Kapitel 7

Wie so oft wird Rebecca vor den Grafen gezerrt. Immer von unterschiedliche Leuten. Einmal sogar von Cuno persönlich. Statt Zorn und Enttäuschung fing Graf Bylom die letzten beiden Male an zu lachen und über ihr eigene Dummheit Scherze zu machen. Nun aber wird sie von Hexenjägern überliefert. Eine ernste Sache. In Anbetracht der Katastrophe und dem hohen Besuch, fehlt dem Grafen sein Sinn für Humor. Ganz bleich sitzt er auf einen Baumstumpf in einem aufgeschlagenen Lager. Fern von seiner Kleinstadt. An einem Lagerfeuer mit seiner Tochter und engsten Untergebenen. Gepflegt, wie Rebecca es von ihm kennt, sticht er als Adeliger hervor. Seine Bewegungen sind geschmeidig, seine Haltung selbst in einer Krise autoritär. Cuno hält viel von dem Grafen und auch Rebecca muss gestehen, dass dieser junge Familienvater sich als einer von den Guten bewiesen hat. Graf Bylom wird von seiner Stadt geliebt und geschätzt. Ein Herr, der an das Volk denkt und sich viel für seine Bürger einsetzt. Niemand, der verurteilt, sondern sich sein eigenes Bild macht. Sich als Adeliger an einen Alchemisten zu wenden kann dem Image gewaltig schaden, doch den Stolz schluckte Graf Bylom hinunter, um das Leben seiner kranken Tochter zu retten. Clive rettete sein Familienglück und wurde zu einem Freund. Aber der Graf wird die Gefahr von den Hexenjägern anerkennen und Rebecca vertraut seinem Urteil.

„Graf Bylom, seid gegrüßt. Wir überführen eine Schwerverbrecherin und bitten darum, dass Ihr sie im Lager verwahrt, bis wir von unsern Aufräumarbeiten zurückkehren.“
Der Angesprochene seufzt laut. „Was wird Rebecca vorgeworfen?“
Überrascht hebt sie den Kopf. Das Handeln eines Hexenjägers zu hinterfragen Bedarf Mut. Selbst für einen Adeligen. Aus dem Augenwinkel bemerkt sie, wie einer der beiden die Augenbraue misstrauisch hochhebt. Doch kaum blicken sich Rebecca und er an, drückt er grob ihren Kopf hinab.
„Unten bleiben, Abschaum!“, schimpft er.
Sein Kollege hingegen antwortet grummelig: „Beweisvernichtung. Diese Frau setzte eine Schriftrolle den Flammen aus, das mit dem Siegel eines Paladins ausgestattet war.“
„Rebecca.“ Der Graf klingt verdächtig ernst, doch ihr wird nun erlaubt den Kopf zu heben, sodass sie den prüfenden Blick des jungen Familienvaters sieht. „Sprich bitte wahr, denn ich vertraue auf dein Wort. Stimmt meine Vermutung, dass es sich um Cunos Botschaft handelt?“




„Ihr nehmt richtig an, Graf Bylom. Ich wurde per Bote ausgesendet, um Euch von Cunos Lage zu berichten. Eine Nachricht, die nur für Euch bestimmt war und im Ernstfall vernichtet werden soll.“
Mit einem zufriedenen Nicken hebt Graf Bylom den Kopf und sucht den Blickkontakt zu den Hexenjägern. „Cuno gehört zu meinen treusten Untertanen. Als Paladin befindet er sich in meinem Auftrag auf einer Mission. Gemeinsam mit Rebecca. Ihr mögt vielleicht eine Frau sehen, doch Rebecca kämpft besser als so mancher Soldat. Ich bitte die Herren, nehmt ihr die Fessel ab. Rebecca steht in dem Schutz eines Paladins und auch ich trage für die Dame Verantwortung.“

