Kapitel 3 – Fieber
Kapitel 3 – Fieber
Cyrus
Kathia, Herolds Weib, legte mehrere Decken auf den Boden, direkt vor den Kamin. Sie hatte mir geholfen, Nayara ein sauberes Kleid anzuziehen, auch wenn die Kleider von Kathia meiner Frau viel zu groß waren. Zumindest, was die Weite anging. Der Saum hingegen reichte Naya lediglich bis zu den Waden.
„Danke, Kathia. Ich frage deinen Mann gleich, wie ich mich nützlich machen kann.“ Es störte mich, wie sie meine Frau ansah. Vor allem die Narben, die großflächig Nays Rücken bedeckten, hatten Kathia ein mitleidiges Seufzen entlockt.
„Ist sie eine von den Verwandelten? War sie früher ein Mensch?“
Ich deckte Nayara zu und strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Nein. Nur … Ihre Eltern ließen sie ihren Hass spüren …“
Die Frau seufzte tief und stand schwerfällig auf. „Was ist im Schloss passiert? Was ist mit den Menschen dort? Den Dienern?“
„Ich weiß es nicht. Das Ziel der Angreifer wird das Königspaar gewesen sein, sowie die Minister und Berater. Ich glaube nicht, dass sie sich für die Menschen interessiert haben.“ Sie nickte, schien mit ihren Gedanken aber bei ihrem Sohn im Schloss zu sein. „Was ist euer Sohn von Beruf?“ Wenn er in der Küche gearbeitet hatte, würde er vermutlich immer noch dort sein. Auch Vampire mussten essen und wären dumm, wenn sie ihre Köche töteten.
„Gärtner“, flüsterte Kathia leise.
Ich nickte. „Dann war er nicht im Schloss. Aber ich weiß nicht, was die Angreifer mit den Dienern machen werden.“ Vermutlich wieder versklaven. Aber das konnte ich ihr nicht sagen.
Nachdem Nayara bestmöglich versorgt war, ging ich zu Herold und ließ mir zeigen, wo ich helfen konnte. Die sechs Kinder von Kathia waren noch jung und hielten sie auf Trab, sodass es genug unerledigte Arbeit auf dem Hof zu tun gab.
Herold war misstrauischer als seine Frau. Wenn eines seiner Kinder draußen spielte, achtete er stets darauf, dass ich dem Kind nicht zu nahe kam. So musste ich auf einem der Felder Unkraut pflücken und Schnecken beseitigen.
Die Sonne sank immer tiefer. Bis ich mit dem Feld erst fertig war, würden mehrere Tage vergangen sein. Der Dreck hatte sich so tief unter meine Fingernägel gegraben, dass es schon schmerzte. Gleichzeitig waren da die ständigen Gedanken an Nayara, die mich plagten. Ging es ihr gut? War sie wach? Sorgte Kathia auch gut für sie? Ich wollte nichts lieber, als den ganzen Tag bei ihr zu sein und für sie zu sorgen. Aber ich musste mich hier auch erkenntlich zeigen.
Ich stand auf und wischte die Hände notdürftig an dem Hemd ab, welches Herold mir gegeben hatte. Bald würde der letzte Sonnenstrahl verblassen. Außerdem sollte ich mich noch waschen und später auf die Jagd gehen. Solange Nay dermaßen geschwächt war, kam es nicht infrage, von ihr zu trinken.
Ich informierte Herold darüber, dass ich für das Abendessen im angrenzenden Wald jagen ging. Auch wenn die beiden auf einem Hof lebten und von der Nahrungsmittelknappheit entsprechend nicht so schlimm getroffen worden waren wie andere, vermutete ich stark, dass keiner von ihnen in den letzten Wochen ein Stück Fleisch in die Hände bekommen hatte, so wie es um die Preise auf dem Markt stehen musste.
Im Wald hatte sich die Luft bereits von der schwieligen Hitze der Sonne erholt. Der frische Geruch von Kräutern und Laub wehte herum und holte die Erinnerungen an die Zeit in der Jägerhütte zurück. Als wir monatelang so getan hatten, als wären wir normale Menschen. Wir hätten da bleiben sollen. Denn jetzt lag das Leben meiner geliebten Nay und das unseres Kindes in den launenhaften Händen der Götter. Soweit hätte es niemals kommen dürfen.
