39. Geisterhaus

Wütend fuhr ich weiter, legte mich ordentlich ins Zeug. Die Strecke verlief offenbar parallel zum Deich, dem Wellenrauschen nach zu schließen, das die ganze Zeit nicht leiser wurde. Aber wohin führte sie? Ich hatte keinen blassen Schimmer. Wenigstens gelang es mir bald, die anderen wieder einzuholen. Ich wollte einen lockeren Spruch bringen, etwas wie „Bin wieder zurück“ – da hörte ich ihr Lachen und Gackern: Es klang mittlerweile völlig überdreht, fast hysterisch. Hielten sie unsere Aktion immer noch für pure Gaudi? Spürten sie denn gar nichts von der bedrohlichen Stimmung? Dann mussten wahrlich Welten zwischen ihnen und mir liegen…
In diesem Moment stieg landeinwärts grelles, kaltes Leuchten in die Höhe und breitete sich pulsierend über den nächtlichen Himmel. Ein bizarres Wolkenmuster erschien, das an gesplittertes Glas erinnerte, zugleich wuchs am Horizont die Silhouette eines Waldes pechschwarz aus dem Boden. Dann erstarb der Lichtschein, neues Dunkel fiel herab, tiefer und absoluter als zuvor.
Die Unterhaltung der anderen war jäh verstummt. Erst nach einer Weile hörte man Silke ängstlich fragen: „Schaffen wir’s noch rechtzeitig?“
„Kann dauern, ehe das Gewitter hier ist“, meinte Heiner in seiner typischen, emotionslosen Art. „Bis dahin sind wir längst im Geisterhaus.“
Das Geisterhaus! Die beiden Selbstmörder, der eisige Luftstrom aus den Katakomben, dazu mein fataler Stimmungsumschwung der letzten Tage, die Angst, die unvermittelt zurückgekehrt war und sich jetzt immer mehr verstärkte… all das hing zusammen, ganz eindeutig! Aber wo war der rote Faden, der die einzelnen Teile miteinander verknüpfte? Der ebenjenes Muster entstehen ließ, jenes Netz, in das ich eingewoben war? Es gelang mir einfach nicht, ihn zu finden.
Wir stiegen wieder auf die Räder. Bald hörten die Knicks an den Wegrändern auf, stattdessen sah man nun die kräftigen Maserungen von Baumstämmen. Über unseren Köpfen rauschte das Laub im Sturmwind, manchmal strichen herabfallende Zweige und Blätter durch unsere Lichtkegel. Wir hatten wohl den ominösen Wald erreicht, der eben im Wetterleuchten erschienen war. Als wir holpernd ein Gleis überquerten, dämmerte mir allmählich, wo wir waren: Dies musste der Bahnübergang sein, den ich schon nachmittags mit dem Dampfzug passiert hatte. Genau an dieser Stelle hatte Kristina das Geisterhaus zum ersten Mal erwähnt, auf der Pfingstwanderung mit mit Hartmann. Wären wir damals bloß zum Ferienzentrum gegangen, wie von Bernd vorgeschlagen! Bestimmt hätte ich unser heutiges Abenteuer dann mehr genossen, auch bloß einen Spaß darin gesehen, wie die anderen.
Nach einiger Zeit kamen wir an eine Straße, bogen kurz darauf in einen neuen Feldweg. Schließlich mussten wir absteigen und schieben, unsere Fahrradlampen glommen nur noch schwach. Dafür leuchtete es durch das Blätterdach jetzt oft grell auf – das Gewitter konnte nicht mehr weit weg sein. Ich torkelte hinter den anderen her wie ein Besoffener. Die Angst, sie zu verlieren, war quälender denn je.
