Kapitel 9
9
»Ich glaub das nicht. Was ist das denn für ein Zufall?« Rick schüttelte immer noch den Kopf, als er sich in Frau Schramms Wohnküche umsah. Er hatte sich kurz entschuldigt, um Frau Wohlgemut und Frau Orthmann anzurufen und ihnen zu berichten, dass er seine Tochter gefunden hatte. Während beide Damen ihre Erleichterung zum Ausdruck gebracht hatten, hatte er im Hintergrund Marijkes helle Stimme gehört, die Frau Schramm die Ohren vollquasselte. Er hatte sie noch nie so viel an einem Stück reden hören. Natürlich war ihr Mitteilungsbedürfnis endlos nun, da es endlich jemanden gab, der sie verstand. Jetzt saß er bei seiner verhassten Vermieterin in der Küche, ließ sich Gulasch und einen Berg Nudeln auftun und erkannte, dass sie seine Rettung sein konnte. Gleichzeitig fühlte er einen heftigen Stich der Eifersucht, als er sah, wie locker und gelöst Marijke sich mit der älteren Frau unterhielt. Und sie lachte. Bisher hatte Rick sie nie so lachen hören. Seine Augen begannen zu brennen.
»Was ist los, Hendrik?«, fragte Frau Schramm besorgt. Sie hatte ihn noch nie beim Vornamen genannt.
»Entschuldigung.« Rick wischte sich hastig über die Augen. »Es ist nur, bei mir hat Marijke nie so gelacht. Ich höre das zum ersten Mal.«
Frau Schramm hielt inne. »Ja, das verstehe ich. Sie hat mir gerade erzählt, was bei ihr daheim passiert ist. Dass sie bei Antje und Maarten bleiben sollte, während ihre Mama in Amerika ist, und sie Knall auf Fall eine neue Lösung brauchten, weil Antje ins Krankenhaus musste. Wissen Sie, wer diese Leute sind? Ich meine, in welcher Beziehung sie zu Marijkes Mutter stehen?«
»Es sind ihre Nachbarn und Eltern ihrer besten Freundin. Außerdem waren sie schon mit Kims Eltern befreundet.«
»Und Sie haben sofort zugestimmt, das Mädchen ein halbes Jahr lang zu nehmen? Diese Entscheidung war doch sicher nicht einfach.« Frau Schramm musterte ihn nachdenklich.
»Ich weiß, was Sie denken. Ich bin nicht gerade der zuverlässigste Kerl.«
»Würde ich nicht sagen. Sie haben sich in letzter Zeit ziemlich gehen lassen, aber ich maße mir darüber kein Urteil an. Ich glaube schon, dass Sie ein vernünftiger Mann sind.«
Rick verschluckte sich fast an seinem Gulasch. Ungläubig riss er die Augen auf. Seine Vermieterin, die noch nie ein gutes Haar an ihm gelassen hatte, nannte ihn einen vernünftigen Mann. War er beim Aufwachen heute Morgen in einer anderen Realität gelandet und hatte es nicht bemerkt?
Frau Schramm reagierte nur mit einem verstohlenen Lächeln auf sein Erstaunen, erwähnte es jedoch nicht weiter. »Sie haben mir nicht geantwortet«, sagte sie. »Wussten Sie denn überhaupt, dass Sie ein Kind haben?«
»Nein. Ich hatte keine Ahnung. Natürlich ist mir die Entscheidung nicht leicht gefallen. Nur, was hätte ich denn tun sollen? Dieses halbe Jahr in Amerika scheint Kim sehr wichtig zu sein, obwohl sie mir nicht gesagt hat, was sie dort zu tun hat. Aber ich habe nicht das Gefühl, dass sie Marijke aus einer Laune heraus verlassen hat. Es fiel ihr wirklich schwer. Trotzdem haben wir uns auf eine zweiwöchige Probezeit geeinigt. Wenn ich ihr sage, dass es nicht funktioniert, kommt sie zurück.«
»Und? Funktioniert es?«
Nachdenklich stocherte Rick in seinem Teller. Funktionierte es? Er zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Im Moment befinden wir uns beide noch in einer Art Schwebezustand. Die Realität, was das alles für uns bedeutet, ist gar nicht so richtig angekommen, bei mir zumindest nicht. Ich hangele mich von einem Tag zum nächsten, aber das ist keine Lösung auf Dauer. Ich weiß nicht, wie ich mein Studium vernünftig abschließen soll. Ich habe eigentlich Vorlesungen, wenn ich sie von der Schule abholen muss. Und auch manchmal am Nachmittag. Ich kann sie doch nicht allein lassen.«
»Ihre Vorlesungen haben Sie in letzter Zeit auch nicht besonders gestört«, bemerkte Frau Schramm trocken.
