Kapitel 30 – Emilis Verschwinden
Kapitel 30 – Emilis Verschwinden
Cyrus
Das erste Geräusch, das ich an diesem Morgen hörte, war der schnelle, gleichmäßige Herzschlag unseres ungeborenen Kindes. Meine Hand ruhte auf dem Bauch meiner Frau, als ob ich das ungeborene Leben in ihrem Leib dadurch schützen würde. Sobald wir von unserer Reise zurück wären, würde ich ein Fest veranstalten, damit jeder Vampir im Goldenen Reich erfuhr, dass die Königin schwanger war. In so jungen Jahren ein Kind unter dem Herzen zu tragen, was für ein Wunder. Ein Geschenk der Götter.
Mein Atem stockte, als mir bewusst wurde, dass es wohl genau das war. Ein Geschenk der Götter. Von Ignis-Robur. Denn Aurelie war gleich zweimal mit diesem göttlichen Wesen in Kontakt gekommen. Als es geschlüpft war und wir es zum See gebracht hatten. Und davor, wie sie erzählte. Vor dem Ball.
Meine Augen wurden groß. Sofort war ich hellwach. Der Ball! Dort musste es entstanden sein! Aurelie hatte an diesem Abend unglaublich anziehend gerochen! Jeder Mann hatte nach ihr den Kopf gereckt. Welch ein Glück, dass ich nach ihr gesucht hatte, sonst wäre nun ein anderer der Vater unseres Kindes. Meines Kindes. Dieses Wunder unter ihrem Herzen war wirklich mein Kind. Unser Kind!
Ich kuschelte mich noch enger an Aurelie. Wir lagen beide auf der Seite, beide in dieselbe Richtung gedreht. So konnte ich mich perfekt an sie kuscheln und einen Arm schützend um sie legen. Um sie und unser Kind.
Aurelie regte sich leicht. Sie grummelte, murmelte irgendetwas und lächelte dabei hörbar. Dann rieb sie ihren Po an meinem Gemächt. Ob mit Absicht oder ohne, aber ich stöhnte sofort unterdrückt auf und presste meine Lippen aufeinander. Sie hatte ja keine Ahnung, was sie da mit mir machte! Oder doch? War sie wach oder noch am Träumen? Und wenn sie träumte, wovon träumte sie, dass sie sich jetzt praktisch durchgehend an mir rieb?!
Ich stützte mich auf einen Arm und beugte mich leicht über sie. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Gesicht völlig entspannt. Bis auf das leichte Lächeln. Zärtlich streichelte ich über ihren Bauch, ihren Arm und ihr Gesicht. Mit meinem Becken rutschte ich ein Stück zurück und brachte so einen kleinen Sicherheitsabstand zwischen uns. „Guten Morgen, Liebes.“ Sanft drückte ich ihr einen Kuss auf die Wange.
„Hm …“ Sie lächelte versonnen, hielt die Augen aber noch geschlossen. „Guten Morgen, Liebster.“
„Wie hast du geschlafen?“ Ich drückte meine Nase an ihre Wange und atmete ihren Geruch ein. Sie nannte mich Liebster. Vielleicht einfach nur eine Reaktion auf meinen Kosenamen für sie. Aber es klang ehrlich, wenn auch verschlafen.
„So gut wie schon eine Ewigkeit nicht mehr“, nuschelte sie, ehe sie sich zu mir umdrehte und ihre Arme um mich schlang. Ihren Kopf schmiegte sie an meine Brust und eines ihrer Beine legte sie über meine und winkelte es dort an. So zog sie sich noch näher an mich heran. Als sie meine Härte an ihrem Bauch spürte, grummelte sie leise. „Du bist unersättlich.“
„Genau genommen hast du dich zuerst an mir gerieben“, gab ich schmunzelnd zurück. „Außerdem bist du gestern dreimal zum Höhepunkt gekommen, ich nur einmal.“ Ich streichelte ihren Rücken und küsste ihre Stirn. „Aber wir sollten aufstehen. Noch schlafen alle. Und wir sollten die Gastfreundschaft dieser Familie nicht über Gebühr beanspruchen. Nach dem Frühstück sollten wir gehen.“
„Ja, wahrscheinlich“, flüsterte sie, machte allerdings keine Anstalten, aufzustehen. Stattdessen spürte ich, wie sie begann, mich zu küssen. Erst meine Brust, dann rutschte sie weiter, hoch zu meinem Hals.
„Möchtest du Blut trinken? Sie werden nicht abgeneigt sein, wenn du darum bittest.“ Ich versuchte, bei Verstand zu bleiben. Kalt abwaschen und der kleine Kerl zwischen meinen Beinen würde fürs erste Ruhe geben.