Mit vier Kaninchen und einem Zicklein, an dem ich mich satt getrunken hatte, kehrte ich aus dem Wald zurück. Tierblut schmeckte einfach nur grässlich. Meinen Grigoroi hatte ich das monatelang zugemutet. Wie es ihnen jetzt wohl ging? Ob sie noch lebten? Elok? Stinan? Galderon? Ikzil? Timmok? Sie alle mussten noch im Schloss sein, insofern sie die Falle nicht früher gerochen und sich noch in Sicherheit gebracht hatten. Und was war mit Irina? Dem Rat? Wer hatte uns verraten? Und wer hatte die Macht inne, solche Geschütze gegen uns aufzufahren?
Ich betrat den Hinterhof, gab Kathia Bescheid und legte ihr die Beute dort auf einem alten Holztisch ab. Vermutlich würde sie gleich damit beginnen, die Tiere ausbluten zu lassen und zu häuten, um sie später ihren Kindern vorzusetzen.
„Ein Stück in den Wald hinein in diese Richtung und du kommst an einen Fluss. Dort kannst du dich waschen, Percy. Kannst du bitte gleich noch die beiden Eimer mitnehmen und auffüllen?“
Wortlos nickte ich. Ich war müde. Und wollte mich eigentlich nur noch zu Nayara legen, mit ihr kuscheln und mich versichern, dass es ihr und den Ungeborenen gut ging. Ich verschwand in der gedeuteten Richtung, fand den Bachlauf und wusch mir sowohl Dreck als auch Blut von Fingern und Mund. Anschließend kehrte ich mit zwei vollen Wassereimern zum Haus zurück, wo die Bäuerin bereits dabei war, die kleinen Tierchen zu häuten.
„Vielen Dank für deine Bemühungen heute. Du warst eine große Hilfe, Percy.“ Sie drehte sich zu mir um und zwinkerte mir zu. „Auch wenn Harold es niemals zugeben würde.“ Ihr Blick glitt an mir herab. „Du solltest nach deinem Weib sehen.“ Ein besorgtes Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Sie hat den ganzen Tag kein Auge aufgemacht und auch nichts gegessen.“
Kathia musste den Verband im Laufe des Tages einmal gewechselt haben, denn dieser hier war nicht durch geblutet. Zögerlich machte sich die Hoffnung in mir breit, die Blutung möge sich eingestellt haben.
Ich kniete mich neben meine Verbundene und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Stirn war ganz verschwitzt. Dabei hatte der Kamin den Tag hindurch nicht gebrannt. Kathia konnte ihn erst vor wenigen Minuten angefeuert haben.
Nayaras Atem ging schwer. Ich biss mir ins Handgelenk und ließ ihr mein Blut zwischen die Lippen tropfen. Bedrückt stellte ich fest, dass sie nicht aufwachte. Ich hatte auf eine Reaktion wie am heutigen Morgen gehofft, doch sie blieb mir verwehrt. Wieder waren da nur die schwachen Reaktionen ihres Körpers, den es nach Blut dürstete. Ihre Zunge tastete sich heraus, und ein Saugreflex setzte ein. Zumindest für kurze Zeit. Doch sie musste auch essen. Sobald sie das nächste Mal aufwachte, war das das Erste, was sie tun würde.
Fest an sie gekuschelt, legte ich mich wenig später schlafen. Kathia würde mir sicher etwas zu Essen übrig lassen, damit ich es morgen zu mir nehmen könnte. Heute hatte ich keine Energie mehr dafür. Ich legte mich hin und war weg. Die vergangenen Tage waren voller Anstrengungen gewesen. Kaum eine freie Minute war uns vergönnt.
Ein Ellbogenstoß in den Unterleib ließ mich keuchend hochfahren. „Scheiße …!“ Mein Blick glitt zu Nay. „He … Nay, ruhig.“ Meine Hände legten sich um ihre wild um sich schlagenden Handgelenke. Kaum berührte ich sie, zuckte ich zurück. Panik kroch in mir hoch. „Nein, nein, nein …!“ Einer bösen Ahnung nachgehend, legte ich meine Hand auf ihre Stirn und fluchte. „Nein! Verflucht!“ Sie hatte Fieber. Die Wunden mussten sich entzündet haben.
Plötzlich klammerte sie sich an meinem Oberteil fest und riss schwach daran, sodass mein Oberkörper zu ihr hinuntergezogen wurde. „Geh! Lauf!“ Sie keuchte, was in einen trockenen Hustenanfall überging. Sie krächzte: „Nein!“, und streckte eine Hand aus, als wolle sie nach etwas greifen.