Schwarze Messen, tote Sektenmitglieder, geheimnisvolles Wispern und Zischeln auf der Kellertreppe, der Sog hinab ins Gewölbe – wo war der Zusammenhang zwischen all dem? Und welchen Platz nahm ich ein in diesem Mosaik? Manchmal hatte ich das Gefühl, kurz vor der Lösung zu stehen – und fand sie dann doch nicht. Nur eins wusste ich: Es war Wahnsinn, was wir vorhatten, kompletter Wahnsinn! Auf keinen Fall durfte ich dieses Haus wieder betreten. Ich musste weg von hier, sofort, oder ich rannte in mein Verderben! Aber ich fühlte mich wie paralysiert, konnte bloß wie ein Roboter den anderen folgen.
Immer wieder meinte ich nun im Wetterleuchten Schatten zwischen den Bäumen zu erkennen, die Umrisse menschlicher Körper, leblos herabhängend und im Wind hin- und her schwingend. So langsam gingen die Halluzinationen wohl mit mir durch. Als wir schließlich auf die Lichtung hinaustraten, zuckten die Blitze bereits im Stakkato. Bei jedem Aufscheinen enthüllten sich die bizarren Umrisse des Geisterhauses, das Eingangsportal wirkte auf einmal wie ein großer, weit aufgerissener Schlund.
Jürgen knipste seine Taschenlampe an, wir holten tief Luft – und tauchten ins Dunkel. Zitternd fuhr der Lichtstrahl über fleckige, bemooste Wände. Der Atem stand uns wie Dampf vor den Mündern. Die leeren Türfüllungen zu beiden Seiten erinnerten an Eingänge in Verliese oder Höhlen. Wir durchquerten die Küche, erreichten den Seitenflügel. Endlich zeigte sich vor uns ein rötliches Leuchten. Kurz darauf betraten wir den Terrassensaal.
Im Kamin prasselte ein helles Feuer. Bernd hockte davor und stocherte mit einem Ast in der Glut herum. Der Abzug musste verstopft sein: Rauch quoll aus der Kaminöffnung, sammelte sich unter der Saaldecke und zog von dort durch die leeren Fensterhöhlen ins Freie. Weiter hinten steckten Fackeln im rissigen Steinboden und sorgten für zusätzliches Licht. Erst jetzt sah ich, dass auch Micha und Schohl hier waren. Offenbar hatte Bernd seinen Mund nicht halten können und ihnen von der Party erzählt.
Wir rückten die Matratzen ein Stück vom Feuer weg, um dem Qualm nicht so nahe zu sein, und setzten uns. Weinflaschen wurden geköpft, Verschlüsse von Bierdosen gerissen, harte Drinks gemischt. Schohl, Heiner und ich ließen zudem eine Tüte kreisen. Micha lehnte ab. „Alk und Dope zusammen – besser nicht.“ Das stimmte eigentlich, aber egal – ich spülte trotzdem nach jedem Zug hektisch mit Rotwein nach. Aus dem Ghettoblaster kamen seltsame Klänge: nölender Gesang, unterlegt mit schwebenden Keyboards und monotonem Schlagzeug. Drogenmucke, garantiert von Schohl.
Das Wetterleuchten über den Bäumen im Garten erinnerte mittlerweile an das Flackern einer riesenhaften Feuerwand. Massives Donnern ließ immer wieder den Boden erzittern, erste Tropfen fielen laut klatschend auf die Terrasse. Schließlich brach das Unwetter mit voller Gewalt los: Kaskaden von Lichtadern zerrissen den Himmel, die Donnerschläge kamen jetzt wie Explosionen, die Wolkengebirge erinnerten an gigantische Rauchschwaden. Im Schein der Blitze sah man, wie sich der Garten allmählich in einen See verwandelte; höher und höher stieg das Wasser…
Mich konnte all das nicht mehr erreichen. Dope und Alkohol taten endlich ihre ersehnte Wirkung, ich spürte nur noch Gleichgültigkeit. Selbst Maren erschien mir auf einmal fremd und unbedeutend. In der Nordstadt hatte mal jemand erzählt, dass man seine wahren Gefühle erst erkennt, wenn man stoned ist. Daran musste ich jetzt denken. War dies mein wahres Gefühl? Liebte ich Maren gar nicht? War in Wirklichkeit immer diese Leere um mich, diese weltraumartige Kälte?