Mitten in der Bewegung erstarrte sie. Ihr ganzer Körper verkrampfte sich. Sie ließ von mir ab und zog sich zurück. „Nein, Cyrus.“ Kopfschüttelnd richtete sie sich auf und setzte sich an den Rand des Bettes. „Ich werde niemals von Menschen trinken.“
„Wie?“ Ich sah sie erstaunt an und setzte mich hinter sie. Sanft streichelte ich ihre Arme. „Warum?“
„Weil ich mein Gift nicht kontrollieren kann“, gestand sie schluckend. „Ich habe selbst einen Vampir damit unbeabsichtigt umgebracht.“ Bebend zog sie den Atem ein. Ihr Rücken war gekrümmt und ihre Hände verkrampft. „Du … hast mir nie gezeigt, wie man das richtig macht. Ich weiß auch nicht, wie man richtig rennt. Ich kann auch Geräusche und Gerüche nicht so unterscheiden, wie ich es können sollte.“
„Dann werde ich es dir zeigen. In den nächsten Tagen werden wir genug Zeit dafür haben.“ Ich küsste ihren Nacken. Obwohl mir damals meine Eltern genommen wurden, hatte ich noch meinen Onkel und meine Tante gehabt. Die Berater meines Vaters. Es hatte genug Vampire gegeben, die ich damals um Hilfe bitten konnte. Aber Aurelie hatte ich bewusst isoliert und gar nicht daran gedacht, dass es Dinge gab, die sie nach ihrer Reife noch lernen musste. Innerlich scholt ich mich.
Ich stand auf, griff nach meiner Hose und zog mich an. „In der Kutsche fangen wir mit den einfacheren Dingen an. Und am Ende der Reise…“ Ich stockte. Wollte ich den Blutschwur noch lösen? Jetzt, wo alles so perfekt war? Oder würde es wieder kippen? Aurelies Launen waren schon vor der Schwangerschaft nur schwer zu ertragen gewesen. Nun würde es vermutlich noch schlimmer werden.
Versunken in Gedanken, zog ich mich an. Es war immer noch ruhig im Haus. Aber die Sonne würde bald aufgehen. „Heute isst du aber noch etwas anderes, als nur Honig, ja?“ Ich wandte mich Aurelie zu.
Ihr war nicht entgangen, dass ich mitten im Satz gestockt hatte. Ich konnte sehen, wie sie den Schmerz, der eben noch in ihren Augen gefunkelt hatte, vertrieb und ein Lächeln auf ihre Lippen zwang. „Natürlich. Vielleicht. Mal sehen.“
„Brauchst du Hilfe beim Ankleiden? Ansonsten würde ich nach den Grigoroi sehen. Und nach den Pferden.“
„Nein, geh du ruhig. Ich mach mich frisch, hole Emili und komme dann nach.“ Aurelie griff nach der Hose, den Bandagen und der Bluse, die auf dem Boden verstreut lagen.
Ich verließ das Zimmer. Im Flur lauschte ich kurz. Das Zimmer neben uns war leer. Also waren doch schon der eine oder andere wach. Beinahe lautlos ging ich hinunter und verließ das Haus. Der Stall lag neben einem größeren Bach, sodass die Pferde neben Gras auch mit frischem Wasser versorgt waren. Amaro stand da, und passte auf die Tiere auf.
„Wo sind die anderen?“, fragte ich und kam auf ihn zugelaufen.
„Jagen. Es gibt hier nur Feldmäuse. Und der Wald ist ein wenig entfernt.“
Ich nickte seufzend. Gut eine Stunde zu Fuß. „Irgendwelche Auffälligkeiten?“
„Nein, es war ruhig. Der älteste Sohn ist sehr früh mit einem Karren zur Mühle gefahren, um das Korn mahlen zu lassen.“
Ich musterte den Bach. „Sie könnten hier eine eigene Mühle bauen.“ Korn mahlen zu lassen, war teuer. Aber man konnte bei dem Anlass auch andere Besorgungen erledigen.
Nach einem kurzen Bad im Fluss lief ich zurück in Richtung Haus. Blinzelnd blickte ich, entgegen der jungen Morgensonne, zum Haus. Aurelie kam mir entgegen, doch anstatt der Freunde und Zufriedenheit, die ich nach der heutigen Nacht mit ihr verspürte, zeichnete sich auf ihren Zügen Sorge ab. Ihre Beine steckten wieder in diesen viel zu engen Hosen, und ihre Brust hatte sie erneut abgebunden. Jetzt, wo ich wusste, dass sie es tat, fiel es mir auch auf.
