05 Tagebucheintrag Inias und Vermerk Anidiras 24.03.04-I-II

Tagebucheintrag – Inias
Datum: 24.03.04-I-II
Ich habe beschlossen, es mit dem Tagebuchschreiben zu versuchen.
Nicht, weil ich glaube, dass Worte etwas heilen. Sondern weil sie vielleicht verhindern, dass alles in mir verhärtet.
Uriel schreibt seit Jahrmillionen, hat man mir gesagt.
Wenn jemand wie sie es für nötig hält, Gedanken festzuhalten, dann darf ich mir wohl eingestehen, dass ich es trotz Eidetisches Gedächtnis ebenfalls nötig habe.
Es fühlt sich fremd an, das hier zu schreiben. Fast beschämend.
Ich bin Erzengel. Ich sollte wissen, wie man mit Verlust umgeht.
Wie man Zeit überdauert. Wie man Würde wahrt.
Und doch sitze ich hier und weiß nicht, wie ich meinen eigenen Sohn ansehen soll, ohne dass mir etwas im Inneren zerreißt.
Ich sehe ihn jetzt regelmäßig.
Wir arbeiten zusammen.
Gemeinsame Sitzungen. Akten. Entscheidungen, die nüchtern klingen, wenn man sie ausspricht. Er sitzt mir gegenüber, aufrecht, ruhig, aufmerksam. Ein Mann. Ein Dämon. Ein Archivar der 10. Legion.
Er ist kompetent. Klug. Beherrscht.
Und jedes Mal, wenn er spricht, suche ich unwillkürlich nach etwas anderem.
Nach dem Kind.
Nach Izrail.
Doch Izrail ist fort.
Der Sohn, der mir genommen wurde, war klein.
Er hatte diese eine Angewohnheit, den Kopf leicht schiefzulegen, wenn er zuhörte, als wolle er die Welt besser verstehen. Er stellte zu viele Fragen. Er lachte zu laut. Er war neugierig auf alles – auf Sterne, auf Namen, auf Geschichten.
Der Mann, der mir jetzt gegenübersitzt, legt den Kopf nicht mehr schief.
Er stellt nur die notwendigen Fragen.
Er lacht kaum.
Und doch – manchmal, für den Bruchteil eines Herzschlags, blitzt etwas auf. Ein Tonfall. Eine Pause. Ein Blick, der zu lange auf einem Detail ruht. Dann schmerzt es am meisten.
Denn dann erkenne ich ihn.
Und erkenne ihn nicht.
Er hat seinen Namen abgelegt.
Izrail existiert nur noch in mir.
Er nennt sich nun Anidiras.
Ich weiß, dass Namen Macht haben. Dass ein neuer Name Schutz bedeuten kann. Zugehörigkeit. Selbstbestimmung. Ich weiß all das – und trotzdem fühlt es sich an, als hätte jemand den letzten Faden durchtrennt, der mich mit dem Kind verband, das ich verloren habe.
Ich habe mich dabei ertappt, wie ich ihn beinahe bei seinem alten Namen genannt hätte.
Ich habe es nicht getan.
Ich werde es nicht tun.
Denn Anidiras ist nicht mein Besitz.
Er ist nicht zurückgekehrt, um wieder zu werden, was er war.
Und vielleicht ist das der schwerste Teil dieser sogenannten Heilung:
Dass ich mich freue, ihn zu sehen. Wirklich.
Dass mein Herz jedes Mal schneller schlägt, wenn ich weiß, dass wir ein gemeinsames Treffen haben.
Und dass es mir gleichzeitig weh tut, wie weit er innerlich von mir entfernt steht.
Nicht aus Ablehnung.
Sondern aus Zeit.
Jahrmillionen liegen zwischen uns.
Ein Leben, das ich nicht kenne. Entscheidungen, an denen ich keinen Anteil hatte. Schmerzen, die ich nicht lindern konnte. Siege, bei denen ich nicht anwesend war.
Er ist mir vertraut – und völlig fremd.
Ich muss ihn neu kennenlernen.
Nicht als Ersatz für Izrail.
Sondern als das, was er ist: Anidiras.
Manchmal frage ich mich, ob er Ähnliches empfindet.
Ob er in mir den Vater sucht, den er verloren hat – oder nur einen Erzengel, mit dem er nun arbeitet.
Er spricht mich respektvoll an. Korrekt. Wachsam.
Vielleicht ist das alles, was er geben kann.
Vielleicht ist das alles, was ich annehmen lernen muss.
Ich weiß nicht, ob dieses Tagebuch mir helfen wird.
