Kapitel 47 – Bis dahin wirst du leben

Kapitel 47 – Bis dahin wirst du leben

 

Aurelie

Sanfter Atem traf auf meinen Nacken und kitzelte mich. Mit einem müden Lächeln auf den Lippen wurde ich aus meinen Träumen geleitet. Ich stieß einen wohligen Laut aus und genoss die Wärme der Brust unter mir.

„Guten Morgen, meine Königin“, raunte es mit tiefer Stimme an mein Ohr, was mich leicht zum Kichern brachte.

„Guten Morgen, ehrenwerter Untertan“, konterte ich und sah auf. Gilead verzog kurz das Gesicht, grämte sich aber nicht weiter. „Ich wünschte, du wärst es nicht“, gestand ich leise.

„Ich bin für dich, was auch immer du dir wünscht“, murmelte er und küsste meine Stirn. „Wie hast du geschlafen?“

„Besser als die letzten drei Jahre zusammen.“ Ich rappelte mich auf, zog mich an ihm hoch und platzierte einen sanften Kuss auf seinen Mund. Die Reibung meiner Beine erinnerte mich daran, was wir gestern getan hatten. „Ich glaube, ich bin wund“, brachte ich hervor und hatte irgendwie das Bedürfnis, zu lachen.

Gilead lachte leise, zog mich wieder zurück in seine Arme und hielt mich fest. „Nun, dann vergisst Du diese Nacht nicht sofort und hast den ganzen Tag etwas davon.“ Er küsste meine Nasenspitze und ließ mich wieder los.

„Danke dafür“, murmelte ich leise und atmete noch einmal tief ein. Ich wollte hier bleiben, ohne Zweifel. Aber ich musste mich gründlich waschen und dann ungesehen hier verschwinden, bevor Cyrus noch etwas davon mitbekam.

Ich richtete mich auf, schwang meine Beine aus dem Bett und rieb mir, auf der Bettkante sitzend, das Gesicht. „Gilead …, falls mein Gemahl dich demnächst zu einem Gespräch ruft, verliere bloß kein Wort über unser … Verhältnis. Bitte. Es ist mir eigentlich … nicht erlaubt, bei jemandem meiner Wahl zu liegen, bis ich dem König einen legitimen Erben geschenkt habe. Es wäre … dein Todesurteil, wenn jemand davon erfährt.“

Die Erkenntnis traf mich mit Wucht. Ich schüttelte bestürzt den Kopf und verschwand ins angrenzende Badezimmer. Zwei Wassereimer standen bereit, mit deren Wasser ich begann, Gileads Samen zwischen meinen Beinen zu entfernen. Es klebte mittlerweile unangenehm. Über die Dauer der Nacht war die weiße Flüssigkeit aus mir herausgelaufen und hatte sich an meinen Beinen festgemacht.



Gilead folgte mir in das Badezimmer, hauchte einen Kuss auf meine Schulter und nahm sich ebenfalls ein Tuch, das er in das kalte Wasser tauchte. Danach begann er, meinen Rücken zu waschen. „Wenn ich gefragt werde, sage ich nur, wir würden uns hier und da über Märchen und Legenden der alten Götter unterhalten. Passt das? Eine Freundschaft kann dir niemand verbieten.“

„Ja“, murmelte ich leise. „Ich denke, das wäre nicht gelogen. Ich glaube, Cyrus hört es, wenn man lügt. Früher dachte ich immer, diese Fähigkeit wäre bloß ein Mythos, aber das dachte ich auch über die Kräfte der Götter.“

Gilead sagte nichts mehr. Er platzierte einen sanften Kuss in meinem Nacken, ehe er mit dem Lappen darüber wischte und so seinen Geruch von mir wusch. Eine Ganzkörperwäsche später verließ ich sein Gemach, ohne Abschiedskuss oder sonst eine erneute Zuneigungsbekundung. Allerdings warf ich ihm einen Blick zu, der tausend Worte und mehr sprach.

Er nickte, lächelte und sagte leise: „Du bist bei mir immer willkommen, Liebste.“

 

Als ich die Schlossflure entlang ging, drang mir erneut Gileads Geruch in die Nase. Verwirrt sah ich an mir herab und fluchte sofort verhalten, als ich realisierte, dass meine Kleidung nach ihm roch.

„Was bringt Euch dazu, solch undamenhafte Worte auszustoßen, Majestät?“

Wie erstarrt blieb ich stehen. Ganz langsam sah ich auf und begegnete daraufhin Timmoks freundlichem Blick. Allerdings wirkte er irgendwie gestresst.

