DBdD-Kapitel 52
Yelir strich Zunae durch die Haare, während diese ruhig an ihn gelehnt schlief.
Die Kutsche holperte nur wenig, während sie ihrem Ziel, den Pass, der die Süd- und Nordlande verband, immer näher kamen.
Sie hatten für eine Reise in die Südlande eine einfache Kutsche gewählt und auf Diener verzichtet.
Sein Vater würde sich während seiner Abwesenheit um alles kümmern. Degoni war noch immer unterwegs, denn es waren unerwartete Probleme aufgetreten. Fürst Ladvarian war angeblich in Ladvaran gewesen, doch wer war dann bei ihnen vorstellig geworden?
Yelir verstand es nicht, weshalb Degoni weiter nachforschen sollte.
Eines war Yelir aber klar: Die Nordlande waren für seine Frau zu gefährlich. Die Südlande wären sicherer. Er würde sie also hinbringen, kontrollieren, dass es ihr gut ging uns ihne sie zurückkehren. Er wollte zwar zur Geburt dabei sein, doch sie hatte noch einige Monate. Diese wollte er nutzen, um die Nordlande zu einer sicheren Zone für sie und das Kind zu machen.
Daher hatte er abwägen müssen, wie er mit der ganzen Situation umgehen sollte.
Dass sie selbst danach gefragt hatte, ihre Verwandten zu besuchen, hatte es ihm leichter gemacht.
Die Kutsche hielt, was Yelir überraschte. Das Pferd war nichts Besonderes, doch Chiaki konnte mit ihm kommunizieren. Daher war Yelir nur so weit geritten, bis es keine Zeugen mehr gab und hatte dann alles weitere dem Kater überlassen. Etwas, was er angeboten hatte.
Vorsichtig schob Yelir Zunae von sich, bevor er ihr half, sich hinzulegen, ohne aufzuwachen. Sie war wirklich niedlich, doch ihr Gesicht zeigte deutlich, dass sie es in der letzten Zeit nicht leicht gehabt hatte.
»Bald hast du etwas mehr Ruhe«, flüsterte Yelir, der ihr eine Strähne aus dem Gesicht strich und sanft ihre Stirn küsste. Dann erst verließ er die Kutsche und sah nach, was los war.
»Warum halten wir?«, fragte er an Chaiki gerichtet. Brauchte er vielleicht eine Pause.
Chiaki sprang vom Kutschbock und streckte sich kurz. Dabei breitete er seine Flügelchen aus und hob dann in die Luft ab, bis er auf Yelirs Augenhöhe war. »Ich habe dir doch gesagt, dass ich dir noch etwas zeigen möchte«, sagte er, wobei sich seine goldgelben Augen in Yelirs bohrten.
»Jetzt?«, fragte dieser überrascht und straffte die Schultern. »Was ist es?«
Chiaki musterte Yelir eingängig. »Trägst du den Ring, den Zunae dir geschenkt hat?«, fragte er, was Yelir überraschte. Zunae hatte ihm nur einen Ring geschenkt. Bei ihrer Hochzeit. Ein wirklich schöner, wenn auch schmuckloser Ring, der immer an Yelirs Finger lag. Daher hob er die Hand, um Chiaki diesen zu zeigen.
Ein Schnurren war die Antwort, die er erhielt und die ihm zeigte, dass Chiaki zufrieden war. »Dieser Ring ist besonders. Er sieht vielleicht nicht so aus, aber er ist ein Artefakt«, erklärte er, was Yelir zwar überraschte, doch eigentlich nicht mehr verwundern sollte. Er hatte Zunae immerhin auch einen Blutdiamanten geschenkt, der nicht nur Zierde war. Dass sie ihm ebenfalls etwas so Besonderes gegeben hatte, erfreute ihn sehr. »Genau genommen ist dieser Ring mit mir verbunden«, führte Chiaki weiter aus, was Yelir überrascht keuchen ließ.
Ihm war bewusst, wie besonders diese Verbindung war, denn für Yelir war ganz klar, wer Chiaki war. »Was heißt das?«, fragte er vorsichtig.
»Der Ring erlaubt dir, auf eine ähnliche Art auf meine Kräfte zuzugreifen, wie es auch Zunae tut. Nur, dass du zum Clan der Seelenkatzen gehörst. Du wirst die Kräfte in vollem Umfang nutzen können.«
Yelir spürte, wie ihm die Beine weich wurden. »Es ehrt mich, aber … warum?«, brachte er stammelnd hervor. Die Last der Verantwortung, die damit einherging, drohte ihn förmlich zu erdrücken. Wie sollte er denn mit dieser gottgleichen Kraft umgehen?
»Weil es Momente geben wird, in denen du sie brauchen wirst. Um sie zu beschützen. Ihre Magie bietet mir zwar einen Ort der Erholung, aber sie braucht mich, um davon nicht verzehrt zu werden«, erklärte Chiaki kryptisch. »Aber das wird nicht immer so sein. Außerdem wird es dir die Möglichkeit geben, von überall aus in wenigen Stunden bei ihr zu sein.«
»Schattenfortbewegung«, murmelte Yelir zu sich selbst, der sich fragte, ob er mit den Kräften überhaupt würde umgehen können. Bisher hatte er von dem Ring keinerlei Macht ausgehen spüren und tat es noch immer nicht. Trotzdem spürte er das warme Gewicht dieses.
