Kapitel 2 – Hilfe
Kapitel 2 – Hilfe
Cyrus
Der Rest der Nacht verlief ruhig. Ich hatte mich hinter Nayara gelegt, sodass sie ganz gewiss nicht fröre. Als ich am nächsten Morgen erwachte, war der Wolf fort. Nayaras Hand lag ausgestreckt da. Hatte sie den Wolf etwa umarmt? War es Kaldor gewesen? Zumindest hatte er so ausgesehen. Das graue Fell und sein Verhalten passten. Mittlerweile dürfte er auch erwachsen geworden sein. Außerdem konnte ich mir nicht vorstellen, dass ein anderer Wolf sich so zu Nay gelegt hätte. So, wie sie früher gekuschelt hatten, als er noch ein Welpe gewesen war. Nun war er ausgewachsen und hatte ihr das Leben gerettet. Er hatte sich von ihr verabschiedet. Ihr einen Dienst erwiesen und damit Danke gesagt.
Langsam setzte ich mich auf und sah mir die Bisswunde an ihrem rechten Fuß genauer an. Ich erhob mich, riss einen einigermaßen sauberen Streifen ihres Kleides ab und machte ihn im Bach nass. Anschließend verband ich damit ihren Knöchel. Erst dann setzte ich mich neben ihren Oberkörper, zog sie halb auf meinen Schoß und biss mir ins Handgelenk. „Nay. Trink etwas.“
Erst als erste Blutstropfen ihre Lippen befeuchtet hatten, tastete sich ihre Zunge vor und tippte scheu gegen meine Haut. Als Antwort darauf führte ich mein Handgelenk näher an ihren Mund, woraufhin sie langsam zu saugen begann. Ihre Fänge traten zwar hervor, bohrten sich aber nicht in meine Haut. Sie war nicht bei Bewusstsein. Alles, was sie machte, war instinktgesteuert.
Ich seufzte leise. Sie trank, das reichte mir. Aber schon nach kurzer Zeit hingen ihre Lippen kraftlos an meinem Arm, weshalb ich ihn schwer schluckend wieder wegzog. So blass. So schwach. So verdammt schwer verletzt!
Vorsichtig hob ich sie hoch und verwischte danach notdürftig unsere Spuren weg. Dann ging ich mit Nayara auf den Armen langsam der Hauptstraße entgegen.
Zu dieser frühen Stunde waren noch nicht besonders viele Menschen unterwegs. Trotzdem musste ich vorsichtig sein und beobachtete unsere Umgebung genau. Vor den Augen anderer Reisender wollte ich uns versteckt halten. Nicht, dass bald schon Gerüchte über zwei geheimnisvolle Flüchtige die Runde machten.
Ich legte Nayara neben mir ab, hielt uns aber im Dickicht versteckt. Es dauerte beinahe eine Stunde, bis weit und breit niemand mehr zu sehen war.Ich legte eine Hand auf den Boden, kurz darauf das Ohr. Es rumpelte. Eine Kutsche näherte sich. Zwei Pferde.
Ich ging zurück zu Nayara, hob sie wieder hoch und betrat mit ihr die Straße. Glück oder Unglück, aber ich musste es wagen. Die angebliche Kutsche stellte sich als einfacher Karren heraus, der von zwei Mauleseln gezogen wurde. Eine Frau und ein Mann saßen auf dem Bock. Als sie uns sahen, hielten sie zögerlich an und sprachen leise miteinander.
Ich näherte mich langsam. „Bitte!“, rief ich ihnen entgegen. „Meine Frau ist schwanger!“ Etwa fünf Meter vor ihnen blieb ich stehen und sah zu ihnen auf.
Die Frau runzelte die Stirn und nahm Nayara ins Visier. Der Mann hingegen behielt seinen Blick streng auf mich gerichtet. „Und was erwartet Ihr von uns?“
Die Frau vergrub ihren Ellbogen in seinen Rippen. „Jetzt tu doch nicht so! Siehst du nicht, dass sie bewusstlos ist? Und ihr Kleid blutig!“
„Er könnte genauso gut ein Vergewaltiger und Mörder sein, der nur nach neuen Opfern sucht oder nach jemandem, dem er seine Tat anhängen kann!“, zischte der Mann leise zurück, sodass ein Mensch ihn nicht gehört hätte. „Willst du so jemandem wirklich Hilfe, vielleicht sogar Obdach gewähren? Mit unseren Kindern zu Hause? Er trägt noch nicht einmal ein Hemd, Kathia!“
Ich näherte mich dem Karren noch etwas mehr. „Bitte, ich brauche für meine Frau eine saubere Schlafstätte. Ich werde dafür arbeiten, von früh bis spät, solange meine Frau genesen kann!“
Die Frau zischte dem Mann noch etwas Unverständliches zu, dann stand sie auf. „Komm her, Jungchen. Leg sie auf den Wagen. Wir kommen gerade aus der Stadt, also ist er leer. Dann setzt du dich vorn drauf, machst dich mit Herold bekannt und ich kümmere mich um das Mädchen.“
Jungchen … Meine Mundwinkel zuckten kurz.
