Kapitel 37

Justin spielt mit seinem Leben. Noch wirbeln Verachtung und Zorn wie ein hungriger Wirbelsturm um Skyla. Grund dafür ist die abscheuliche Höllenbrut, die sie an sich gebunden hat. Aber der Geisterjäger legt keinen Wert auf ihr Empfinden und will den nächsten Punkt abarbeiten. Er schiebt sich frech in ihr Bild und schnippt dreist mit den Fingern vor ihrer Nase. Daraufhin fletscht Skyla die Zähne. Nichts, was Justin beeindruckt.
„Da der Vertragsschwur geklärt ist, möchte ich dich auf etwas anders hinweisen. Hast du dich nie gefragt, warum man dich nicht als Hauptverdächtige betrachtet hat? Schließlich fanden sie dich am Tatort. Das Blut der toten Frau klebte dir im Gesicht. Für gewöhnlich wärest du da nicht fein rausgekommen.“
Skylas Körper reagiert auf das Erlebnis noch immer mit einem Zittern. Aber Justin hat Recht. Ähnliche Gedanken plagen sie bis heute noch. Sie rechnet jeden Moment mit einem Anruf von der Polizei oder einem Brief von einem Anwalt.
„Ich wollte doch nur helfen, als ich ihren Hilferuf hörte.“
„Falsch! Gehört hast du den Geist. Sie war schon tot, bevor du überhaupt den Betrieb verlassen hast“, korrigiert er sie streng.
„Also hat mich der Geist gerufen, um sich an meine Fersen zu heften?“
Justin nickt ihr zustimmend zu. „Der Geist hat die Kamera im Parkhaus manipuliert, sodass du für die Behörden nicht als Hauptverdächtige dastehst. Bei der Videoüberwachung hat er eine dunkle Gestalt erschaffen, die sich auf die Frau gestürzt hat.“
Wozu machte sich der Geist solch eine Mühe? Wäre es nicht besser, sie eingesperrt und in die Enge gedrängt zu wissen?

Zu schwer liegt das Ereignis im Magen. Zu schmerzhaft. Skyla bekommt die Zähne nicht auseinander, um über ihre Zweifel zu sprechen. Daher führt Justin einfach fort.
„Das Blut in deinem Gesicht konnten sich die Beamten dennoch nicht erklären. Aber selbst als diese Gestalt über der Leiche entstand und der Wind dir das Blut ins Gesicht klatschte, zweifelten sie das Videomaterial an. Ich arbeite mit einem von ihnen zusammen. Jemand, dem bewusst ist, dass böse Geister unter uns hausen. Bei solchen Fällen werde ich dann als Berater dazu gerufen. Ob du es glaubst oder nicht, aber ich habe für dich ein gutes Wort eingelegt.“



Das Blut des Opfers.
Mit panikgeweiteten Augen wandern die Finger das Gesicht hinauf. Der Geschmack und der Geruch kehren zurück, lassen Skyla würgen.
„Justin! Das ist zu früh!“, beschwert sich Milan bei seinem Mitbewohner. „Siehe sie dir doch an!“
„Schnauze, Milan!“ Justins Brille blitzt verdächtig auf. „Vor Eintritt des Todes und weitere vierundzwanzig Stunden war der Geist mächtig genug, um seine wahre Gestalt anzunehmen. Eine sehr gefährliche Zeitspanne. Selbst für uns Jäger. Danach schrumpfte dieser und seine Form veränderte sich. Sie wird schon fast niedlich. Ein beschämender Moment für den Geist. Ich hörte von deiner Panikattacke und kenne deine Krankenakte. Ich bin mir sicher, dass du die wahre Form noch zu sehen bekommen hast, Skyla. Darf ich erfahren, wie der Geist aussah?“
Informationen, die sich nur schwer verdauen lassen und erst langsam in den Kopf einsickern. Das Geräusch vom tropfenden Blut kehrt zurück und lässt Skyla erschaudern. Ihr Blick schnellt nach oben zur undichten Decke.
Wasser. Nein. Blut!
Ihre Furcht entgeht einem Kerl wie Justin nicht und so nähert er sich Skyla. Gehetzt schnellt sie mit dem Kopf in seine Richtung.

