Kapitel 1 – Verletzt
Kapitel 1 – Verletzt
Cyrus
„Halte durch, Nay“, flüsterte ich leise und trug sie durch den dunklen Gang. Blind. So, dass ich bei jedem zweiten Schritt stolperte.
Was war nur geschehen? Nach unserer Kapitulation wurden wir bedroht und hinaus in den Flur geführt. Drängend hatte ich auf den Mann eingeredet, der Nayara mit dem Schwert bedrohte. Ich hatte nicht gebettelt. Zumindest nicht zu Beginn. Immer wieder erklärte ich, er würde einen Fehler begehen. Dass er doch das zweite Herz in ihr schlagen hören musste. Ein unschuldiges Leben!
Welche Worte ich genutzt hatte, wusste ich schon gar nicht mehr. Nayara hatte mich immerzu angesehen. Zuweilen ängstlich und verunsichert, aber auch unbeugsam und voller Stolz. Am Ende lag Verwirrung in ihrem Blick. Oder eher Faszination.
Etwas an dem, was ich gesagt hatte, musste den Mann erreicht haben, denn er hatte sein Schwert sinken lassen. Mehr brauchte ich nicht. Nur diesen einen unachtsamen Moment, den ich sofort ausgenutzt hatte, um sein Schwert an mich zu reißen.
Der Mann hinter Nayara war als Erstes durch meine Hand gestorben. Zwei weitere Männer schickte ich in den Tod, bevor ein Hieb meinen Waffenarm getroffen hatte.
Auch Nayara hatte zum Schwert gegriffen. Aber es waren zu viele Gegner gewesen. Und irgendwann geschah, warum ich ihr nie eine Waffe in die Hand geben wollte. Obwohl sie verdammt gut kämpfte, hatte einer der Männer sie getroffen. Eine feige Stichwunde in den Rücken, die sie zu Boden gehen ließ.
Wir hatten verloren. Aber Nayaras Kampfwille war stärker gewesen als jemals zuvor. Sie war wieder aufgestanden, hatte nach meinem Arm gegriffen und war mit mir davongerannt. Obwohl eine Flucht in meinen Augen sinnlos gewesen war.
Nur wenige Meter weiter hatte sich eine Geheimtür befunden. In diesem Moment war mir klar geworden, dass sie nur darauf gewartet hatte, die Männer kurzfristig zu überwältigen. Wir waren in den Geheimgang geflüchtet und hatten den Zugang hinter uns wieder verschlossen, bevor die Männer bei uns gewesen waren. Den Weg hinein kannten sie nicht.
Wir liefen. Seit einer Ewigkeit schon. Zuerst hatte Nayara uns geführt. Aber nach einer Weile hatten die Schmerzen sie in die Knie gezwungen. Also hatte ich sie getragen. Ihre Hände waren über die Wand zu meiner Rechten geglitten. Eine alte Gewohnheit.
„Nay? Wo lang?“
„Treppe runter.“ Keuchend drang ihr Atem an mein Ohr. Aufgrund der Enge hier drin hatte ich sie Huckepack nehmen müssen. „Nachher nach rechts. Zwei später links.“ Ihr Atem wurde noch schwerer und der Klammergriff um meinen Oberkörper besorgniserregend schwach. „Dann gleich wieder rechts, sechs später links und dann …“ Ihr Kopf sank auf meine Schulter.
„Nay?“, fragte ich. „Nay!“ Vorsichtig ließ ich sie von meiner Hüfte rutschen und setzte sie auf den Boden ab. „Nay! Lass mich jetzt nicht im Stich!“ Ich zog mein Hemd aus, legte ihren Oberkörper vorsichtig an mich und riss mein Hemd in lange Streifen, mit denen ich ihren Oberkörper verband. In der Dunkelheit konnte ich nicht erkennen, wo genau sie blutete. Aber sie blutete stark. „Halte durch!“, flehte ich, hob sie auf meine rechte Schulter, sodass ihr Becken auf der Schulter lag und ihr Bauch gegen meinen Rücken drückte. Vorsichtig ging ich weiter. Treppen runter und rechts. Irgendwann links … Woher sollte ich wissen, was ‘zwei später’ hieß? Verflucht noch eins! „Nay, ich brauche dich!“
„… dann geradeaus …“, flüsterte sie kraftlos und sank noch mehr auf mir zusammen. Das Einzige, was sie oben hielt, waren meine Hände an ihren Oberschenkeln.
