46. Einfach Freunde sein?

Tags darauf kam Jürgen nachmittags vorbei. Großes Aufatmen! Wenn jemand mir helfen konnte, dann er. Ich hatte es immer gewusst: Er war die Brücke, über die ich endlich zurückkehren würde, zu den anderen, zu Maren…

„Wie war eure Fahrt nach Dänemark? Hat das Wetter mitgespielt?“ Endlich konnte ich ihm all die Fragen stellen, die ich mir bereits für das Treffen bei Micha zurecht gelegt hatte. Auch das eingepackte Buch überreichte ich ihm. Dann berichtete ich, was bei mir alles so passiert war in letzter Zeit. Erzählte vom Hafenfest und von der Fahrt nach Föhr. Ach ja, von Hartmann sollte ich ihn auch grüßen. Alles war genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Bis auf einmal das Lächeln aus Jürgens Gesicht verschwand. „Ich hab’ da noch was“, sagte er, fischte einen Brief aus seiner Jackentasche und legte ihn zwischen uns auf den Tisch. Der Umschlag war weiß, an der Seite erkannte ich zwei mit roter Farbe gezeichnete Palmen. „An Hauke“ stand neben ihnen, ebenfalls in roter Tinte. Die Buchstaben waren zierlich und neigten sich zugleich auffallend nach rechts. „Wollte ich dir eigentlich schon vorm Urlaub geben“, meinte Jürgen, „aber du warst ja Hals über Kopf verschwunden.“

Ich wagte nicht, den Brief anzurühren, ließ ihn einfach auf dem Tisch liegen, als wäre er gefährlich, explosiv. Stand auf, wechselte die Musik, zündete mir eine neue Zigarette an, quatschte einfach weiter. Über die Schule, Jürgens Motorroller, schließlich sogar über die Freiwillige Feuerwehr. Er berichtete von einem Alarm, den es am Tag nach meiner Abreise gegeben hatte. Bloß ein Zimmerbrand in Söderby, nichts Großes.

Irgendwann hielt ich die Anspannung nicht länger aus. Ich hechtete nach dem Brief, murmelte etwas wie „Bin kurz draußen“ und ging rüber zu Henri, der gerade nicht da war. Hastig riss ich den Umschlag auf. Weißes, neutrales Papier kam zum Vorschein, mit derselben Tinte beschrieben wie wie der Umschlag. Und wieder diese zierliche, auffallend schräge Handschrift.

Die ersten Absätze waren allgemein gehalten. Sie erzählte, wie sehr sie sich auf Italien freue, wünschte mir eine schöne Zeit an der Nordsee und so weiter. Ich fragte mich bereits, worauf sie hinauswollte, als endlich die entscheidenden Sätze kamen:



Ich habe lange über uns nachgedacht, und es fällt mir nicht leicht, dir diese Zeilen zu schreiben. Warum hast du dich so verändert? Wo bist du? Ich kann dich einfach nicht mehr erreichen. Ich habe Dich noch immer sehr, sehr gern, aber ich möchte nicht, dass es so weitergeht. Lass uns versuchen, einfach Freunde zu sein. Okay?

Alles Liebe,

Maren

Als ich ins Zimmer zurückkam, schaute Jürgen mich mit betroffener Miene an. Er wusste natürlich, was in dem Brief stand. Alle wussten es. Gestern beim Treffen hatte er sicher mit den anderen über das Thema gequatscht, auch darüber, dass er die schlechte Nachricht noch nicht überbracht hatte. Gut möglich, dass ich genau in dem Moment in den Keller gekommen war…

Auf einmal fühlte ich mich wie in einem Film: Großes Melodram, alle starrten gebannt auf die Leinwand, auf mich, warteten, dass ich zusammenbrach, in Tränen zerfloss. Jeden Moment würde das Geigencrescendo einsetzen…

Aber nichts passierte. Ich sah nur geistesabwesend zum Fenster hinaus, betrachtete den stillen, grauen Himmel. Gerade begann ein Musikstück, das ich sehr mochte. Ich sang den Text laut mit, wie immer, wenn ich allein war. Dann fiel mir ein, dass Jürgen ja noch dort saß. Ich schaltete die Musik ab und starrte weiter aus dem Fenster. Mir fiel nichts mehr ein, worüber man noch hätte quatschen können.

Irgendwann stand er auf. „Ich will los. Lass dich mal wieder sehen.“

„Klar“, meinte ich, ohne den Blick vom Fenster abzuwenden. Die Tür klappte zu – der Raum hinter mir war leer.

 

***

 

Ich saß den ganzen Abend nur da. Von Zeit zu Zeit griff ich nach dem Brief und las ihn von neuem. Natürlich kapierte ich, was die Sätze bedeuteten. Aber noch immer konnte ich nichts fühlen.

