Kapitel 27 – Eine verschlafene Königin
Kapitel 27 – Eine verschlafene Königin
Cyrus
Ich kniete auf dem Boden und hielt Aurelie in meinen Armen. Ihr Kopf ruhte an meiner Brust. Beide Herzen schlugen gleichmäßig. Das eine raste, das andere pochte nur gemächlich vor sich hin.
„Bitte gib mich nicht auf.“
Ihre Worte hallten in meinem Kopf nach, machten es mir schwer, einen klaren Gedanken zu fassen. Denn bisher hatte ich gedacht, ich hätte mich aufgegeben. Nicht sie.
Vorsichtig stand ich auf, die bewusstlose Königin in meinen Armen haltend. Ich lege meine Lippen an ihre Stirn und seufzte. Nun, wo ich sie endlich wieder in den Armen hielt, wollte ich sie nicht mehr loslassen. Nie wieder. Aber ich wusste auch, dass der nächste Streit nicht lange auf sich warten lassen würde.
Zögerlich wandte ich mich Darleen und dem Vampir zu, den ich mit meinem Gift beinahe umgebracht hätte. Weil ich geglaubt hatte, er würde meiner Verbundenen wehtun. Mein Verstand wusste, dass sie nur trainiert hatten. Und dennoch war ich vollkommen außer mir gewesen. Rasend vor Wut, Zorn und … Eifersucht. „Wird er wieder?“, fragte ich und ging auf meine Cousine zu.
Der rothaarige Vampir hob müde den Kopf. Obwohl ich ihn nicht angesprochen hatte, antwortete er, anstelle Darleens: „Ja. Das Gift ist draußen. Zumindest zum größten Teil. Den Rest werde ich selbst neutralisieren können. In ein paar Stunden bin ich wieder ganz der Alte.“
„Tut mir leid. Ich wusste, es war nur eine Übung …“
„Schon gut. Wenn ich gewusst hätte, dass Ihr in der Nähe seid … Immerhin kann ich jetzt stolz behaupten, den Biss des Königs überlebt zu haben.“ Er zwang sich ein kämpferisches Lächeln auf die Lippen, welchem ich mit einem Nicken meinen Respekt zollte.
„Wir werden abreisen“, erklärte ich an Darleen gewandt. „Auf der Rückreise kommen wir wieder vorbei. Vielleicht in ein paar Wochen. Wenn wir Glück haben, noch vor dem Wintereinbruch.“
„Pass bitte gut auf Naya auf. Und hör auf, so egoistisch zu denken. Du willst das nicht für sie tun, sondern für dich!“
Ich erwiderte nichts darauf, sondern drehte mich um und ging mit meiner Königin in den Armen zurück zur Kutsche. Sie war schon längst fertig gepackt und die drei Grigoroi Elok, Amaro und Stinan warteten auf uns, ebenso wie Irina. Da sie zu viert nicht auf den Kutschbock passten, ritt Elok auf einem Pferd nebenher. Damit würde er auch voraus reiten und unsere Strecke auskundschaften, sollte es nötig sein.
„Hilf mir mal kurz, Elok.“ Mein Grigoroi eilte mir entgegen, woraufhin ich ihm Aurelie in die Arme drückte, um selbst in die Kutsche zu steigen. Wie geplant saß Emili schon bereit. Doch … „Wo ist Aurillia?“
„Sie kommt auf dem Rückweg mit zurück ins Goldene Reich.“
Ich nickte verstehend. Dann bedeutete ich Elok, mir die bewusstlose Königin zurückzugeben. Vorsichtig setzte ich mich auf die Bank, bettete sie auf meinen Schoß, legte ihren Kopf an meine Brust und schlang meine Arme um sie. Emili griff nach einer Decke, legte die Füße meines Weibes hoch und breitete die Decke über ihre Beine und ihren Schoß aus.
„Bitte gib mich nicht auf.“
Immer noch hörte ich ihre Stimme in meinem Kopf. Unwillkürlich drückte ich sie fester an mich. „Elok? Sag Bescheid, dass wir losfahren können.“
Mein Grigoroi nickte durch die kleine Fensterscheibe; wenig später setzten wir uns in Bewegung.
Aurelie fühlte sich kalt an. Es war nicht das erste Mal, dass sie ihre Kraft zu hoch dosiert eingesetzt hatte, aber das letzte Mal waren es lediglich ihre Hände gewesen. Heute hatte sie das halbe Kampffeld mit einer Flammenmauer umfasst!