Dieser verfluchte Kerl! Rebecca verdankt ihm mehr als ihr lieb ist. Es rührt sie innerlich, wie er sich für sie einsetzt, obwohl er den Missmut der Hexenjäger auf sich zieht.
„Ihre Taschen waren ungewöhnlich bestückt, Graf Bylom. Diebesgut, nehmen wir an. Wollt Ihr Euch selbst überzeugen?“
Ohne auf eine Antwort zu warten, knotet einer der Hexenjäger ein Tuch auf, das die Hexenjäger als Beutel umfunktioniert haben. Vor Graf Bylom breitet sich der gesamte Inhalt von Rebeccas Inventar aus. Wie zu erwarten beugt sich der Graf hinab und betrachtet die Gegenstände sorgsam. Er nimmt sogar einige davon in die Hand und lächelt sanft.
„Du hast einen Freund in den Alchemisten gefunden, Rebecca. Clive scheint sein Gebiet zu erweitern. Es freut mich zu sehen, dass du den Schutz des Alchemisten ebenfalls ernst nimmst.“
Rebecca dreht errötet den Kopf zur Seite. Es widerstrebt ihr, wie ein Buch gelesen zu werden. Dennoch nickt sie.
„Ich teste Clives Ideen und erhalte Proben von ihm. Er entlohnt mich für meine Dienste auf seine Art und Weise. Mit Alchemie und ich gestehe, sein Zeug ist verdammt wirkungsvoll im Kampf.“
„Ein Alchemist?“ Der erste Hexenjäger wird laut. „Ihr verkehrt mit einem verfluchten Alchemisten, Graf Bylom?“
Stolz erhebt sich der Angesprochene und streckt den Rücken gerade durch.
„Der Alchemist rettete das Leben meiner Tochter und bewahrte meine Stadt vor einer Katastrophe. Mutterkorn. Ein Pilz im Getreide, der Verzehr hätte uns alle umgebracht. Zum Dank eskortiert einer meiner Paladine ihn auf seiner Reise, sowie Rebecca. Eine tolle Gelegenheit für die beiden junge Leute, um die Weiten der Welt zu erkunden.“



Die Spucke landet vor den polierten Stiefeln des Grafen. Der andere Hexenjäger tritt hervor und zeigt schimpfend auf dem Grafen.
„Ihr seid verflucht, Graf Bylom. Ihr habt Euch mit einem Teufel verbrüdert. Gottes Strafe traf Euch mit dem Mutterkorn und nur dank eines Teufels habt Ihr das Unglück überlebt. Doch Karma schlägt zu. Ihr habt Eure Stadt verloren und sicherlich auch bald Euren Adelstitel, denn Alchemisten kann man nicht trauen! Die Hexe Jenara bestrafte den Richtigen!“
Trotz Geschrei und dem abartigen Verhalten der Hexenjäger bleibt der Graf ruhig. Selbstbeherrscht blickt er den beiden Fremden entgegen.
„Wie bedauerlich. Sicherlich verstehen die Herrschaften die Angst und Sorge um ein todkrankes Kind nicht. Die Liebe und Fürsorge zu meiner Tochter kennt keine Grenzen. Ihren Verlust hätte mein Herz gebrochen. Alchemisten sind so viel mehr als Teufel. Mein Gast kam als Heiler und Retter. Ich mag an der engstirnigen Sicht gegenüber Alchemisten nicht länger festhalten und habe meine eigene Meinung zu der Thematik. Ich will niemanden verurteilen. Sowohl Alchemisten, als auch Hexenjäger, tragen viel Verantwortung und haben eine heilige Pflicht…“
„GENUG! IHR STELLT UNS MIT ALCHEMISTEN AUF EIN PODEST? BLASPHEMIE!“
Unbeeindruckt von der Unterbrechung stiert der Graf den wütenden Mann ruhig und besonnen. Er übt sich kurz in Geduld, als wolle er die Chance gewähren, dass sich der Hexenjäger weiter aussprechen kann.
„Ich danke den Herren für Ihre Dienste. Ihr seid jederzeit willkommen in meiner Stadt, doch nun bitte ich um Rebeccas Freilassung.“
„Nein! Ihr irrt euch, Graf Bylom. Diese Stadt ist verflucht. Ihr könnt nicht mehr zurück! Und diese törichte Frau händigen wir nicht aus, denn sie hat eine Schuld bei uns zu begleichen. Sie verdankt uns ihr Leben, damit wird sie zur Dienstzeit bei den Hexenjägern verpflichtet. Eine Gesetzlage, die Ihr kennen solltet und nicht anfechten dürft!“
„Ein Bluff! So ein Gesetz existiert doch gar nicht!“, behauptet Rebecca überzeugt.
Damit erntet sie einen Tritt in die Rippen, der sie umhaut. Zurück in den Dreck.
„Sei still!“
Hoffnungsvoll blickt Rebecca auf zum Grafen, der jedoch ganz bleich im Gesicht geworden ist. Kein gutes Zeichen.