„Du erinnerst dich oder?“
„Justin, hör auf!“
Milan erhebt sich erbost. Die Aktion kann er anscheinend nicht befürworten. Doch sein Mitbewohner ignoriert ihn gekonnt.
„Du bist dem Geist begegnet. Er ist dir aufgelauert und hat sich dir gezeigt.“
Mit klopfendem Herzen blickt Skyla zur Seite, wo plötzlich die Leiche des Opfers liegt und aus der Blutlache das Monster entsteht, das ihr am Abend auf die Station gefolgt ist. Noch immer erinnert die Kreatur an einen bösen Flaschengeist. Der Mund ist wie damals auch zu einem Sichelmond geformt und lässt sie erschaudern. Es ist ihr flehender Blick, der Milan ermutigt, zu handeln. So schließt er Skyla sanft in eine tröstende Umarmung.

Ein lautes Niesen ertönt im Hintergrund und lässt das Medium zusammenschrecken. Ihre Erinnerung von dem Monster bleibt lebhaft und verharrt eisern an Ort und Stelle. Nur mit dem Unterschied, dass diese zu leuchten beginnt. Das Bild der Bestie ist wie eingefroren und Justin tritt an den bösen Geist heran, um ihn aus nächster Nähe zu betrachten. Auch Milans Augen weiten sich.




„Krass, was ist denn das?“, fragt er sich laut.
Justin belächelt seine Frage. „Was hast du denn gesehen, Milan?“
„So einen kleinen, frechen Affen.“
„Das passt gut ins Bild. Dieser Geist nennt sich Alptraum. Der Name kommt daher, weil er sich in die Köpfe der Opfer einnistet und deshalb zu spät als Bedrohung wahrgenommen wird. Weil er sich meist in einer niedlichen Version präsentiert. Wohl gemerkt nicht beabsichtigt, denn diese Hülle ist solch einer Kreatur peinlich. Ein Alptraum mag furchteinflößend aussehen und die Furcht des Opfers ist das Genussmittel, das ihn gleichzeigt stärkt. Da dem Alptraum aber nicht viel Zeit bleibt, diese Gestalt lange zu halten, springt er nachdem Verschlingen der Seelenenergie auf das nächste Opfer über. Je mehr Seelen verschlungen wurden, umso länger kann diese Gestalt gehalten werden.“
„Ziemlich ungewöhnlich, dass ein Geist Seelen kostet.“
Milans Zweifel scheint seinen Mitbewohner zu erfreuen. „Ganz genau! Das macht den Alptraum so besonders. Er hebt sich von den gewöhnlichen Geistern ab.“
Mias Teampartner sieht dies mit Skepsis. „Ich bezweifle mal, dass ich den Kampf überhaupt überstanden hätte.“
„Es wäre ein abenteuerlicher Kampf gewesen. Ein Alptraum ist klug und denkt strategisch. Er nutzt sein Umfeld und verbirgt sich im Schatten. Umso wichtiger musst du bei solch einem Monster deinen Drachen rufen. Boro wäre deine Deckung und so würde es dem Geist schwer fallen, dich im Hinterhalt zu erwischen.“
„Wenn du das sagst!“

Justins Blick gleitet zu Mia, die mit einem Buch angeflogen kommt.
„Ich danke dir, Mia. Das wird sehr hilfreich sein.“
Der Ton, den Milans ungenießbarer Mitbewohner gegenüber der Fee wählt, ist freundlich und schätzend. Da muss sich Skyla fragen, ob es sich hier wahrlich um Justin handelt.
„Ich weiß! Ich weiß! Wenn ihr mich nicht hättet!“
Am Ende kichert Mia über ihre eigene Aussage, während das eingefrorene Bild des Alptraumes samt der Leiche verzerrt und wie bei einem Staubsauger auf die leeren Buchseiten gezogen wird, um dort als Illustration verewigt zu werden. Ein Bild, das immer noch Grauen in Skyla auslöst. Aber Mia schlägt das Buch zum Glück zu und fliegt davon.

Für einen Moment bleibt Skylas Erinnerung auf der Leiche hängen. Eine junge Frau. Eine Fremde. Entschlossen tritt Skyla an Justin heran, womit sie seine Aufmerksamkeit hat.