„Du hast sie nicht verdient“, merkte Emili nüchtern an. Ich blieb still und beobachtete sie eine Weile. Ihr Blick war kaum einmal auf mich fokussiert. Immer wieder schweiften ihre Augen ab, an einen Ort, an dem es eigentlich nichts Spannendes zu sehen gab. Dann blinzelte sie, warf Aurelie einen Blick zu, der zwischen Wissen und Schwere lag, und verlor sich schon wieder in ihrer eigenen Welt. Es hatte auf mich den Anschein, als wäre sie ständig beschäftigt und das, obschon es in einer Kutsche nicht wirklich etwas zu tun gab.
„Das weiß ich. Sie aber offenbar nicht. Sie will nicht, dass ich sie verlasse“, entgegnete ich nach einer Weile, obwohl ich eigentlich nicht mit Emili darüber reden wollte. Immerhin war sie die klügere und vernünftigere der beiden Zofen.
„Sie hat ja auch Gefühle für dich. Das ist offensichtlich. Und du bist blind.“
„Diese Gefühle sind nur wegen des Blutschwurs da. Er manipuliert ihr Herz, ansonsten würde sie mich hassen. Ich will ihr nur die Möglichkeit geben, zu erkennen, was sie wirklich von mir hält. Wie ihre echten Gefühle sind, ohne dass ihr diese von einem Blutschwur diktiert werden. Wenn sie endlich klar sieht, kann sie frei entscheiden, was sie möchte.“
Emili schüttelte den Kopf, ließ aber wieder einige Minuten verstreichen, ehe sie erneut das Wort an mich richtete. „Da war schon weit vor dem Blutschwur das Bedürfnis nach deiner Nähe. Sie hat sich immer dafür geschämt, weil sie es nicht zuordnen konnte.“ Ihr Blick wurde unfokussiert. Dann lächelte sie schwach. „Als ihr im Bett gelegen seid und du damit gedroht hast, zu gehen, sollte sie sich nicht wieder zu dir legen wollen. In ihr hat alles danach geschrien, dich nicht gehen zu lassen. Nur deshalb hat sie sich wieder zu dir gelegt, trotz ihrer Angst vor Berührungen.“ Das Lächeln verblasste. Die ganze Zeit wirkte der Blick der Zofe irgendwie verschleiert.
Emili blinzelte einige Male und kam zurück ins Hier und Jetzt. Streng verschränkte sie die Arme und sah mich an. „Hast du eigentlich eine Ahnung, was eine Frau ganz sicher nicht hören möchte, wenn sie dir von dem Kind unter ihrem Herzen berichtet?“
„Wenn der Blutschwur ihr nicht mehr einredet, dass ich bei ihr bleiben soll, tut es das ungeborene Kind, nicht wahr?“ Ich seufzte und schob vorsichtig eine Hand auf Aurelies Bauch. Unter der Decke konnte Emili es nicht sehen. „Ich kann hier nur falsch entscheiden. Wenn ich bleibe, wird sie ihre Angst vor mir nie verlieren. Sie wird nie vergessen können, was ich getan habe. Und wenn ich gehe, wird es sie verletzen. Aber irgendwann kann sie sich auf einen neuen Mann einlassen. Einen neuen Blutschwur eingehen.“ Ich starrte hinab auf die friedlich schlafende Aurelie. In Momenten wie diesen wollte ich sie nicht gehen lassen. „Denkst du, für mich ist es leicht?“
Emili schnalzte herablassend mit der Zunge. „Es ist nicht mitanzusehen, wie du dich selbst bemitleidest. Nayara ist das Beste, was dir je passieren konnte. Und du willst sie wegwerfen, als bedeute sie dir gar nichts.“
„Und trotzdem sagst du, dass ich sie nicht verdiene. Spar dir künftig deine unqualifizierten Beiträge.“ Ich ignorierte das Mädchen und konzentrierte mich wieder ganz auf Aurelie und die beiden Herzschläge. Dieses kleine, winzige Wesen, das da in ihr heranwuchs. Würde es dunkle Haare und bernsteinfarbene Augen haben? Oder blondes Haar und blaue Augen?
Ich mochte Aurelies Augenfarbe. Dieses helle, funkelnde Braun, das leicht ins Gelbliche überging. Es glänzte in der Sonne manchmal wie Gold. Schwarze Haare würden wunderbar dazu passen. Ein Sohn wäre perfekt. Ein kleiner Junge, dem ich das Reiten und Jagen beibringen konnte. Den Kampf mit Schwert und Wort. Ein kräftiger Knabe, dem ich alles beibringen würde, was mein Vater mich einst gelehrt hatte. Er würde ein großartiger König werden.
Nayara… Cyrus… Nacy? Nayrus? Über die unsinnigen Namen musste ich beinahe anfangen zu lachen. Ich schaffte es kaum, mir das dumme Grinsen zu verkneifen. Nayrus… Nun fing ich doch an zu lachen. Wie gut, dass ich noch beinahe drei Jahre Zeit hatte, mir einen besseren Namen für meinen Sohn zu überlegen. Aurys?