Ich ging weiter. Mit der linken Hand hielt ihre Oberschenkel fest. Immer wieder streckte ich kurz die Hand nach rechts aus. So wie Nay es die ganze Zeit getan hatte. Aber alles in mir weigerte sich, meine Hand an den Wänden entlanggleiten zu lassen. Das war widerlich! Ich wollte nicht wissen, was da alles hing!
Einmal griff ich ins Leere und stutzte. Rechts war keine Wand mehr. Vorsichtig tat ich einen Schritt darauf zu. Eine Abzweigung. Hier ging es in einen anderen Gang!
Zwei später nach links … Ich hatte nur mit der rechten Hand die Wand abgetastet. Hatte sie das auch mit der linken Hand getan? Gab es links ebenfalls diese Abzweigung? Was, wenn es links schon eine Abzweigung gegeben hatte? Nein … Sie hatte immer ihre rechte Hand genutzt … Also war das hier die erste Abzweigung. Noch eine weitere, dann nach links.
Ich folgte ihrer Beschreibung, so gut es mir möglich war. Dann geradeaus. Ich lief schon lange. Mindestens eine halbe Stunde, vielleicht auch länger. In welchen Tiefen in mich wohl befand? Zögerlich begann ich, geradeaus zu laufen. Wann brauchte ich die nächste Biegung zu nehmen? Zunehmend wuchs die Sorge in mir, denn Aurelie regte sich nicht mehr. Seit ihrer letzten Anweisung, die sie wohl mit letzter Kraft von sich gegeben hatte, hatte sie sich kein Stück mehr geregt! Penetrant hing der Geruch von würzig-süßem Blut in der Luft und verbreitete sich in dem Gängegeflecht. Wo mich der Geruch normalerweise vor Lust um den Verstand brachte, konnte ich jetzt noch nicht einmal daran denken. Ihr Überleben stand auf dem Spiel und unser Kind … wenn die Götter es so wollten, dann war sein Schicksal bereits besiegelt.
Ich schluckte hart und unterdrückte die Tränen. Ein Kind im Mutterleib war noch lange nicht so resistent wie ein ausgewachsener Vampir. Auch wenn Nay es schaffte …, für unser Kind war das keine Garantie. Einen Stich in den Rücken. Und auf der anderen Seite war das Schwert wieder rausgekommen. Was für ein Feigling!
Noch schlugen beide Herzen, wenn auch viel zu langsam. Und ich hatte das Gefühl, ihre Herzschläge wurden mit jedem zehnten Schritt, den ich tat, noch einmal langsamer, schwächer, flatterhafter. Nayaras Atem war so flach, hätte ich ihn nicht gehört, hätte ich nicht gewusst, dass sie noch atmete.
Wie lange musste ich geradeaus gehen? Nayara wachte nicht mehr auf, egal wie oft ich nach ihr rief, sie anflehte, wieder zu Bewusstsein zu kommen. Also folgte ich schwer schluckend ihrer letzten Anweisung und lief geradeaus. Immer wieder löste ich kurz meine Hand von ihrem Oberschenkel, um nach rechts zu tasten, aber da war nichts mehr. Der Weg zog sich in die Länge. Tränen brannten mir in den blinden Augen, die ich trotz allem offen hielt. Spinnen kletterten die Innenseite meiner Hose hoch und ließen mich erschaudern – ehe ich meine Hand erneut von Nayaras Oberschenkeln nahm und die verdammten Viecher in regelmäßigen Abständen zu Matsch zerdrückte.