Nach und nach legte sich der Gewittersturm. Die Detonationen wurden wieder zu undeutlichem Grummeln in der Ferne, von den Blitzen blieb nur regelmäßiges Wetterleuchten. Allein der sintflutartige Regen wollte nicht weniger werden. Ich sah Silke und Jürgen hinausgehen. Schohl starrte abwesend in die Luft und rührte sich nicht mehr. Micha fummelte mit fahrigen Bewegungen am Recorder herum, der seinen Geist aufgegeben hatte. Heiner war längst eingepennt. Wo Bernd und Kristina abgeblieben waren, wusste ich nicht.
Jemand nahm meine Hand, zog mich hinter sich her – Maren. Die Kondome in meiner Jackentasche fielen mir ein – wir hatten verabredet, heute Nacht miteinander zu schlafen. Erst gestern war das gewesen, aber es schien wie eine Erinnerung aus anderen Zeiten. Der Hauke, der ihr dieses Versprechen gegeben hatte, war im Verschwinden begriffen, existierte fast schon nicht mehr. Sie würde alles verlieren, wie schon einmal… warum nur, warum?
Ich nahm eine Fackel, leuchtete uns den Weg in einen der hergerichteten Räume. Maren breitete den Schlafsack auf den Matratzen aus. Ich goss Wein auf die Fackel, um sie zu löschen. Dann zogen wir uns nackt aus und krochen in den Schlafsack. Noch immer war das Rauschen des Regens zu hören. Und manchmal kam letztes, schwaches Wetterleuchten zum Fenster herein.
Die Schwarzen Messen, der Selbstmord… wo mochte es passiert sein? Vielleicht hier, in diesem Raum? Ein Schaudern durchlief mich von oben bis unten. Ich fühlte mich ausgekühlt, als käme ich geradewegs aus dem strömenden Regen.
„Bist du krank?“, flüsterte Maren.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich möchte mich wieder anziehen.“
„Okay.“
Wir streiften die Klamotten über und kuschelten uns zusammen in den Schlafsack. Ich legte den Kopf auf ihre Brust. Sie strich mir durchs Haar.
„Schlimm?“, fragte ich.
„Nein.“, kam es nach einem kurzen Moment leise zurück.
Sie tat mir so unendlich Leid. Ich merkte, dass ich Tränen in den Augen hatte. Irgendwann schlief ich ein.
***
Als ich aufwachte, war das Wetterleuchten vorbei. Auch der Monsunregen hatte aufgehört, es tröpfelte nur noch leise. Maren schlief, ich spürte, wie ihr Brustkorb regelmäßig auf- und niederging. Meine Kehle war trocken wie Pergament, mir brummte der Schädel. Und in den Ohren hatte ich ein fortwährendes, nervtötendes Sirren.
Aber kam das wirklich aus meinem Kopf? Vorsichtig öffnete ich den Reißverschluss des Schlafsacks und setzte mich auf: Die Finsternis schien erfüllt von einem fernen, spukhaften Wispern, kaum hörbar und doch intensiv, alles durchdringend. Mit ihm strömte Kälte heran, so eisig und klamm, dass ich fast erstarrte.
Etwas war hier. Etwas Fremdartiges, Unheimliches. Es hing in der Luft, klebrig, lähmend, bösartig. Zugleich wanderte es umher, geisterte wie Nebelschwaden durch die Räume, über Flure und Treppen: ein unaufhörliches Raunen und Zischeln. Manchmal lösten sich einzelne Stimmen aus dem Strom, huschten über Wände und Deckengewölbe… und glitten zurück ins Ganze, vereinigten sich wieder mit jenem schaurigen Singsang, der klang, als käme er direkt aus dem Totenreich.
