Kapitel 2

Trotz der regelmäßigen Benutzung und der vielen Gebrauchsspuren funktioniert die Kochstelle einbahnfrei und spendet eine wollige Wärme. Und das, obwohl der Ofen aussieht, als versage dieser jeden Moment. Das Blechding macht einen instabilen und wackeligen Eindruck. Rebecca muss nur die Sitzposition wechseln und schön verrät das Schwanken des Kastens, dass sie sich in Bewegung setzt. Ein Moment, wo die beiden Hexenjäger von ihren Plänen aufblicken. Ihre Lebensretter befinden sich im Wohnbereich gegenüber und haben sich dort auf einem Tisch ausgebreitet. So, dass sie Rebecca im Auge behalten. Sie sind wachsam. Wachsamer als Soldaten. Noch immer fällt es Rebecca schwer zu begreifen, dass dieser Ort, den sie ungern als ihr Zuhause bezeichnet, nicht mehr existiert. Es fühlt sich an, wie ein lächerlicher Alptraum. Nur klappt es mit dem Aufwachen nicht so ganz.

Die beiden Fremden stecken schon sehr lange ihre Köpfe zusammen, planen und diskutieren einige Punkte. So wie Rebecca es heraushört, geht es um ihre Route und es klingt nicht, als wollen sie dieser Hexe hinterherlaufen. Sie hofft, sie irrt sich, denn es wäre unverzeihlich, wenn diese Jenara unbestraft davonkommt. Eins ist jedoch klar, unbemerkt schafft sie hier nicht raus. Ein Wort des Abschieds wird fallen, so aufmerksam wie die beiden sind. Etwas, worin Rebecca noch nie gut war. Sie bevorzugt den leisen Abgang, sodass sich der andere fragen muss, ob das Treffen jemals stattgefunden hat. Gefühle und Emotionen sind etwas, womit sich die Diebin schwer tut. Ihre Freunde haben genug schlechten Einfluss auf sie, denn es machen sich bereits Gewissensbisse breit. Sie sollte hier nicht ihren Hintern platt zu sitzen, schließlich wartet eine Mission auf sie. Schließlich hinterließ die böse Hexe Luela eine große Bande an verwirrten Königskindern. Die neue Verantwortung und die Sorge um die heimatlosen Kinder sind etwas, womit Rebecca noch nicht viel anzufangen weiß.

Um es schnell hinter sich zu bringen, streckt Rebecca zuerst ihre steifen Glieder. Die schwere Decke fällt mit einer fließenden Bewegung von ihr und mit einem schummrigen Gefühl erhebt sich sie unsicher auf die Beine.
„Hey, du solltest besser noch sitzen bleiben. Du bist noch ganz käsig im Gesicht. Besser du schonst dich noch, bevor du erneut zusammenbrichst.“




Sie mag bezweifeln, dass es sich hier um rührende Sorge handelt.
Doch Rebecca hebt dankend die Hand. „Mir geht es gut, wirklich.“
Ein Schritt nach vorne und es kommt zur Blamage. Ihre Beine wollen ihr nicht gehorchen und drohen nachzugeben, sodass Rebecca nur unbeholfen ihr Gleichgewicht hält und sich an ihren Tisch abstützen muss. Damit wird ihr ein Blick auf all ihre Unterlagen gewährt. Zu sehen bekommt sie eine große Weltkarte, Notizen, Steckbriefe, Ausrüstung und Kräutern. Unter den strengen Blicken der beiden Kerle gibt sich Rebecca Mühe, diese Peinlichkeit mit einem Lächeln zu kaschieren. Es wirkt bei ihr leider immer sehr künstlich und beängstigend. Ähnlich wie in diesem Fall, denn die beiden Hexenjäger wirken sogar für einen kurzen Moment angewidert.

