Kapitel 9

Skye saß reglos auf der Bettkante und ließ den Blick langsam durch den Raum wandern.
Der Raum war groß. Zu groß für ein Gästezimmer. Dunkles Holz bestimmte die Wände, schwere Vorhänge schluckten das Licht, und das breite Bett stand wie ein stilles Zentrum im Raum, zu präsent, um Zufall zu sein. Alles wirkte benutzt, bewohnt – nicht neutral. Es hatte einen Charakter. Einen eigenen Rhythmus. Jemanden, der hier lebte, nicht nur schlief.
Dieser Raum war nicht extra für sie hergerichtet wurden.
Sie stand auf und ging ein paar Schritte, als würde sie den Raum erst begreifen müssen. Ihre Finger glitten über das Holz eines Regals, über die Lehne eines Stuhls. Die Oberfläche war glatt, warm vom Leben erfüllt. Und überall lag derselbe Geruch.
Asher.
Warm und Wild. Unverkennbar Dominant. Er musste eine hohe Position im Rudel haben. Beta vielleicht.
Der Duft war nicht aufdringlich, aber allgegenwärtig, als hätte er sich in die Wände gefressen. Skye schluckte. Ihr Magen zog sich zusammen, ein unangenehmes Ziehen, das sie nicht einordnen wollte.
Das ist sein Zimmer, erkannte sie.
Sie wurde nicht irgendwo untergebracht. Nicht sicher irgendwo verwahrt. Er hatte sie hierhergebracht. Absichtlich in sein Zimmer gesteckt.
Sein Verhalten ergab für sie keinen Sinn. Für Skye hatte es immer nur zwei Optionen gegeben: fliehen oder sterben. Schutz bedeutete Tarnung. Nähe bedeutete Gefahr. Sie hatte sich nie mit anderen übernatürlichen Wesen beschäftigt – es hatte schlicht keinen Raum dafür gegeben. Ihr Leben war eine einzige, lange Flucht gewesen. Vor schwarzen Hexen. Vor Macht und vor deren Entdeckung.
Wölfe waren für sie immer nur Randfiguren gewesen. Mythen. Geschichten.
Bis jetzt.
Und gerade deshalb konnte sie sich keinen Reim auf Asher machen. Er war wütend auf sie, ja – aber nicht so, wie sie es erwartet hätte. Nicht wegen Liv. Nicht wegen Marek allein. Sondern wegen ihr. Weil sie geflohen war. Weil sie sich entzog. Weil sie ihre Verschleierung trug.
Der Gedanke traf sie wie ein Schlag.
Ihre Verschleierung.
Sie war nicht aktiv.
Panik flackerte in ihr auf, heiß und scharf. Ohne weiter nachzudenken, zog sie die Magie wieder um sich. Vorsichtig. Präzise. Schicht um Schicht legte sie den Schleier über ihre Präsenz, dämpfte ihre Signatur, ließ sie verschwimmen, als wäre sie nur ein Schatten unter vielen. Erst als sie sich selbst kaum noch spürte, verlangsamte sich ihr Atem.




Dann konzentrierte sie sich erneut.
Diesmal auf Cain.
Sie zog die Magie aus sich heraus, tastete seelisch nach ihm, suchte ihn in diesem großen, fremden Gebäude. Als sie ihn fand, legte sie den Schleier auch um ihn, so gut sie konnte. Ein vorsichtiger Schutz. Nicht perfekt. Aber besser als nichts.
Erst dann ließ die Spannung in ihren Schultern minimal nach.
Erschöpft ließ sie sich auf das Bett sinken. Nur kurz. Nur einen Moment. Sie schloss die Augen, atmete tief ein – und war fast eingeschlafen, als—
KRAACH.
Die Tür schlug gegen die Wand.
Skye fuhr erschrocken hoch, ihr Herz raste.
Asher stand im Türrahmen.
Seine Augen brannten. Nicht nur vor Zorn, sondern vor etwas Tieferem, Dunklerem. Sein Körper wirkte angespannt, als würde er seine Wut mit purer Willenskraft im Zaum halten.
„Was hast du getan?“ Seine Stimme war tief. Gefährlich ruhig.
Sie setzte sich auf, das Herz hämmernd. „Ich schütze mich.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst es nicht tun.“ Er trat ein, die Tür fiel hinter ihm ins Schloss. Das Geräusch hallte wie ein Urteil. „Nimm die Verschleierung runter.“
„Nein.“
Ein leises Knurren vibrierte in seiner Brust, kaum hörbar, aber unmissverständlich. „Das ist keine Bitte.“
Sie stand auf, trat einen Schritt zurück. „Du hast kein Recht—“
„Ich habe jedes Recht.“ Brüllte er. Er war plötzlich vor ihr. Zu nah. Seine Präsenz drückte gegen sie, ließ den Raum enger wirken. „Du bist in meinem Zimmer. In meinem Bert. Und du tust genau das, was ich dir verboten habe.“ also lag sie mit Ihrer Vermutung richtig.
„Ich beuge mich dir nicht“, zischte sie. Ihr Blick war klar, trotzig, auch wenn ihre Hände leicht zitterten. „Nicht dir oder irgendwem.“
Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten, schmalen Lächeln. „Dann zwingst du mich.“
Bevor sie reagieren konnte, drehte er sich um und verließ den Raum.
Skye blieb stehen, das Herz hämmernd.
Jetzt, dachte sie. Jetzt fliehen. Er hatte die Tür nicht geschlossen.
Sie sprang vom Bett—
Die Tür flog erneut auf.
Asher trat ein. In seiner Hand etwas Metallisches.
Ein Armreif.
Ihr Blut gefror.
„Nein“, flüsterte sie. „Das wagst du nicht.“
„Doch.“ Seine Stimme war ruhig. Überlegen. „Und du weißt genau, was das ist, nicht wahr?“