»Genau. Und das ist das, was ich dir jetzt zeigen möchte, damit du in der Lage bist, zurückzukehren, sollte es so weit sein.«
Yelir fragte sich, wie viel Chiaki von seinen Plänen wusste. Hatte er erraten, dass er versuchte, Zunae bei ihrer Familie in Sicherheit zu bringen? Dabei hatte er nicht einmal Zunae davon erzählt. Vermutlich würde sie das nicht so gut aufnehmen.
Yelir straffte die Schultern. »Ich bin bereit. Zeig es mir«, forderte er, denn er wollte auch nicht, dass Zunae erwachte und mitbekam, was hier vor sich ging. So ein kleines Geheimnis zwischen Chiaki und ihm war sicherlich nicht schlimm. Zumindest, wenn er dann Zunae nicht in Gefahr brachte.
Yelir spürte ein Kribbeln, das von dem Ring ausging. Es nahm seinen Körper ein, erfüllt ihn mit Wärme und ließ ihn leicht erzittern.
Das Gefühl, das ihn einnahm war wunderbar, doch auch kraftvoll. Als hätten sich seine Sinne plötzlich geändert und er könnte auf eine Macht schauen, die er vorher nicht wahrgenommen hatte.
Yelir hob den Blick zu Chiaki, der plötzlich von einer Aura aus Mitternacht umgeben war. Es war keine Schwärze, sondern ein Himmel, der zwischen Blau, Violett und Schwarz tanzte. Kleine, schimmernden Punkte reihten sich in diesen Tanz ein und zauberten Bilder voll kleiner Wunder, die Yelir staunen ließen.
Das war die kühle, seidige Macht, die er plötzlich auch in sich spüren konnte.
Chiaki schnurrte zufrieden. »Das du nicht zusammengebrochen bist, zeigt mir, dass du mehr als geeignet bist.«
Yelir traute sich nicht, nachzufragen, was er meinte, denn er war noch immer zu überfordert. Er hatte gespürt, dass Chiaki stark war. Wie ein Gott eben, doch bis jetzt hatte er nicht verstanden, was das hieß. Dabei hatte Chiaki schon mehrmals deutlich gemacht, dass er noch nicht wieder über seine wahre Macht verfügte.
Yelir leckte sich die Lippen. »Weiß Zunae davon?«, fragte er mit heiser Stimme, was bei Chiaki ein leises Lachen auslöste.
»Sie weiß, was ich bin, falls du das meinst«, erwiderte er zufrieden.
Obwohl Yelir versuchte, sich vorzustellen, dass Zunae davon wusste, konnte er es nicht. So, wie sie immer mit Chiaki umging, wirkte es eher als wäre er nur eines von seinen Vertrauten Wesen.
»Schließ deine Augen, ich werde dir zeigen, wie es geht. Du musst dir das Gefühl gut einprägen«, forderte Chiaki, der nicht zu viel Zeit verschwenden wollte.
Yelir kam der Aufforderung sofort nach, denn die Neugier kribbelte in seinen Fingern. Die Macht, die er spürte, rief förmlich nach ihm. Forderte ihn auf, sie zu nutzen. Etwas, das Yelir fast schwerelos fühlen ließ.
Dann spürte er einen Ruck, der durch seinen Körper ging. Kälte floss aus ihn heraus und legte sich wie ein Mantel um ihn. Es war anders als sonst, wenn Chiaki sie mit in die Schattenwelt nahm, doch trotzdem irgendwie ähnlich, weshalb Yelir wusste, wo sie waren, ohne seine Augen zu öffnen.
Er versuchte das Gefühl zu verstehen, zu begreifen, was es ausgelöst hatte und wieso er so fühlte. Nur so wäre er in der Lage, den Zauber zu reproduzieren. »Ich bringe uns jetzt zurück«, erwiderte Chiaki und mit einem erneuten Ruck wurde es plötzlich warm.
Dieses Mal prasselte beißende Hitze von außen auf ihn ein, fraß sich in sein Fleisch und stach wie dutzende Nadeln. Er zitterte und drohte auf die Knie zu gehen, doch nur für einen ganz kurzen Moment. Dann wurde das Gefühl von wohliger Wärme ersetzt, die seinen Körper wieder beruhigte und ihn wie ein schützender Schleier umhüllte. Nur um kurz darauf einer seidigen Kühle Platz zu machen.
Yelir versuchte, an dem Gefühl festzuhalten, doch es verschwand zu schnell wieder. Also öffnete er seine Augen, nur um kurz darauf von einem Gefühl der Übelkeit übermannt zu werden.
Mit bewusst langsamen Atemzügen kämpfte er dagegen an, doch es gelang ihm nicht, weshalb er sich kurz darauf im Gebüsch erbrach.
Es war ein widerliches Gefühl und er hoffte, dass es Zunae nicht jeden Morgen so erging, glaubte aber fast, dass es bei ihr manchmal sogar noch schlimmer war.
Als er sich wieder gefangen hatte, wischte er sich den Mund ab. Das Gefühl auf der Zunge war unangenehm, doch er wollte noch nicht in die Kutsche zurück, um Wasser zu holen. Dann würde er vermutlich Zunae wecken. »Ich werde es jetzt versuchen«, sagte er und straffte die Schultern.
Chiaki hatte ihm eine große Macht anvertraut und er wollte sein Bestes geben, um sie auch zu nutzen. Wenn er diese Fähigkeit meisterte, würde er Zunae jederzeit in den Südlanden besuchen können. Das allein spornte ihn an, sein Bestes zu geben.





















































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