„Ihr macht doch sicherlich Jagd auf die Hexe oder?“, bricht Rebecca diese peinliche Ruhe.
„Bedaure. Jenara befindet sich außerhalb unseres Jagdradius. Wir müssen auf die Leistung unserer Kollegen vertrauen und ziehen weiter, sobald alles geklärt ist.“
Sie betrachtet die beiden fassungslos. „Ihr wollt sie davonziehen lassen?“
„So läuft das in unserer Branche. Wir hatten unseren Versuch und haben versagt. Das Kopfgeld ernten andere.“
Es muss schwer sein, zugegeben, dass ihnen eine Hexe durch die Lappen gegangen ist. Begeisterte Gesichter sehen anders aus und doch tragen es die beiden Männer mit Würde.
„Und was macht ihr jetzt?“
„Die ganze Stadt ist kontaminiert mit Jenaras Magie. Wir kümmern uns um die Aufräumarbeiten und sprechen noch mit dem Grafen.“
Hoffnungsvoll blickt sie auf. „Der Graf lebt?“
„Jawohl. Ihn und seine Eskorte konnten wir rechtzeitig von hier fortschicken. Ein Teil der Stadtbewohner sind ebenfalls evakuiert, aber nicht alle.“

Rebecca blickt grimmig auf, als die Hand des anderen Hexerjägers auf ihrer Schulter landet. Eine Berührung, die sie anwidert und erzürnt. Bevor sie den Kerl warnen kann, die Flosse wegzunehmen, tippt dieser auf eine Reihe von Steckbriefen von Frauen.
„Vor unserem Abschied würde ich dich bitten, einen Blick auf die Skizzen zu werfen. Erkennst du eine der Frauen wieder?“
Die Steckbriefe werden auf dem Tisch ausgebreitet. Es sind so viele, dass Rebecca zuerst in viele fremde Gesichter blickt. Aber dann erkennt sie Sina darunter.




„Sind das alles Hexen?“
„Ja. Du erinnerst dich an ein Gesicht oder?“
Die beiden folgen ihrem Blick, also greift Rebecca willkürlich nach einer Zeichnung neben dem Bild von Sina. Zola – eine dunkelhäutige Frau mit erhobenen Haupt und einem Schwanenhals. Ihr dunkles Haar ist dicht und vom Ansatz sind einige Strähnen geflochten. Die Augen sind dunkel bemalt wie eine Kriegsbemalung. Rebecca beneide jene Künstler, die Menschen so gut zeichnen, dass die Skizzen lebensecht durch all die vielen Schattierungen und Feinheiten aussieht.

„Ich glaube, ich habe sie schon mal in den Wäldern rumwandern sehen.“
„Ah Zola. Eine intelligente Frau. Sie ist im Einklang mit der Natur und verbunden mit fürchterlichen Kreaturen. Sie kommt von weit her und wir verdanken Piraten, dass eine ferne Hexe ins Land eingeschleppt wurde. Sie wollten Zola auf dem Sklavenmarkt verkaufen.“
Eine ähnliche Geschichte wie mit Sina.
„Es ging für die Piraten nicht gut aus. Irgendwie hat sich Zola befreit und ist ihnen entwischt. Diese Hexe hier verzaubert und kontrolliert das Wasser. Nebenbei wendet sie eine makabre Magie an. Laut einem Spezialisten nennt sich das Ganze Voodoozauber. Sie verflucht die Leute mit bösen Flüchen. Wir sprechen von Zaubern von heraufbeschworenen dunklen Parasiten, Verlust der eigenen Kontrolle und Befall von Krankheiten. Dafür schlachtet sie Tiere aus und verwendet alles, was sie daraus nehmen kann. Du sagtest, sie streift in den Wäldern?“
Rebecca nickt stumm.
„Typisch für die Dame hier. Sicherlich ist sie auf der Durchreise. Bevorzugen tut sie aber Sümpfe. Zum Glück meidet sie die Menschen und Konfrontationen. Von allen anwesenden Hexen in diesem Lande richtet sie am wenigsten Schaden an.“

„Aber was ist dann ihr Ziel?“
„Schwer zu sagen. Noch ist Zola auf der Flucht und kann so auf keine dummen Gedanken kommen. Sie verhält sich wie gehetzte, panische Beute. Keine Jägerin und damit sich das auch nicht ändert, werden wir ihr ein schnelles Ende bereiten.“
Diese Fremde sucht sicherlich nur nach einem Zuhause. Einer Zuflucht. Rebecca kann sich gut vorstellen, wie einsam und misstrauisch Zola sein muss. Diese engstirnige Ansicht der Hexenjäger und die Tatsache, dass alles, was mit übernatürlichen Mächten arbeitet, eine Gefahr sein kann und vernichtet werden muss, steht Rebecca bis zum Halse. Und doch muss sie sich hüten. Die beiden dürfen ihren Groll nicht bemerken und so sucht sie nach Ablenkung.




