DBdD-Kapitel 59
Die zehn Minuten, die sie warteten, fühlte sich wie Stunden an. Kali tigerte weiter im Zimmer umher, Aidina rollte sich zu einem Ball zusammen und Yelir blickte zum Fenster hinaus. Sein Blick suchte die Umgebung ab, obwohl er wusste, dass es nichts brachte. Es gab keine Garantie, dass sie hier im Raum zurückkehrte.
Ein leichtes Flirren in der Luft kündete Magie an.
Yelir wirbelte herum, im gleichen Moment, in dem Chiaki fauchend vom Diwan sprang. Er spürte Zunae in seiner Nähe, doch wie sollte er zu ihr kommen? Er war so in Panik, dass er sich nicht daran erinnerte, dass er seit kurzem die Schattenfortbewegung konnte. Stattdessen griff er Aidinas Arm und zog sie hoch. »Sie ist wieder da und wird vermutlich eine Heilerin brauchen, also reiß dich zusammen«, fauchte er sie ungehalten an. Er hasste sie mit jeder Faser seines Seins für das, was sie getan hatte, doch sie war eine Heilerin, die wusste, wie sie Zunae helfen konnte. Daher würde Yelir sie nutzen.
Aidina ließ sich mitziehen, während sie alle Chiaki hinterherrannten.
Dieser huschte durch das Schloss und nahm den kürzesten Weg in einen Garten.
Es war ein kleiner Innenhof, der vorrangig aus grünem Gras und kleinen Bänken bestand.
Dort, in mitten des Grüns lag etwas.
Aidina schwankte, als sie das Häufchen sah, das nicht mehr direkt als Mensch zu erkennen war.
Der Geruch von verbranntem Fleisch erfüllte die Luft, die sonst voll Blumenduft war. Nur dadurch konnte Aidina die schwarzen Flecken auf dem Leib einornden.
Verbrennungen.
In ihr erwachten ihre Instinkte und sie stürzte auf Zunae zu, um sich vor ihr auf die Knie zu werfen und ihre Magie tastend über ihren Körper wandern zu lassen. Sie leuchtete vor ihren inneren Auge vor Verletzungen, weshalb Aidina nicht sofort wusste, wo sie anfangen sollte. War sie überhaupt noch am Leben?
»Ye-«, erklang ein leises Flüstern, das Aidina zuerst nicht zuordnen konnte. »-lir«, folgte schwach. Nur ein Hauchen, das im Wind fast unterging.
Aidinas Herz klopfte heftig, als sie den Kopf hob. »Sie lebt«, stieß sie hervor und blickte dann zu Yelir. »Sie ruft nach dir«, gab sie widerwillig zu.
Yelir war stehengeblieben und starrte auf das Bild, das ihm nur zu bekannt war. Wieso wurde sie von Feuer nur so angezogen?
Zunaes Finger, die verbrannten Ästen ähnelten, tasteten ungelenk über das Gras, als würde sie etwas suchen.
Aidina indes richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf ihre Schwester. Sie hatte ausgerichtet, was sie konnte. Was Yelir damit tat, würde sich zeigen. Wichtiger war es erst einmal, Zunae zu heilen, weshalb sie ihre Magie in Zunaes leitete. Es war nicht möglich diese direkt zu heilen. Nur Zunaes Magie zum Heilen anzuregen, weshalb Aidina hoffte, dass sie nicht zu spät war.
Konzentriert darauf, Stellen zu finden, wo sie helfen konnte, bemerkte sie nur verschwommen, wie sich Yelir neben Zunae niederließ.
Er griff nach ihren verkohlten Fingern und hielt sie so sanft, wie es möglich war.
Ihr Körper war zwar verbrannt, doch ihr Oberkörper und Kopf schienen heil. Was er erst bemerkte, als sie diesen hob und mit ihren unversehrten, goldenen Augen zu ihm blickte.
Sie waren stumpf und verweint, wodurch sie Yelir kaum wahrnehmen konnte.
Das, was sie sah, vermischte sich mit dem, was sie gesehen hatte.
Yelir, der sich über sie warf, als das Feuer einer Hexe auf sie niederging. Er schützte sie mit seinem Körper, hielt sie an sich, bis seine Hand in ihrer zu Asche zerfiel und das Gewischt auf ihr verschwand.
»Yelir«, stieß sie heiser und schwach aus.
»Ich bin hier«, versicherte dieser und strich behutsam über die unverletzte Haut in ihrem Gesicht.
Zunae blinzelte, während sie versuchte, klarer zu sehen.
Yelirs Gesicht wurde klarer. »Du bist jetzt in Sicherheit«, flüsterte Yelir sanft.
Ein Schluchzen entrang sich ihrer Kehle, als ihr klar wurde, dass Yelir ihre Hand hielt. Er war am Leben und nicht zu Asche zerfallen.
Die Erleichterung, die sie durchströmte, kämpfte mit dem Gefühl von Verlust, dass sie noch immer in ihrem Griff hielt.
Ihre Finger krallten sich so gut es ging in seine, während die Magie durch ihren Körper wallte und begann, die verbrannte Haut zu regenerieren. »Yelir«, jammerte sie erneut, bevor sie ihren Tränen freien Lauf ließ und sich an Yelirs Hand schmiegte. Sie hielt sich nicht mehr zurück und gab sich ihren Gefühlen hin, was in einem so herzzerreißenden Weinen mündete, dass selbst Nuya das Entsetzen anzusehen war.