„Timmok. Es freut mich zu sehen, dass auch du wohlbehalten zurückgekehrt bist.“ Ich lächelte und nickte ihm kurz zu. Doch bevor er eine Chance auf Erwiderung hatte, fuhr ich fort: „Ich bin leider in Eile, entschuldige“, und hastete weiter. Nicht, dass er am Ende noch Gileads Geruch an mir wahrnahm!

Kaum hatte ich meine Gemächer betreten, schloss ich sofort die Tür hinter mir, lehnte mich daran und atmete einmal tief aus.

„Ach hier bist du!“ In Sekundenschnelle stand Irina vor mir und verschränkte die Arme. „Ich muss dir sagen, dass Cyrus mich gestern dabei erwischt hat, wie ich abhauen wollte und dass er die Befehlsgewalt über mich übernommen hat. Außerdem soll ich dich den ganzen Tag begleiten – vermutlich um ihm abends alles zu berichten“, schoss es aus ihr hervor, sodass ich in der gesamten Sprechzeit genau einmal ausgeatmet hatte.



Vor den Kopf gestoßen, stand ich da und starrte meine beste Freundin an. Der ich jetzt nicht mehr vertrauen durfte.

„Danke. Ich muss mich umziehen, das mache ich alleine.“ Ich ging in mein Schlafgemach und wollte die Tür schließen, doch Irina stand schon da, stellte den Fuß dazwischen und verschränkte die Arme.

„Es tut mir wirklich leid, Naya. Aber ich kann nicht anders. Es war sein direkter Befehl.“

Kopfschüttelnd seufzte ich einmal tief, ließ sie aber hinein. „Halte Abstand“, verlangte ich und deutete auf die hinterste Zimmerecke. Stirnrunzelnd folgte sie meiner Anweisung.

Ich zog mich aus und warf mir neue Kleidung über. Gleich darauf packte ich die alte Kleidung, ging mit ihr ins Wohnzimmer und seufzte erst einmal tief. Das Feuer war aus. Wer hätte es auch anfeuern sollen.

„Warte da hinten in der Ecke“, wies ich meine Aufpasserin erneut an, in der unbeständigen Hoffnung, sie möge den Geruch an den Kleidern noch nicht bemerkt haben. Dann machte ich mich daran, das Feuer zu entzünden.

Nach kurzem meldete sich Irina sichtlich verwirrt: „Wieso machst du das selbst? Wo sind deine Zofen?“

Ich biss mir auf die Lippe und machte weiter. Irina ignorierte ich. Ich durfte ihr keine Informationen mehr geben. Rein gar nichts.

Als das Feuer erst einmal brannte, warf ich die Kleidung hinein. Ich seufzte leise. Wenn ich das fortan jedes Mal tun musste, nur weil ich meinen Liebsten besuchen wollte, dann würde das ein unglaublicher Verschleiß an Gewändern werden.

„Naya?“, fragte Irina leise und klang hörbar verletzt.

Ich schluckte schwer und hatte Mühe, nicht hier und jetzt zusammenzubrechen und wie ein kleines Kind zu weinen. Schlussendlich setzte ich mich auf den Boden, lehnte meinen Rücken an die Wand neben dem Kamin und betete mein Gesicht in meine Hände.

„Was ist passiert? Warum redest du nicht mit mir?“ Sie blieb immer noch auf Abstand. „Oder wäre es dir lieber gewesen, wenn er mich getötet hätte?“

„Was? Nein!“ Ich riss meine Hände von meinem Gesicht und sah zu ihr auf. „Aber jetzt kann ich mich dir nicht mehr anvertrauen! Alles, was ich sage, wird er in irgendeiner Weise gegen mich verwenden, einfach weil … er mich nicht mag. Oder was weiß ich! Ich verstehe ihn nicht, Irina! In einem Moment habe ich das Gefühl, er findet mich abstoßend, im nächsten nimmt er mich mit Gewalt und schläft dann völlig ruhig neben mir ein!“



„Dann sag ihm das. Sag ihm, dass du den Grund wissen willst und nicht verstehst, warum er so gemein zu dir ist.“ Sie kam auf mich zu, setzte sich neben mich und legte dabei eine Hand auf meinen Oberschenkel. „Ich hoffe ja, er macht mich wieder zu deiner Grigoroi. Das ist für ihn sicher nicht kompliziert. Und dann können wir wieder über alles reden. Ich glaube, er hält sich diese Option offen, denn sonst hätte er mich wohl einfach weggesperrt oder getötet.“

Traurig schüttelte ich den Kopf. „Das ist nicht der Grund, wieso du noch lebst. Ich habe Lee umgebracht. Einen Grigoroi für einen Grigoroi. So seine Worte. Und ließe er dich gehen, mit wem sollte er mir noch drohen? Emili und Aurillia sind in Sicherheit.“ Hoffte ich.

