Kapitel 58 – Geständnis
Kapitel 58 – Geständnis
Cyrus
Ich saß mit Timm in meinem Arbeitszimmer und informierte ihn über alles, was auf unserer Reise vorgefallen war. Selbst die Tatsache, dass Emili nun eine Tuatha war. Was auch immer das bedeutete. Mit Göttern sprechen … Auch erzählte ich von Amaro, dem Überfall, sowie dem niedergebrannten Dorf. Und natürlich von Nayaras Schwangerschaft.
„Amaro war so ein lieber Kerl.“ Timm seufzte traurig. „Und eine treue Seele.“
„Ja. Das war er“, murmelte ich leise.
Timmok verabschiedete sich. Wenig später betrat ich mein Schlafgemach und begann damit, mich umzuziehen. Immer wieder sah ich zur Verbindungstür. War sie schon da? Würde sie kommen? Erwartete sie, dass ich zu ihr kam? Oder wollte sie die erste Nacht allein schlafen?
Die Müdigkeit zerrte an mir. Aber ich wollte nicht allein schlafen. Ich wollte wieder das kleine, schnell schlagende Herz hören. Ein Geräusch, das mich mittlerweile in wenigen Augenblicken in den Schlaf wiegen konnte. Und ich wollte Nayaras Körper an meinem spüren. Ihren Atem auf meiner Haut und ihren Geruch in meiner Nase haben.
Ich öffnete die Verbindungstür und lächelte. Denn Nay stand direkt vor mir. In einem dünnen Nachthemd und mit offenen Haaren. Die Hand noch nach der Tür ausgestreckt, kicherte sie leise. „Zwei Dumme, ein Gedanke.“
„Möchtest du bei mir schlafen oder ist dir dein Bett lieber?“ Ich überwand die Distanz zu ihr, legte meine Arme um sie und drückte meinen Kopf an ihren Hals. Sie roch nach Gilead. Unwillkürlich versteifte ich mich und rümpfte die Nase.
Zufrieden seufzend erwiderte sie die Umarmung und legte den Kopf seitlich an meine Brust. „Wir können auch auf dem Boden schlafen, solange wir es zusammen tun“, nuschelte sie.
Ich hob meinen Kopf, legte eine Hand unter ihr Kinn und zog wieder die Nase kraus. „Hast du ihn geküsst?“
„Eigentlich er mich, aber ja, ich habe es zugelassen.“ Ein sanftes, vertrauensvolles Lächeln lag auf ihren Lippen; ihre Hände residierten ruhig auf meiner Brust.
Mein Blick huschte zu ihren Lippen. Mein erster Instinkt war es, sie zu küssen, damit sie meinen Geschmack auf ihren Lippen hatte und nicht seinen. Eine seltsame Eifersucht überkam mich. Sie hatte den Kuss zugelassen. „Und er war es auch, der dich umarmt hat?“
„Das ging von mir aus. Eifersüchtig?“, fragte sie ruhig.
„Ein wenig“, gab ich zu. Eigentlich war das völlig untertrieben. Gilead hatte seine eigene Frau. Andererseits … „Willst du das mit uns beiden wiederholen? Willst du, dass wir dich ausfüllen?“
Sie biss sich auf die Unterlippe und wurde rot. „Nicht jetzt. Vielleicht irgendwann mal wieder. Vielleicht …“ Schwer schnaufte sie aus. „Vielleicht sollte ich dir auch etwas gestehen …“ Ihr Blick wich meinem aus.
Ich atmete tief durch, um ruhig zu bleiben. Denn neben der Eifersucht kroch ein weiteres Gefühl in mir hoch. Angst. Angst, sie zu verlieren. „Was?“, fragte ich daher nur. Das Wort klang steif und härter, als ich es geplant hatte.
Sie schluckte. „Als du dachtest, ich gehe dir fremd? Naja, einmal hat es ja gestimmt, sonst haben wir aber immer nur gekuschelt und geredet.“
„Gilead. Er ist dein Liebhaber, nicht wahr?“ Also war es nicht bloß sein Äußeres, das sie ansprach. Sie hatten nicht nur der Lust wegen gefickt. Sie hatten geredet. Gekuschelt. Sie hatte seine Nähe gesucht. Das schmerzte noch weit mehr, als wenn sie bloß der Wollust wegen übereinander hergefallen wären. „Liebst du ihn?“
Nickend sprach sie: „Er hat mir die Angst genommen, nachdem du …“ Erneut schluckte sie schwer. „Nach dem Blutschwur. Und als ich nach Durchleben der Reife krank wurde, war er für mich da.“ Sie spielte nervös an ihren Nägeln herum.
War das Nicken eine Antwort? Ihre Worte, der Versuch einer Erklärung, weshalb sie mehr für ihn empfand? Er war es gewesen, der ihr die Angst nahm …, der sie umsorgte. Dabei hatte ich es einst geschworen. Geschworen, dass sie in meinen Armen sicher wäre. Es schüttelte mich, wenn ich heute daran dachte, mit welch niederträchtigen Gedanken ich meine Schwüre damals formuliert hatte. Aber was wir die letzten Monate erlebt hatten …, bedeutete es ihr etwas? „Liebst du ihn?“
Sie zuckte zusammen. „Wieso bedeutet dir diese Antwort so viel?“, fragte sie leise.
„Weil ich es wissen mus, Nay!“ Hatte sie ihr Herz schon jemand anderem geschenkt? Ausgerechnet Gilead, der bald Lyssa heiraten würde?
„Gewissermaßen“, räumte sie ein, den Blick noch immer zu Boden gerichtet. Dann hob sie den Kopf, widerstand dem sichtbaren Drang, meinem Blick auszuweichen und erwiderte ihn.