Die Katakomben! Das, was dort unten hauste, war tatsächlich nach oben gekrochen! Es musste längst überall sein – auch hier, in diesem Raum! Ja, nun spürte ich es: eine Art Kraftfeld, wie vorhin am Weg nach Hoheneck, aber diesmal viel näher. Starke Wellen durchliefen mich, hüllten mich regelrecht ein. Und statt Kälte kam plötzlich wieder diese Wärme, auch der schwingende Ton, dieses grausige Heulen, das einem die Haare zu Berge stehen ließ… es war direkt über mir!
Im nächsten Moment sah ich mich rennen. Über den Flur ins Terrassenzimmer und durch alle Räume. „Raus hier!“, schrie ich immer wieder. Auf keinen Fall durften wir an diesem Ort bleiben!
Ich beruhigte mich erst wieder, als wir alle vorm Haus standen. Die anderen hatten schreckensbleiche Gesichter und waren völlig außer Atem. Bernd und Kristina hatten sich nur notdürftig ihre Klamotten übergestreift und waren völlig erschrocken über mein Gebrüll nach draußen gerannt.
„Mensch Hauke, bist du übergeschnappt?“, fauchte Micha, so heftig, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. „Weshalb drehst du hier so durch?“
Erst jetzt sah ich, dass alle reichlich planlos guckten. Niemand außer mir wollte etwas bemerkt haben. Ich war perplex. Nahmen sie mich aufs Korn? Machten sie sich lustig?
„Und woher kam diese Eiseskälte?“, stotterte ich verwirrt. „Soll die etwa normal gewesen sein?“
Bernd lachte. „Klar war es kalt, nach dem Gewitter. Ihr hättet halt am Kamin bleiben sollen.“ Er knuffte mir freundschaftlich in die Seite.
Allmählich kapierte ich, dass die anderen keine Scherze mit mir trieben. Sie meinten es definitiv ernst.
„Lasst uns die Sachen holen und abhauen“, murmelte Heiner. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen.
Ich wollte auf keinen Fall ins Haus zurückgehen. Jürgen blieb mit mir vor der Tür. „Vielleicht hast du einfach zu viele Geschichten über das Geisterhaus gehört.“, überlegte er.
Hier draußen konnte man sehen, dass es bereits dämmerte. Plötzlich kam mir meine Panik selbst lächerlich vor. Vielleicht war mir der Joint nicht bekommen? Das Kiffen hatte schon einmal einen Horrortrip bei mir ausgelöst.
Als alle sich beruhigt und in der Zwischenzeit ihre Sachen geholt hatten, fuhren wir los. Die Landschaft wirkte unter dem grauen, schweren Himmel völlig verändert. Der Sturm hatte die Felder zerzaust, die Wege waren mit abgerissenen Ästen und Zweigen übersät. Sogar umgestürzte Bäume sahen wir.
Ich musste wieder an meine Panik im Geisterhaus denken, mein Schreien, die Flucht. Wahrscheinlich hatte ich mich damit ganz schön blamiert. Ich konnte froh sein, wenn die Sache sich nicht herumsprach.
Aber hatte ich mir wirklich alles bloß eingebildet, die Kälte, dieses Wispern, das Kraftfeld? Ich konnte es einfach nicht glauben – dazu war alles viel zu deutlich gewesen, zu echt. Irgendetwas war da vor sich gegangen, ganz bestimmt!
Maren – sie war meine letzte Hoffnung. Sie musste einfach etwas mitbekommen haben, immerhin hatte sie direkt neben mir gelegen. Kurz vor Schönhagen fragte ich sie leise:
„Hast du vorhin auch nichts gemerkt?“
Sie schaute mich an, in ihrem Blick eine Mischung aus Bedauern und Mitleid. Kaum merklich schüttelte sie den Kopf. Es war, als würde die letzte, rettende Tür zuschlagen.
Schweigend fuhren wir ins menschenleere Dorf ein.

































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