Kapitel 37

Cade stand über dem letzten dunklen Schleier, den Astaroth hinterlassen hatte, noch halb in den Knien, den Atem hart, den Geruch von Tod in jeder Pore. Belle war zwar nah, aber nicht nah genug für seinen Wolf, der am liebsten die Distanz geschlossen und sie unter sich begraben hätte, bis die ganze Welt wieder sicher war. Doch er riss den Blick los, denn Kael war es, der jetzt Antworten brauchte – und er hatte mehr Rechte als irgendjemand sonst.
„Cade.“ Kaels Stimme war tief, knapp, nicht laut, aber mit der Schärfe eines gezogenen Messers. „Was. War. Das.“
Cade öffnete den Mund, schloss ihn wieder. Er wusste es. Er hatte den Namen Von Skye und Asher erfahren.
Asher und Elias brachen in diesem Moment durch die Baumlinie, Skye dicht hinter ihnen. Elias blieb abrupt stehen, als sein Blick auf Mareks Leiche fiel, die nun endgültig leblos im Schnee lag. Skye dagegen sah zuerst den Körper, dann den Schattenrest im Schnee – und nickte nur, als hätte sie genau das erwartet.
Kael und Livia tauschten einen kurzen Blick. Diese Art Blick war kein Ausdruck von Überraschung, sondern nüchterne Bestätigung. Sie wussten bereits, wer – oder was – dort gewesen war.
„Also war es wirklich er,“ sagte Livia leise. Man hörte Ärger in ihrer Stimme, keine Panik.
Belle sah zwischen allen hin und her. „Wer?“
Kael atmete scharf aus, durch die Zähne, wie jemand, der keine Zeit hatte, aber dennoch erklären musste. „Astaroth,“ sagte er. „Ein alter Name. Und eine sehr alte Macht.“
Belle runzelte die Stirn. „Ich dachte, Astaroth ist… irgendeiner dieser Dämonen aus okkulten Büchern. Irgendeine Mythengestalt.“
„Das ist das, was Menschen daraus machen,“ sagte Livia ruhig, „weil es handlicher klingt. Weil es sich auf Papier bändigen lässt. Die Wahrheit ist viel älter. Und unangenehmer. Wir haben Astaroth erst vor einigen Monaten indirekt erlebt. Und ich war damals nicht einmal direkt dabei.“
Cade hörte ihre Worte, aber es war Skye, die die Lücken füllte – für ihn, nicht für Kael oder Livia. „Astaroth braucht Körper,“ sagte sie ruhig. „Weil Teile von ihm nicht hierher gehören. Er ist keine physische Kreatur. Er ist ein Konzept. Wille. Macht. Bindung. Er braucht Wirte, um sich in dieser Welt zu verankern und handeln zu können.“




Kael verschränkte die Arme. „Und vor zwei Monaten haben wir dafür gesorgt, dass er seinen letzten Wirt verliert. Der Hexenzirkel wollte ihn dauerhaft in Skye verankern. Hat nicht funktioniert. Sie hat ihn rausgerissen und zersplittert.“
Asher blickte zu Skye, die den Blick ruhig erwiderte, ohne sich wegzudrehen. Man musste kein Wolf sein, um zu erkennen, wie eng sie jetzt an ihn gebunden war – Cades Wolf roch es deutlich.
Skye sah auf Mareks Körper hinab. „Danach ist ein Teil von ihm geflohen. Kein richtiger Geist, kein richtiges Wesen, eher… ein Splitter. Und Splitter suchen nach dem nächstbesten Gefäß. Mareks Körper lag unbewacht, tot, und weit weg von Schutzmagie oder Ritualkreisen. Das reicht völlig.“
Belle starrte auf den verwesenen Körper hinab, als würde ihr Verstand versuchen, neu zu verhandeln, was ein toter Körper tun durfte und was nicht.
„Und jetzt?“ fragte Cade.
„Jetzt ist dieser Splitter frei,“ sagte Skye. „Oder leer. Oder auf der Suche nach etwas Besserem.“
Belle atmete zittrig ein. „Er hat mich angeschaut.“
„Er hat dich erkannt,“ sagte Skye. „Er nannte dich ‘die Ungebrochene’. Das ist kein Zufall. Jemand hat das schon einmal getan – nicht Astaroth, aber Marek. Als er dich gefangen hielt und wissen wollte, wo Livia ist, hast du dich nicht brechen lassen. Das beeindruckt Wesen, die Macht suchen.“
Belle riss den Kopf hoch. „Was?“
Cade sah zu ihr. Er erinnerte sich an Astaroths Worte, und an ihre starke Haltung. „Er hat es dir ins Gesicht gesagt. Dass du ungebrochen bist.“
Belle schluckte hart, aber sie sah nicht weg. „Ich dachte, das war nur seine Art… mich zu erniedrigen.“
„Das Gegenteil,“ murmelte Skye. „Astaroth sucht keine Schwachen. Er braucht Widerstand. Einen starken Willen. Einen festen Kern. Je stärker der Wirt, desto länger hält er. Astaroth muss deinen Willen durch Marek gespürt haben. Selbst im Tod muss er beeindruckt gewesen sein von der Art, wie du nicht gekniet hast.“
Livia nickte. „Er wollte deinen Körper, Belle. Nicht weil du schwach bist. Sondern weil du das Gegenteil davon bist.“
Belle wirkte für einen Moment kleiner, aber nicht aus Scham – eher aus Erkenntnis, die Gewicht hatte.
Kael wandte sich plötzlich zu Nora um. „Und du. Dieses Licht. Was war das?“




