Kapitel 5 – Ein Gott, kein Gott
Kapitel 5 – Ein Gott, kein Gott
Aurelie
Gut gelaunt huschte ich durch die Gänge und summte dabei. Gerade kam ich von einem Schwerttraining zurück. Cyrus dachte, ich wäre wieder auf der Suche nach der Schatzkammer. Das dachte er immer. Aber hier, in meinem Reich, konnte er mich nicht kontrollieren. Und das ging ihm gehörig auf die Nerven. Genauso wie die Tatsache, dass ich ihm im letzten Monat kein einziges Mal Zugang zu meinem Bett oder Schoß gewährt hatte. Seit dem Ball nicht mehr. Wie lange war das jetzt eigentlich her? Zwei Monate? Oder schon mehr?
Derweil befriedigte ich mich meistens selbst. Lyssa war einer depressiven Stimmung verfallen, wie ich sie noch nicht einmal als Sklave verspürt hatte. Aber vielleicht lag es daran, dass ich damals noch ein Kind gewesen war …
Ich kletterte aus dem Zugang im Gästeflügel. Ganz so, wie mein Gemahl es mir befohlen hatte. Und da wartete auch schon Irina auf mich, die leidig den Mund zu einem Strich verzog.
„Ja, ja, ich weiß“, brummte ich nur. Meine gute Laune war verflogen. Meine Sticheleien hatte ich wohl etwas übertrieben, denn er hatte Irina verboten, auch nur ein einziges Wort mit mir zu wechseln. Als Strafe, da er sich offenbar nicht mehr anders zu helfen wusste. Außerdem musste sie ihm abends immer haargenau berichten, was sie von meinem Ausflug mitbekommen hatte. Normalerweise – also wenn ich wirklich nach der Schatzkammer suchte – dann war da nichts. Aber heute roch ich verständlicherweise nach Schweiß.
„Und wie geht es dir?“, fragte ich. Irina verdrehte die Augen. „Hm, ja, verstehe.“ Sosehr ich diese Frau auch liebte … mein Gemahl drängte einen Pfahl zwischen uns. Noch nicht einmal mehr unterhalten durften wir uns. Vor meinem Zimmer blieb sie stehen und hob zum Gruß die Hand. Ihr Gesicht verzog sich gequält, so wie beinahe jeden Tag. „Ich hab dich auch lieb“, sagte ich seufzend und verschwand daraufhin in meinen Gemächern. Was Cyrus da abzog, war einfach nur kindisch.
Es war schon spät, wie ich mit einem Blick aus dem Fenster jetzt erst realisierte. Und als ich mein Schlafzimmer betrat, war etwas nicht wie sonst.
„Lys?“ Normalerweise verbrachte sie praktisch den ganzen Tag im Bett. „Lys, wo bist du?“ Ich machte kehrt und ging direkt ins Wohnzimmer. Dort lag sie auf dem Sofa und hielt sich ein Kissen übers Ohr. Stirnrunzelnd ging ich hin und nahm es ihr weg. Natürlich hatte sie mich auch durch das Kissen gehört … sie wollte nur nicht. „Lyssy, wenn du mir nicht sofort sagst, was los ist, dann umarme ich dich“, drohte ich. „Und ich glaube, da läuft mir noch die eine oder andere Spinne im Haar herum.“
„Ah! Nein!“, Lyssa rutschte von mir weg und deutete dabei aufs Schlafzimmer. „Guck doch einfach nach! Wobei es nicht zu überhören ist.“
Ich stutzte, liess mein Gehör seine Arbeit aufnehmen. Lautes, obszönes Stöhnen, kaum aus Richtung Schlafzimmer. Und obwohl ich es nicht wollte, trugen mich meine Beine in mein Schlafgemach, sodass ich dort, wie paralysiert auf die Verbindungstür unserer beider Zimmer starrend, zum Stehen kam.
„Oh Götter!“, schrie eine Frau. „Fester!“ Nun hörte ich auch Cyrus stöhnen. Selbst das Geräusch, wenn Fleisch auf Fleisch klatschte, war klar und deutlich zu vernehmen. „Oh Götter … Oh Götter …! Ja!“ Die Frau wurde noch lauter.
Beruhigen!, mahnte ich mich. Ich durfte jetzt nicht in Rage geraten! Doch dafür war es zu spät.
Mit ausgefahrenen Fangzähnen stürmte ich durch die Tür und das … in Vampirgeschwindigkeit. Aber ich war gerade viel zu wütend, als dass ich mich über diesen kleinen Erfolg hätte freuen können.
