Kapitel 10
Belle lag eine Weile still, das Handtuch um ihren Körper gewickelt, die Haut warm vom Bad und heiß von etwas anderem. Der Kuss lingerte noch auf ihren Lippen wie ein Nachhall, der nicht verflog. Es war kein vorsichtiger Kuss gewesen, kein Ertasten oder Zögern. Es war ein Anspruch gewesen, ein Sturm, der Türen einriss, von denen sie nicht einmal wusste, dass sie existierten.
Sie atmete tief durch, legte eine Hand über ihren Mund und flüsterte in das leere Zimmer:
„Verdammt.“
Niemand hörte es, aber der Satz blieb zwischen den goldenen Lampen und dem schweren Holz hängen.
Sie zwang sich schließlich aufzustehen und entdeckte die Kleidung, die Nora ihr hingelegt hatte: weiche Stoffhosen, ein langes, warmes Oberteil, sauber, neu und bequem. Genau das Gegenteil von dem, was sie ein Jahr lang getragen hatte. Die Farben waren neutrale Erdtöne — offensichtlich bewusst gewählt, damit sie in diesem Haus nicht auffiel.
Belle trocknete ihre Haare grob und band sie zu einem lockeren Knoten, bevor sie sich im Spiegel musterte. Unter den Augen lagen dunkle Schatten, die nicht von Schlaflosigkeit allein kamen. Ihre Wangen wirkten schmaler, ihre Haut fahl. Und trotzdem stand da eine Frau, die nicht gebrochen war. Ihre Augen waren müde — aber nicht leer. Und das war mehr als sie in den letzten zwölf Monaten von sich erwarten konnte.
Sie setzte sich auf das große Bett, zog die Beine an und wartete. Sie war gut darin geworden, zu warten.
Die Tür öffnete sich leise, ohne Drama. Cade trat ein, ein Tablett in der Hand. Ein Duft stieg Belle sofort in die Nase — warm, kräftig, nach Fleisch, Kräutern und Butter. Ihr Magen antwortete mit einem unhöflich lauten Knurren, das sie sofort verfluchen wollte.
Cade stellte das Tablett auf einen Beistelltisch und schob ihn neben das Bett. Dann setzte er sich nicht sofort, sondern wartete, bis sie die Gabel nahm. Erst nach den ersten hastigen Bissen setzte er sich, die Ellbogen locker auf den Knien, der Blick auf sie gerichtet.
Belle kaute, schluckte und hob dann den Kopf.
„Wie lange muss ich hier bleiben?“
Die Frage war ruhig gestellt, aber in der Ruhe lag etwas Scharfes — ein schmaler Grat zwischen Hoffnung und Herausforderung.
Cade antwortete nicht sofort. Sein Blick veränderte sich nicht; er blieb wach, ruhig, tief. Er war niemand, der Worten hinterherrannte. Worte mussten zu ihm kommen.
„Gefährten bleiben zusammen,“ sagte er schließlich. „Egal, was kommt.“
Belle legte die Gabel ab. „Das war ziemlich unkonkret. Ich rede von Tagen. Wochen. Einem Zeitraum, nicht von … Wolfsromantik.“
Sein Mund zuckte kaum merklich. „Du willst eine Zahl.“
„Ich will eine Option.“
„Dann bekommst du die Wahrheit,“ sagte er. „Gefährten trennen sich nicht. Sie bleiben ihr Leben lang zusammen.“
Sie starrte ihn an, als hätte er gerade eine Anweisung aus einem Märchenbuch vorgelesen. Nach seinem Verhalten ihr gegenüber, hatte sie mit keiner anderen Antwort gerechnet. Trotzdem brauchte sie Klarheit.
„Und das bedeutet in Echtzeit…?“
„Für immer,“ sagte er. „In deiner Vorstellung. In unserer einfach: ein Leben.“
Belle fühlte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog — nicht Angst, eher eine Mischung aus Fassungslosigkeit und dem dringenden Bedürfnis nach juristischer Klarheit.
„Und was ist ein Gefährte? Für Wölfe meine ich. Für dich.“
Diesmal lehnte Cade sich ein Stück vor, bis sein Blick sie vollständig einnahm.
„Ich bin dein Gefährte,“ sagte er ruhig. „Das bedeutet: dein Partner, dein Beschützer, dein Rudel, dein Zuhause. Ich gehöre nur dir.“
Belle schluckte. „Und ich?“
Sein Blick wurde seltsam weich, ohne an Intensität zu verlieren.