Beruhigende Laute ausstoßend, zog ich ihren Kopf auf meinen Schoß, strich ihr besorgt über das verschwitzte Haar und beobachtete, wie ihre Pupillen unter den Liedern nervös zuckten. Ich setzte mich halb aufrecht und lehnte mich an den Kamin. Dabei strich ich ihr immer wieder über das Gesicht. „Du bist stark, Nay. Das bisschen Fieber ist nicht schlimm. Du bist stärker als das Fieber.“ Meine Stimme begann zu zittern. Ihr Herz schlug so schwach und ihr Atem ging so schwer. Sie kämpfte. Das wusste ich. „Ich liebe dich, Nay. Dich und unser Kind.“ Immer wieder strich ich über ihre Stirn. Vielleicht sollte ich ihr Fieber kühlen. Oder war es gut, dass sie schwitzte? Morgen früh würde ich fragen, ob es in der Nähe eine Kräuterhexe gab. Vielleicht konnte auch Kathia helfen. „Du bist stärker als das Fieber, Nay.“ Immer wieder sprach ich diese Worte und traute mich nicht, die Augen zu schließen und erneut einzuschlafen.
Das zärtliche Streicheln von warmem Atem, der an mein Knie drang, wiegte mich aus dem Schlaf. Müde öffnete ich meine Augen.
„Mir wurde doch schon der Rücken…“ Ein Hustenanfall unterbrach die krächzend schöne Stimme meiner wachen Verbundenen, gefolgt von schweren, atemlosen Atemzügen. Sie war wach! Ihre Hand legte sich schwerfällig auf ihren Bauch; das Gesicht verzog sie während des Hustens vor Schmerz. „… durchstochen. Mach dir deinen nicht auch noch kaputt.“ Nayara versuchte sich an einem schwachen Lächeln. Ihre Haut war so blass, sie hätte im Schnee liegen können und man hätte sie übersehen. Dazu die glänzenden Schweißperlen auf ihrer Stirn, die mühevoll offen gehaltenen Augen und die ausgetrockneten Lippen gaben ihr das Aussehen einer Sterbenden.
„Wie fühlst du dich?“ Die Nacht hatte ich zusammengekauert am Kamin verbracht. Mein Rücken knackste hörbar wenig erfreut. Vorsichtig rutschte ich auf meinem Hosenboden herum und versuchte mich in eine bequemere Position zu bringen, ohne Nayara von mir zu werfen. Sie erlöste mich von meinem Dilemma, rollte sich keuchend von mir runter und blieb dann regungslos neben mir liegen. Einzig ihr Brustkorb hob und senkte sich schwer. Ich legte mich neben sie, schmiegte meine Stirn an ihre und betete, das Fieber wäre weniger. Doch so war es nicht.
„Das willst du nicht wissen“, nuschelte sie leise. „Aber ich denke, etwa wie Gras. Nachdem eine Kuh es gegessen, hochgewürgt und wieder“, rasselnd holte sie Luft, „gekaut hat.“ Sie atmete schwer. „Wieso ist Reden … nur so anstrengend?“ In der Tat schnaufte sie, als wäre sie von hier bis zum Palast und wieder zurück gerannt.
„Weil dein Körper mit der Heilung beschäftigt ist, Liebste.“ Ich nahm ihre Hand und hauchte einen Kuss darauf. „Hast du Hunger?“
Sie nickte schwach, dann glitt ihr Blick plötzlich in eine Zimmerecke. Sie runzelte die Stirn. „Alex? A…aber du bist tot!“ Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe … es gesehen! Du bist …“ Immer schneller wurde ihr Atem. „Cyrus, mir geht es nicht gut …!“ Die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen, sah sie zu mir auf. „Nein …, das ist nicht echt …“ Schwach schüttelte sie den Kopf, während sich Tränen aus ihren Augen stahlen.
„Nur ich bin echt, Nayara“, flüsterte ich und nahm ihr Gesicht in beide Hände. „Nur ich bin wichtig, Nay.“ Sanft küsste ich ihre heiße Stirn, ihre salzige Wange und ihre spröden Lippen. „Ich bin hier, Nay. Nur ich.“
„Aber er …“ Enttäuschung machte sich auf ihren Zügen breit, als sie wieder in besagte Ecke sah. Hart hörte ich sie schlucken. „Er ist schon wieder weg.“ Stumm starrte sie in besagte Ecke. „Ich vermisse ihn, Cy.“ Sie schniefte laut, dann begann sie zu weinen. „Ich will ihn zurück!“ Schluchzend vergrub sie ihr Gesicht in meiner Schulter. Kalter Schweiß und heiße Tränen vermischten sich und trafen auf meine Haut.