„Wer war das Opfer?“
„Ha!“ Ein spöttisches Grinsen macht sich in seinem Gesicht breit. „Das sind Informationen der polizeilichen Ermittlungen. Sag mir, was interessiert es dich?“
Da braucht Skyla nicht lange überlegen und rückt mit der Wahrheit raus. „Ich sehe sie in meinen Träumen, die mich seither plagen.“
Einen langen Moment sehen sich die beiden an. Bis Justin eine Akte hervorholt und sie ihr in die Hand drückt. Eine Kopie aus der Abteilung Mordkommission. Verwundert blickt das Medium ihn an.
„Sechsunddreißig Jahre alt. Nicht verheiratet, aber schwanger.“
Erschrocken blickt Skyla auf. „Sie war schwanger?“
Justin nickt und bestätigt ihren Verdacht. „Sie war noch ganz am Anfang der Schwangerschaft, aber sie wusste es.“
„Wie schrecklich.“
„Ein Naivchen, die sich von dem Charme eines Schürzenjägers einlullen ließ und glaubte, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben.“
Am Ende blickt Justin von ihr verdächtig zu Milan, der seinen Kumpel warnend ansieht.
„Willst du Ärger, Justin?“, bringt sein Mitbewohner zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Skyla ignoriert das Blickduell der beiden und konzentriert sich auf die Fakten, die auf Papier niedergeschrieben wurden.
„Sie ist so jung und dann auch noch schwanger.“
„Ein Mauerblümchen – sehr begehrt.“
Vergebens sucht Skyla Mitgefühl in Justins Stimme. Erschrocken blickt Skyla auf, als sie ihre Daten vorfindet. Ihr durchleuchtendes Leben. Ihre Arbeit, der Betrieb, ihre Familie …
„Ramona war kurzzeitig in Haft?“
Ihre Cousine Ramona lässt sich wahrlich nicht als Engel bezeichnen und doch überrascht dieses Detail Skyla.
„Wer?“, erkundigt sich Milan verwundert.
„Ihre Cousine. Ein ganz schöner Rebell und ein Mädchen mit einem Talent, an die falschen Leute zu geraten“, informiert Justin ihn.
Das klingt nach Ramona. Ihre gehasste Cousine, die glaubt, ihr liegt die Welt zu Füßen, wenn sie unwiderstehlich aussieht. Sie weiß, wie sie mit den Wimpern klimpern muss, damit die Jungs ihr jeden Wunsch von den Lippen lesen und sie jeden einzelnen Kerl wie eine Weihnachtsgans ausnehmen kann.
„Du hast dir alles durchgelesen, Justin?“, hinterfragt sie mit säuerlicher Mine.
„Ich bin mit allen Infos bestens vertraut und kenne jeden einzelnen in deinen Bekanntenkreis.“




„Beunruhigend.“
Skyla schlägt die Akte augenblicklich zu, als die Tatortfotos hervorspringen. Furchterfüllt drückt sie dem freakigen Kerl die Mappe in die Hand. Jetzt wäre ein guter Moment für einen starken Drink, um ihre Nerven zu beruhigen.

„Hey! Genug davon! Würdet ihr mich bitte hierrausholen, bevor mich meine Königin noch zerquetscht!“, ruft Kai ihnen verzweifelt zu.
Wieder einmal wird der Dämon ignoriert, denn Skyla kommt auf Justin zurück: „War ich einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort oder hat der Geist gezielt nach mir gerufen?“
„Es hätte jeden treffen können. Wäre jemand vor dir vorbeigekommen, dann hätte es diese Person getroffen“, versichert Justin ihr.
Wie zu erwarten.
Ein Blick auf den widerlichen Dämon im Vogelkäfig und sie mag die Sache weiter vertiefen.
„Was hätte ich mit dem Bären in dem Fall ausrichten können?“
„In deinem Fall stelle dich dem Geist im Kampf und absorbiere dann seine Energie, um stärker zu werden.“
Skyla blinzelt ihn perplex an. „Milan hat mir davon abgeraten.“
Justins Blick schnellt zu seinem Mitbewohner, der nicht mal eine Chance hatte, sich zu alldem zu äußern.
Also nimmt er jetzt Stellung dazu: „Je mehr Geister oder Dämonen sie berührt, desto mehr Auswirkungen wird dies auf sie haben. Erinnere dich doch nur an das arme, kleine Mädchen.“
„Du unterschätzt die Blauhaarige hier, sie wird anders damit umgehen können. Ihr bleibt ja schließlich nichts anders übrig.“
„Das ist nicht wahr!“ Milan atmet genervt aus. „Sie kann die Geister auch einfangen und an Hexen verkaufen. Noch lieber wäre es mir, wenn sie sich zurücklehnt und den Auftrag an uns weiterreicht.“