»Das haben Sie mitgekriegt, ja?« Rick grinste schief. Die Frau wusste einfach alles.
»Darf ich Sie fragen, warum? Es geht mich ja nichts an, aber es schien doch ganz gut zu laufen.«
»Mit ein paar Stolpersteinen, ja. Ich bin nicht wirklich der geborene Student. Lernen fiel mir zum Glück immer leicht, aber ein Studium ist halt doch was anderes als Schule. Ich hatte zwischendrin öfter mal Durchhänger, die mich Zeit gekostet haben. Meinen Bachelor habe ich zwar gut geschafft, aber es war ein ewiger Kampf mit meinem inneren Schweinehund.«
»Und jetzt hat er gewonnen?«
Rick holte tief Luft und stieß sie geräuschvoll aus. »Ich dachte, der Bachelor reicht, aber mein Vater wollte davon nichts wissen. Es muss unbedingt der Master sein. Es gab deshalb schon eine Menge Streit zwischen uns. Ich verstehe seine Argumente natürlich. Mit dem Master habe ich viel bessere Aussichten auf einen wirklich guten Job. Außerdem ist für meinen Vater der Bachelor ein Aufgeben auf halbem Weg.« Rick verzog das Gesicht. »Ich war alles andere als begeistert und ich muss zugeben, dass sich das in meinem Verhalten niedergeschlagen hat. Partys machten einfach mehr Spaß als BWL zu büffeln. Deshalb spendierte mein Vater mir auch die Wohnung hier bei Ihnen. Er meint, hier wäre ich nicht so abgelenkt wie im Studentenwohnheim.«
»Aber Sie sind ganz gut darin, die Ablenkung zu suchen, nicht wahr?«
»So lässt es sich ausdrücken.« Ricks Blick ruhte auf seiner Tochter, die es sich schmecken ließ und dem Gespräch der Erwachsenen keine Beachtung schenkte. »Je näher ich meiner Masterarbeit kam, umso tiefer wurde das Loch, in das ich fiel. Ich weiß nicht, ob ich das schaffe. Ich habe schlichtweg Angst davor.«
»Und Sie meinen, das vermeiden zu können, indem Sie gar nicht erst damit beginnen?«
»Klingt absurd, oder?«
»Es ist normal, Dinge hinausschieben zu wollen, die einem wie ein riesiger Berg erscheinen. Das Problem ist nur, dass der Berg dadurch immer höher wird, bis man gar keine Ahnung mehr hat, wie man es schaffen soll.«
»Da haben Sie recht, Frau Schramm. An diesem Punkt bin ich mittlerweile. Und jetzt, mit Marijke, wird es vermutlich unmöglich, mich aufs Studium zu konzentrieren.«
»Das Kind ist auch eine gute Ausrede.«
Rick nickte langsam. So hatte er es noch gar nicht gesehen. »Das stimmt, aber dieser Zustand hat keine Zukunft. Ich muss mich entscheiden, was ich tun will. Das ist mir in den letzten Nächten, die ich mir um die Ohren geschlagen habe, klar geworden. Entweder hänge ich mich richtig rein und bringe den Master zum Abschluss, oder ich beende das Studium und suche mir einen Job.«
»Dann hätten Sie viel Zeit vergeudet.«
»Auch das stimmt. Und das Gespräch mit meinen Eltern wäre alles andere als angenehm.«
»Es hört sich für mich so an, als würden Sie es doch durchziehen wollen.«
»Irgendwie schon, aber im nächsten halben Jahr geht vermutlich nicht viel.« Sein Blick ruhte wieder auf Marijke.