Einmal musste ich an den vorletzten Tag auf Föhr zurückdenken, meine Pommes-Mahlzeit auf dem Deich. Wie ich plötzlich diese Todesangst bekommen und schnellstmöglich nach Hause gewollt hatte, um irgendwie zu retten, was zu retten war. Ich Volldepp hatte mir da ernsthaft noch Hoffnungen gemacht, dabei war zu diesem Zeitpunkt der Brief schon geschrieben und alles längst zu spät gewesen… dann riss der Gedankenfaden ab, die Leinwand wurde wieder dunkel. Ich saß taub und leer dort, zu keiner inneren Regung fähig.



Pünktlich um zehn ging ich ins Bett und wurde, anders als erwartet, sofort müde. An der Schwelle zum Einschlafen, wenn die Gedanken allmählich verschwimmen, sich vermischen mit Bildern, Impressionen, Gefühlen des Unterbewusstseins, schien etwas unvermittelt einzurasten, klar zu werden…

Blitzschnell zuckte ich wieder hoch. Gerade hatte sich die Hölle vor mir aufgetan! Sie war ganz nahe, nur eine hauchdünne Schicht trennte mich von ihr! Auf keinen Fall durfte ich wieder einschlafen, musste mich unbedingt in Acht nehmen, sonst war es aus…

Ich versuchte, munter zu bleiben, kämpfte regelrecht gegen die Müdigkeit. Aber schon begann wieder dieses Schweben, ich wurde leicht, glitt davon… und bekam erneut nur ganz knapp die Kurve.

Schließlich gab ich es auf, ließ einfach los, sank hinab. Verworrene Träume lösten sich aus dem Dunkel: Maren, bleich und tot am Boden, ertrunken, das Haar und die Kleidung völlig durchnässt. Das Land ist verwüstet, zerrissen, zerschmettert. Woher sind plötzlich die Wassermassen gekommen? Niemand ahnt, dass ich der Urheber des Unglücks bin. Ich habe das Schleusentor hochgezogen, die Flutwelle ausgelöst.

Zwischendurch wurde ich oft wach. Meistens fand ich mich in meinem Bett wieder, aber einmal lief ich in der Küche herum, ein anderes Mal war ich sogar draußen vorm Haus.

Die Träume gingen weiter. Die Zeit ist zurückgedreht, das Geschehene ungeschehen gemacht. Maren ist heimgekehrt, ich habe sie wieder, gottlob! Mit aller Kraft presse ich sie an mich, will mit ihr verschmelzen, endlich eins mit ihr werden. Auf einmal spüre ich, dass ich sie zerdrücke, alles Leben aus ihr herauspresse wie Luft aus einer Puppe. Ich halte nur noch eine schlaffe, eingefallene Hülle mit leeren Augenhöhlen in den Händen.

 

***

 

Am nächsten Morgen war ich krank und konnte nicht in die Schule. Das Fieber stieg immer weiter. Abends kam der Arzt. Er meinte, eine Virusgrippe hätte mich erwischt, und verpasste mir eine Spritze, von der mir kotzübel wurde.

Nachts begannen wieder die Träume. Ich stehe vor Maren, flehe sie um Vergebung an. Ihre grünen Augen werden immer dunkler und verzweifelter. Schließlich explodieren sie, zerplatzen, Scherben fliegen umher wie Schrapnelle. Ich versuche zu fliehen, aber meine Glieder sind schwer, ich bin wie gelähmt. Dennoch gebe ich nicht auf. Als ich schon hoffe, in Sicherheit zu sein, erwischt mich doch noch ein Splitter am Hals. Ein kurzer, tiefer Schnitt, und der Blutstrom beginnt zu fließen. Er ist so druckvoll und heftig, dass ich ihn mit den Händen nicht zurückhalten kann. Langsam pulsiert das Leben aus mir heraus. Ich spüre tiefe Genugtuung und Befriedigung, denn für die anderen wird es viel schlimmer sein als für mich.



 

***

 

Noch einige Tage vergingen, bis das Fieber endlich gesunken war. Bald konnte ich wieder fernsehen und lesen, ohne sofort einen Drehwurm zu kriegen. Als auch mein Appetit zurückkehrte, hatte ich das Gefühl, über den Berg zu sein. Schließlich stand ich wieder auf.

Das Wetter war in diesen Tagen grau, aber mild. Ich stand oft in der Küche am Fenster und schaute hinaus. Aber ich sah kaum Leute.

Ich musste versuchen, neue Freunde zu finden. Auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie. Vielleicht über die Alte Mühle? Nein, lieber über die Schule, da war der Abstand größer. Wie früher würde es eh nicht mehr werden.

Jürgen und die anderen waren jedenfalls passé. Was sollte ich dort noch? Was war mir die Clique ohne Maren? Ohne sie war alles sinnlos. Dass ich nicht irgendein guter Freund sein konnte, wie von ihr vorgeschlagen, hatte ich längst kapiert. Sie vor mir zu sehen und sie nicht küssen, nicht mal mehr berühren zu dürfen – das war, wie von vorn zu beginnen, diesmal allerdings in der schlechteren Variante. Die andere, die schöne, große, hatte sich als Irrweg herausgestellt und war ausradiert, zurückgespult worden.