„Was ist los?“ Ich hielt meine Arme einladend offen, sollte sie den Wunsch nach Nähe verspüren. Da kam mir plötzlich ein schrecklicher Gedanke. Akribisch suchte ich ihren Körper nach Verletzungen ab. „Geht es dem Kind gut?“
Sie nickte ungeduldig, „Ja, ja, uns geht es gut, aber ich kann Emili nirgends finden!“ Sie trat an mich heran, sodass ich meine Hände auf ihre Hüften legen konnte. Ihre eigenen platzierte sie auf meiner Brust. „Wo mag sie sein?“
Ich drückte Nay an mich und sah mich um. In der Nähe stand ein kleines Häuschen. „Ich schaue mal nach, ob sie auf dem Abort sitzt. Hast du im Haus schon jemanden gefragt?“ Amaro hätte mir gesagt, wenn etwas Ungewöhnliches passiert wäre. Und Emili war es gewohnt, früh auszustehen. Vielleicht war sie spazieren? Schlafwandeln? Nein, das hätte Amaro mir mitgeteilt.
Nayara nickte. „Ich habe die Bäuerin gefragt, aber sie meinte, seit sie aufgestanden sei, hätte sie niemanden gehört. Ihr Sohn wäre schon frühmorgens los zur Mühle, und ihr Mann schliefe noch. Und in ihrem Zimmer ist sie nicht.“ Unruhig trommelte sie mit ihren Fingern auf meiner Brust herum.
„Gut. Du wirst wieder ins Haus gehen, etwas essen und dir erklären lassen, wo diese Mühle ist.“ Ich nahm ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie zärtlich. „Ich sehe in dem Häuschen nach. Und wenn sie dort nicht ist, lasse ich die Kutsche spannen. Das dauert etwas, also lass dir Zeit.“
Hatte der Sohn sie mitgenommen? Dieser Theobald? Wollte er mit ihr durchbrennen? Gestern Abend schienen nicht außergewöhnlich stark voneinander angetan. Allerdings war Emili schon immer schwer zu durchschauen gewesen.
„Du denkst, er hat sie mitgenommen?“ Aurelie furchte die Augenbrauen.
„Schon möglich. Wobei es reichlich dumm ist, in Gegenwart des Königs und der Königin. Ich denke also eher, dass Emili freiwillig mitgegangen ist. Wir hätten sie sonst gehört.“ Es sei denn, Emili hatte einen extrem tiefen Schlaf. Aber ich wollte nicht vom Schlimmsten ausgehen. Und erst recht nicht Nay beunruhigen. „Vielleicht wollte er frisches Brot mitbringen und hat sie überredet, mit ihm zu gehen.“
Sie nickte langsam. „Sicher“, murmelte sie leise. „Dann … geh ich jetzt essen. Hast du schon?“
„Lass etwas für mich einpacken.“ Erneut küsste ich ihre weichen, süchtig machenden Lippen und machte mich danach auf den Weg zu dem kleinen Häuschen, das des Unrats und des Geruchs wegen, einsam und allein dastand und nicht ans Haupthaus anschloss. Dort aber war niemand und auch der Stall war leer.
Leicht beunruhigt gab ich Amaro den Befehl, die Kutsche vorzubereiten. Eine Stunde später saßen wir darin; Elok ritt auf einem Pferd bereits vor zur Mühle. Auf dem Weg kam uns Theobald entgegen. Ein Maulesel zog den Karren, auf dem sich die Mehlsäcke stapelten. Elok stoppte ihn.
Obwohl Aurelie sofort die Kutsche verlassen wollte und ich sie durchaus verstehen konnte, hielt ich sie auf. Ich deutete zu der leeren Bank. „Schließ die Augen, Nayara. Erinnere dich an gestern. An ihren Duft. Emili riecht immer ein wenig nach Kamille. Riechst du es?“
Konzentriert folgte sie meiner Anleitung. Kurz sah es aus, als hätte sie Erfolg, denn ihre Nasenflügel bebten. Doch als sie die Augen wieder öffnete, sah sie enttäuscht aus. „Ich weiß es nicht. Nur ein bisschen, aber vielleicht bilde ich es mir ein, weil du es mir gesagt hast.“
Ich nickte verständnisvoll. „Merk dir den Geruch, den du in der Nase hast. Ich werde gleich mit Theobald reden. Und du schaust dir seinen Karren genauer an.“ Ich streichelte ihre Schulter. „Wir finden Emili. Keine Sorge. So weit kann sie noch nicht sein.“
Ich öffnete die Tür unserer Kutsche, stieg aus und half Aurelie heraus. Danach winkte ich Theobald zu und setzte ein Lächeln auf. „Guten Morgen, Theobald. Hast du unsere Reisebegleiterin gesehen? Emili? Sie muss wohl wieder im Schlaf herumgelaufen sein.“ Ich gab den Menschen oft die Möglichkeit, eine Lüge zu übernehmen. Damit fühlten sie sich nicht ertappt und übernahmen meine Lüge, anstatt etwas zu erfinden, womit sie mich gegebenenfalls in die Irre führen konnten.
