Kapitel 61 – Herzog Lelier

Kapitel 61 – Herzog Lelier

 

Cyrus

Ich starrte die Einladung an und war kurz davor, sie zu zerreißen.

 

… zur Geburt unseres Sohnes …

Herzogin Lelier

 

Die Geburt eines Kindes unter Vampiren war selten, daher wurde der König und, falls das Kind einem der Fürstentümer geboren wurde, auch der entsprechende Fürst zur feierlichen Weihe eingeladen. Ein Ritual, das der Hohepriester leitete, um dem Kind einen Namen zu geben und es in die Gemeinschaft aufzunehmen. Es wurde gesegnet, auf dass es rasch an Stärke gewinnen möge und früh in die Reife käme. Ein Grund zum Feiern. Und als ich noch Fürst der Ostlande war, war ich gerne zu solchen Kindsweihen gegangen. Aber speziell in diesem Fall sah die Lage anders aus.

Ich seufzte tief, lehnte mich zurück und sah zu Aurelie, die ich hatte überreden können, in meinem Arbeitszimmer zu lesen. Die letzten drei Tage liefen gut. Sie aß wieder und kam zu Kräften. Ich ließ sie in Ruhe und vergnügte mich im Harem. Wir frühstückten zwar nicht mehr im Bett, aber ich hatte Aurelie diese Privatsphäre zugestehen müssen. Aus reinem Selbstschutz. Denn ich roch ihre allmorgendliche Erregung, die es mir verdammt schwer machte, mich zu beherrschen.

Ich sah wieder auf den Brief und verzog meinen Mund. Diese Entscheidung konnte ich nicht ohne Aurelie fällen. Nicht bei der Tragweite. „Wir wurden eingeladen“, erklärte ich schlicht, um ihre Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen.

„Hm?“ Sie sah nicht auf.

„Zu einer Kindsweihe. Herzogin Lelier hat einen gesunden Sohn zur Welt gebracht“, erklärte ich und betrachtete Aurelie neugierig. Wie sie wohl mit einem Kind auf den Armen aussehen würde?

Kurz hob sie den Blick stirnrunzelnd vom Buch, doch bald senkte sie ihn wieder darauf ab, die Stirn geglättet. „Ach das …“, murmelte sie leise.

„Ich bin mir unsicher, ob wir hinfahren oder die Herzogin mit dem Neugeborenen zu uns bestellen. Was wiederum zu noch mehr Problemen führen kann.“ Ich stand auf und ging zu Aurelie, obwohl ich ihre volle Aufmerksamkeit bereits hatte. „Der zweite Mann im Kerker … Gab es einen Grund, dass Ihr ihn am Leben gelassen habt? Denn er ist vor wenigen Tagen Vater geworden.“

Aurelie erstarrte. „Wie bitte? Das kann doch nicht … wahr sein“, flüsterte sie und starrte vor sich in die Leere. „Deshalb also …“, hauchte sie fassungslos.



„Deshalb … was?“, fragte ich nach. Mir war klar, dass ihre Entführung traumatisch gewesen sein musste, daher ging ich vor ihr in die Hocke und ergriff ihre Hände. „Ich kann auch alleine hingehen. Wahrscheinlich ist es sogar egal, wie wir uns entscheiden, es kann so oder so als Beleidigung aufgefasst werden.“ Ich strich vorsichtig über ihre Hände, um sie zu beruhigen.