Mit Bedacht näherte ich mich dem Kutschbock und presste Nayara noch etwas stärker an meine Brust. „Gute Frau …, ich will noch eine Sache sagen. Meine Frau und ich sind Vampire. Aber wir ernähren uns von Tierblut. Wir trinken nicht von Menschen.“ Nun, zumindest Nay tat es nicht. Nicht direkt. Und ich würde darauf verzichten, solange es nötig wäre. „Weil wir, was Menschen angeht, so anders denken als andere Vampire, wurden wir angegriffen und vertrieben. Meine Frau wurde feige von hinten erstochen …“
Der Mann presste die Lippen zu einer Linie zusammen. „Mit Vampiren hat man immer nur Ärger, Weib! Sieh, was du uns da eingebrockt hast!“
„Still jetzt, Herold! Leo und seine Freundin haben kein schlechtes Wort über die Königin verlauten lassen! Es können ja nicht alle Vampire so schlimm sein, wie man es sich vom alten König erzählt. Genauso wie nicht alle Menschen so griesgrämig sein können wie du!“ Sie wandte sich wieder mir zu, stieg vom Kutschbock und winkte mich zu ihr, damit ich Nay auf der Ladefläche ablegen konnte. „So jetzt geh nach vorne und setz dich hin. Du siehst nicht aus, als hättest du viel geschlafen, Jungchen. Ich kümmere mich um das Mädchen. Vorsichtig strich sie Nayara über den Bauch. Dann begann sie, mein Hemd und anschließend das Kleid so weit zu entfernen, dass sie sich die Wunde ansehen konnte. Kopfschüttelnd murmelte sie: „Was für ein barbarisches Pack.“
„Ich danke dir, Gnädigste.“ Ich haderte. Im Gegensatz zu Nayara hatte ich nur einen Namen. Und der war mittlerweile sicherlich jedem Menschen bekannt. Vor allem, wenn deren Sohn schon über die Königin sprach. „Ich heiße Percy und mein Weib hört auf den Namen Naylin.“ Nalin… Hieß so nicht eine Frau aus dem Norden? Nun, ich würde sie immer noch Nay nennen können.
„Nun dann, Percy, rauf mit dir, altes Jungchen! Ich kümmere mich, mach dir keine allzu großen Sorgen.“
„Na los, Vampir, komm rauf“, brummte nun auch der Mann. „Immer nur Scherereien mit dem Weib.“
Obwohl es mir schwerfiel, kam ich der Aufforderung nach und setzte mich neben den Mann mittleren Alters. Seine Haut war vom Wetter und einem harten Leben gegerbt. Zumindest der Teil, den ich unter dem dichten Vollbart erkennen konnte. Braune Haare fielen auf seine Schultern und blaue Augen strahlten eine Weisheit aus, wie ich sie bei Menschen bisher nur selten gesehen hatte.
Kaum saß ich neben ihm, ritt er bereits weiter. Aber ich achtete nicht auf den Weg vor uns, sondern blickte besorgt nach hinten auf den Karren, auf dem Nayara lag. Auch, wenn sie auf mehreren Decken lag, würde es eine holprige Fahrt werden. „Ist es weit?“
„Eine Stunde von der Hauptstadt. Jetzt etwas weniger“, grummelte er. Die Frau hinten stieß ein warnendes ‚Herold!’ aus, was den Mann erneut grummeln ließ. „Also, erzähl. Was ist euch über den Weg gekrochen, dass dein Weib so zugerichtet worden ist?“
„Wir waren zu Besuch. Mein Onkel ist Berater des Königs. Aber als wir ankamen, wurden wir sofort angegriffen. Ich glaube, sie haben alle Minister und Berater gefangen genommen.“
„Ich hab dem Jungen gesagt, eine Arbeit im Schloss taugt nichts“, murmelte der Mann. „Aber er wollte ja nicht hören. Verbindungen zum Schloss bringen nur Ärger!“
„Ja, vermutlich. Dabei dachte ich, der König und die Königin würden wirklich etwas verändern.“ Ein gefährliches Thema. Aber ich musste wissen, wie sie zum Königspaar standen. Zu uns. Denn im schlimmsten Fall würde ich weiter ziehen und eine neue Bleibe suchen müssen. Auch wenn Nayara Ruhe brauchte, um zu heilen.
