Kapitel 11
Belle war satt, aber nicht zufrieden. Das Essen war warm, reichhaltig, wahrscheinlich vom besten Koch dieses verdammten Anwesens, doch in ihrem Kopf herrschte Chaos. Cade hatte aufgegessen, als wäre das hier ein ganz normaler Abend, kein Wolfsrudel, keine Gefährtenbindung, kein Trauma. Nur er und sie.
Er beobachtete sie still. Sie wusste nicht, ob er auf ihre Worte wartete oder auf ihre Kapitulation.
Sie entschied sich für Worte.
„Gut,“ begann sie, räusperte sich und rückte das Besteck zurecht. „Ich würde jetzt gerne über… Regeln sprechen.“
Cade hob eine Augenbraue. „Regeln?“
Belle nickte ernst. „Ja. Rahmenbedingungen. Absprachen. Nenn es wie du willst.“
Sein Mundwinkel zog sich unmerklich. „Dann verhandle.“
Das war eine Einladung. Keine Ironie. Keine Drohung.
Belle richtete sich ein wenig auf, verschränkte die Hände wie im Gerichtssaal.
„Punkt eins: Bewegungsfreiheit im Haus. Ich möchte nicht eingeschlossen werden. Bewacht werden möchte ich auch nicht. Kein ‚Bleib im Zimmer, weil ich es sage‘.“
„Akzeptiert,“ sagte Cade ohne Zögern.
Belle blinzelte. Sie hatte mit einer Diskussion gerechnet, vielleicht auch mit Knurren. Stattdessen: Zustimmung? Sich hatte das Gefühl, dass da gleich noch was kam.
„Ähm… super,“ murmelte sie und notierte imaginär einen Haken. „Punkt zwei: Zugang zum Grundstück. Ich möchte nicht nur im Haus leben, sondern auch auf dem Anwesen. Gehen, atmen, Wald sehen.“
„Akzeptiert,“ sagte Cade wieder.
„Solange du außerhalb jemanden hast , der dich begleitet und auf dich achtet.“
Sie hatte es kommen sehen und rollte mit den Augen.
Belle lehnte sich etwas zurück.
„Darauf kommen wir zurück.“ Murmelte sie. Mal sehen. Das waren jetzt zwei Punkte. Zwei Ja. Das war fast beunruhigend einfach.
„Punkt drei,“ sagte sie und atmete durch, „Kontakt zu Livia.“
Und da änderte sich endlich etwas.
Nicht dramatisch. Nicht aggressiv.
Sondern still.
Die Luft im Raum zog sich zusammen, als hätte jemand leise die Temperatur gesenkt.
Cade verschränkte die Arme. „Nein.“
Belle starrte ihn an. „Wie bitte?“
„Nein,“ wiederholte er. „Nicht jetzt.“
„Das ist kein Argument,“ entgegnete Belle scharf.
„Doch,“ erwiderte er ruhig. „Für mich.“
Belle beugte sich vor, die Fingernägel in der Tischkante. „Warum?“
Er antwortete sofort.
„Weil sie dich wegziehen würde. Und du würdest gehen.“
Belle lachte ungläubig. „Ich bin keine Leihgabe, Cade. Und Livia ist meine beste Freundin, keine Fluchthelferin.“
„Dein Wort reicht meinem Wolf nicht,“ sagte er klar.
Belle spannt die Lippen. „Cade, sie hat ein Jahr lang geglaubt, ich wäre tot. Sie hat Marek gesehen, sie hat Kael gesehen, sie hat—“
„Und genau deshalb,“ schnitt Cade ihr ruhig das Wort ab, „brauchst du Zeit. Und sie auch.“
Belle atmete stoßweise aus. Das war unfair.
„Ich möchte trotzdem Kontakt,“ wiederholte sie, leiser, aber nicht weniger bestimmt.
„Und du bekommst ihn,“ sagte Cade. „Wenn ich sicher bin, dass du nicht läufst.“
Belle riss frustriert die Hände in die Luft. „Ich laufe nicht!“
„Noch nicht,“ korrigierte er.
Sie schluckte ihren Impuls herunter, ihn anzuschreien. Stattdessen atmete sie tief durch — Anwältin im Modus, nicht wütende Frau.
„Gut,“ murmelte sie. „Punkt vier: Arbeit.“
Das brachte ihn aus der Balance. Sein Kopf kippte minimal zur Seite, wie bei einem Wolf, der ein Geräusch prüft.
„Arbeit?“ fragte Cade.