Justin belächelt diesen Gedanken für einen Moment, bis er seinen Kopf schüttelt.
Er teilt seinen Gedanken laut mit, während er Skyla ins Gesicht blickt: „Ich glaube, du bist kein Informant, sondern eine Kriegerin, Skyla.“
„Ich möchte diese Dinger wirklich nicht jagen. Ich will mich nur verteidigen können. Ich bin leidenschaftliche Köchin und ich möchte meinen Job wirklich nicht aufgeben!“
Milan nickt zufrieden. „Das haben wir auch zu respektieren.“
Justin zuckt mit den Schultern und sieht das etwas anders: „Irgendwann wird sich deine Meinung sicher ändern.“



Nun gilt das Organisatorische zu klären.
„Gut, also donnerstags ist mein freier Tag. Wie lange wird diese Ausbildung dauern?“, will Skyla in Erfahrung bringen.
„Das liegt allein an dir, solange, bis du dich gegen die Geister wehren kannst“, antwortet Justin.
„Na toll!“
„Du hast montags Berufsschule, das heißt, wir hätten zwei Tage in der Woche“, findet er.
Skyla überkreuzt ihre Arme. „Nein! Meinetwegen lasse ich mich auf den Donnerstag ein. Aber ich weigere mich, meine gesamte Freizeit für das hier aufs Spiel zu setzen.“
Milan scheint zu sehen, wie Justin dem widersprechen wollte, schließlich fordert er: „Justin! Belassen wir es hierbei!“
Sein Mitbewohner hält einige Sekunden mit ihm Blickkontakt, bis er mit einem Nicken nachgibt.
„Du trägst dafür die Verantwortung!“
„Ich bin ja schließlich bei ihr“, will sich Milan vornehmen.
„Du kannst nicht rund um die Uhr an ihrer Seite verweilen, du hast hier Aufgaben. Geh deiner Arbeit nach. Was du dann aus deiner Freizeit machst, soll mir doch egal sein. Um ihre Ausbildung kümmere ich mich schon!“
„Wenn ihr in meiner Abwesenheit etwas zustoßen würde, könnte ich mir nie verzeihen!“
Justin begibt sich zum Schrank und holt eine Akte hervor. „Du unterschätzt sie. Ich habe übrigens eine Sache, die du umgehend überprüfen solltest. Einige Bewohner beschweren sich über seltsame Geräusche in einem leerstehenden Haus. Hier hast du die Infos!“
Milan weigert sich jedoch: „Ich habe dir doch gesagt, dass ich mit Skyla heute nach Thailand reise. In wenigen Stunden beginnt das Fest.“
„Dann rate ich dir, beeile dich!“

Moment, was?
Milan will doch jetzt nicht verschwinden und sie mit seinem anstrengenden Mitbewohner allein lassen.
Doch Milan atmet verzweifelt aus und lauscht Skyla besorgten Worten: „Du lässt mich doch jetzt nicht allein oder?“
Justin umrundet sie. „Du bist nicht allein, Skyla. Wir trainieren nun deinen hübschen Körper. Du kannst es sicher kaum erwarten, mich zu schlagen oder? Hier deine Chance. Ich bringe dir den Nahkampf bei.“
Sie ignoriert ihn bewusst und hält mit Milan Blickkontakt, dem eine Entscheidung schwerfällt. Als er jedoch seinen Blick von ihr abwendet, ist die Sache für Skyla klar. Enttäuscht dreht sie sich weg, denn Skyla zweifelt nicht daran, dass er wie ein Hund aufs Wort gehorcht.




„Ich beeile mich.“
Milan will einen Schritt auf sie zu machen, aber nicht mit ihr! Legt er Distanz zurück, wählt sie doppelt so große Schritte, um sich zu entfernen. Allein, um ihm zu zeigen, dass sie die Aktion nicht gutheißt. Daraufhin fährt sich Milan seufzend durch die Haare und er scheint seine Entscheidung zu bereuen.
Verzweifelt wendet er sich an die Fee: „Beeilen wir uns besser, Mia.“
Zurück lässt er Skyla in völliger Dunkelheit. Im Ungewissen und mit Reue im Herzen.

Wie gut gefällt dir dieses Buch?

Klicke auf einen Stern zum bewerten.

Durchschnitt 5 / 5. Anzahl: 1

Bisher keine Bewertungen

Kommentare