„Ich weiß nicht, was in den Köpfen von euch Vampiren vorgeht. Als ich gehört habe, dass der neue König das Ende der Sklaverei ausgerufen hat, habe ich gelacht. Da tötet er jemanden, setzt sich die Krone auf und befielt rum, als wäre er dazu geboren.“ Grunzend schüttelte er den Kopf. „So funktioniert Treue nicht. Da muss er sich auch nicht wundern, wenn man ihn bekämpft.“ Seine Hand landete aufmunternd klopfend auf meiner Schulter. „Nichts gegen dich, Junge, du und dein Weib können ja nichts dafür. Eine Schande, dass ihr da mitreingezogen worden seid.“
Ich schnaubte leise. „Aber er hat den Menschen die Freiheit gegeben. Weißt du, dass es in den Nord- und Ostlanden schon seit Generationen keine Sklaverei mehr gibt? Nur das Goldene Reich hält daran fest und die Südlande machen es nach.“
„Ich sage ja nicht, dass es grundsätzlich eine schlechte Idee war. Aber Fakt ist, dass meine Kinder nicht auf mich hören, sondern auf mein Weib. Und der Grund dafür ist, dass sie kochen kann. Damit macht sie sich beliebt. Verstehst du, was ich sagen will? Nur weil ich vom Gesetz her das Familienoberhaupt bin, heißt das nicht, dass ich mehr zu sagen hätte, als sie.“
Von hinten auf dem Wagen lachte es herzlich. Ein Stirnrunzeln machte sich in meinem Gesicht breit, jedoch beließ ich das Thema dabei. Politische Themen waren nichts, was ich mit einem Bauern erörtern würde. Dafür war er definitiv die falsche Person.
Die Fahrt ging zum Glück schnell vorbei. Wir hielten auf einem kleinen Bauernhof. Hühner und Ziegen standen auf der einen Seite; Obstbäume säumten die andere Seite des Guts. Und ein riesiges Feld, au dem Gemüse angebaut wurde, fand sich hinter dem Bauernhaus.
Kinder liefen uns entgegen und lachten laut. „Mami!“, riefen sie unisono.
„Macht langsam, Kinder. Wir haben Besuch.“ Kathia stieg von dem Karren und eilte den Kindern entgegen.
Schnell kletterte ich über den Kutschbock auf den Karren und setzte mich neben Nayara. „Wir sind da, Liebste.“
Die Bauern begrüßten ihre Kinder. Ich nutzte die Zeit, biss mir in das Handgelenk und drückte es an ihre Lippen. „Du musst trinken.“ Als erste Blutstropfen ihre ausgetrockneten Lippen benetzten, flatterten ihre Augen auf, jedoch hatte sich sichtlich Mühe, sie auch offenzuhalten. „Trink, Liebste, du musst dich stärken“, sprach ich erneut.
Nayara ließ ihre Fangzähne hervor schnappen und versuchte mir, ins Handgelenk zu beißen. Schnell drückte ich es näher. Da sie ihre Hände nicht nutzte, musste der Druck von meiner Seite her kommen, damit sie ihre Fänge in meiner Haut versenken konnte. Nachdem der erste Versuch missglückt war, setzte sie zum zweiten an und stöhnte gleich darauf erleichtert auf. Wie eine Süchtige saugte sie an meinem Handgelenk. Energisch hob und senkte sich ihre Brust. Als sie genug hatte, ließ sie schwer atmend von mir ab, öffnete die Augen und blinzelte einige Male gegen die späte Nachmittagssonne an. „Cyrus …“, krächzte sie. „Wie geht es … dem Kind? Lebt es?“ Tränen füllten ihre Augen und brachten sie zum Glänzen. Panisch schnappte sie nach Luft; ihre Hand zuckte zu ihrem Bauch, jedoch schaffte sie es nicht, sie zu heben.
Ich nahm ihre Hand und legte diese auf ihren Bauch. „Ja, das Kind lebt. Das Herz schlägt kräftig. Mach dir keine Sorgen.“ Vorsichtig stieg ich vom Wagen und hob sie auf meine Arme. Ihre Wunde blutete immer noch. Wenn es schlimmer wurde, müsste ich es ausbrennen … etwas, das sie bei mir damals unter keinen Umständen machen wollte. Ich wollte es nicht tun. Es war die letzte Option. Dennoch… Sie verlor zu viel Blut.
Nayara war nur halb bei Bewusstsein. Zum einen flatterten ihre Lieder, als kämpfe sie unablässig darum, nicht wieder ohnmächtig zu werden, andererseits zuckte und krampfte ihr Körper vor Schmerz. Ich wusste nicht, was ich ihr wünschte. Dass sie einschlief und dadurch dem Schmerz entging, oder dass sie wach blieb und mir damit versicherte, dass sie leben wollte.
























































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