Irina entgegnete daraufhin nichts, sondern zog mich in ihre Arme, wie sie es früher stets getan hatte, wenn ich traurig war. Erst nachdem sie mich einen Moment gehalten hatte, seufzte sie leise. „Ich bin aber da für dich. Ich weiß, du kannst mit mir nicht mehr über alles reden. Aber ich kann dich trotzdem in den Arm nehmen. Er kann die Liebe, die ich für dich empfinde, nicht löschen.“

Meine Arme schlangen sich um ihren Körper und ich vergrub meinen Kopf in ihrem Nacken. Ich nickte. Und dann noch mal, während ich weinte und mich von ihr trösten ließ.

Auch Irina kuschelte sich näher an mich und nachdem meine Tränen etwas weniger wurden, hob sie leicht ihren Kopf. „Wonach riechst du?“ Sie drückte plötzlich ihre Nase an meinen Ausschnitt. „Ich kenne den Geruch irgendwoher …“

„I…Irina!“, empört drückte ich sie von mir weg. „Ich will doch hoffen, dass du mein Parfum mittlerweile kennst …!“, murmelte ich wenig überzeugend.

Sie legte die Stirn in Falten und hob gleichzeitig die Augenbrauen. „Aber es riecht nach Mann, nicht nach Parfüm“, erwiderte sie. „Und es riecht nicht nach Cyrus.“

„Natürlich tut es das nicht. Ich laufe doch nicht freiwillig mit seinem Geruch an mir rum“, versuchte ich auszuweichen.

Irina musterte mich nachdenklich, dann sprang sie auf und ging ein paar Schritte von mir weg. „Ich will keine weiteren Fragen stellen. Entschuldige, dass war unüberlegt von mir.“ Sie senkte traurig den Blick und sah in die Richtung, in der die Zimmer des Königs lagen. „Er soll es bestimmt nicht wissen und ich hoffe, ich kann eventuellen Fragen ausweichen.“



Ihr Blick fiel auf den Kamin. „Du solltest aber die Wäsche nicht mehr verbrennen. Das wird definitiv Fragen aufwerfen.“

„Ja und stattdessen …“, nach Gilead riechen. Na, den Göttern sei Dank, hatte ich mein Mundwerk so gut unter Kontrolle. Nicht.

An der Tür klopfte es. „Herein!“, rief ich laut, stand schnell auf und wischte die letzten Beweise meines eben erlebten Gefühlsausbruchs weg.

Die Tür öffnete sich; Irina bat jemanden herein. Dann vernahm ich Timm’s Stimme. „Majestät, ich hoffe, wir stören nicht“, eröffnete er das Gespräch, „aber der König wünscht, dass Ihr neue Kleider bekommt.“ Ich hörte noch eine weitere Stimme. Der Schneider fragte, wo er seine Tasche abstellen könne.

Innerlich tief seufzend, setzte ich äußerlich ein Lächeln auf. „Natürlich. Alles, was der König wünscht. Die Masse kann mir der Schneider im Wohnzimmer nehmen. Da haben wir genug Platz.“ Das war nicht ganz falsch, aber auch nicht ganz richtig. An Platz fehlte es hier sowieso nicht.

„Ich helfe Ihrer Majestät eben, ein passendes Unterkleid zu suchen“, meinte Irina und kam kurz darauf zu mir. „Passt dir denn noch eins?“ Kritisch sah sie auf meine Oberweite, die heute nicht abgebunden war.

Verlegen schüttelte ich den Kopf. „Nein. Ich habe in letzter Zeit immer in … na, darin geschlafen“, entgegnete ich leise und deutete auf Cyrus‘ Kleidung, die glücklicherweise längst nicht mehr nach ihm roch.

„Dann muss das so gehen!“, entschied Irina und zog mich ins Wohnzimmer.

