Kapitel 31
Tückisch können die Momente sein, indem ein Mensch sich allein mit seinen Gedanken auseinander setzt. Monotone Arbeit, die dazu verleitet mit dem Geist fern davon zu schweben und das zu verarbeiten, was zurzeit geschah. Seit Milans Abschied sind einige Stunden vergangen und doch hallen die Erinnerungen der kleinen Reise nach. Eindrücke zwei fremder Welten. Die freudige Atmosphäre hat noch immer Einfluss auf Skyla und bringt sie zum Schmunzeln. Ihr Verhalten sorgt für Verdacht bei den Arbeitskollegen. Ihr Ausbilder David glaubt zu wissen, was mit ihr los ist. Er behauptet felsenfest, sie sei glücklich. Der Grund dafür lautet Milan. Diese These vermag sie zu beschäftigen. Es verärgert Skyla, keine Kontrolle über ihre Hormone zu haben.
Unangebracht sind bereits die pubertieren Hormone. Die Gedanken driften immer wieder ab. Milan hat viele dreiste Seiten. Eine davon ist sein bleibender Eindruck. Statt sich auf die Arbeit an der Abzugshaube zu fokussieren, ruft der dämliche Kopf ständig eine bunte Palette an Erinnerungen mit ihm auf. Umso größer ist der Schreck, als nicht weit von ihr etwas zu Bruch geht. Kaum zuckt der Körper fürchterlich zusammen, verliert Skyla die Balance und sieht sich schon fallen. Im letzten Augenblick findet sie Halt an den Fliesen. Das Herz trommelt wild, während sie halb in der Luft hängt und sich ausmalt, wie doof sie landen könnte. Mit dem Kinn voran, auf die Kante der Küchenzeile. Allein bei der Vorstellung schmerzt der Kiefer. Julian hat ein Talent, Teller und Schüsseln fallen zu lassen. Ihm verdankt sie es, aus ihrer Träumerei gerissen zu werden. Selbst, wenn der Kerl das Geschirr vorher noch in der Hand gehabt hat, behauptet Julian immer felsenfest, dass er keine Schuld trägt und die Schüssel sich selbständig gemacht habe. Skyla mag es zwar nicht aussprechen, aber die Anwesenheit von Geistern würde ihr nicht entgehen. Außerdem erwischt sie ihm bei einem leisen Ups! Nicht schon wieder!-Moment. Traurig, dass ihr Kollege nicht gestehen kann, dass allein seine Dusseligkeit schuld ist.
Mitten im Mittagsgeschäft muss Skyla dann auch noch ihren Posten verlassen, weil Dominik einfach den Bestellungen nicht hinterherkommt. David ist mal wieder auf Julian und Dominik nicht gut zu sprechen und heute lässt er seine schlechte Laune auch noch an allen aus, selbst die Servicekräfte weichen ihm aus. Skyla sieht seinen lauten Frust nicht so dramatisch, schließlich hat jeder mal einen schlechten Tag. Und wenn sie weiß, dass sie im Recht liegt, legt sie sich auch an Tagen wie diesen mit David an.
Wie am Tag vor dem Release ihrer geliebten Mangareihen kann Skyla es ja kaum erwarten, den Arbeitsplatz zu verlassen. Daher gibt sie Vollgas beim Putzen, schließlich sieht sie gleich Milan wieder. Unfassbar, aber Skyla hat ihn sehr gern gewonnen. Wäre da nicht ihr größter Feind – die Abzugshaube, die ihr Zeit und Nerven kostet. Aber bevor die Küche nicht glänzt, darf sie den Betrieb nicht verlassen. Herausfordernd und gewappnet mit dem grünen Putzlappen tritt sie dem Endboss entgegen. Dieses Gerät hat wahrlich unfaire Skills. Der Horror beim Säubern. Welcher Idiot auch dahinter steckt, Skyla könnte ihn verfluchen. Da die Küche keine Fenster hat, ist während des ganzen Betriebes das Licht eingeschaltet. Mit der Stromzufuhr erwacht auch die doofe Röhrenabzugshaube. Diese kann leider nicht separat abgestellt werden. Daher erschweren der ultimative Windsog und der Dauerlärm die Arbeiten. Noch kann das Küchenteam nicht im Dunkeln arbeiten und da sich kein Funken Tageslicht auf ihren Arbeitsplatz wagt, muss sich ein jeder vom Team an dem Monster beweisen. Einmal im Jahr stellt sich immer die große Frage, wie viele Putzlappen die Luftröhre gefressen hat. Skyla muss den Fetzen nur einmal etwas lockerer festhalten und schon ist er weg.