Nora öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Sie wirkte verwirrt, erschrocken über sich selbst.
„Ich weiß nicht,“ flüsterte sie. „Ich weiß es wirklich nicht. Es hat einfach— passiert.“
Elias fuhr zu Nora herum, und Cade spürte, wie seine Nerven sich spannten, bevor überhaupt ein Wort gefallen war.
„Was für ein Licht?“ fauchte Elias. „Und überhaupt, was hattet ihr hier draußen zu suchen?“
Er setzte direkt nach. „Warum zum Teufel—“
Doch Nora schnitt ihm das Wort ab, lauter, als man es von ihr erwarten würde.
„Ich war es,“ sagte sie. „Ich war diejenige, die raus wollte. Nicht Belle. Nicht Livia. Ich. Ich wollte Luft. Ich bin diejenige, die dumm war. Also hör auf, hier zu stehen und zu brüllen.“
Elias’ Gesicht verzog sich. Nicht vor Wut – vor Angst. Und Cade sah es. Wölfe schrieen selten aus Ärger. Sie schrien, wenn sie fürchteten.
„Dumm?“ wiederholte Elias heiser. „Nora, das war nicht dumm. Das war lebensgefährlich. Und du bist—“ er stockte, suchte ein Wort, das nicht verletzte, und traf genau das falsche. „—du bist nur ein Mensch. Du bist schwach. Du kannst nicht—“
Noras Gesicht brach, noch bevor die Tränen fielen. „Nur ein Mensch,“ hauchte sie. „Natürlich.“
Dann drehte sie sich um und rannte. Nicht schreiend, nicht tobend. Einfach laufend. Und der Schnee verriet jeden ihrer Schritte, bis sie hinter der ersten Baumreihe verschwand.
Elias starrte ihr hinterher, roch nach Schuld, nicht nach Wut. Cade sah es, und Kael auch.
Belle machte einen Schritt vor, wollte ihr nachlaufen, aber Cade legte ihr die Hand auf die Schulter. Nicht hart – nur fest. „Gib ihr einen Moment,“ sagte er leise.
Belle sah ihn an, verstand, und blieb.
Kael rieb sich über das Kinn, der Unterton seiner Stimme war bitter. „Gut. Astaroth ist vorerst weg. Aber er kommt zurück. Und das hier war kein Ausbruch. Das war nur ein Splitter. Und dennoch: wir müssen herausfinden, wie man einen Dämon vernichtet.“
Livia atmete scharf durch. Niemand sagte etwas. Niemand widersprach.
Als die anderen sich zurückzogen und das Gespräch abgeschnitten war wie ein Faden, blieb Cade noch stehen. Sein Wolf beruhigte sich nicht. Nicht nach dem, was geschehen war. Nicht nach dem Blick, den Astaroth Belle zugeworfen hatte.




Er hatte Kämpfe gewonnen, bevor sie begonnen hatten. Er hatte Grenzen verschoben, bevor jemand sie kannte. Aber diesmal war es anders.
Diesmal wollte etwas älteres, hungrigeres und mächtigeres genau dasselbe wie er.
Und er hatte nicht vor, zu teilen.
Am nächsten Morgen brachen sie auf.
Nach Hause.
Und Cade wusste mit jeder Faser seines Wolfs:
Der eigentliche Krieg hatte gerade erst angefangen.

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