»Sie haben sich also entschlossen, die Kleine zu behalten, bis die Mutter zurückkommt?«
Rick rieb sich mit beiden Händen übers Gesicht. »Ich weiß es nicht. Ich bin so hin- und hergerissen. Wenn wir uns wenigstens verständigen könnten. Wir sind wie zwei Fremde, die nebeneinander her leben.«
»So hat es aber heute nicht ausgesehen.«
»Es war das erste Mal, dass Marijke Gefühle für mich gezeigt hat. Wahrscheinlich war es eher die ausgestandene Angst, die sie in meine Arme getrieben hat. Fragen Sie sie doch bitte mal, was eigentlich passiert ist und wie sie in Obermenzing gelandet ist.«
Frau Schramm wandte sich an das Mädchen und sprach mit ihm. Rick wartete geduldig, als Marijke gestenreich ihre Odyssee beschrieb. Als Tränen in ihre Augen traten, umarmte er sie wortlos. Sie schmiegte sich an ihn, redete aber weiter mit Frau Schramm. Schließlich nickte die ältere Dame.
»Dumm gelaufen. Sie mag ihre Banknachbarin Lea und hat auch ihrem Bruder vertraut, als er sie zur S-Bahn brachte und ihr bedeutete, dass sie fünf Haltestellen fahren müsste. Sie hat irgendwie gedacht, dann hier vor der Tür zu stehen. Sie hat ja noch keine Ahnung von den Entfernungen hier. Sie ist ziemlich erschrocken, als die Bahn in den Untergrund fuhr und bekam es mit der Angst. Die hat sich natürlich verstärkt, als sie am Hauptbahnhof ausgestiegen ist. Dieses Gewimmel dort war zu viel für sie. Sie hat das einzig Vernünftige getan. Sie dachte, sie fährt einfach mit der Gegenbahn die fünf Haltestellen zurück, geht zur Schule und wartet auf Sie.«
Rick fuhr sich durch die Haare. »Dann weiß ich, was passiert ist. Sie hat die S2 erwischt, die biegt vor Pasing ab und hält als Nächstes in Obermenzing.«
Frau Schramm nickte. »Mit den meisten anderen Bahnen hätte ihr Plan funktioniert. Aber nun saß sie plötzlich in einer völlig fremden Umgebung und hatte keine Ahnung, warum. Sie war einfach nur furchtbar verzweifelt.«
Rick seufzte und streichelte den Arm seiner Tochter, die sich immer noch an ihn lehnte. Er genoss das Gefühl, das diese Geste bei ihm auslöste. »Wenn ich ihr nur versprechen könnte, sie immer pünktlich abzuholen. Aber das ist nicht zu schaffen.«
Frau Schramms Blick ruhte nachdenklich auf ihm. »Vielleicht habe ich eine Idee, die Ihnen helfen könnte. Sie mag Sie übrigens. Am Anfang hatte sie Angst, doch inzwischen findet sie Sie ganz okay.«
»Was für ein Lob.« Rick gluckste. Aber das war schon mehr, als er zu hoffen gewagt hatte.
»Möchten Sie noch etwas?« Frau Schramm deutete auf seinen Teller.
»Nein, danke, ich bin pappsatt. Es war ausgezeichnet.«
»Danke. Ich koche gern. Aber seit dem Tod meines Mannes vor elf Jahren lohnt es sich nicht mehr, große Gerichte zuzubereiten.«
»Haben Sie Kinder?« Rick wunderte sich, dass es ihn tatsächlich interessierte.
»Ja, zwei.« Frau Schramm lächelte. »Mein Sohn wohnt mit seiner Familie in Hessen. Wir telefonieren regelmäßig, aber wir sehen uns nur ein paar Mal im Jahr. Meine Tochter hat es in die Schweiz verschlagen, in die Nähe von St. Gallen. Sie arbeitet dort in einem großen Konzern.«
»Und Sie sind hier in München geblieben? Wollten Sie nie zurück in die Niederlande? Wie sind Sie überhaupt in Deutschland gelandet?«
»Na, wie wohl? Es war die Liebe. Ich habe meinen Mann im Urlaub kennengelernt. Wir waren beide in Zeeland, am Meer. Zuerst war es nur ein Urlaubsflirt, dann wurde mehr daraus.«
»Und Sie sind in ein fremdes Land gezogen. Ist Ihnen das nicht schwergefallen?«
»Doch, natürlich, aber was tut man nicht alles für die Liebe? Ich habe diesen Schritt nie bereut. Unsere Ehe war sehr harmonisch und ich fühle mich hier wohl. Ich besuche noch zwei oder drei Mal pro Jahr meine Geschwister, aber sonst gibt es nichts, was mich zurückzieht.«
Frau Schramm machte sich daran, den Tisch abzuräumen, und Rick beeilte sich, ihr zu helfen. Er hatte plötzlich das Bedürfnis, sich von seiner besten Seite zu zeigen. Er wollte sich mit ihr gut stellen. Vielleicht konnte er sie ab und zu bitten, für ihn zu übersetzen. Das würde vieles erleichtern.