Sie wusste es. Natürlich wusste sie es.
Ihre Eltern hatten ihr vielleicht nie viel über andere übernatürliche Wesen beigebracht – es war schlicht nicht nötig gewesen. Sie hatten abgeschieden gelebt, geschützt innerhalb ihres eigenen Kovens, fern von Fremden, fern von Einflüssen, die nicht zu ihnen gehörten. Kontakte nach außen waren selten gewesen, vorsichtig, kontrolliert.
Doch über Magie selbst hatte man sie gründlich unterrichtet.
Über ihre Gesetze. Ihre Gefahren. Und über die Dinge, die geschaffen worden waren, um sie zu kontrollieren.
Artefakte.
Mächtige Gegenstände, durchtränkt von fremder Absicht. Werkzeuge, die banden. Die Magie nicht zerstörten – sondern sie knebelten. Sie zum Schweigen brachten, während der Körper weiterlebte.
Der Reif den er ihr anlegen wollte gehörte genau zu dieser Art.
Er war nicht dafür gemacht, Magie zu brechen. Er war dafür geschaffen worden, sie zu fesseln. Wie eine Kette um etwas Lebendiges.
Sie rannte. Sie musste hier weg.
Doch er war schneller.
Viel schneller, als ihr erschöpfter Körper es zuließ. Sein Arm schlang sich um ihre Mitte, hielt sie fest, sicher, als wäre sie nichts als ein Gewicht, das er kontrollierte. Mit einer Bewegung wurde sie zurück auf das Bett gedrückt. Die Luft entwich ihren Lungen.
Bevor sie sich aufrichten konnte, war er über ihr, hielt ihre Handgelenke mit einer Hand fest. Sie wehrte sich, wand sich, versuchte, sich zu befreien – vergeblich. Sein Gewicht hielt sie an Ort und Stelle.
„Hör auf“, fauchte sie. „Bitte.“ Skye flehte.
„Nein“, entgegnete er ruhig.
Ein leises Klick.
Die Magie riss weg.
Ihre Verschleierung zerbrach wie Glas, das zu Boden fiel. Das Fehlen ihrer Magie war kein leeres Nichts – es war ein leerer Druck. Eine Abwesenheit, die schmerzte, weil sie wusste, dass etwas da sein sollte. Etwas, das immer ein Teil von ihr gewesen war.
Und jetzt gehörte es nicht mehr ihr.
Nicht, solange dieser Reif sie hielt
Asher erstarrte für einen Moment über ihr. Dann atmete er tief ein.
Langsam und genüsslich.
Seine Wut ebbte ab, wurde zu etwas Dunklerem. Ruhiger. Zufriedener.
„Da bist du ja“, murmelte er.
Skye funkelte ihn an. „Woher hast du das?“
Er richtete sich etwas auf, grinste schief. „Von einem Fae-Händler. Diese Wesen sammeln gern Dinge, die Macht über andere verleihen. Ich dachte, es wäre klug, vorbereitet zu sein.“




Er beugte sich leicht vor, atmete ihren Duft ein, als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich da war. Besitzergreifend und kontrollierend. Er presste sich näher an ihre Mitte. Skye spürte etwas hartes durch seine Jeans. Skye erstarrte vor Wut und Ohnmacht.
Dann richtete er sich wieder auf.
„Geh ins Bad“, sagte er und deutete zur Tür. „Geh duschen. Du riechst nach Angst und Blut.“
„Und wenn ich mich weigere?“
Sein Blick wurde messerscharf. „Dann begleite ich dich.“
Ein gefährliches Funkeln lag in seinen Augen.
Sie knirschte mit den Zähnen. „In Ordnung.“
„Schade“, murmelte er leise, fast amüsiert.
Er trat zur Seite. „Ich besorge dir Kleidung.“
Als er sich abwandte, wusste Skye eines mit bitterer Klarheit:
Sie war eingesperrt. In einem goldenen Käfig.
Und der Wolf hatte den Schlüssel.

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