Das Zeitfenster beschäftigt Skyla. Denn es kommt ihr so vor, als sei es gar nicht so lange her, dass sie mit dem putzlappenfressenden Monster gekämpft hat. Der Gedanke, ihre Kollegen tricksen sie mit der Reihenfolge aus, spukt in ihrem Kopf. Verübeln kann sie es ihnen nicht, denn wenn die Azubiene die Möglichkeit hat, diesem Kampf auszuweichen, dann würde sie es ebenfalls tun.
Der Moment der Wahrheit. Grimmig wirft Skyla dem Ding einen bösen Blick zu und krempelt die Ärmel ihrer Kochjacke höher. Erst mal muss das Abzugsgitter ab, das sie in die Spülmaschine legt. Hochkonzentriert und mit einem festen Griff beim Putzlappen beginnt sie mit der Herausforderung. Für den Anfang hat die Köchin einen guten Start. Der Lappen befindet sich in einem eisernen Griff, woraufhin Skyla zuversichtlich blickt. Solange, bis wieder etwas in ihrer Nähe auf den Boden aufschlägt und zerspringt.
Lautstark ärgert sich Dominik: „Idiot! Wir machen hier gerade sauber und du haust die Mousseschüssel um! Siehe dir die Sauerei an! Ich mache das nicht sauber!“
Genervt sieht Skyla zu ihnen und ärgert sich ebenfalls: „Bitte sagt mit nicht, dass das wahr ist! Habt ihr die ganze Schüssel umgehauen?“
Julian beteuert seine Unschuld. Dominik meldet sich als Zeuge und fällt ihm in den Rücken. Aber ihr Blick gehört der doofen Abzugshaube, die gerade den Putzlappen wie ein Staubsauger eingesaugt.
„Och komm schon!“
Kaum dreht sich Skyla um, reißt Dominik eine Schublade so heftig auf, dass die ganze Arbeitsplatte wackelt und ein Glas herunterfällt. Das Geräusch des Zersplitterns lässt sie zusammenschrecken. Ein Blick zu ihm zeigt, dass ihr Kollege noch immer mit dem Zorn auf Julian kämpft. Dominik ist wahrlich eine jähzornige und nachtragende Persönlichkeit. Ein Junge mit vielen Problemen. Jemand, der eine lange Liste führt von Leuten, die ihn enttäuscht oder fallen gelassen haben wie eine heiße Kartoffel. Dieser Ort ist seine letzte Hoffnung auf Besserung. Obwohl Dominik wie Julian eine hohle Fritte sein kann, ist auf dem Jungen Verlass. David hat ein viel zu gutes Herz und erhofft sich, dass sein Leben ein Wendepunkt erhält. Für alle drei Azubis wurde David zu einer Vertrauensperson.
„Fertig?“, fragt Skyla ihn genervt.
„Du musst auch immer alles kommentieren!“, brummt Dominik.
Wütend wie ein kampfeslustiger Stier dreht er sich um und funkelt seine Kollegin zornig an. Julian erkennt die Misere und schiebt sich in Dominiks Blickfeld.
„Hey. Das ist es nicht wert. Hört auf zu streiten.“
Dominik schüttelt enttäuscht seinen Kopf. „David ist schon den ganzen Tag gereizt! Was haben wir ihm getan? Als wäre es nicht genug, fängst du schon wieder an, so eine Scheiße zu machen! Siehe dir die Sauerei an! Ich habe keinen Bock, dir hinterher zu putzen! Und Miss Vorlaut kann nicht einmal ihre Klappe halten!“
Er schnaubt, dreht sich um, um es sich wenige Sekunden anders zu überlegen und herumzufahren.
„Hältst dich für etwas Besseres, Skyla! Stimmt’s?“
Genervt schließt sie kurz ihre Augen und sucht ihre Worte weise. Ihn jetzt zu provozieren, würde alles nur verschlimmern.
„Hey, Dominik. Geh an die frische Luft. Ich kümmere mich darum!“, mischt sich Julian ein.
„Will ich dir auch raten! Denn ich mache das nicht weg! Aber ich kann es nicht fassen, dass du dich für diese eingebildete Kuh einsetzt!“
„Skyla hat uns schon oft den Hintern gerettet! Sprich nicht so von ihr!“
„Ja, sei blind, Julian! Hast du doch eh keine Chance bei ihr!“
Fast platzt Skyla der Kragen. Sie blickt zornig auf, aber zu Dominiks Glück bekommen sie Gesellschaft von David.