„Ja. Job. Beschäftigung. Nenn es, wie du willst. Ich bin Anwältin. Ich will arbeiten.“
Er musterte sie. „Warum?“
Belle ließ die Hände sinken. „Weil ich sonst eingehe. Menschen brauchen Aufgabe, Struktur, Sinn. Ich jedenfalls.“
Er nickte langsam. „Nova Tech hat genug juristische Arbeit.“
„Dann stelle mich ein,“ sagte Belle schulterzuckend.
„Du bist eingestellt,“ sagte Cade.
Belle warf ihm einen schiefen Blick zu. „So einfach? Keine Bewerbung? Kein Lebenslauf?“
„Ich habe dich beobachtet,“ sagte er. „Du verhandelst wie jemand, der mit Blut unterschreiben würde. Das reicht. Außerdem habe ich bei sowas eine gute Menschenkenntnis.“
Eine seltsame Wärme kroch Belle den Nacken hoch. Das war ein Kompliment. Ein ernstes.
„Punkt fünf,“ sagte sie dann, „wie lange… dauert das hier?“
Jetzt wurde Cades Blick weich und gefährlich zugleich.
„Ein Leben lang,“ sagte er.
Belle schluckte. „Definieren wir ‚ein Leben lang‘.“
„Gefährten trennen sich nicht,“ sagte Cade. „Nicht durch Wände. Nicht durch Zeit.“
Belle starrte ihn an. „Und… was bedeutet das konkret?“
„Du bleibst bei mir,“ sagte er einfach.
„Und du bleibst bei mir.“
Belle schnaubte. „Und wenn ich… Schluss mache?“
Cade grinste klein. „Menschen machen Schluss. Wölfe nicht.“
Belle rollte die Augen. „Das ist kein überzeugt mich Ding, Cade, das ist ein Du-hast-keine-Wahl-Ding.“
„Es ist Natur,“ antwortete er. „Nicht Gefängnis.“
Belle sah ihn scharf an. „Es fühlt sich aber wie ein Gefängnis an, wenn du sagst, ich kann nicht gehen, weil mein Ich-bezeichne-mich-als-Wolf-Freund sonst Nervenzusammenbruch bekommt.“
Cade zog eine Augenbraue hoch. „Nervenzusammenbruch?“
„Oder… Eifersuchtsanfall,“ verbesserte Belle.
„Das ist instinktiv,“ sagte er. „Nicht mental.“
Belle schnaufte. „Instinkt ist nur Psychologie im Fellmantel.“
Cade lächelte. „Du magst Psychologie. Ich mag dich.“
Belle schloss kurz die Augen. Das war unfair. Charmant, aber unfair.
„Letzter Punkt,“ sagte sie hart, „keine Geheimnisse. Ich will wissen, worin ich hier lande. Deine Welt, deine Regeln, deine… Wölfchen.“
„Kein Rudel sind ‚Wölfchen‘,“ korrigierte Cade automatisch.
Belle hob die Hände. „Fein. Aber Transparenz. Ich wurde zu oft angelogen. Das passiert nicht nochmal.“
Cade nickte. Kein Zögern. Keine Ausflucht.
„Akzeptiert.“
Belle schluckte. Sie hatte nicht wirklich damit gerechnet.
Sie hob die Handfläche und sagte: „Zusammenfassung: Ich bleibe. Ich arbeite. Ich darf mich bewegen. Du gibst mir irgendwann Livia. Und du erklärst mir das Rudel.“
„Zusammenfassung von mir,“ antwortete Cade: „Du bleibst. Du arbeitest. Du rennst nicht. Ich gebe dir Zeit — und ich lasse dich nicht gehen.“
Belle starrte ihn an. „Und was bekomme ich heute noch?“
„Schlaf,“ sagte Cade.
Er stand auf, räumte wortlos den Tisch ab und führte sie zum Bett. Sie fragte sich, ob sie jetzt fliehen oder bleiben sollte — aber ihre Beine entschieden für sie. Sie legte sich auf die rechte Seite, Cade löschte das Licht und legte sich daneben.
Aufdringlich und besitzergreifend.
Er machte keine halben Sachen.
Nach Minuten flüsterte Belle in die Dunkelheit:
„Du weißt, dass ich dir noch nicht vertraue, oder?“
„Ich weiß,“ sagte Cade.
Belle drehte den Kopf. „Und du weißt, dass ich trotzdem bleibe?“
„Ja.“
Stille.
Und zum ersten Mal seit Monaten schlief Belle nicht allein — und nicht mit einem Ohr das auf Gefahren reagiert.
Sondern neben jemandem, der bleiben wollte. Und trotzdem wusste sie das sie wenigstens versuchen musste zu fliehen.
































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