„Oh, wirklich?“ Theobald tat überrascht. Von seiner Unruhe ließ er sich, bis auf ein etwas zu freundliches Lächeln, nichts anmerken. „Tut mir Leid, nein. Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit ich ihr gestern Abend das Zimmer gezeigt habe.“ Lüge. Sein Herz hüpfte, schlug etwas schneller.
Mein Blick ging kurz zu Aurelie, die am Karren vorbeiging. Aber Theobald beachtete sie nicht weiter. „Gibt es außer der Mühle noch andere Höfe in der Nähe?“
„Ja. Natürlich. In allen Himmelsrichtungen. Bestimmt ist sie zu einem der anderen Höfe gelaufen …“
Und da kamen sie nun, die Spekulationen, die mich in die Irre führen sollten. „Habt ihr gestern über einen der Höfe gesprochen? Hast du eine Idee, wo sie vielleicht hingegangen sein könnte?“
„Nein, tut mir leid.“
Ich nickte. „Dann suchen wir weiter. Danke.“ Kurz noch näherte ich mich ihm. Er roch nach Mehl. Und einer winzigen Spur Kamille. „Richte deinen Eltern bitte noch mal unseren Dank aus, für die Gastfreundschaft.“
Theobald bekam rote Flecken im Gesicht. Er konnte mir nicht mehr in die Augen sehen. Schuldgefühle. Und er verstand meinen Gruß an seine Eltern als Drohung. „D…danke“, stotterte er.
Ich machte einen Schritt beiseite, sodass er mit dem Karren weiter fahren konnte. Aurelie stand an der Seite und sah ihm nach. Sofort näherte ich mich ihr und legte vorsichtig einen Arm um sie. „Hast du etwas gerochen?“ Wortlos hielt sie mir einen leeren Leinensack vor die Nase. „Kamille. Sehr gut, du hast es gerochen. Und nun?“ Ich schenkte ihr ein Lächeln. Wir hatten Zeit. Emili musste noch in der Mühle oder in der Nähe sein. Und wir hatten genug Grigoroi, die zur Not ausschwärmen konnten.
Als sie aufsah, hatte sie Tränen in den Augen. „Was hat er nur mit ihr gemacht?“
„Öffne den Sack und rieche erneut daran. Es riecht nicht nach Blut. Also geht es ihr gut.“ Für den Moment. Er wollte sie unbeschadet wegschaffen.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Blut hätten wir gerochen.“ Sie schluckte. „Aber es gibt noch weitaus Schlimmeres als rein körperliche Verletzungen, Cyrus.“ Zügigen Schrittes ging sie zur Kutsche zurück. „Wir müssen sofort weiter!“ Den Sack behielt sie dicht an sich gedrückt.
Ich nickte Amaro zu und wies Elok an, zur Mühle vorzureiten und die Umgebung dort im Auge zu behalten. Sollte er Emili dort vorfinden, würde er auf sie aufpassen und mit ihr dort warten. Ich folgte Aurelie in die Kutsche und setzte mich ihr gegenüber. Ratternd setzten wir uns wieder in Bewegung, Aurelie sichtlich unruhig.
„Was wenn er sie … angefasst hat?“ Panik zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. „Oder sie auf eine Weise getötet hat, die nichts mit Blut zu tun hat?!“ Ihre Hände krallten sich in ihre Oberschenkel. „Wieso überhaupt? Ein Angriff auf meine Zofe? Von einem Bauernsohn?“
„Sein Herz hätte deutlich schneller geschlagen, wenn er ihr ein Leid angetan hätte.“ Fürsorglich nahm ich ihre Hände in meine. „Mach dir keine Sorgen, Liebes. Ich denke, er hat uns nicht geglaubt, als wir uns als Königspaar ausgegeben haben. Wir reisen nun auch nicht in Prunk und Protz. Er hat uns sicher für normale Vampire gehalten, vermutlich sogar für Ehebrecher.“ Dass es so was unter Vampiren nicht gab, wussten die meisten Menschen nicht.