„Skyla, wo ist der grüne Putzlappen?“
Er wirft den beiden Jungs zwar einen bösen Blick zu und doch richtet sich seine Aufmerksamkeit seiner Azubiene, die ihm unschuldig zulächelt und nur auf die Abzugshaube deutet.
David begutachtet kurz das hungrige Monster, das sich den grünen Lappen geschnappt hat. „Dabei bist du doch immer sehr vorsichtig.“
Skyla seufzt. „Entschuldige.“
Erstaunt blickt sie auf eine schwarze Kralle, die sie auf Davids Schulter entdeckt. Zu groß für ein Insekt. Zu klein und animalisch für eine Menschenhand. Eine böse Vermutung macht sich in ihr breit und lässt sie schwer schlucken. Eigentlich hat sie gehofft, dass ihr Arbeitsplatz zur neutralen Zone wird. Überall, wirklich überall, dürfen diese Monster erscheinen, nur nicht hier. Dafür steht zu viel auf dem Spiel. Es spielt keine Rolle, welche Art von Bedrohung an David klebt, denn Fakt ist, mit ihnen folgt Chaos.
Zu gern hat Skyla ihren Ausbilder, um das kleine Wesen an ihm zu ignorieren. Auf gar keinen Fall wird sie ihn mit dem Unheilbringer allein lassen. Beunruhigt umrundet sie ihren Ausbilder und blickt auf eine kleine schwarze Kreatur. Die seltsame Gestalt hat nur einen runden Mund voller Fangzähne. Von Augen oder einer Nase fehlt jede Spur. Das Wesen ist kleinwüchsig. Es erinnert vom Umfang an ein Baby. Der Geist hat sich wie ein Äffchen an Davids Schulter gehangen. Details, die sie am liebsten irgendwo niederschreiben möchte. Es sind Fragen, die Skyla plagen, wie seine Größe zustande kommt. Auch der Ursprung eines solches Wesens beschäftigt sie. Fakten, die ihr hoffentlich ein Geisterjäger geben kann.
Mit großer Ehrfurcht betrachtet sie den kleinen Kerl. Der Gedanke, das seltsame Geschöpf kommt ihr jeden Moment entgegengesprungen, lässt sie erschauern. Ihr Zögern kann ihr Kopf und Kragen kosten und doch verhält sich der ungebetene Gast zu ruhig auf Davids Schulter. Fast friedlich. Sicherlich trügt der Schein.
„Stimmt etwas nicht?“, unterbricht David ihre Gedanken.
Kaum wird die Stille durchbrochen, schreckt Skyla zusammen. In solchen Moment vergisst sie gern, dass sie nicht allein ist. Mit klopfendem Herzen blickt die Azubiene David in die Augen und zwingt sich zu einem Lächeln. Ein trügerischer Glaube, dass alles okay sei. Was es für David sicherlich nicht ist. Denn nicht ohne Grund hängt der kleine Besucher an seiner Schultern und Skyla kann leider nicht in seinem Kopf blicken, um zu sehen, was ihr Ausbilder bereits alles durchgemacht haben muss. Dennoch fliegt Skyla auf.
Ihr Versuch, eine gute Miene in einer solchen Notfallsituation zu machen, weckt Misstrauen in ihm. David runzelt die Stirn, sodass Skyla schnell handeln muss, bevor ihr eine einmalige Chance durch die Finger gleitet.
„Du hast da etwas, warte kurz.“
Skyla holt tief Luft und mit viel Überwindung greift sie nach der Kreatur, die den Kopf zu ihr schwenkt. Kaum schließen sich ihre Finger um das Wesen, fangen diese verdächtig an zu kribbeln. Die Temperatur fällt schlagartig. Ihr Atem wird durch einen Kältenebel sichtbar. Anders als erwartet, beugt sich das kleine Monster neugierig zu ihr hinab, als begutachtet es sie interessiert. Dabei hat Skyla damit gerechnet, dass es sich aggressiv verhält. Das fremde Wesen fühlt sich kalt an, als lebe es in der Kühltruhe. Sie spürt durch ihre Hand sein pochendes Herz. Behutsam nimmt sie den Kleinen an sich, packt ihn mit Samthänden an. Aus Furcht, es könne bei hektischen Bewegungen und groben Griffen toben vor Wut. Aber sie hat sich geirrt, denn das Geschöpf scheint es nicht zu stören, dass es sich in ihrer Hand in schwarzen Rauch verwandelt. Zurück bleibt ein Gefühl der Leere und Traurigkeit. Diese Empfindung ist so stark vertreten, dass Skyla zum Weinen zu Mute ist. Eine schreckliche Einsamkeit nagt ihr. Unerfüllt zu sein und mit dem Leben nichts anzufangen drückt auf Gemüt.