Nayara brummte leise und schmiegte sich näher an mich an.
„Ärgert dich Aurys?“ Nein, der Name ging gar nicht. Ich unterdrückte nur schwer einen weiteren Lacher. Cynay? Ich zog die Hand von Aurelies Bauch, um sie mir vor den Mund zu halten. Aber es war zu spät. Ich begann so heftig zu lachen, dass mir gar die Tränen kamen!
Wohlig seufzte Aurelie, legte ihre Arme, so gut es in ihrer zusammengekugelten Position ging, um meinen Körper und zog sich näher an mich heran. Sie atmete tief ein, als würde sie es wahrlich genießen, mir nah zu sein. „Du hast so ein schönes Lachen“, flüsterte sie leise und verschlafen. „Mach weiter.“
„Ich fürchte, mir gehen die dummen Ideen aus“, erwiderte ich, während sich ein sanftes Lächeln auf meine Lippen stahl. Ein schönes Lachen also. Nun, dann fielen mir bestimmt noch andere, dumme Namen ein. Aurelie hatte ja gleich drei. Auch wenn der dritte Name an den ihrer Mutter angelehnt war. Athanasia … Athacy? Atharys? Nein, das klang wie eine Krankheit. Siarys? Cysia? Weiblich … Warum klangen die Namen alle weiblich? Vielleicht eine kräftige Endung, wie El oder Al… Nayal? Cynal? Nayacel? Nycel? Aucel? Aucyl? Wieder musste ich grinsen. „Die dummen Ideen sind aus.“ Sanft legte ich meine Lippen auf ihren Scheitel. „Wie fühlst du dich? Hast du Durst? Hunger?“
„Ich will Honig“, verlangte sie mit überraschend fester Stimme, gestand dann aber nuschelnd: „Und ich bin müde.“ Somit kuschelte sie sich sofort wieder an mich und schloss erneut die Augen. „Und du bist warm und riechst gut“, brummte sie noch hinzu und versteckte ihr Gesicht ganz an meiner Brust.
Zweifelnd sah ich zu Emili auf. „Haben wir Honig eingepackt?“ Ich konnte diesem süßen Zeug nichts abgewinnen, aber für Aurelie würde ich am nächsten Hof halten und nachfragen. Mit einer freien Hand zog ich die Decke zurecht und drückte meine Verbundene noch etwas enger an mich.
„Nein“, antwortete Emili trocken, woraufhin Aurelie eine Hand von mir löste und hinter sich ausstreckte. Diese Position sah absolut unbequem aus. Emili griff nach Aurelies Hand und umschloss sie mit ihren beiden. „Geht es dir gut?“
Aurelie grummelte müde, drückte die Hand ihrer Zofe und zog ihren Arm dann wieder zurück, um ihn um mich zu legen.
Ich schob das Fenster zur Seite und erspähte Elok, der neben der Kutsche ritt. „Elok. Frag beim nächsten Hof nach, ob sie Honig haben. Wenn ja, kaufe ihnen ein großes Glas ab.“ Mein Blick fiel auf Aurelie und ich berichtigte sofort: „Nein, kauf gleich zwei Gläser. Besser, wir haben eines in Reserve.“
Elok nickte ernst und gab dem Pferd die Sporen.
Ich schloss das Fenster wieder. So gut es ging, setzte ich mich etwas bequemer hin. Mein rechtes Bein schlief allmählich ein, aber das war für den Moment egal. Noch war Aurelie zu müde, um zu realisieren, wie sie auf mir saß. Daher genoss ich ihre Nähe in vollen Zügen, streichelte ihr über den Kopf und sah aus dem kleinen Fenster. Die Blätter waren längst gefallen und die kalten Monate eingekehrt. Fehlte nur noch der Schnee.
Meine Verbundene nuschelte ein verschlafenes Danke und schlief bald darauf schon wieder ein.
Honig fanden wir bei einem der nächsten Höfe. Und auch wenn es nur wenig war, drückte ich der Bauersfamilie eine ordentliche Entlohnung in die Hand. Sowieso war das süße Gold alles andere als billig, aber wenn es Aurelie glücklich machte …
Selig lächelnd beobachtete ich ihre entspannten Gesichtszüge. Ich wollte gerade nicht an all meine Fehler denken. Sie lag in meinen Armen und mein Leben war perfekt. In dieser Situation hatte ich nichts auszusetzen, ich wollte, dass es genau so blieb. Dass sie sich nicht aus meinen Armen wand, sobald sie erwachte, und dass diese Vertrautheit zwischen uns bestehen blieb.