Nicht deren Ernst! An der Sache scheint doch was dran zu sein! Verflucht! Die Freiheit konnte ich fast schmecken!

Kaum löst sich der Graf aus der Starre, folgt ein Wort der Warnung: „Diese Entscheidung kann den Zorn meines Paladins heraufbeschwören. Rebecca ist ihm wichtig. Alternativ kann ich Rebeccas Schuld anderweitig begleichen. Eine spendable Summe über die wir gerne verhandeln können.“
Doch der Hexenjäger mit der längeren Zündschnur schüttelt grimmig den Kopf.
„Euer Gold ist verflucht. Wir würden nur Gottes Zorn auf uns ziehen. Diese Frau hat in der Tat ihre Qualitäten als Kriegerin bewiesen und wir wollen sie als Rekruten. Sie sollte sich geehrt fühlen. Auch ihr Freund, der Herr Paladin, möge sich über die glorreiche Zukunft dieser Dame freuen. Fechte er unser Urteil an, soll er sich bei der Krone beschweren und Ihre Entlassung durch eine Reihe Prüfungen von einem geeigneten Richter beantragen. Dann wird sich zeigen, wie viel Mumm in dem Paladin steckt und wie wichtig ihm diese Frau wirklich ist!“
Augenblick schnellt der Blick von Graf Bylom rüber zu Rebecca. „Sag, wo befindet sich Cuno?“
Hin und her gerissen ziert sich Rebecca mit der Antwort, bis der nächste Tritt vom aggressiven Hexenjäger folgt.
„Der Graf hat dich was gefragt! Antworte gefälligst!“
Ungern! Ungern im Beisein dieser Mistkerle!
„Im Dorf Sankt Sanapee.“
Augenblicklich legt der Graf den Kopf schief und stiert, als suche er nach einer verschleierten Botschaft. Sein Misstrauen ist verständlich, denn weit sind sie nicht gekommen.

Schallendes Gelächter dringt an ihr Ohr. Der aggressive Kerl scheint sich über diese Information zu erfreuen.
„Ihr seid wahrlich verflucht, Graf Bylom! Die Hexe Luela wurde in der Nähe gesichtet! Betet, dass unsere Brüder rechtzeitig eintreffen und Euren Paladin den Hintern retten!“
Rebecca bleckt die Zähne. Was für ein Dilemma! Über den Sieg gegen die Hexe Luela will sie nicht vor den Idioten prahlen, denn sollten sie ihr glauben, befände sich ihre Freiheit noch viel mehr in Gefahr. Auch für Sina könnte es brenzlig werden, sollten Hexenjäger dort eintreffen.
„Einen Boten! Schnell! Cuno sollte gewarnt und im Bilde der Situation sein!“ Aufs Wort erhebt sich einer von den Soldaten und stürmt zu den Pferden. Daraufhin dreht sich der Graf zu den Hexenjägern. „Sollte der schlimmste Fall eintreten, werde ich für Cuno das Urteil anfechten und die Prüfungen antreten!“




Gerührt blickt Rebecca auf. Ein Moment der Schwäche macht sich in ihr breit, denn still und leise stiehlt sich eine Träne hinaus. Brutal reißt der Grobian von Hexenjäger sie hinauf und führt sie grummelnd fort.
„Ein Adeliger fordert die Feuerprobe für eine dreckige Diebin! Das glaubt mir doch kein Schwein!“
Sein Kollege bleibt zurück und sucht das Gespräch zum Grafen, während Rebecca in Einzelhaft gesteckt wird. Etwas, was sie nach so viel Gutmütigkeit gebrauchen kann. Allein, um ihre Gedanken und Gefühle zu sortieren. Ein Plan muss her. Einer, der niemanden gefährdet, der ihr wichtig ist. Denn in den Reihen der Hexenjäger sieht sie sich nicht.

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