Bevor Skyla zusammenkauernd auf den Boden sinkt, lässt der schrille Ton des Feuermelders sie aufschrecken und vertreibt den dunklen Nebel, der ihren Kopf eingehüllte. Das Küchenpersonal reagiert etwas genervt auf den Lärm. Skyla dagegen bleibt das Herz kurz stehen, als David nach ihrer Schulter greift.
Anscheinend blickt sie alles andere als mutig, was sie daraus schließt, als David ihr bewusst macht: „Du wirkst etwas blass.“
Er beobachtet verwundert, wie Skyla so tut, als würde sie etwas fallen lassen, nachdem der böse Geist sich auflöst. Nun ist ein wenig Improvisation angesagt.
„Du hattest ein ekliges Insekt auf deinem Rücken!“
Zu ihrer Überraschung spielt sie ihre Rolle besser als gedacht. Für jemanden, der sich mit Rollenspielen schwer tut, klang sie kurz angewidert.
David kauft ihre Version anscheinend ab und betrachtet sie erheitert. Sein Lächeln ist jedoch von kurzer Dauer und endet, als sein Blick hinabfällt.
„Du hast es einfach auf den Boden geschmissen, statt es zu entsorgen?“
„Es war eklig!“
Erneut bringt sie ihn damit zum Lächeln. Sein Blick schnellt auf und macht die beiden anderen Azubis aus. Ein Pfeifen und er hat die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Anwesenden. „Jungs, sucht nach dem Insekt, was Skyla fallengelassen hat.“
„Aber wir sind gerade dabei, die Mousse wegzuwischen!“, meldet sich Julian.
Er klingt entkräftet, als wünsche er sich den Feierabend sehnlichst herbei.
Dominik lacht erbost. „Nein, Bro. Du. Nicht ich.“
David schreitet zu ihm. „Weswegen hast du dich denn jetzt aufgeregt?“
Sein Sorgenkind hat nicht mal die Möglichkeit zu antworten, denn Elly, eine Servicekraft, tritt heran und wundert sich: „Oh, ihr seid immer noch nicht fertig?“
„Siehe dir doch mal die Sauerei an!“, brummt David.
„Was ist passiert?“
Es wäre nicht Elly, wenn sie nicht so neugierig wäre.
Davids betrachtet sie mit hochgezogener Augenbraue.
Viel lieber möchte er wissen: „Was können wir für dich tun, Elly? Die Küche hat bereits geschlossen. Also komm mir jetzt nicht mit dem nächsten Bon.“
„Nein, nein. Ich mache jetzt Feierabend. Nur wurde ich von dem jungen Mann angesprochen. Skyla wird bereits vermisst. Ich versprach dem Kerl, mal nach ihr zu sehen. Seid ihr hier noch länger beschäftigt?“
David atmet genervt aus. „Mach Feierabend, Skyla. Wir kommen hier klar.“
„Erst kümmere ich mich um die Abzugshaube.“
Sie hat bereits den nächsten Putzlappen in der Hand.
„Schon gut, damit setze ich mich schon auseinander. Gehe schon, bevor ich es mir anders überlege“, will er sie verscheuchen.
Seine Küchenfee hat jedoch andere Pläne: „Sorry, David. Aber ich habe mit dieser Abzugshaube noch eine Rechnung offen.“
Bevor er kontern kann, macht sie sich an die Arbeit.
David wendet seine nächsten Worte an die beiden Jungs: „Von ihr könnt ihr noch viel lernen, irgendwann wird sie diese Küche leiten.“
Skyla hält überrascht inne und dreht sich staunend um. „Heißt das, ich werde übernommen?“
David lächelt sie daraufhin herzlichst an. „Als ob wir dich wegschicken.“
Sein Lächeln steckt Skyla an, nun ist sie umso motivierter und die Abzugshaube ist schnell gereinigt. Den größten Teil hat sie zum Glück bereits schon geschafft, bevor ihr der grüne Putzlappen entwischen konnte.



















































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