„Wo befindet sich der Graf?“
„Warum interessiert es dich das?“
„Ich muss ihn sprechen.“
Nun mustern die beiden Rebecca intensiver als zuvor.
„Warum sollte sich der Graf auf Gesindel einlassen?“
„Das sollte der Graf doch besser selbst entscheiden.“

So wie sich die beiden Hexenjäger in die Augen blicken und stumm miteinander kommunizieren, beunruhigt Rebecca so sehr, dass ihr Gefühl rät, augenblicklich zu verschwinden. Als sie jedoch den ersten Schritt rückwärts läuft, packen sie grob die Hände der beiden und sie wird näher an den Tisch herangezogen. Während der eine Hexenjäger sie festhält, wandern die Griffe des anderen an ihren Körper hinab und leeren nach und nach ihre Taschen. Rebecca wehrt sich und windet sich in dem Griff. Sie macht es dem Kerl nicht leicht, sie müssen ständig aufpassen, dass sie ihnen nicht entkommt.
„Hey! Lasst mich los! Sofort!“
Jeglicher Widerstand ist zwecklos. Zum einen ist Rebeccas Körper zu erschöpft von den vergangenen Strapazen, sodass ihre Fluchtversuche zuerst nachlassen und schließlich ganz verstummen. Zum anderen ist der Griff des Kerls zu eisern.

„Was für ein ungewöhnlicher Inhalt in deinen Taschen“, wird ihr amüsiert zugeflüstert.
Überrascht blicken die beiden auf, als sie die Schriftrolle mit dem Paladinsiegel zu Gesicht bekommen. Jeder gebildete Mensch, sollte ein Siegel wie dieses kennen. Der Stern am Ende des Schwertes soll den Glanz darstellen. Ein edles Schwert für einen Paladin und darunter die Krone des Königs. Cunos Nachricht an Graf Bylom. Nichts, was für die Augen der Hexenjäger bestimmt ist.

„Was für eine dreiste Diebin“, bekommt Rebecca zu hören.
Der Griff um Rebecca lockert sich, woraufhin sie mit einem kräftigen Ruck einen Arm befreit und ihren Ellbogen gegen den Brustkorb des Hexenjägers donnert. Eine schnelle Drehung und es folgt ein Tritt in die Weichteile. Schon geht der Erste zu Boden. Ein Blick zu Nummer zwei zeigt ihre gefährliche Lage. Schnell duckt sie sich unter einen Armbrustbolzen hinweg und springt dem zweiten Kerl entgegen. Die beiden donnern gegen eine Holzwand und Rebecca beißt den Schützen in den Arm, sodass dieser freiwillig die Schriftrolle loslässt. In Windeseile und mit steigendem Adrenalin geht es zurück in die Küche, wo sich der Brennofen versteckt. Die Botschaft muss vernichtet werden. Die Hinweise können die Hexenjäger zu ihren Freunden locken und gleichzeitig ihr Todesurteil sein. So wie Clives Botschaft, die in dem ganzen Schneegestöber versteckt sein muss. Abgenommen wurde ihr die Nachricht von den Stadtwachen am Tor.