„Nein, wir gehen hin. Es kann nicht sein, dass wir uns davon aufhalten lassen, ein Kind zu begrüßen, nur weil es einen Anschlag auf mich gegeben hat. Und … naja, der Gefangene war zumindest erst dagegen, mich zu töten. Ich war immerhin noch ein Kind. Auch bei der Folter hat er zuerst, und das auch relativ geduldig, versucht mich zu überzeugen, die Dokumente einfach zu unterzeichnen, anstatt mich störrisch zu stellen.“ In Gedanken merklich abwesend, befeuchtete sie mit ihrer Zunge die trockenen Lippen. Ihr Blick lag auf unseren Händen, gleichzeitig aber auch wieder nicht. „Natürlich hat er es zum Schluss trotzdem erlaubt. Jedoch nur, weil ich mich beharrlich geweigert habe. Und schließlich, als meine Zähne dann durchgebrochen sind, da hat er mir geholfen. Und mich von sich trinken lassen.“

„Es war also sein Blut, das Ihr getrunken habt.“ Irgendwie versetzte mir das einen Stich. Meist waren es die Eltern oder nahestehende Angehörige. In meinem Fall war es meine Tante gewesen. Der erste Biss sonderte normalerweise noch kein Gift ab, somit war das nicht weiter problematisch. Ich riss mich von meinen Erinnerungen los und konzentrierte mich wieder auf die aktuelle Situation. „Es kann eine Lüge sein, um uns in das Haus zu locken, Aurelie. Es besteht die Möglichkeit, dass dort kein Neugeborenes auf uns wartet, sondern die Aufständischen.“

„Nein, da ist ein Neugeborenes. Ich habe davon gehört, als ich in der Stadt war. Uns wird dort keine Gefahr erwarten, ich bin mir sicher. Aber es wäre ein Zeugnis von Schwäche und Beleidigung, blieben wir fern.“

„Und wenn die Frau dazu gezwungen wurde, uns einzuladen?“, hakte ich nach. „Wie könnt Ihr Euch so sicher sein?“

Sie machte ein nachdenkliches Geräusch. Dann blickte sie auf, mir direkt in die Augen. „Wissen wir mehr über die Familie? Brüder, Schwestern, Verwandte?“



„Der Herzog ist Einzelkind, sein Vater starb bei dem großen Sklavenaufstand, seine Mutter beging Selbstmord.“ Ich schwieg einen Moment. Die Kämpfe waren blutig gewesen. Auch ich hatte in den Krieg ziehen müssen. Ich hatte an der Seite der Royalisten im Goldenen Reich kämpfen müssen, obwohl ich nicht gegen Sklaven kämpfen wollte. Hätte ich mich jedoch geweigert, wäre ich wegen Hochverrat angeklagt und verurteilt worden. Der König hätte sich die Ostlande geschnappt, wie er es schon lange vorher wollte … „Die Herzogin hat einen älteren Bruder. Ein Markgraf, Erming ist der Familienname. Er hat zwei Kinder, eine Frau und lebt in den Südlanden.“

Aurelie schmunzelte. „Uns droht dort keine Gefahr, Cyrus.“ Sie drückte kurz meine Hände, ließ aber schnell wieder davon ab, als sie realisierte, was sie da tat, und zog ihre Hände zurück. „Lebt er denn jetzt noch? Ich würde gern mit dem gewordenen Vater sprechen. Auch wenn sein Tod bereits besiegelt ist, verdient er zu wissen, dass sein Kind gesund zur Welt gekommen ist.“

„Ja, er lebt. Tatsächlich war er vor ein paar Tagen recht redselig. Nur deshalb weiß ich, wer er ist.“ Ich schwieg einen Moment, setzte mich direkt vor Aurelies Füßen auf den Boden und starrte in Richtung Fenster auf. „Ich glaube, dass er gespürt hat, dass er Vater geworden ist. Und ich denke auch, dass er noch mehr sagen wird. Er könnte als wichtige Informationsquelle dienen“, gab ich nachdenklich von mir. Ich hatte die Hoffnung, dass er mir Namen gab. Vielleicht wenn er die Aussicht auf ein gemeinsames Leben mit seiner Familie hatte.