Meine Erklärung bezüglich Emili schien sie zu beruhigen. Zumindest nickte sie und atmete dabei langsam aus. Dann aber bildeten sich Dalten auf ihrer Stirn. „Wieso denn Ehebrecher?“
Meine Mundwinkel zuckten. „Weil wir diese Nacht nicht die Finger voneinander lassen konnten. Menschen neigen dazu, diese Intimitäten nicht unter dem Dach von Fremden zu teilen. Es sei denn, sie können es nicht zu Hause tun … weil dort der Ehepartner ist.“ Ich streichelte über ihre Hände und war froh, dass ich sie wohl einen Moment von Emili ablenken konnte. „Wie gefällt es dir bisher in den Ostlanden?“
„Ich denke, ganz gut“, murmelte sie, war in Gedanken aber irgendwo anders. „Es ist nicht so, als hätte ich jemals viel von irgendwas gesehen. Bis zur Reife bleibt man ja zumeist in den eigenen vier Wänden. Ich war mein ganzes Leben vielleicht viermal in der Stadt. Und davon nur einmal allein, als ich …“ Sie sah auf und presste die Lippen aufeinander – wohl um ein Lachen zu verhindern. „… Emili und Aurillia fortgeschafft habe.“
Der Tag, an dem sie voller Blut zurückgekehrt war, wenn ich mich recht erinnerte. An dem Tag hatte sie auch versucht, Irina fortzuschaffen. Es schien Ewigkeiten her zu sein. Ich würde Aurelie häufiger die Möglichkeit geben, das Schloss zu verlassen. Sie sollte nicht eingesperrt leben müssen. „Ja, das war ein seltsamer Tag“, murmelte ich nachdenklich.
„Aber auch schön. Ich hatte mit den Wachen unglaublich viel Spaß!“ Jetzt brach das Lachen aus ihr aus. „Der Arme wusste nicht, dass er gerade seine Königin festgenommen hat. Oder gegen sie gekämpft hat!“ Sie lachte von ganzem Herzen. „Oder, dass er seiner Königin die Unterstellung gemacht hat, Kontakte zu den Verrätern zu haben!“ Jetzt konnte sie sich kaum noch halten. „Woraufhin ich nur gesagt habe, dass ich wünschte, dass es so wäre!“ Sie beruhigte sich etwas. „Naja, dann hätte ich immerhin die Drahtzieher gekannt und dem Mist ein vorzeitiges Ende setzen können.“ Sie seufzte sehnsüchtig. „Ich glaube, ich hatte mein ganzes Leben noch nicht mehr Spaß, als da, wo ich mich als normales Mädchen ausgegeben habe.“
Freiheit. Ich seufzte. Das hatte ihr am meisten Spaß gemacht. Und vielleicht auch die Tatsache, dass sie den Wachmann an der Nase herumführen konnte. Sicherlich hatte sie sich auch einen Spaß daraus gemacht.
„Graf Targes unterbrach diese Scharade sicher, oder?“
„Ja …“, gestand sie und errötete leicht, wobei sie schon wieder sichtlich an sich halten musste, nicht erneut loszulachen. „Als der Wachmann meinte, dass ich mit meinen Worten Hochverrat beginge und dafür gehängt werden würde, ist Targes reingeplatzt und hat gesagt, dass hier niemand gehängt würde. Und ich zitiere: Schon gar nicht die Königin.“ Ihre in die Tiefe verstellte Stimme hörte sich nicht einmal halbwegs nach Graf Targes an, was mich wiederum zum Schmunzeln brachte.
„Hast du eigentlich noch Interesse daran, den Schwertkampf zu erlernen?“ Es behagte mir immer noch nicht. Ein Schwert konnte hässliche, schwerwiegende Wunden zufügen. Aber ich traute ihr auch zu, es heimlich zu üben. Wie die letzten Jahrzehnte schon. Und das war noch riskanter. „Also, richtig zu erlernen?“
„Ähm … wärst du jetzt sehr wütend, wenn ich das schon … täte?“
Natürlich tat sie es. Alles andere hätte mich gewundert. Ich seufzte kopfschüttelnd. „Nein, es überrascht mich noch nicht mal. Wenn wir zurück sind, wirst du unter meiner Anleitung lernen.“ Streng blickte ich sie an. Darüber würde ich nicht verhandeln.
























































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