Frau Schramm strich Marijke über den Kopf und fragte sie etwas. Als das Mädchen begeistert nickte, holte die ältere Frau einen Schokoriegel aus dem Kühlschrank. »Ich hoffe, das ist in Ordnung?«
»Natürlich. Sie hat bei mir noch nicht viel Süßes bekommen.«
»Ein Gummibärchen ab und zu erleichtert das Zusammenleben ungemein.« Frau Schramm lachte leise, als sie sich setzte. »Hören sie, Hendrik, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Sie kümmern sich wieder etwas intensiver um Ihr Studium und ich schaue ein wenig nach Marijke.«
»Wirklich?« Rick wusste nicht so recht, was er sagen sollte. War das die Lösung seines Problems?
»Ich arbeite zwar noch stundenweise in der Verwaltung, aber ich könnte sie von der Schule abholen, für sie kochen und mit ihr Hausaufgaben machen. Ich denke, ich kann ihr auch etwas Deutsch beibringen.«
»Das, das wäre großartig«, stotterte Rick. »Ich werde Sie natürlich dafür bezahlen.«
»Nee, lass mal, Junge.« Frau Schramm lächelte gutmütig. Wie war er nur auf die Idee gekommen, dass sie eine arrogante alte Schachtel war? »Ich würde mich freuen, wieder eine Aufgabe zu haben. Und ich würde der Kleinen gern helfen, sich einzuleben.« Sie richtete das Wort an Marijke und das Mädchen nickte begeistert. Bei dem folgenden Gespräch fühlte sich Rick regelrecht ausgeschlossen. Er verstand zwar ab und zu ein paar Wörter, aber der Zusammenhang erschloss sich ihm nicht. So musste es Marijke gehen, wenn er sich unterhielt. Ein blödes Gefühl.
»Wissen Ihre Eltern schon von ihr?«, fragte Frau Schramm.
Rick wurde aus seinen Gedanken gerissen. »Nein.« Er wand sich unbehaglich. »Ich habe keine Ahnung, wie ich ihnen das beibringen soll.«
»Sie sollten es aber nicht mehr allzu lang hinausschieben. Ihre Eltern müssen erfahren, dass sie eine Enkelin haben. Außerdem erhöhen sie Ihnen vielleicht das Taschengeld, um vernünftig für das Kind sorgen zu können.«
»Ganz im Gegenteil. Mein Vater hat mir jegliche Zuwendung gestrichen, bis ich wieder Lernerfolge vorweisen kann.«
»Wirklich? Und was denkt er, wovon Sie leben sollen? Wenn Sie sich eine Arbeit suchen müssen, um sich den Lebensunterhalt zu finanzieren, ist das eher kontraproduktiv.«
Rick zog eine Grimasse. »Er meint, dass er mich damit wieder auf die richtige Spur bringt.«
»Und? Hat es geholfen?«
»Nicht echt. Ich habe meinen Frust bei Partys ertränkt. Aber jetzt ist ja sowieso alles anders. Partys und dergleichen kann ich mir in nächster Zeit abschminken.«
»Das fällt Ihnen vermutlich ziemlich schwer?«
Rick schüttelte den Kopf. »Nicht mal so sehr. Im Gegensatz zu meinem Kumpel Joe bin ich gar nicht so der riesige Partymensch. Aber es war eine gute Gelegenheit, auf andere Gedanken zu kommen.«
Frau Schramm lachte. »Wenn es nur das ist, haben Sie jetzt wirklich keine Feiern mehr nötig.« Sie wurde ernst. »Das Geld ist allerdings ein Problem. Sie müssen schnell mit Ihren Eltern sprechen.«
Rick zögerte. Es war unglaublich, was er seiner Vermieterin alles anvertraute. Dabei konnte er sie doch gar nicht leiden. Aber dieses Vorurteil sollte er vielleicht bei Gelegenheit überdenken.