Es ist der Schatten über Rebecca, der ihr bewusst macht, dass einer der beiden die Verfolgung aufgenommen hat und ihr dicht auf den Fersen lauert. Die Hexenjäger bewegen sich wie sie fast lautlos und sind verdammt schnell. Schneller als Rebecca. Ihre Flucht wird bereits gebremst. Einer der beiden packt sie am Arm und zieht sie zurück, dabei startet Rebecca einen Versuch und wirft das Schriftstück los. Der Brennofen ist nicht mehr weit. Ihr Plan kann aufgehen und so beobachtet sie hoffnungsvoll während des Sturzes, wie das zusammengerollte Stück Pergament quälend langsam in Richtung des Heizungsofens fliegt. Der Hexenjäger lässt von ihr ab und startet einen Rettungsversuch. Aber nun endlich ist das Glück Rebecca hold. Die Flammen strecken bereits gierig ihre Finger nach dem kleinen Geheimnis aus und nehmen es in sich auf. Der Brief landet im Feuer und beim Versuch, diesen zu retten, verbrennt sich der Hexenjäger die Fingerspitzen. Er jault auf und taucht diese in die nächstbeste Wasserquelle.

So erhebt sich Rebecca leise. Es folgt ein Blick zu ihren Sachen, die verstreut auf dem Tisch liegen. Zu auffällig. Zu gefährlich. Es ist zu still. Sicherlich eine Falle.
Denn wo mag wohl der andere stecken?
Besser Rebecca verschwindet schnell ohne Hab und Gut. Auch wenn sie sich im Nachhinein darüber ärgern wird. Ein Diebstahl Vorort ist mit einem zu hohen Risiko verbunden. Also geht es zum nächsten Ausgang, als plötzlich jemand mit Anlauf über den Tisch nahe ihr springt und Rebecca den Weg zur Tür versperrt. Der gebissene Hexenjäger blickt verärgert auf, als wäre er sich so sicher gewesen, dass sie sich ihr Eigen zurückholt.

Unbeeindruckt dreht Rebecca sich um und sieht ihre Chance, vielleicht doch noch an die Gürteltasche mit dem Schwarzpulver zu gelangen. Ihr Fluchtweg kann ein Fenster sein. Das Dach wäre auch eine Option, aber so wie die beiden Hexenjäger einschätzt, ist eine Verfolgungsjagd in einer schwindelerregenden Höhe die schlechtere Option für Rebecca. Nicht aufgrund einer nicht vorhandenen Höhenangst, sondern die Schnelligkeit der Hexenjäger. Auf den Dächern ist die Verletzungsgefahr zu groß. Die beiden scheuen kein Risiko. Also bevorzugt Rebecca Scherben im Fleisch statt gebrochener Knochen durch einen möglichen Sturz.



Gezielt folgt die Route am Tisch vorbei, ein Griff und Volltreffer. Die Tasche mit dem Schwarzpulver ist gerade ergriffen, da macht sie sich bereit zum Sprung. Ein Stuhl kommt ihr gerade Recht, der wird zuerst durch die Glasfront fliegen. Doch bevor Rebecca das Holz auch nur berühren kann, stürzen sich die Jäger auf sie und bringen sie zum Fall. Der eine fixiert sie auf dem Boden und zögert nicht, ihr die Hände auf dem Rücken mit einem Seil festzubinden. Während der andere ihren Kopf an den Haaren hochzieht und ihr drohend ein Messer an die Kehle hält.
„Donnerwetter! Mit so einem Wirbelwind haben wir nicht gerechnet! Eine Frau, die sich als Kriegerin behaupten möchte.“
Solch einen Spott ist Rebecca gewohnt und sie hat mit der Zeit gelernt, diesen auszublenden.
„Naja, du bewegst dich besser, wie manch ein Soldat. Den Grafen wirst du zwar sehen, aber nicht sprechen. Wir nehmen dich als unsere Gefangene mit und überführen dich unserer Organisation. Sollen die Oberhäupter über dich richten.“
Verärgert blickt Rebecca auf. Ihre Aussichten auf die Zukunft könnten nicht schlechter sein. Da hat sie irgendwie den Alptraum mit der einen Hexe überstanden und nun befindet sie sich in Gefangenschaft der Hexenjäger. Ein Plan muss her. Schnell und mit einer höheren Erfolgsquote. Ansonsten kann das hier schnell böse enden und zu einer Enthauptung führen. Ihren Kopf hat Rebecca zu gern, den möchte ich sie ungern verlieren. Noch sind ihre Träume nicht erfüllt und jetzt, wo sie dem Tod erneut entkommen ist, wenn auch nur haarscharf, will sie ans Aufgeben nicht denken.

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