Keuchend stellte ich fest, dass ich mittlerweile bergauf lief. Wie lange, das konnte ich nicht sagen. Sicher befand ich mich schon Stunden in diesem Gängegewirr. Wobei es auch schon Stunden sein könnten, die ich nur geradeaus lief.
„Aua!“ Wieder löste ich meine Hand von Nays Oberschenkeln und griff mir an die schmerzende … und blutende Nase. „Scheiße, verdammt!“, fluchte ich. Hatte ich eine Abbiegung übersehen? Gestolpert war ich nicht, dafür hob ich meine Beine zu hoch, im Falle, dass ich auf eine Treppe stieß. Ging der Weg nach rechts oder links weiter? Nein. Geradeaus war aber eine Wand, dank der sich Nay den Kopf an meinem Hintern angestoßen hatte.
Ich nahm Nayara vorsichtig von meiner Schulter und legte sie auf den Boden. Dann tastete ich alles ab. Unter mir, vor mir, neben mir, über mir. Ich spürte einen leichten Luftzug und konzentrierte meine Suche auf diese Stelle. Dann bekam ich einen Griff zur Hand. Er fühlte sich alt an. Wenn ich raten müsste, schon rostig. Der Griff befand sich über mir. Als ich weiter tastete, formte sich in meiner Vorstellung das Bild eines metallischen Vierecks in der Decke. Kurz entschlossen drückte ich die Platte nach oben. Mit mäßigem Kraftaufwand öffnete sich eine Klappe über unseren Köpfen. Eine Falltür, erkannte ich erleichtert. Ich hatte den Weg nach draußen gefunden!
Durch die Öffnung drang frische Luft, doch auch der Geruch von Verwesung, welcher mich die Nase rümpfen ließ. Die Sonne schien durch die Öffnung, brachte ein wenig Licht ins undurchdringliche Dunkel hier drin.
„Wir müssen hoch“, stellte ich stirnrunzelnd fest. Hoffentlich lauerten dort oben keine Gefahren. Ich packte Nayara an der Hüfte, stieß ihren reglosen Körper in meinen Armen weiter hoch, sodass ich sie nur noch an den Oberschenkeln halten konnte, und schob sie über den oberen Rand. Ein leises Stöhnen ließ mich aufhorchen.
„Nay! Ich bin gleich bei dir!“ Kein Wunder stöhnte sie, wenn ich sie mit dem Rücken über den Boden schob. Aber sie musste noch ein wenig weiter, sonst fiel sie wieder hinein!
Sobald meine bewusstlose Verbundene erst einmal oben war, sprang ich und zog mich durch die Luke. Oben angekommen, blinzelte ich geblendet. Wie lange waren wir durch die Gänge gelaufen? Wo waren wir überhaupt? Die Stirn gerunzelt, die Augenbrauen gefurcht, sah ich mich um.
Eine alte, lange nicht mehr genutzte Feuerstelle lag nicht weit von uns; Fetzen von Stoffresten gleich daneben. Der unerbittliche Geruch von Verwesung stieg mir in die Nase und zog mein Augenmerk auf vier aufeinandergestapelte Leichen ein Stück weiter. Angeekelt verzog ich das Gesicht. Teilweise waren den Leichen die Hosen heruntergelassen worden, wobei das Fleisch der Menschen längst Opfer von Tieren geworden war.