Nein, niemals! Um nichts in dieser Welt!

Wir waren zusammen gewesen, hatten uns berührt, geküsst, alles. Selbst wenn es jetzt nur noch wie ein kurzer Moment wirkte, ein Lidschlag im Zeitablauf: Es war Wirklichkeit gewesen. Das anfangs schier Undenkbare war tatsächlich passiert. Das konnte mir keiner mehr nehmen.

Keiner außer ich selbst, nämlich wenn ich die andere Möglichkeit akzeptierte. Dann hätte sich tatsächlich alles zerstäubt, zersetzt, aufgelöst. Als wäre es nie passiert. Aber das würde ich niemals machen, auf gar keinen Fall.

Blöd nur, dass die beiden Briefe verschwunden waren, die Maren mir geschrieben hatte. Auch ihren blauen Stein konnte ich nirgends mehr finden. Ich musste die Sachen in einem Anfall geistiger Umnachtung weggeworfen haben. Und natürlich war die Mülltonne inzwischen geleert worden.

Wenn ich wenigstens ein Foto von ihr gehabt hätte! Leider hatte ich auf so was nie Wert gelegt. Die ständige Knipserei hier in Schönhagen war mir immer auf die Nerven gegangen, in der Nordstadt hatten wir das nie gemacht. Ergebnis: Ich besaß kein einziges Foto, weder von Hartmann noch von sonst jemandem. Und halt auch nicht von Maren.



Jetzt existierte bloß noch ein einziger Beweis, dass die Zeit mit ihr keine Ausgeburt meiner Phantasie war, sondern wirklich stattgefunden hatte: die Inschrift im Geisterhaus, an der Wand des Festsaals. Ausgerechnet!

Ich konnte die Gravur deutlich vor mir sehen: „HAUKE + MAREN“, eingeschrieben in ein großes Herz, das von einem Pfeil durchstochen war.

 

***

 

Es war an einem der folgenden Tage. Ich saß in meinem Zimmer und las. Das Fenster war aufgeklappt, herbstlich frische Luft wehte herein. Irgendwann hörte man Stimmen von unten aus dem Garten. Ich stand auf und sah Henri im Apfelbaum sitzen. Er pflückte eifrig, neben sich im Geäst einen Eimer, die Trittleiter stand gegen den Stamm gelehnt. Klaus war dabei, herabgefallene Äpfel vom Rasen aufzusammeln.

Eigentlich hatte ich ja mitmachen wollen, wie damals beim Efeu-Schneiden, aber das Obst war überreif, fiel schon vom Baum. Sie hatten nicht mehr länger warten können. Ob ich runtergehen und helfen sollte, jedenfalls ein bisschen? Aber dann ließ ich es bleiben. Ich war einfach noch zu schlapp; wenn ich nicht aufpasste, wurde ich womöglich wieder krank.

All das Gute, das sich dieses Jahr entwickelt hatte, schien dahin – es sollte wohl so sein.

 

***

 

Bald wagte ich draußen die ersten Schritte. Ich hatte das Gefühl, sehr lange fort gewesen zu sein.

Schließlich fuhr ich auch wieder zur Schule. Ein Glück, dass ich nicht aufs Schmöllner Gymnasium ging – dort wäre man ständig Leuten aus Schönhagen über den Weg gelaufen. Aber weshalb konnte das Wilhelm-Gymnasium nicht eine Ganztagsschule sein, wie zum Beispiel das KBZ? Dann hätte ich bis abends dort bleiben können, statt schon um kurz nach halb zwei wieder nach Hause fahren zu müssen.

Nachmittags saß ich immer stundenlang in meinem Zimmer herum. In die Alte Mühle zu gehen, wie eigentlich angedacht, fand ich nie den Mut. Mittlerweile kam mir der Plan, dort Leute zu finden, die nichts mit der Clique verband, sehr naiv vor. Alles hing hier mit allem zusammen. Man konnte sich nicht einfach nach Wunsch ein Stück herauspicken, wie in der Nordstadt.

Deshalb blieb ich lieber hier drinnen, starrte aus dem Fenster und machte ansonsten gar nichts. Jeden Tag schickte der Himmel dichten, endlosen Regen. Allmählich zog der Herbst ein. Ich freute mich auf seine melancholische Stimmung, seine Traurigkeit und Düsternis. Der Herbst und ich waren Freunde, wir verstanden uns.



Einmal kam Jürgen vorbei. Wir saßen ein bisschen zusammen, quatschten über dies und das. Ich solle mich wieder mal blicken lassen, meinte er. Die anderen würden sich freuen, inklusive Maren – angeblich.

Als er endlich ging, war ich völlig erledigt. Als hätte ich gerade mit sämtlichen Kräften einen massiven Angriff abgewehrt.

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