„Du willst ihn behalten“, stellte sie fest. „Auf ewig im Kerker? Ausbeuten, bis wir …“ Sie räusperte sich. „Bis Ihr sämtliche Aufstände niedergeschlagen habt und ihn dann töten?“

„Oder begnadigen“, überlegte ich laut und sah wieder zu Aurelie. „Auch wenn ich weiß, dass Ihr dagegen seid.“

„Bin ich grundsätzlich nicht. Ich mache mir nur Sorgen um den Ruf des Königshauses. Einer der Angreifer, der versucht hat, die Königin zu töten, wird begnadigt? Was sagt das Eurem Volk? Sollte er wirklich redselig sein, würde ich es bevorzugen, ihn zu begnadigen. Es sind schon genug Vampire gestorben, weil ich als Königin versagt habe.“ Ihre letzten Worte wurden von einem schweren Schlucken begleitet.



„Du hast nicht versagt. Es waren schwere Zeiten. Das waren sie schon immer. Vor allem hier. Ich habe nur verdrängt, wie verpestet das Goldene Reich ist. Zerfressen von Macht, Gier und Korruption.“ Ich schloss die Augen und lehnte mich an ihre Beine. Trauer und Ratlosigkeit überkamen mich. Das Gefühl, nie etwas ändern zu können, erdrückte mich fast. „Wir können den Hass, der sich über Jahrhunderte in die Herzen der Vampire gefressen hat, nicht in wenigen Monaten aufweichen.“

Ihre Hände fanden ihren Weg in mein Haar und begannen gedankenverloren meine Kopfhaut zu kraulen. Gleichzeitig drückte sie mein Haupt näher an ihre Beine, sodass es schließlich auf ihrem Schoss zum Liegen kam.

„Also reiten wir hin? Es ist mit der Kutsche etwa einen halben Tag entfernt. Eher weniger. Und danach können wir immer noch überlegen, was wir mit dem Herzog im Kerker machen.“ Ich genoss es, ihre Finger zu spüren. Ihr nahe zu sein, ohne dass wir uns stritten. Aber aus Erfahrung wusste ich, dass dies nicht lange halten würde.

„Ja, wir reiten. Aber wollen wir es ihm nicht vorher sagen? Du wolltest es doch sicher auch wissen, wenn ich…“ Abrupt stoppte sie. „Vergiss, was ich gesagt habe.“ Sie löste sich von mir, schob meinen Kopf von sich und stand hastig auf. „I…ich gehe auf meine Gemächer …“, sagte sie mit hochrotem Kopf und eilte aus meinem Arbeitszimmer.

Ich sah ihr nachdenklich hinterher. Immerhin kein Streit. Es fühlte sich trotzdem schlecht an, denn es hatte sie daran erinnert, warum sie im Harem gelandet war.

Ich stand auf, nahm den Brief sowie ein paar Bögen Papier und einen Kohlestift. Damit ging ich hinunter in den Kerker. Timm begleitete mich. Vor der Zelle des Mannes blieb ich stehen und wartete auf eine Reaktion.

Er hatte Blut zu trinken und auch etwas zu essen bekommen. Alles in Massen, natürlich. Aber er war wohlauf. Sein Blick lag brennend auf mir. Schon seitdem ich den Kerker betreten hatte. Seit der Geburt seines Kindes hatte sich sein Verhalten von Grund auf geändert. Wo er vorher abweisend oder einfach nur still gewesen war, war er mittlerweile darum bemüht, mich möglichst gnädig zu stimmen. Ich sah seinen Kehlkopf hoch- und anschließend wieder herunterspringen. „Mein König“, begrüßte er mit trockener Kehle und senkte unterwürfig den Blick. Auf die Knie ging er nicht, immerhin saß er bereits am Boden, den Rücken an die kalte Kerkerwand hinter sich gelehnt.



„Ich gratuliere Euch zu einem gesunden Sohn, Herzog Lelier. Wir haben heute die Einladung zur Kindsweihe erhalten.“ Ich blieb am Gitter stehen und hielt die Einladung zur Hälfte in die Zelle.