Der Schneider verzog das Gesicht, als er mich in dieser Aufmachung sah, sagte jedoch nichts dazu und verbeugte sich tief. „Majestät“, grüßte er. „Ich soll eine Handvoll Kleider für Euch nähen. Ein Ballkleid, eines für formale Anlässe, ein Reisekleid …“ Er unterbrach sich kurz, sah zu seinem Koffer und holte Papier sowie einen Kohlestift hervor. „Sowie passende Unterkleidung, Mieder, Nachthemden, einen Mantel …“

Er machte sich eifrig Notizen und sah dabei immer wieder zu mir. „Also eine komplette Garderobe, die einer Königin würdig ist.“

„Sowie Hemden und Hosen“, fügte Timm hinzu, bevor ich es konnte.

Allerdings schüttelte der Schneider den Kopf. „Nein, nein. In dieser Aufmachung kann sich eine Königin nicht blicken lassen.“



„Der König besteht darauf“, meinte Timm. „Einfache Hemden, aber auch ein oder zwei Tuniken. Sie können eng tailliert sein und etwas weiter über die Hüfte fallen, bis zu den Oberschenkeln“, schlug er vor. „Etwas länger als das Hemd, das sie derzeit trägt. Mit Knopfleiste vorn.“

Der Schneider kräuselte die Nase und musterte mich so eindringlich, dass ich glaubte, ich stünde nackt vor ihm. „Ich habe tatsächlich schon Reisekleider, die eine Art Tunika haben, genäht. Darüber käme dann ein Mantel. Der Schnitt dient dazu, den Unterleib warmzuhalten.“

Überrascht sah ich zu Timm, wusste meine Irritation vor dem Schneider aber zu verbergen. Wieso sollte es mir weiter erlaubt sein, Hosen zu tragen? Wieso sollte er auf meine Wünsche Rücksicht nehmen?

„Aber nicht zu lang!“, mischte ich mich ein. „Sonst fällt die Beinfreiheit weg und das ist schließlich der Sinn hinter einer Hose.“ Müssten Männer nicht kämpfen, könnten sie sonst wohl ebenso nervtötende Kleidung tragen wie Frauen. Nur, dass sie sich das niemals antun würden. Und wieso brauchte ich ein Reisekleid?

„Also eine Mischung aus Gehrock und Tunika“, meinte der Schneider und machte sich wieder Notizen. Timm grinste mir zu und zwinkerte kurz mit einem Auge, dann setzte er wieder eine neutrale Miene auf.

„Nun“, machte der Schneider und griff zu einem Maßband. „Dann kann ich jetzt Maß nehmen. Wenn Ihr erlaubt?“ Langsam kam er auf mich zu.

Ich kannte das Prozedere schon aus Kindheitstagen, also streckte ich meine Arme zu beiden Seiten aus und ließ ihn herantraten. „Ihr habt meine Erlaubnis.“

Der Schneider kam auf mich zu, maß mir Arm- und Beinlänge und setzte jeweils einen Knoten in das Seil, der den jeweiligen Abschnitt markierte. Anschließend kam meine Hüfte, wofür er sich mit dem Kopf äußerst nah an meine Bauchdecke wagte. Ich atmete flach, mich stetig ermahnend, dass dies hier nur seiner Arbeit diente. Es galt als außerordentliche Ehre, sich jemandem der Königsfamilie derartig nähern zu dürfen. Und trotz Erlaubnis bemühte sich der Mann, mich möglichst wenig zu berühren, wofür ich wirklich dankbar war.

Nach ein paar weiteren Messungen kamen seine Augen auf meinen Brüsten zum Liegen und ließen mich prompt erröten. Ich schluckte schwer. Nicht nach unten sehen!, mahnte ich mich. Bloß keine Schwäche oder Scham nach außen hin zeigen!



Der Schneider griff unter meinen Armen hindurch, packte die Schnur am anderen Ende wieder, war mit dem Gesicht praktisch in meinem Ausschnitt, als plötzlich die Tür zu meinem Wohnzimmer aufging.

Ausgerechnet der König betrat das Zimmer. Sein Blick ging nur kurz zu Timm und Irina, dann sah er zu mir und unweigerlich zum Schneider. Ein leises Knurren entwich der Kehle meines Gemahls, zischend schnellten seine Fänge hervor. Dann jedoch räusperte er sich und sprach: „Seid Ihr fertig?“

Der Schneider hatte sich völlig versteift; Schweiß bildete sich auf seiner Stirn. Schnell nahm er unterhalb und auf der Brust das Maß, dann trat er eilig zurück. „Ja. Ich empfehle mich“, gab er hastig von sich, packte seine Sachen und verschwand.