War das wirklich ihre starke Schwester, die sie immer bewundert hatte?
In ihr bildete sich ein Kloß, der ihr den Atem raubte. Zu sehen, wie sie litt, weil sie sich eingemischt hatten … weil sie nicht einmal versucht hatten, zu verstehen, was los war …
Was war in ihrer Vision geschehen, dass sie aussah, als käme sie aus dem Fegefeuer der Hölle?
Yelir saß an ihrer Seite, streichelte ihr sanft die Wange und sprach beruhigend auf sie ein, während Nuya nur dastehen und zusehen konnte. Sie konnte ihren Blick nicht abwenden. Er brannte sich in ihr Gedächtnis.
Die Gabe, die Nuya immer als Segen gefeiert hatte, war für ihre Schwester eine so große Qual, dass es drohte, sie zu zerbrechen. Und sie konnte nur hier stehen und nichts tun, während ihr Körper sich langsam, Stückchenweise, regenerierte.
Kali schwankte, bevor sie auf die Knie ging und sich übergab. Sie ertrug dieses Bild nicht mehr, dabei war sie den Anblick von Leichen gewohnt. Aber ihre eigene Schwester so zu sehen, das verbrannte Fleisch zu riechen …
Misha hockte sich zu ihr, rieb ihr den Rücken und ließ beruhigend seine Magie in sie fließen. »Komm, ich bring dich rein«, sagte er sanft, denn er wollte Kali diesen Anblick ersparen. Zunae lebte und das beruhigte ihn, auch wenn es die Frage nach Yelirs Beziehung zu ihr aufwarf. Aber darum konnte er sich später kümmern.
»Ich kann sie nicht allein lassen«, flüsterte Kali, die am ganzen Leib zitterte.
»Du kannst im Moment nichts tun. Sie muss allein genesen«, sagte Misha sanft, der sie vorsichtig hochzog. »Du kannst mit ihr reden, wenn es ihr wieder besser geht«, sagte er, mit dem versteckten Versprechen, dass sie überleben würde.
Er konnte ihren Zustand zwar nur aus der Ferne beurteilen, doch so aggressiv, wie ihre Magie die Verbrennungen auslöschte und nichts als gesunde Haut zurückließ, glaubte er nicht, dass sie sterben würde. Was nicht hieß, dass sie nicht durch die Schmerzen musste, die Verbrennungen mit sich brachten.
Aidina wollte sich gerade von Zunae lösen und Yelir bitten, sie ins Bett zu tragen, als sie etwas auf der gerade frisch nachgewachsenen Haut ihrer Beine entdeckte.
Vorsichtig fuhr Aidina mit ihren Fingern darüber. Nässe und leichte Schlieren aus Blut.
Ihr Herz setzte für einen Moment aus. »Ihre Fruchtblase ist geplatzt«, hauchte sie ungläubig und mit zittriger Stimme.
Sie brauchte einen Moment, um zu verstehen, was gerade vor sich ging, dann fluchte sie ungehalten. »Lasst sofort ein Bett herrichten«, rief sie den Umstehenden zu.
Mittlerweile hatte sich auch die Dienerschaft gesammelt, auch wenn sie auf Abstand blieben und nur beobachteten. Jetzt aber begannen sie hin und her zu rennen und der Aufgabe nach zu gehen, die man ihnen zugewiesen hatte.
»Was ist?«, fragte Yelir alarmiert, der nicht verstand, warum Aidina so hektisch war. Er hatte nicht zugehört, sondern sich um Zunae gekümmert.
»Ihre Fruchtblase ist geplatzt«, sagte Aidina noch einmal, aber mit festerer Stimme. »Das Kind ist auf dem Weg.«
Yelir erstarrte und wurde kreidebleich. »Jetzt?«, fragte er, denn es war viel zu früh. Sie hatte noch mehr als einen Monat.
»Vielleicht kann ich ihr helfen, aber wir müssen sie rein bringen«, brachte sie hervor, während sie all ihre Kraft zusammennahm.
Yelir hob Zunae ohne zu zögern hoch und folgte dann Aidina in einen Raum, der nicht mehr als ein Bett aufwies und so sauber war, dass man vom Boden essen konnte.
»Ich sollte …«, setzte Yelir an, weil er von zuhause wusste, dass bei einer Geburt Männer nicht erwünscht waren, doch Aidina hielt ihn auf.
»Ihre Hand halten«, sagte sie, während um sie herum die Diener herbeieilten. Warmes Wasser und frische Tücher wurden gebracht, bis es still im Raum wurde.
Mit stummer Effizienz bereiteten Aidina alles vor, was sie brauchte, um Zunae zu helfen. Vielleicht würde das Kind nicht überleben, doch sie würde alles tun, damit zumindest ihre Schwester am Leben blieb.
Yelir setzte sich zu Zunae aufs Bett und rieb ihre Hand.
Sie wirkte noch immer weggetreten, doch als Schmerzen ihren Körper durchliefen, schlug sie die Augen auf. Gefolgt von einem Schrei, der über ihre Lippen rollte.
In ihrem Blick war zu sehen, dass sie nicht versand, was vor sich ging. Ihre Augen wanderten suchend umher, bis sie bei Yelir hängenblieben. »Es wird alles gut«, versprach dieser und küsste sanft ihre Knöcheln. Die Angst in seiner Stimme war jedoch nicht zu überhören.





















































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