Ich beugte mich zu Nay herab und strich ihr über die blasse Stirn. „Halte durch. Wir haben es bald.“ Ich musste Wasser finden. Ihre Wunde säubern und sie mir ansehen. Abgebunden hatte ich sie nach Möglichkeit bereits in den Gängen, aber das war mitten am Oberkörper nicht so leicht! Einen Arm konnte man abbinden. Ein Bein auch. Den Bauch einer Schwangeren hingegen …
Während ich mich nach allen Seiten umsah, horchte ich angestrengt. Ich blendete die Vögel aus. Den Wind, der die Blätter zum Rascheln brachte. Westlich lag vermutlich die Hauptstraße. Das Rattern von Kutschen und das Donnern von Hufen schallten bis hierhin. Konnte es sein, dass wir die Stadt verlassen hatten? Dass uns der Gang bis außerhalb der Stadtmauern geführt hatte? Ich horchte weiter. Ich musste Wasser finden. Etwas, um ihre Wunden zu reinigen. Und dann, in der anderen Richtung, östlich von hier, nur ganz leise, hörte ich es. Das gleichmäßige Plätschern von Wasser.
Vorsichtig nahm ich Nay hoch und setzte mich in Bewegung. Wie lange war ich in den Gängen gelaufen? Der Sonne nach länger als einen halben Tag. Besorgt blickte ich auf meine Verbundene, die blass und blutüberströmt, schlaff in meinen Armen lag. Ich musste mich beeilen, doch in Vampirgeschwindigkeit zu wechseln, würde bedeuten, ihren Körper starken Erschütterungen auszusetzen. Das konnte ich in ihrem Zustand nicht riskieren!
Nach einer Weile des Gehens gluckerte das Wasser immer lauter. Kurz darauf stand ich an einem schmalen Bach von etwa einer Armbreite und knapp einem halben Arm Tiefe. Baden könnte man darin zwar nicht, aber um die Wunde auszuwaschen, sollte es genügen.
Vorsichtig löste ich mein vollegblutetes Hemd von Nayaras Taille un zog ihr das Kleid aus. Die Stichwunde sah übel aus. Der Bastard hatte ihr in den Rücken gestochen. Das Schwert hatte ihren Leib durchbohrt und war auf der anderen Seite wieder ausgetreten! War die Blase, in der das Kind lag, noch intakt? Zumindest schlug sein Herz noch. Noch … Die Wunde war seitlich, jedoch im unteren Rückenbereich. Es könnte das Kleine verfehlt haben.
Tränen kamen in mir auf. Ich liebte dieses Kind. Aber wenn ich wählen müsste, würde ich mich für das Leben von Nay entscheiden. Selbst, wenn sie danach nie wieder ein Kind unter ihrem Herzen tragen könnte.
Nayara zuckte mehrere Male zusammen. Theoretisch müsste man eine solche Wunde ausbrennen. Innerlich fluchte ich. Das konnte man bei einer Schwangeren kaum machen! Es sei denn, das Kind war einem gleich. Den Hitzeschock würde das Kleine nicht überleben. Aber auch Nayara könnte es umbringen. Folgen würde in ihrem geschwächten Zustand eine Fehlgeburt. Angespannt knirschte ich mit den Zähnen. Das war eine Wahl zwischen Pest und Cholera!
„Cy…“, flüsterte es schwach, sodass ich erst meinte, ich hätte mich verhört. Aber nein. Als ich meinen konzentrierten Blick von der Wunde löste, flatterten ihre Lieder träge.
„Das wird jetzt unangenehm, Liebes …“ Die Stichwunde blutete zu stark. Sie hatte viel Blut verloren. Vielleicht zu viel. Ich hob sie vorsichtig hoch und legte sie ganz flach in das kalte Wasser. „Halte den Kopf oben, Nay.“ Die Kälte würde sie davon abhalten, wieder das Bewusstsein zu verlieren. Hoffte ich.
Ich tastete im Wasser die Wunde ab und spülte sie aus. Nur Blut, kein Unrat, der sie von innen töten würde. Konnte sie wirklich solch ein Glück gehabt haben? Wie hoch war die Wahrscheinlichkeit, dass nichts Lebenswichtiges getroffen worden war?
Nayara zitterte heftig. Ihr Blick lag auf dem wolkenlosen Himmel. Die blutleeren Lippen hatte sie aufeinander gepresst und ihre Wangenknochen traten hervor. Wahrscheinlich, damit sie nicht mit den Zähnen klapperte.