Ein lautes Klopfen ließ die Wände der Kutschen erbeben. „Es strahlen die letzten Sonnenstrahlen, Majestät. Vor uns liegt ein Hof. Wollt Ihr dort einkehren, um die Nacht zu verbringen?“
„Ja. Frag nach, ob sie zwei freie Zimmer für uns haben. Und ob wir die Pferde in einem Stall unterbringen können.“ Wenig später fuhr die Kutsche auf den Hof zu.
Auch wenn es mir schwerfiel, weckte ich Aurelie. „Wir haben einen Ort zum Übernachten gefunden, Nay.“ Ich löste mich von ihr und stieg aus. Danach half ich meiner Frau und Emili aus der Kutsche.
Elok kam uns entgegen und lächelte. „Eine nette Familie, die gern dazu bereit ist, dem Königspaar eine Unterkunft zu gewähren. Sie möchten das Essen mit euch teilen.“
Von Menschen in den Ostlanden war ich nichts anderes gewohnt. Hier wurden Menschen gut behandelt und sie gaben die Freundlichkeit zurück. Die Menschen hatten keine Angst vor Vampiren und ich war stolz, so eine Gelegenheit zu haben, Aurelie zu zeigen, wie es im Goldenen Reich aussehen könnte. In ein paar hundert Jahren vielleicht.
Ich bot ihr meinen Arm an. „Die Menschen hier sind ganz anders zu uns Vampiren. Du wirst es gleich sehen.“
Müde blinzelte sie mich an, schüttelte kurz darauf den Kopf und rieb sich die Augen, um sich wach zu machen. „Sehe ich annehmbar aus?“, fragte sie verschlafen und griff nach meinem Arm.
„Äh…“ Nein, eigentlich tat sie das absolut nicht. Daher löste ich ihre Haare, glitt mit den Fingern hindurch und Emili flocht ihr schnell zwei Zöpfe. „Jetzt aber.“ Sie sah richtig süß aus mit dieser Frisur. Zum Anbeißen eigentlich, aber ich würde mich hüten, mir den Gedanken auch nur zu erlauben.
Sie lächelte schwach. „Danke, ihr beiden.“ Sich an meinen Arm anschmiegend, gähnte sie kurz und kicherte daraufhin. „Eine verschlafene Königin und einen …“ Sie ließ ihren Blick an mir hochwandern. Frustriert atmete sie aus und sprach daraufhin nur noch im Flüsterton. „Viel zu … König.“ Sie räusperte sich. Das eine Wort, das mich wirklich interessiert hätte, hatte sie verschluckt. Stattdessen lief ihr Gesicht rot an. „Gehen wir?“
„Ich kann dich auch tragen.“ Meine Mundwinkel zuckten.
Emili atmete neben mir genervt aus und verkniff sich jeden Kommentar.
„Nein!“, protestierte Aurelie und fügte etwas ruhiger, aber noch sichtlich verschlafen hinzu: „Was macht das denn für einen Eindruck? Nein, das kannst du dann machen, wenn ich so dick bin, dass ich das Gleichgewicht ständig verliere.“ Fest entschlossen zog sie mich zum Haupthaus des Hofs, wo auch schon ein Ehepaar um die vierzig Jahre wartete.
Wie von selbst wurde ihre Haltung gerader und Ehrfurcht einflößend. Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen begrüßte sie die beiden. „Guten Abend. Danke für das Angebot, uns unterzubringen.“ Sie nickte leicht mit dem Kopf, als Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit.
Die beiden Menschen verneigten sich vor uns. Die Frau vollführte einen Knicks, während der Herr sich verbeugte. Die Menschen hier fielen vor uns nicht auf die Knie. Sie hatten keine Angst. Und Sklaverei war ihnen nur vom Hörensagen bekannt. „Es gibt Hülseneintopf mit Karotten und Zwiebeln.“ Die Frau lächelte unsicher. „Die Kinder haben schon gegessen. Dann ist es ruhiger am Tisch.“
„Vielen Dank für die Gastfreundschaft. Das wissen wir sehr zu schätzen.“ Ich nickte dankbar und ließ Aurelie und Emili zuerst eintreten.
Die Frau des Hauses führte uns in die Küche. Von der anderen Seite des Hauses vernahm ich mehrere Stimmen. Sicherlich hatte sie eine ganze Schar an Kindern. „Lebt eure Familie schon lange auf dem Hof?“, fragte ich aus Neugierde.
„Seit nun sieben Generationen, Majestät“, entgegnete der Mann mit gewissem Stolz in der Stimme.






















































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