„Verstehe.“ Meine Stimme klang nicht wie meine. Seltsam monoton, distanziert und enttäuscht entwich sie meiner Kehle. Vergessen war der Wunsch, mit ihr zu schlafen. Bei ihr zu liegen und sie zu halten. Da war nur noch Enttäuschung und … Schmerz. „Also bist du zu mir gekommen …“ Ich brachte es nicht über mich, den Satz auszusprechen. Nun, wo wir wieder im Schloss waren …, wollte sie wieder Distanz?
„Weil ich nie wieder ohne dich sein will.“ Beim Anblick des Schmerzes in meinem Gesicht zeichnete sich Kummer auf ihrem ab. Sie hob ihre Hände von meiner Brust und umfasste damit mein Gesicht, zwang mich, ihrem Blick standzuhalten. „Weil ich für ihn zwar etwas empfinde, und – du wolltest die Wahrheit – ja, ich denke, es ist Liebe. Aber ich bin es nicht, die sein Herz ganz füllen könnte. Und er ist es nicht …, der zu Seinem gemacht hat, was in meiner Brust schlagen sollte.“
Meine Mundwinkel zuckten. Wo hatte sie das gelesen, dass sie das für eine Liebeserklärung hielt? Und das war es, auch wenn sie die Worte nicht direkt aussprach. Ich nahm mir Zeit mit meiner Antwort. Sonst wusste ich immer sofort, was ich sagen wollte. Doch nun grübelte ich. Ein Scherz? Oder dieselbe, blumige Sprache nutzen und ihr sagen, dass sie dafür mein Herz gestohlen hatte? „Wer dann?“, fragte ich, damit sie endlich klar in Worte fasste, was sie für mich empfand.
Vollkommen unerwartet landete schwungvoll eine Faust in meinem Magen. Keuchend stolperte ich einen Schritt in meine Gemächer zurück. Als ich wieder zu Nay aufblickte, sah sie finster drein. Oder versuchte es zumindest. Die Arme hatte sie vor ihrer Brust verschränkt, sodass es im Gesamtbild irgendwie wirkte, als wäre sie ein kleines Kind, das schmollt. „Genieße und schweige gefälligst, sonst nehm ich’s zurück!“
„Du bist niedlich, wenn du versuchst, wütend oder böse auszusehen.“ Ich ging wieder einen Schritt auf sie zu, packte sie und zog sie an mich. Im nächsten Moment presste ich meine Lippen auf ihre. Ein kehliges Stöhnen bestärkte mich in meinem Handeln. Wobei die Tatsache, dass sie ihre Hüfte drängend an meinen Lenden rieb, auch nicht zwingend Enttäuschung in mir hervorrief. Mit meiner Zunge drückte ich ihre Lippen auseinander. Zeitgleich wanderte eine Hand zu ihrem Hinterkopf. Ich griff ihr ins Haar und zog ihren Kopf noch etwas weiter in den Nacken. Ich wollte sie. Ich wollte, dass sie mir gehörte. Nur mir!
Aber da gab es etwas, das ich mehr wollte. Ich unterbrach den wilden Kuss, zog ihren Kopf etwas zurück und betrachtete ihre bernsteinfarbenen, vor Lust regelrecht glänzenden Augen. „Sag es!“, verlangte ich; mein Blick pendelte zwischen ihren Augen hin und her.
„Habe ich bereits!“, entgegnete sie energisch, wenn auch atemlos.
Ich knurrte und meine Fänge glitten heraus. „Sag es!“ Durch dass ich ihren Kopf im Nacken hielt, bot sich mir dermaßen verführerisch ihre Halsschlagader an …
„Ich habe“, sie schluckte angestrengt, „in meinen Worten gesagt, was ich zu sagen hatte! Reicht dir das denn nicht? Brauchst du die standardisierte Floskel, damit du mir Glauben schenken kannst? Oder willst du es schlicht nicht wahrhaben?“ Ihre Stimme brach kurzzeitig. „Ist es das? Wenn ich es nicht so sage, wie es in all den Liebesromanen gepflegt wird zu tun, dann ist es nicht wahr? Willst du dir das einreden? Weil … weil du nicht willst, dass ich so empfinde?!“ Verwirrung lag in ihrem Blick. Schmerz.
Waren die simplen Worte so schwer auszusprechen? Oder glaubte sie, Taten sagten mehr als Worte? Traute sie es sich nicht? Mein Blick hing an ihrem Hals. Ich wollte nicht länger warten, leckte darüber und biss zu.
Nayara stöhnte auf und schlang die Arme enger um mich. Ihre Hände glitten zum Bund meiner Hose und öffneten sie. Ich half ihr, das störende Kleidungsstück auszuziehen, drängte sie danach zum Bett und drückte sie auf die Matratze. Mit einer Hand hielt ich ihre Hände fest, mit der anderen zog ich ihr Nachthemd hoch und küsste ihre seidige, narbenüberzogene Haut.
Es dauerte nicht lange, bis sie sich stöhnend unter mir wand und ich ihr gab, wonach sie sich verzehrte. Irgendwann würde ich ihr beibringen, ihren Höhepunkt zurückzuhalten, bis ich ihn ihr erlaubte. Aber nicht heute. Denn heute vergnügten wir uns wild, wie die Tiere, so lange, bis sie nicht einmal mehr ansatzweise ein zusammenhängendes Wort herausbrachte und ich mich schließlich auf und in ihr ergoss.
Erschöpft und glücklich zugleich, zog ich sie in meine Arme. Gileads Geruch war verschwunden und der von Nayara und mir sich vermischt. „Danke“, flüsterte ich an ihrer Stirn und zog die Decke über uns.



















































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