»Ich habe vorhin zwanzigtausend Euro von Kim auf meinem Konto vorgefunden«, meinte er zögernd. »Ich befürchte, es ist nur ein Irrtum, aber wenn sie mir wirklich so viel Geld zukommen lassen wollte, ist Marijkes Versorgung kein Problem. Zumindest nicht die materielle.«
»Und für alles andere werden wir auch sorgen.« Frau Schramm drückte das Mädchen ungezwungen an sich und unterhielt sich mit ihr. Rick war es recht, denn seine Gedanken waren mittlerweile bei der schwierigen Frage, wie er seinen Eltern beibringen sollte, dass Kim nicht nur ein Flirt gewesen war, sondern er damals mit ihr geschlafen hatte und jetzt mit einer Tochter ankam.
Haunstetten, Juni 2024
Während Rick mit seinen Gedanken in der Vergangenheit war, schlug sich Marijke mit einem sozialrechtlichen Text herum. Das war der Teil ihres Studiums, der ihr am wenigsten gefiel. Es war alles so trocken und sie hatte Schwierigkeiten, sich die Gesetze einzuprägen. Sie war froh, als ihr Handy klingelte. Um diese Uhrzeit konnte es nur Lea sein und ein kleiner Ratsch mit ihrer Freundin war genau das, was sie jetzt brauchte. Ohne auf die Nummer zu achten, nahm sie das Gespräch an und rief ihr ein fröhliches Hallo entgegen.
»Hoi, Marijke, mis je mij?«
Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, dass nicht Lea am anderen Ende war. »Hoi Arjen«, sagte sie dann. Ihr erster Impuls war, ihm zu bestätigen, dass sie ihn vermisste. Aber sie wollte keine Hoffnungen in ihm wecken und außerdem war es schlichtweg nicht wahr. Der Abend mit ihm war nett gewesen, nur verzehrte sie sich nicht unbedingt nach ihrer neuen Bekanntschaft. »Wir haben uns doch gerade erst vor einer guten Stunde getrennt. Hast du jetzt schon Sehnsucht?«
»Du etwa nicht?« Er lachte. »Ich fand es sehr schade, dass du so schnell gehen musstest.«
»Ich hatte geplant, heute Abend zu lernen. Und das muss ich auch unbedingt noch eine Weile tun. Ein andermal habe ich bestimmt mehr Zeit.«
»Wie wäre es mit morgen? Ich hole dich um siebzehn Uhr ab.«
»Wozu?«
»Überraschung. Du musst mir nur noch deine Adresse geben.«
»Wir können uns auch in Augsburg verabreden. Ich habe bis sechzehn Uhr Vorlesungen und treffe mich anschließend noch kurz mit meiner Freundin Lea.«
»Im Café bei der Uni?«
»Genau. Sie studiert dort und für mich liegt es praktisch auf dem Weg, wenn ich von der Hochschule aus mit der Tram nach Hause fahre.«
»Okay, dann hole ich dich beim Café ab. Vielleicht kann ich etwas früher Schluss machen.«
»Keine Eile. Ich bin sicher, ich muss Lea in allen Einzelheiten vom gestrigen Abend erzählen.« Marijke kicherte, als Arjen erschrocken die Luft einsog. »Keine Bange, wir haben doch nichts Verbotenes gemacht.«
»Natürlich nicht, trotzdem war das unsere Privatsache, oder? Das muss nicht jeder wissen.«
Marijke war irritiert und auch etwas verletzt. Unterstellte Arjen ihr etwa, eine Schnatterliese zu sein? So aufregend war das Essen nun wirklich nicht gewesen. »Lea ist nicht ›jeder‹, sie ist schon seit der Grundschule meine beste Freundin. Wir haben uns immer alles erzählt und natürlich interessiert sie sich, wie unser Treffen gestern gelaufen ist. Wenn es mal etwas richtig Privates gibt, werde ich das selbstverständlich für mich behalten.« Na gut, so sicher war sie sich da nicht, aber das musste Arjen ja nicht erfahren.
Er hörte anscheinend, dass sie verschnupft war. »Ich wollte dich nicht beleidigen«, entschuldigte er sich. »Es ist nur noch so frisch, dass ich …« Er brach ab. »Erzähle deiner Freundin ruhig von uns. Vielleicht sagst du ihr auch, dass du unsterblich in mich verliebt bist.« Arjen lachte.
