erkunden gegangen sind, also Alex und ich, ist er vorgegangen. Ich war mir gerade nicht mehr sicher, welchen Weg wir nehmen müssen. Rechts oder links. Und damals hat er gesagt, in dem einen Gang befände sich eine Sackgasse.“ Sie holte tief Luft. „Aber das war keine Sackgasse! Das war … da waren … Also da muss …“ Sie stolperte über ihre Worte und brauchte eine Weile, bis sie wieder ein klares Wort hervorbrachte. „Da ist irgendwer gestorben“, murmelte sie schließlich leise und ihr Körper erschauderte in meiner Umarmung, aus der sie sich jetzt langsam löste. Sie ließ ihre Hand meinen Arm hinuntergleiten und griff erneut nach meiner. „Komm. Es geht rechts durch. Dann sind wir gleich da.“



Der Zugang zur Geheimkammer war größer als der, durch den wir die Geheimgänge betreten hatten. Ich musste lediglich leicht den Kopf einziehen und schon hatten wir die Gänge verlassen. Stattdessen befanden wir uns in einer riesigen Höhle, umgeben von dichtem, dunklem Gestein. Rechts hinten sah ich Kristalle leuchten, die den sonst stockdunklen Raum in ein sanftes, beinahe schon magisches Licht tauchten. Bei genauerem Hinsehen erinnerten mich die Kristalle sowie auch ihr Leuchten, an die Heilige Quelle. Dem Ort, an dem Aurelie und ich das Bindungsritual vollzogen hatten. Aus selbiger Richtung drang auch wieder dieses Klopfen an mein Ohr, wobei ich es mittlerweile als das Fallen von Tropfen identifizierte. Dem leicht modrigen und doch auf gewisse Weise frischen Geruch sowie dem tropfenden Geräusch nach befand sich hier aller Wahrscheinlichkeit ebenfalls ein See. Das glitzernde, leicht in Bewegung versetzte Schimmern direkt unter den Kristallen bestätigte die Vermutung. Viel erkennen ließ sich mit dem kargen Licht der Kristalle aber trotz aller Schönheit und Magie nicht. Lediglich die ungefähren Umrisse des Raumes, in dem wir uns befanden, konnte ich zuordnen.

Aurelie trat neben mich, der ich noch kein Wort gesprochen hatte. Gefangen und vollkommen eingenommen von der Magie, die mich in dieser tropfenden Stille umgab.

„Es ist wunderschön, findest du nicht?“, hauchte sie leise und atmete einmal tief ein und aus. „Ich war schon Jahrzehnte nicht mehr hier“, flüsterte sie mit einem Lächeln in der Stimme.

Ich konnte nur andächtig nicken. Zu sehr schien mir die Atmosphäre hier heilig, als dass ich sie durch Worte zu zerbrechen wagen wollte.

Aurelie nahm mich wieder bei der Hand und führte mich etwas weiter in den Raum hinein. Kaum hatte sie einen Schritt in die Halle gewagt, entzündeten sich auf einmal überall Fackeln. Rechts und links von uns an den Wänden brannten sie lichterloh; eine Fackel nach der anderen entflammte sich selbst und ließ mich staunend zurück. Selbst mitten im Raum standen die brennenden Lichtbringer auf Podesten verteilt, sodass die Halle beinahe taghell, doch in einem warmen Licht erleuchtet wurde.

Mit großen Augen sah ich mich in alle Richtungen um. Dieser Ort war wunderschön. Erhaben. Magisch. Und doch konnte kein Wort auch nur annähernd beschreiben, wie sehr diese Kammer einem den Atem raubte. Noch kein einziges Mal in meinem Leben hatte ich vor einer solchen Pracht gestanden. Meine Augen flogen über jedes noch so kleine Detail und sogen es gierig in sich auf. Der vorhin noch von Kristallen beleuchtete See wirkte nun dunkler. Die Kristalle in den rauen Steinwänden schienen beinahe erloschen. Das musste am Licht liegen, welches den Raum indessen durchflutete. Dies hier war wohl eine Schatzkammer, aber keineswegs eine, wie ich sie erwartet hatte, zu finden. Hier lag kein Gold oder Silber. Doch was genau es war, was sich hier vor den Augen der Welt versteckt hielt, konnte ich nicht sagen.



Größtenteils war der Raum leer. Doch in regelmäßigen Abständen, angeordnet in zwei Reihen, die zusammen einen Gang bildeten, befanden sich steinerne Sockel. Auf ihnen fanden sich Gegenstände, Objekte, von denen ich die meisten in über vierhundert Jahren Lebenszeit noch nicht gesehen hatte. Einige wirkten wie Schmuck. Sie lagen da, präsentiert von ebenso steinernen Büsten wie die Sockel. Zudem kam ihre Wirkung. Sie schienen … auf eine verworrene Weise besonders. Unbewusst ließ ich meine Hand aus Aurelies gleiten und trat langsam durch das Spalier, das die Sockel bildeten, nach vorn. In der anderen Richtung erhob sich eine riesengroße Flügeltür, deren Tore so schwer wirkten, dass ich mir unsicher war, ob ich sie alleine aufgestemmt bekäme. Doch vor mir, am Ende dieses angedeuteten Ganges, erhob sich eine Plattform und darauf vier weitere Sockel.

Irgendjemand hatte sich unfassbar viel Mühe gemacht, diesen Raum zu gestalten. Und zu verzaubern, offensichtlich, denn auf normale Art und Weise hatten sich diese Fackeln nicht entzündet. Noch nie war mir Magie in dieser Form untergekommen. Magie, ohne direkten Anwender. Oder hatte …

Mein Kopf ruckte herum und mein Blick glitt zu Aurelie, die sich gerade staunend über einen Sockel beugte und das darauf liegende Objekt mit neugierigen Augen betrachtete. Sie war, abgesehen von einem ehemaligen Kronprinzen, der momentan noch im Kerker versauerte, das einzige Überbleibsel des Geschlechts der Ignis-Robur. Sie trug das Gen des Drachens, aber es war fraglich, ob sie ein Kind des Feuers werden würde. Nicht jeder Träger eines Gens wurde deswegen auch von den Göttern erwählt. Eigentlich … war das bereits seit Äonen nicht mehr vorgekommen. In keiner der vier Familien. Und jetzt waren wir bereits zwei. Kretos und ich waren beide von unseren Göttern erwählt worden. Nach so langer Zeit, dass die Magie, die einst durch die Adern unserer Vorfahren floss, bereits lange vergessen war.

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