Immer weniger Blut kam aus der Wunde. Das Wasser hatte sie gereinigt, und die Kälte sorgte dafür, dass die Blutgefäße sich zusammenzogen. Doch sobald ihr wieder wärmer würde, wäre dieser Vorteil zunichte.
Ich ging neben ihren Schultern in die Knie, hob ihren Kopf auf meine Oberschenkel und biss mir selbst ins Handgelenk, das ich ihr direkt danach an die Lippen hielt. „Trink!“
Schwach stupste ihre Zunge an meiner Haut an und leckte das Blut auf. Sie atmete schwer und stoßweise; die Luft, die sie ausstieß, heiß. Es dauerte einen Moment, bis sich ein Saugreflex einstellte. Doch er wurde stärker, ehe sie schließlich kurz abließ, den Mund neu positionierte und mein Handgelenk mit ihren Fängen durchdrang.
Erleichtert sah ich auf sie hinab. Sie trank. Das war gut. Sie war bei Bewusstsein. Mehr konnte ich mir im Moment nicht wünschen.
Entkräftet zog sie ihre Fänge zurück und ließ ihren Kopf auf meinen Schoß fallen. Die Augen flatternd, befürchtete ich, sie bald wieder an die Bewusstlosigkeit zu verlieren. „Es ist so kalt …“, bibberte sie leise und begann plötzlich zu krampfen. Ihr ganzer Körper zuckte unruhig, dann fiel ihr Kopf auf die Seite und ihr Körper erschlaffte von Neuem.
Ich hob sie aus dem Wasser, setzte mich im Schneidersitz an das Ufer und bettete sie auf meinen Schoß. Mit meinen Armen umschloss ich ihren Körper, rubbelte sie mit den Händen warm und drückte sie dabei ganz eng an mich, um ihr meine gesamte Körperwärme zu geben. Angestrengt lauschte ich den beiden Herzschlägen. Mir schien, dass der Herzschlag des Kindes kräftiger war als der meiner Frau.
Als sie trocken war, streifte ich ihr das abgenutzte Kleid wieder über und umwickelte ihre verletzte Körpermitte erneut mit meinem blutgetränkten Hemd. Die Stunden vergingen und die Nacht kehrte ein. Ein paar Meter von dem kleinen Bach entfernt hatte ich es mir mit Nay in meinen Armen gemütlich gemacht. Ein Geräusch in der Dunkelheit ließ mich aufhorchen.
Innerlich fluchend, legte ich die bewusstlose Nayara auf ihr Kleid und deckte sie halbwegs mit dem eingebluteten Hemd zu. Dann sah ich ihn.
Nur wenige Meter neben einem Baum stand ein braun-schwarzer Wolf, der leise knurrte, als sich unsere Blicke begegneten. Ich knurrte ebenfalls; präsentierte ihm meine Fangzähne. Würde er angreifen, käme er keine zwei Meter weit. Aber er tat es nicht und verschwand wieder im Wald.
Ich sah mich nach allen Seiten um. Es war später Nachmittag oder schon Abend. Die Sonne würde bald untergehen und die Nächte waren noch zu kalt. Es wäre am klügsten, wenn ich ein Feuer machen würde, das Wärme spendete und wilde Tiere fernhalten würde. Aber das bedeutete, Nayara allein zu lassen, um Feuerholz zu suchen. Das konnte ich nicht riskieren.
Je später der Abend wurde, desto kälter wurde es. Ich legte mich ganz dicht hinter Nay und versuchte ihr so viel Wärme zu spenden, wie nur möglich. Sie schlief tief und fest. Ihre Finger waren warm, dafür sorgte ich. Immer wieder rieb ich mit meinen Händen über ihren Körper, um sie warmzuhalten. Obwohl die Erschöpfung an mir nagte, blieb ich wach. Und als der Mond am höchsten stand, kam der Wolf zurück. Mit seinem ganzen Rudel.