„Du bist meine Luna. Mein anderes Herz. Diejenige, die mein Wolf gewählt hat. Der zweite Teil meiner Seele.“
Der Satz fiel wie ein Stein in einen tiefen Brunnen. Kein Pathos, keine Schnörkel — nur Fakt. Und trotzdem war er schwerer als jedes Versprechen, das sie jemals gehört hatte.
Sie rieb sich über die Stirn. „Und was passiert jetzt? In deinem System der Wolfsetikette?“
„Jetzt leben wir zusammen,“ sagte Cade. „Wir lernen einander kennen. Und irgendwann markiere ich dich.“
Belle blinzelte. „Markieren klingt… komisch.“
„Es ist bindend.“
„Was heißt das?“
„Es ist ein Biss,“ erklärte er. „An der Halsseite. Während wir miteinander schlafen. Er verbindet uns. Danach bist du im Rudel. Deine Lebensspanne bindet sich an meine.“
Belle hielt inne, die Hand auf halbem Weg zum Teller.
„Markieren verlängert mein Leben?“
„Ja.“
„Und wie lange reden wir hier? Zehn Jahre? Fünfzig?“
„Zwei Jahrhunderte, vielleicht mehr,“ sagte er einfach. „Wenn ich nicht vorher getötet werde.“
Ihr Gesicht verlor jede Farbe. Erst als ihr Gehirn wieder in Gang kam, presste sie hervor:
„Wie alt bist du?“
„Hundertdreiunddreißig.“
Belle starrte ihn an, als hätte er gerade einen Mathefehler von galaktischem Ausmaß korrigiert.
„Du bist — du bist — HUNDERT—“
„Und dreiunddreißig,“ ergänzte er höflich.
„Du siehst nicht aus wie… na ja…“
„Ein Fossil?“ half er ihr.
„Ich wollte ‚zeitgenössischer Vampirmuseumsfund‘ sagen, aber gut,“ murmelte sie.
Er kommentierte es nicht. Stattdessen sagte er:
„Wir altern anders. Langsamer. Wir hören irgendwann auf, zu altern.“
Belle setzte die Gabel wieder ab. Sie brauchte gerade keine Nahrung. Sie brauchte Antworten.
„Okay,“ sagte sie. „Wenn du so alt bist — was machst du den ganzen Tag? Jagen? Heulen? Leute anschnaufen?“
Er sah sie an, als hätte sie gerade pure Häresie gesprochen.
„Ich leite Nova Tech.“
Sie starrte ihn an. „Du leitest eine Firma?“
„Seit fünfzig Jahren.“
„Und niemand wundert sich, dass der CEO nicht altert?“
„Wir wechseln Fotos, Ausweise, Papiere. Menschen glauben, was man ihnen sagt, wenn es professionell genug aussieht. Außerdem versuchen wir die Presse zu meiden“
Belle musste lachen — kurz, trocken, ungläubig.
„Das ist absurd.“
„Es ist effizient.“
Nach einer Pause fügte er hinzu:
„Livia arbeitete inzwischen dort. Sie sollte zuletzt eine Fusion leiten.“
Es war nur ein Satz — aber Belle spürte ihn in jeder Rippe. Nicht schmerzhaft, aber tief.
„Sie hat auch einen Partner,“ sagte Cade. „Kael Ardent.“
Belle nickte stumm. „Wie geht es ihr?“
Für einen Moment wurde sie still. Traurig-still. Wartete auf eine Antwort.
„Du wirst sie bald sehen können.“ Versprach er. Sie nickte wieder.
„Danke.“
Cade kommentierte es nicht. Er versuchte nicht zu trösten. Er tat nichts.
Und das war fast besser als jedes Es tut mir leid.
Sie atmete leise aus. „Ich bin ein freier Mensch, Cade.“
„Und du bist meine Gefährtin.“
„Das widerspricht sich.“
„Nicht in meiner Welt.“
Belle hob den Kopf, sah ihn direkt an.
Und für den ersten Moment seit Tagen sah sie nicht aus wie jemand, der gerettet oder festgehalten wurde.
Sondern wie jemand, der verhandelte.
Und in Verhandlungen war sie gefährlich.
































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