Timm nickte mir zu und eilte dem Schneider hinterher, der regelrecht die Flucht ergriffen hatte.

Um Fassung ringend, sah ich zu meinem Gemahl. Was fiel ihm ein, hier den eifersüchtigen Gatten zu spielen?! Am liebsten hätte ich ihn ignoriert oder angeschrien. Eins von beidem. Aber keine der beiden Optionen würde mir helfen. „Was willst du?“, fragte ich schroffer als gedacht. Nun … ich hatte ihn nicht angeschrien.

„Ich habe den Rat für morgen einberufen“, erklärte er und trat näher. Seine Fangzähne waren mittlerweile nicht mehr sichtbar. „Und ich muss über etwas anderes mit dir reden.“ Er sah zu Irina, die sofort nickte und uns alleine ließ. Daraufhin holte er ein Papier aus seiner Tasche hervor, das schon mehrmals zusammengeknüllt worden war. „Hier, ließ selbst.“

Misstrauisch zog ich die Augenbrauen zusammen. „Wieso sagst du mir das? Du sagtest doch, ich darf nicht mehr an den Ratssitzungen teilnehmen?“ Das Papier nahm ich entgegen, las aber noch nicht. Viel eher wuchs in mir das Bedürfnis, von ihm in den Arm genommen zu werden, und ich verstand wirklich nicht, woher.

„Du hast die letzten Wochen die Ratssitzungen alleine abgehalten. Du wirst also bis auf Weiteres dabei sein und sie vorerst auch weiter leiten“, erklärte er sachlich. „Und nun lies bitte den Brief.“

„Geht es dir gut?“, fragte ich gespielt besorgt und legte meine Stirn in Falten.

„Lies den verdammten Brief!“, donnerte er nun ungeduldig.

Er hatte Bitte gesagt! Bitte! Er bat mich niemals um etwas! Aber offenbar war er jetzt wieder geheilt. Tonlos seufzend, öffnete ich das zerknitterte Papier und begann zu lesen.



 

An: König Cyrus, Nachkomme aus dem Geschlecht des Ora-Fides

Cyrus,

Unter keinen Umständen dürft ihr der Königin das Leben nehmen. Wenn mit ihr die Blutlinie der Ignis-Robur ausstirbt, stirbt auch ihr Stern. Er wird auf unsere Welt hinabstürzen und alles Leben vernichten.

Ihr müsst die Königin beschützen, Majestät. Ich bitte Euch inständig! Die Königin muss leben, die Blutlinie der Ignis-Robur muss fortbestehen!

Hochachtungsvoll,

Signiert: Fürst Kretos, Nachkomme aus dem Geschlecht des Vide-Ludoris

 

Eine Weile starrte ich auf den Brief, unwissend, wie ich mit dieser neuen Information umgehen sollte. Kretos hatte also eine Vision gehabt. Und darin hatte mich der ehrenwerte König tatsächlich getötet. Ich starrte auf diesen Brief und wusste nicht recht, wie mir geschah. Hatte ich zuvor gerade noch eine Umarmung gewollt?

Meine Fangzähne drückten sich zornig durch, obwohl ich selbst noch immer apathisch auf das Schreibstück starrte. Mehrere Sekunden später wanderte meine Hand zu meinem Mund. Und dann lachte ich ungläubig auf. Und nochmal. Ich warf das Pergament an seine Brust und starrte zu ihm auf.

„Ernsthaft? Deswegen der Blutschwur, ja? Deswegen zwingst du mir dieses Gefühl auf, dir nahe sein zu wollen?! Weil du mich nicht töten darfst?!“ Ich schrie mittlerweile. „Du bist so unglaublich erbärmlich, weißt du das?“ Kopfschüttelnd wandte ich mich von ihm ab. Wieder erfasste mich dieses Gefühl, das mir versprach, es würde alles gut werden, wenn ich mich nur in seine Arme begab. Aber das konnte er knicken! Ein genervtes, aggressives Fauchen verließ meinen Mund, ehe ich mich wieder zu ihm umdrehte und ihn anklagend anschaute.

Ich wünschte, du hättest es getan!, schrien meine Gedanken. Dann könnte er jetzt sehen, wo er blieb. Mich würde es nicht mehr kümmern!

„Du brauchst ein Kind“, erwiderte er tonlos. „Mein Kind. Bis dahin wirst du leben.“

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