Das Bild, das sich mir daraufhin bot, ließ mich ein lautes Fauchen ausstoßen. Am liebsten hätte ich alles niedergebrannt. Doch anstelle davon ging ich aufs Bett zu und verschränkte die Arme, ein möglichst unbefangenes Lächeln auf meine Lippen zwingend. Zu der Frau gewandt, sagte ich: „Wirklich? Götter? Er mag gut aussehen, aber Gott ist er nicht. Noch nicht einmal einer davon, geschweige denn mehrere.“ Zudem nahm er sie wie ein Tier! Von hinten! Wie obszön! Meine Fänge waren weit ausgefahren und drückten dennoch schmerzhaft. Meine Kleidung war von Spinnweben überzogen. Eigentlich musste ich ein grauenvolles Bild abgeben.
„Aber er fickt wie ein Gott!“, keuchte die Vampirin und liess ihre Augen nach oben rollen, wobei sie ein kleines Paar Fangzähne präsentierte.
Cyrus gab der Frau einen Klaps auf den Hintern, dann zog er sich aus ihr heraus und stand vom Bett auf. Sein Körper glänzte, seine Männlichkeit stand nur noch zur Hälfte. „Was machst du hier? Und wie siehst du überhaupt aus?“ Er bückte sich und warf der Frau im Bett ihr Kleid zu. „Zieht Euch an und verschwindet.“ Er beachtete sie nicht weiter und näherte sich stattdessen mir. Nackt. Verschwitzt. Und mit ihrer Lust an seinem Geschlecht!
Ich zog meine Fänge wieder ein. „Ich habe, ganz im Gegensatz zu dir, gearbeitet, ehrenwerter Gatte. Und dann wollte ich dich nur darum bitten, mit dem Lärm aufzuhören. Ich wohne nebenan.“
„Oh, das war eben auch harte Arbeit“, entgegnete er breit grinsend und kam mir immer näher. „Wirklich sehr hart.“
Ich reckte das Kinn. „Das glaube ich kaum. Ich war nicht erregt. Lys musste mir erst erklären, wieso sie mit einem Kissen auf dem Ohr hinten im Wohnzimmer liegt.“ Ich trat einen Schritt zurück, denn mit seinem noch in fremder Frauen Saft glänzenden Ding kam er mir viel zu nah. „Aber vielleicht hast du recht. Es war sicher harte Arbeit, ihn bei der Gesellschaft hart zu bekommen.“
„Was?“, keifte die Vampirin, die sich mittlerweile das Kleid umständlich angezogen hatte. „Wer hilft mir jetzt, das Kleid zu schnüren?“
„Draußen steht ein Grigoroi, der das gerne übernimmt“, entgegnete mein Gemahl kühl.
„Oh, welch Unverschämtheit! Das war das letzte Mal, dass ich Eurem Werben nachgegeben habe!“ Wütend rauschte sie ins Nebenzimmer und knallte die Tür besonders laut zu.
„Es scheint, als wärst du doch nicht so gut gewesen, wie ein Gott.“ Ich zuckte mit den Schultern, grinste zufrieden und drehte mich wieder zur Verbindungstür um. Als ich nach der Türklinke griff, war er plötzlich hinter mir und drückte mich mit seinem Gewicht gegen die Tür. Eine Hand umschloss meine, sodass ich die Klinke nicht herunterdrücken konnte. „Pass auf mit dem, was du sagst, sonst vergesse ich meinen Vorsatz!“ Eine Hand griff in mein Haar und zog dort irgendwas weg.
„Spinne?“, wollte ich nüchtern wissen, das Gesicht zur Seite gepresst.
„Ein ganzes Nest“, erwiderte er ebenso trocken, sein halbsteifes Gemächt an meinem Po. „Hast du etwas gefunden?“ Seine freie Hand wanderte über meine Hose, als würde er seine Hand daran abwischen. Doch … dafür musste er mir doch nicht … an den Gürtel!
„Lass das!“, zischte ich und schlug mit meinem Po nach hinten aus, auf dass er sich von mir lösen würde. „Ich brauche deine Hilfe nicht, um mich zu entkleiden, das schaffe ich auch alleine!“
„Mir scheint jedoch, dass du Hilfe brauchst, um die Schatzkammer zu finden. Gab es eine verkeilte Tür?“ Seine Nase rieb von hinten an meinem Hals und die Hand, die meinen Gürtel mittlerweile entgegen meinen Bemühungen geöffnet hatte, rutschte weiter nach oben. „Du riechst mindestens genauso verschwitzt wie ich. Und praktischerweise habe ich mir ein Bad einlaufen lassen. Es ist groß genug für uns beide.“
„Danke, ich lehne ab“, gab ich verbissen von mir, während ich mittlerweile versuchte, meinen Körper stärker gegen die Tür zu pressen, damit seine Hände nicht weiter kamen. „Denn im Gegensatz zu mir riechst du nicht nur nach Schweiß, sondern stinkst auch nach einer anderen Frau!“ Wieder versuchte ich, ihn von mir zu stoßen. „Ich könnte kotzen!“, knurrte ich.