„Oh, Nay …“ Ich zog sie an mich und streichelte über ihre verschwitzten Haare. „Es tut mir so leid“, murmelte ich leise. Nur mühsam verdrängte ich meine eigenen Tränen, die in meinen Augen brannten. „Ich werde dir nie wieder weh tun. Dir nie wieder jemanden wegnehmen.“
Sie weinte und weinte. Irgendwann hörte sie auf. Nicht jedoch, weil sie nicht mehr zu trauern gehabt hätte, sondern schlichtweg, weil ihr die Kraft dazu fehlte. Ich spürte, wie sie ihre Fangzähne ausfahren ließ, und legte meinen Kopf zur Seite. Schwach biss sie mir in den Hals und trank. Mit meinen Händen fuhr ich ihr ermutigend über den Rücken, während ich mühselig ein Stöhnen unterdrückte.
Schnelle Schritte kündigten einen unerwarteten Besucher an. „Mami hat gefragt, ob …!“ Der kleine Junge kam augenblicklich zum Stillstand, als er uns so sah. Seine Augen wurden groß. „Sie ist wach? Tut sie dir weh? Soll ich sie kaputtschlagen?“
„Sie ist wach. Und es schmerzt nicht.“ Ich legte meine Hand so, dass der Kleine nicht sehen konnte, was sie genau tat. „Was will deine Mama wissen, Kleiner?“
„Ob du … also ihr … Hunger habt. Sie hat einen großen Eintopf gemacht, mit dem Fleisch von gestern! Wir wollten gerade zu Tisch, aber sie hat gesagt, wir müssen erst die Gäste fragen, bevor wir essen dürfen.“ Seine Hände rangen miteinander, während sein Kopf sich leicht schief legte. „Oder müsst ihr nicht essen?“
Keuchend ließ Nay von mir ab, leckte mir noch einmal über den Hals und legte sich dann wieder richtig hin. Sorgsam strich ich ihr über die verschmierten Mundwinkel. „Genug?“, fragte ich leise, woraufhin sie schläfrig nickte. „Magst du jetzt etwas essen?“ Wieder ein schwaches Nicken.
„Danke für die Einladung.“ Ich stand langsam auf und streckte meine müden Knochen. „Warte hier, Liebes.“
Ich folgte dem Jungen in die Küche, wo ich eine große Schüssel nahm. Kathia und ihr Mann hatten vollstes Verständnis, dass mein Weib und ich in der Wohnstube aßen.
„Es ist ein gutes Zeichen, wenn sie wach ist und Hunger hat, Percy“, meinte Kathia zuversichtlich.
„Ja“, stimmte Herold zu. „Genieße noch die Zeit, in der sie zu schwach ist, um Widerworte zu geben.“
Ich grinste breit. „Dafür wird sie nie zu schwach sein.“ Und das war einer der Gründe, wieso ich sie liebte.
Mit einer großen Schüssel und einem Löffel in der Hand kehrte ich zurück, setzte mich wieder auf den Boden und zog Nayara vorsichtig zu mir heran. „Lass mich dich füttern. Wenigstens ein paar Löffel. Es wird dir guttun.“
Schwach zuckte ein Lächeln über ihre Lippen, während sie ihren Körper ohne Zögern an mich schmiegte und meine Nähe willkommen hieß. „Ich bin doch aber kein Kind mehr.“ Ein Lachen; gleich darauf ein Husten. Schwer atmend und entsprechend langsam erzählte sie: „Du wolltest mich schon einmal füttern. Ganz am Anfang, weißt du noch?“
„Ja. Als du noch ein Kind warst und ich dich in mein Bett legte. Ich hätte in diesem Moment fast alles für dich getan.“ Ich füllte einen Löffel mit Brühe, pustete mehrmals und prüfte mit meinen Lippen, dass es nicht zu heiß war, ehe ich es an ihre Lippen hielt.
Brav öffnete sich ihr Mund. Protestlos ließ sie sich von mir füttern. Meinetwegen konnten wir das sehr gerne öfters machen. „Ich war eben herzallerliebst als Kind“, scherzte sie, nachdem der erste Bissen runter war.
„Das bist du auch jetzt noch“, entgegnete ich, füllte den nächsten Löffel und pustete wieder darüber.
Löffel für Löffel flößte ich ihr ein, bis sie den Kopf zur Seite drehte. Aber sie hatte wenigstens etwas zu sich genommen. Zusätzlich zu meinem Blut. Es stimmte mich zuversichtlich. Allerdings wusste ich auch, dass gute Stunden trügerisch sein konnten. Wer starb, hatte kurz zuvor immer einen Tag, an dem es ihm besser ging. Somit betete ich, dass es ihr heute nicht zu gut gehen würde.
























































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