Der Mann erhob sich mit glänzenden Augen und griff vorsichtig nach dem Pergament. Kein Zeichen von Aggression, nur der leidende Ausdruck eines Mannes, der sein Kind in den Armen halten wollte. Er öffnete das gefaltete Pergament und drehte den Rücken zu mir, um das Licht der Fackeln im Gang einzufangen. Es stand nicht besonders viel darauf. Es waren die Worte, die jede Einladung in sich bargen.

„Ich weiß, dass Hass, der so tief sitzt, nicht in kürzester Zeit verschwinden kann. Aber er wird weniger“, sprach ich leise. „Was definitiv nicht hilft, ist Rache.“ Die hatte ich. Und ich fühlte mich dadurch nicht besser. Die Schultern des Mannes sanken nach unten, daher sprach ich weiter. „Der Krieg war damals hässlich. Aber wenn ein Vampir starb, starben im Gegensatz zwanzig, dreißig Menschen. Der Bestand der Sklaven im Goldenen Reich war fast vollständig eliminiert worden. Der Vorteil der Menschen ist jedoch ihre kurze Lebensspanne. Es liegt für sie so viele Generationen zurück, dass sie es mittlerweile vergessen haben.“ Auch Aurelie würde nie vergessen, wie ihre Familie gestorben war. An Tagen wie diesen ahnte ich, dass wir einander irgendwann gegenseitig töten würden.

Meine melancholischen Gedanken beiseiteschiebend, sprach ich weiter: „Ihr könnt die Menschen oder die Krone noch so sehr hassen. Euer Vater wird dadurch nicht mehr lebendig. Aber nun habt Ihr einen Sohn. Er verdient einen Vater, der nicht von Hass und Rachegelüsten getrieben wird.“

Rau und traurig erklang seine Stimme: „Er wird seinen Vater niemals kennenlernen. Ihr habt recht. Hass verschwindet nicht so leicht. Aber die Königin zu entführen war ein Fehler, das sehe ich ein. Es hätte andere Wege geben müssen, die Menschen wieder unter Kontrolle zu bringen.“ Er schüttelte ungläubig den Kopf und drehte sich wieder zu mir um. „Das Kind konnte ja noch nicht einmal lesen.“

„Kind?“ Meine Mundwinkel zuckten. „Ihre Majestät kann seit Jahrzehnten lesen. Ist Euch nie in den Sinn gekommen, dass sie sich absichtlich dumm gestellt hat, um Zeit zu schinden?“ Ich lächelte. „Sie war schon vor ihrer Reife sehr intelligent und jetzt, danach, umso mehr.“ Ich reichte Blätter, Schreibfeder und Tinte durch das Gitter. „Hier. Ihr könnt Briefe schreiben. An Eure Frau. An Euren Sohn.“ Und wenn er klug war, würde er auch der Königin einen Brief schreiben. Aber auf die Idee musste er selbst kommen. „Und Ihr könnt schreiben, wie ihr zum Aufstand gekommen seid. Wer Euch angeworben hat. Ich möchte Namen.“



Nachdenklich nickte er. „Danke, Majestät.“

„Wir reisen morgen früh los. Ihr solltet keine Zeit verlieren.“ Ich wandte mich ab und nickte Timm zu. Gemeinsam verließen wir das stinkende Kerkergewölbe. Im Flur blieb ich stehen. „Geh zum Schneider und lass dir die Kleider geben, die er fertig hat. Die Königin wird davon eins tragen, wenn wir morgen früh zur Kindsweihe fahren.“

„Natürlich. Soll Irina euch begleiten?“

Ich presste die Lippen zusammen. Aurelie hatte immerhin keine Zofen mehr. „Ja, sie wird Ihrer Majestät beim Ankleiden und Frisieren helfen. Ich will auch, dass mich vier meiner Grigoroi begleiten. Du bleibst hier.“ Da blieben leider nicht mehr viele übrig. Nicht, nachdem Aron, Eran und Lee von uns gegangen waren und Elok noch immer als verschwunden galt. Daher korrigierte ich mich: „Nein, nur Ikzil und Amaro. Galderon und Stinan haben ihre Aufgaben hier.“

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