Er ließ tatsächlich von mir ab und drehte sich um. „Dann ein anderes Mal.“ Komplett unbekleidet verliess er sein Schlafzimmer und ging in das angrenzende Badezimmer. „Wir sehen uns heute Abend im Speisesaal. Elok holt dich ab!“
Wütend stampfte ich in mein Schlafzimmer zurück und ging gleich weiter ins Badezimmer, um mich frisch zu machen.
„Lys?“, rief ich, als ich, ein Handtuch um mich gewickelt, wieder aus dem Bad trat. „Kannst du mir in ein Kleid helfen? Lys?“ Ich horchte. „Ich bin spinnenfrei, versprochen!“
„Ja“, kam es monoton aus dem Wohnzimmer. „Im Schlafzimmer?“
„Ja! Ich warte dort!“ Eigentlich wäre es nicht nötig, zu rufen. Wir könnten uns auch ganz normal unterhalten. Aber … ich hatte mich noch nicht an mein neues Gehör gewöhnt.
Ich betrat das Schlafzimmer und suchte schon einmal ein Kleid heraus. Abendessen … was war seine Intention? Wollte er mich verführen? Wohl kaum, oder? Aber wieso denn dann ein gemeinsames Abendessen? Wir hatten den ganzen letzten Monat nicht einmal miteinander gespeist.
Lyssa betrat kurz nach mir das Schlafzimmer und sah mir über die Schulter. „Welches Kleid möchtest du tragen?“
„Ich weiß nicht, was er von mir will“, überlegte ich laut. „Will er mich verführen? Oder nur wieder triezen?“ Ich seufzte. „Ich will nichts, was ihn reizt. Ich bin nicht in Stimmung für seine Spielchen.“
„Dann nimm das schlichte Kleid dort. Der Schnitt ist einfach und es hat einen hohen Kragen.“
In blasses Beige gekleidet wurde ich später von Elok in den Speisesaal begleitet. Er öffnete die Tür, ließ mich eintreten und verabschiedete sich stumm. Zu meiner Überraschung saßen mehr Gäste am Tisch, als ich angenommen hatte.
Der König hatte am Tischende Platz genommen, der Platz rechts neben ihm war leer. Zu seiner Linken saß ein dürrer, schlaksiger Junge, der mich mit großen Augen und offenem Mund anstarrte. Neben dem freien Platz saß Sharifa, mein Mündel. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie mich sah. Und direkt neben ihr saß ihr großer Bruder, Gilead. Die beiden waren wenige Tage nach Gileads Abreise gemeinsam wiedergekommen. Sharifa trug farbenfrohe, aber schlichte Kleidung, und auch der König trug eine unauffällige Tunika in zartem Grün. Er war es, der aufstand und auf mich zukam, um mich zu begrüßen.
„Meine Königin“, grüßte er förmlich und streckte eine Hand nach mir aus. Ich reichte ihm meine. Und so sollte das Schauspiel beginnen, nicht? Zwei Kinder und zwei Männer am Tisch. Beide mit einem Interesse an mir. Und ich an ihnen.
Cyrus pflanzte einen gehauchten Kuss auf meinen Handrücken und führte mich zu meinem Platz. Dort rückte er mir den Stuhl zurecht – ganz der ehrbare Gemahl. Der erste Gang wurde aufgetragen; Wein, Bier und Milch gereicht. Nachdem die Diener den Raum verlassen hatten, hörte ich den Jungen neben Cyrus reden. Und obschon er seine Stimme senkte, verstand ich ihn sehr deutlich.
„Das ist deine Frau?“ Cyrus nickte knapp und zeigte dem Jungen, welchen Löffel er für die Suppe nehmen sollte. „Und sie ist auch … ähm … ein Vampir?“ Sein Herz klopfte ganz aufgeregt. Vielleicht auch ängstlich, der Unterschied war nur minimal.
Ich erlaubte mir den Spaß und ließ meine Fangzähne hervor schnappen, wobei ich leise zischte.
Der Junge riss entsetzt die Augen auf. In einer schnellen Bewegung wollte er aufspringen, verhedderte sich aber mit seinen Beinen am Stuhl. Mit einer Hand griff er noch nach dem Tisch, um sich abzustützen. Jedoch erwischte er dabei den Suppenteller, dessen Inhalt ausgerechnet Cyrus ins Gesicht spritzte.