Aber vielleicht hilft es mir, nicht so zu tun, als wäre alles gut, nur weil es besser ist als zuvor.
Izrail ist fort.
Anidiras ist hier.
Und irgendwo dazwischen versuche ich zu lernen, Vater zu sein – ohne das Recht, es einzufordern.
Wenn Uriel das hier lesen würde, würde sie vielleicht sagen, dass Geduld eine Form von Liebe ist. Ich hoffe, sie hat recht.
— Inias
Persönlicher Vermerk – Anidiras
(nicht für die Archive bestimmt)
Datum 24.03.04-I-II
Ich habe diesen Eintrag mehrfach begonnen und wieder verworfen.
Nicht, weil mir die Worte fehlen. Sondern weil ich nicht sicher war, ob ich sie mir erlauben darf.
Ich arbeite nun regelmäßig mit Erzengel Inias zusammen.
Das ist der sachliche Teil dieser Feststellung.
Er ist präzise. Vorausschauend. Unerbittlich, wenn es um Schlamperei geht. Fair in der Beurteilung. Er hört zu. Mehr, als viele andere.
Er nennt mich Anidiras.
Immer.
Ohne Zögern. Ohne Versprecher.
Ich habe darauf geachtet.
Manchmal frage ich mich, ob er innerlich einen anderen Namen denkt.
Ob er ihn festhält wie etwas Zerbrechliches.
Ich hoffe, er tut es. Und gleichzeitig hoffe ich, dass er es nicht tut, wenn er mich ansieht.
Izrail war ein Kind.
Ich erinnere mich an ihn – das meiste undeutlich, wie durch Wasser. Aber ich erinnere mich an eine oder zwei Situationen, die besonders waren. Aber mehr ist da nicht.
Das scheint ihn mehr zu schmerzen als mich.
Ich sehe, wie er mich ansieht, wenn er glaubt, unbeobachtet zu sein.
Nicht forschend. Nicht misstrauisch. Sondern Suchend.
Als würde er etwas vergleichen, das es nicht mehr gibt.
Ich weiß nicht, wie ich mich in diesen Momenten verhalten soll.
Ein Teil von mir möchte stillhalten.
Ein anderer möchte ihm sagen, dass er aufhören darf zu suchen.
Aber ich tue keines von beidem.
Die Wahrheit ist:
Ich weiß nicht, wer ich für ihn sein darf.
Ein Sohn?
Ein verlorenes Echo?
Ein Kollege?
Ich habe gelernt, Rollen klar zu trennen. Das macht das Überleben einfacher.
Doch bei ihm verschwimmen die Grenzen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich das gelernt habe – oder ob ich es verlernt habe.
Er hat mich nie bei meinem alten Namen genannt.
Nicht ein einziges Mal.
Dafür bin ich dankbar, mehr als ich zeigen kann.
Der Name Izrail gehört zu einem Leben, das nicht weitergeführt werden konnte.
Er ist ein Teil von mir, den ich abgelegt habe –
einer, den ich nicht zurückholen kann, ohne mich selbst zu verlieren.
Anidiras ist der Name, den ich mir selbst gegeben und erarbeitet habe.
Mit Zeit. Mit Arbeit. Mit Entscheidungen, die niemand für mich getroffen hat.
Manchmal frage ich mich, ob er das versteht.
Manchmal glaube ich, dass er es besser versteht, als ich ertragen kann.
Er fragt nie nach der Zeit dazwischen.
Nach den Jahrmillionen, die uns trennen.
Nach dem, was war.
Das ist entweder große Rücksicht – oder große Angst.
Ich respektiere beides.
Wenn wir zusammenarbeiten, bin ich wachsam.
Nicht ihm gegenüber. Sondern mir selbst gegenüber.
Ich achte darauf, nicht nach Nähe zu greifen, die mir nicht zusteht.
Nicht auf Antworten zu hoffen, die er mir vielleicht nicht geben kann.
Nicht zu vergessen, dass auch er etwas verloren hat.
Ich glaube, er bemüht sich, mir nichts aufzuerlegen.
Keine Erwartungen. Keine Rolle. Keine Schuld.
Vielleicht ist das seine Art von Liebe.
Wenn das so ist, dann werde ich lernen müssen, sie anzunehmen –
so, wie sie ist, nicht so, wie sie hätte sein können.
Ich weiß nicht, ob wir jemals Vater und Sohn sein werden.
Aber wir sind auch keine Fremden.
Vielleicht reicht das für den Anfang.
— Anidiras























































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