Sie wusste nicht, was sie darauf antworten sollte, und fischte nach Worten.
»Das war nur ein Scherz«, ruderte er zurück und sie hatte sofort ein schlechtes Gewissen, wusste aber immer noch nicht, was sie sagen sollte.
»Dann überlasse ich dich jetzt weiter deinen Studien und freue mich auf morgen«, sagte er schließlich.
»Ich mich auch. Gute Nacht.«
»Welterusten, schat.«
Mit gerunzelter Stirn drückte Marijke auf die Beenden-Taste ihres Smartphones. Er hatte sie Schatz genannt. Nach nur einem einzigen Treffen hatte er schon vorgefühlt, ob sie sich in ihn verliebt hatte. Ihr ging das alles viel zu schnell. Was erwartete er von ihr? Sie konnte sich nicht sofort auf eine neue Liebe einlassen, ihr Herz hing immer noch an Dominik, auch wenn ihr Verstand ihr sagte, dass es kein Zurück gab. Also warum nicht vorausschauen und ihre wunde Seele in einer liebevollen Beziehung heilen lassen? Sollte sie nicht glücklich darüber sein, dass ein attraktiver, freundlicher Mann wie Arjen Interesse an ihr zeigte? Sie würde Lea um Rat fragen, obwohl sie schon wusste, wie dieser Rat aussehen würde. Aber vielleicht musste sie es einfach hören, um es glauben zu können.
»Bist du verrückt?«, fragte Lea entsetzt. »Du willst einen solchen Mann sausen lassen, weil du mit Dominik noch nicht abgeschlossen hast? Ich sage dir wieder mal, Süße, leg den Kerl zu den Akten. Ich hab ja auch gedacht, er wär der Richtige für dich, aber was er sich da geleistet hat, ist einfach unverzeihlich.«
»Er sagt, er kann sich nicht daran erinnern.«
»Umso schlimmer. Sag mal, wie muss ich mir denn die Birne zuknallen, um nicht mal zu merken, mit wem ich ins Bett steige? Also entweder hast du einen Betrüger oder einen Säufer. Im Zweifelsfall beides.«
Marijke lachte, obwohl ihr nicht danach zumute war.
»Fragt sich doch, warum er so gesoffen hat«, fuhr Lea nachdenklich fort und strich sich durch die dunklen Locken. »Hattest du den Eindruck, dass ihn etwas bedrückt?«
»Nein, gar nicht. Das ist auch noch nie vorgekommen. Es war während dieser Fortbildung in München. Er sagte, er wäre aus Langeweile an die Bar gegangen. Ich wüsste allerdings nicht, warum das eine Entschuldigung sein sollte, sich dermaßen zuzuschütten, dass er gar nicht mehr weiß, was er tut. Vielleicht sollte ich doch nochmal mit ihm reden.«
»Warum? Er wird nur Ausreden erfinden. Und keine davon kann eine Entschuldigung dafür sein, was er getan hat. Sich zu besaufen ist eine Sache, aber gleich mit der Nächstbesten ins Bett zu steigen geht gar nicht.«
»Stimmt schon«, dehnte Marijke zögernd.
Lea musterte sie. »Ich weiß, was gerade passiert. Bis jetzt warst du einfach nur wütend auf Dominik, aber wenn du dich auf Arjen einlässt, gibt es kein Zurück und diese Endgültigkeit macht dir Angst.«
»Wir waren eine Ewigkeit zusammen und Dominik ist einer der ganz Wenigen, der alles von mir weiß.«
Leas Augen verengten sich. »Befürchtest du, dass er dieses Wissen anwenden könnte, um dir zu schaden?«
»Nein.« Marijke schüttelte den Kopf. »Nein, das glaube ich nicht. Dann müsste ich ihn wirklich komplett falsch eingeschätzt haben.« Ärgerlich wischte sie sich über die Augen. In der Annahme, ihre Beziehung wäre für die Ewigkeit, hatte sie Dominik all ihre Geheimnisse anvertraut. Wie man sich doch täuschen konnte.