Sharifa schnappte neben mir laut nach Luft und versuchte verzweifelt, nicht zu lachen. Trotzdem hörte ich die leisen, glucksenden Geräusche, die von ihr kamen.
Auch ich musste glucksen. Als ich mich wieder beruhigt hatte, brachte ich angestrengt nicht lachend hervor: „Majestät, ich glaube, Ihr solltet Euch umziehen gehen.“
Cyrus nahm langsam die Serviette, wischte sich über das Gesicht und sah zu dem Jungen. Dieser schaffte es, sich wieder hinzusetzen. „Scheiße. Tut mir leid, König.“
Während Cyrus die Serviette auf den Tisch zurückwarf, stand er auf. „Ich bin gleich wieder da. Esst bitte.“ Als er an dem Jungen vorbeiging, zog dieser den Kopf ein und hielt die Luft an. Erst, als der König den Raum verlassen hatte, atmete der Kleine auf.
Schnell zog ich meine Fangzähne wieder ein. Immerhin wollte ich dem Jungen nicht wirklich Angst machen. „Du musst keine Angst vor mir haben, Junge. Und der König wird dir sicher auch nicht den Kopf abreißen.“ Mein Blick führte mich zu Gilead. Ich schenkte ihm ein kurzes, sehnsüchtiges Lächeln.
„Da bin ich mir gerade nicht so sicher“, brummte der Kleine. Er schluckte trocken, nahm seinen Finger und wischte etwas von der Suppe vom Tisch. Dann steckte er den Finger in den Mund und seufzte tief. „Meinst du, er isst das noch?“ Den Mund spitzbübisch verzogen, deutete er auf die volle Suppenschüssel des Königs.
„Du kannst meine haben.“ Ich reichte ihm die Schüssel, deren Inhalt ich kaum angerührt hatte. „Greif ruhig zu.“ Ich zwinkerte dem Jungen zu und beugte mich zu Sharifa. „Sag mal, gefällt es dir hier? Verbringst du viel Zeit mit deinem Bruder?“
Der Junge aß meine Suppe, wie ich deutlich hören konnte. Er zeigte dabei keinerlei Tischmanieren. Sharifa war da ganz anders. Selbst als Kind zeigte sie eine bemerkenswerte Eleganz und Anmut. „Wir treffen uns täglich in der Bibliothek. Zum Unterricht …“ Sie senkte kurz den Blick und lächelte. „Und zum Reden. Es gibt keinen klügeren Vampir als ihn.“
„Ja, da stimme ich dir zu. Dein Bruder ist in der Tat äußerst klug.“ Zwar antwortete ich Sharifa, jedoch galt mein Blick Gilead.
Dieser streckte mir hinter dem Stuhl seiner Schwester die Hand entgegen und lächelte. „Nun, mit den Jahren kommt die Erfahrung. Und ich hatte viel Zeit, um zu lernen.“
„Und bescheiden ist er auch noch!“, ergänzte Sharifa seufzend und aß von der Suppe.
„Unglaublich bescheiden“, bekräftigte ich Sharifa und griff hinter ihrem Stuhl nach seiner Hand. Gilead drückte meine, woraufhin ich den Impuls zurückgab. „Und auch so beschäftigt, dabei wollten wir uns längst einmal treffen, um über dich zu sprechen, kleine Maus.“
In diesem Moment schwang die Tür wieder auf. Sofort ließen Gilead und ich uns los. Er widmete sich seiner Suppe, ich sah zur Tür. Cyrus hatte sich umgezogen und kam in dunkelblauem Hemd und schwarzer Hose zum Tisch zurück. Kurz huschte sein Blick zum Jungen, dann zu mir und zuletzt zu Sharifa und Gilead, bevor er sich setzte. „Ich würde es begrüßen, wenn wir häufiger in großer Runde essen. Und ich möchte die Gelegenheit nutzen, um Euch Elaboris vorzustellen.“
„Nur Boris, bitte“, warf der Junge schnell ein und schob die leere Schüssel beiseite. „Gibt es davon noch mehr?“
„Das war die Vorspeise“, erklärte ich. „Die Diener werden gleich die Hauptspeise hereinbringen.“ An meinen Gemahl gewandt wollte ich wissen: „Und … wieso genau werden wir mit Elaboris‘ Anwesenheit beehrt?“
„Weil er mein Knappe ist, bis er alt genug ist.“ Cyrus aß von seiner Suppe.
Misstrauisch kniff ich die Augen zusammen. „Alt genug wofür?“




















































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