Ich zählte sieben Wölfe. Sofort war ich wieder hellwach. Sie umkreisten uns und kamen näher. Ich wollte nicht warten, bis sie angriffen. Nein. Stattdessen löste ich mich vorsichtig von Nayara, meine Hand, die auf ihrem Bauch gelegen hatte, voller Blut. Ich knurrte. Dann attackierte ich ohne zu zögern den größten Wolf, den ich als Alphatier erkannte.
Der Kampf war kurz, aber durch dass ich gezwungen war, die anderen Wölfe gleichzeitig auch noch von Nayara fernzuhalten, hatte er es geschafft, mich in die linke Wade zu beißen. Sieben Wölfe … Trotz meiner vampirischen Schnelligkeit waren es zu viele. Ich hatte erst zwei von ihnen getötet. Der Kreis wurde immer kleiner, die Wölfe immer aggressiver. Sie umrundeten uns wieder. Ein anderer Wolf hatte die Position des Alphas eingenommen, aber ich wusste nicht, wer. Als sie erneut angriffen, konnte ich sie lediglich noch davon abhalten, Nayara zu beißen. Ich schaffte es nicht, einen von ihnen zu packen, um ihm das Genick zu brechen. Immer, wenn ich einen abwehrte, wollten sich zwei oder drei Wölfe meiner Frau nähern.
„Nein!“, schrie ich verzweifelt. Ich würde diesen Kampf verlieren. Sie waren zu nah. Zu viele.
Ein erneuter Angriff der Wölfe startete. Ich blieb bei Nayara, schlug und biss jeden Wolf, der sich ihr näherte. Sie versuchten sich ihren Füßen zu nähern, dann am Kopf, von der Seite! Ein Wolf schnappte sich ihren linken Fuß. Verzweifelt schrie ich auf, als wäre es mein Fuß gewesen. Noch nie hatte ich mich so schwach und hilflos gefühlt. Ich konnte meine Frau nicht retten. Wozu war ich nützlich, wenn ich nicht einmal dazu fähig war?!
Ein weiteres Tier näherte sich dem Geschehen und biss dem Wolf in den Nacken, der Nayara am Fuß gepackt hatte.
Ich wandte mich dem nächsten Wolf zu, der nach meiner Frau schnappen wollte. Ich schaffte es, seine Schnauze zu packen. In einer schnellen Bewegung riss ich seinen Kopf herum. Sein Genick brach.
Mein tierischer Helfer kämpfte immer noch mit dem Wolf, sodass ich mir den nächsten vornahm und ihn tötete.
Die Angreifer waren nur noch zu zweit, als sie winselnd die Flucht ergriffen. Aber ich setzte ihnen nach, holte sie ein und tötete sie. Sie sollten nicht noch einmal die Chance bekommen!
Als ich zurückkam, lag das Tier neben meiner Frau auf ihrem Kleid. Sein Fell schimmerte grau im Mondenschein. Seine Schnauze stupste gegen ihre Brust und ein leises, trauriges Winseln entfleuchte seiner Kehle. Doch Nayara regte sich nicht. Und dennoch klopften zwei Herzen in ihrem Körper. Das musste auch der Wolf spüren, denn er drückte seinen Kopf immer wieder gegen ihren unteren Oberkörper.
Ein leises Seufzen entwich ihrem Mund. Sofort landete die Zunge des Wolfs an ihrer Wange. Immer wieder leckte er über ihr Gesicht, aber sie zeigte keine weitere Regung. Mit einem resignierten Schnaufen legte sich das prächtige Tier hin und drückte seinen Körper eng an Nayaras Bauch und Oberschenkel. Zumindest würde sie in dieser Nacht ganz sicher nicht frieren.
























































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