»Ich glaube auch nicht.« Beruhigend legte Lea ihr die Hand auf den Arm. »Dominik ist ja kein schlechter Kerl. Vielleicht habt ihr euch einfach nur auseinandergelebt.«
Marijke nickte. »Mein Studium hat mich in letzter Zeit ziemlich in Beschlag genommen. Wir haben uns seltener gesehen und auch nicht mehr so viel telefoniert.« Sie seufzte. »Er wollte, dass ich zu ihm ziehe. Das war eigentlich das einzige Streitthema zwischen uns. Ich sagte immer, dass ich mir darüber erst Gedanken mache, wenn ich meinen Abschluss in der Tasche habe.«
»Das habe ich ehrlich gesagt ebenfalls nie so wirklich verstanden. Lernen kannst du doch auch in seiner Bude.«
»Ich weiß. Es ist einfach nur ein Vorwand. Ich wäre schon gern mit ihm zusammengezogen, aber ich will meinen Pa nicht alleinlassen.«
In gespielter Verzweiflung schlug Lea sich an die Stirn. »Echt jetzt? Rick ist schon seit einiger Zeit erwachsen und er kann für sich selbst sorgen.«
»Du hast recht. Aber er hat so viel für mich aufgegeben.«
»Das war seine Entscheidung. Und er verlangt dafür keine Gegenleistung.«
»Ich weiß.« Marijke rührte in ihrem Latte macchiato. »Wir sind wie ein festgefahrenes altes Ehepaar, das nicht mehr aus den Geleisen kommt.«
Lea lachte. »Dann wird es höchste Zeit für eine Änderung. Und weißt du was? Wenn er sich nicht ständig um seine mittlerweile erwachsene Tochter kümmern muss, hat Rick vielleicht auch wieder Gelegenheit zu etwas Neuem.«
Marijke sah hoch. »Er hat gestern Daniela wiedergesehen, die Frau, die mich damals zurückgebracht hat, als Paul mich in die S-Bahn gesetzt hat.«
Lea riss die Augen auf. »Ist nicht wahr. Läuft da was?«
»Vielleicht. Er ist genauso zögerlich wie ich. Aber er hatte so ein komisches Leuchten in den Augen.«
»Dann hätte Paul mit seinem idiotischen Streich ja sogar noch etwas Gutes bewirkt. Ohne den hätten sie sich nämlich nie kennengelernt.«
»Stimmt. Trotzdem war es dämlich, was sich dein Bruder da geleistet hat.« Marijke leerte ihr Glas und deutete zur Tür. »Mein Date ist da.«
Mit einem strahlenden Lachen kam Arjen auf sie zu und streckte Lea die Hand hin. »Hallo, ich bin Arjen«, stellte er sich vor.
»Ich weiß. Und du weißt bestimmt, dass ich Lea heiße. Ich freue mich, dich kennenzulernen.« Sie nestelte in ihrer Tasche nach ihrem Geldbeutel.
Er legte ihr die Hand auf die Schulter. »Darf ich das für euch übernehmen?«
Lea warf ihm einen fragenden Blick zu, dann lächelte sie. »Gerne. Vielen Dank.« Während Arjen ihre Getränke bezahlte, flüsterte sie Marijke zu: »Der ist ein Schätzchen, lass den bloß nicht wieder los.«
»Magst du ihn haben?«, gab Marijke genauso leise zurück.
»Nein, danke, ich bin glücklich vergeben. Ansonsten würde ich dein Angebot vielleicht sogar annehmen.« Sie musterte Arjens athletische Figur. »Weißt du eigentlich, ob er wirklich frei ist? Möglicherweise hat er in Holland eine Freundin, ich meine, mit dem Aussehen wäre es ein Wunder, wenn nicht.«
Marijke holte tief Luft. Lea war deutlich praktischer veranlagt als sie selbst. Vielleicht war es Arjen hier langweilig und er suchte eine Ablenkung. »Das werde ich klären«, nickte sie.
»Gut. Und dann hör auf, an Dominik zu denken, und investiere in deine Zukunft.«
Eine Zukunft mit Arjen? So weit war sie noch lange nicht. Immerhin war sie gespannt, welche Überraschung er für sie vorbereitet hatte.
»Bist du soweit?« Er legte ihr den Arm um die Schultern und es war ein sehr angenehmes Gefühl. Marijke sah in die blauen Augen, die sie warm ansahen. Es regte sich tatsächlich etwas in ihr. Wenn sie Dominik aus ihren Gedanken verbannen konnte, hatte diese Beziehung wirklich eine Chance.






































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