Kapitel 4 – Königspaar

Kapitel 4 – Königspaar

 

Aurelie

Zwei Wochen waren vergangen. Langsam schaffte ich es wieder, auf eigenen Beinen zu stehen – war sogar fähig, ein paar wenige Schritte zu gehen. Und meinem Verbundenen in die ausgestreckten Arme zu laufen.

Lachend schlang er seine Arme um mich, als ich ein weiteres Mal stolperte und ihn dabei beinahe um rempelte. Strafend kniff ich ihm in den Bauch. „Nicht lachen! Das habe ich bei dir auch nicht gemacht, solltest du dich erinnern. Dummkopf.“ Ich spürte regelrecht, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Die Rollen waren so wunderbar vertauscht. Nur mit einem Unterschied … „Außerdem habe ich noch zusätzliches Gewicht vorne herum zu tragen!“

„Und zusätzliche Verantwortung.“ Cyrus schmunzelte. Er ging vor mir auf ein Knie, legte beide Hände seitlich an meinen Bauch und sah auf die Wölbung. „Ich bin so unendlich dankbar, dass dem Kleinen nichts passiert ist.“ Cyrus sah mit Tränen in den Augen auf. „Er wird ein Kämpfer, wie du und ich.“

Ich schluckte schwer. Die letzten zwei Wochen waren zunehmend emotional verlaufen. Ein wahres Wechselbad der Gefühle. Meine Hände vergruben sich in seine Haare; eilig beeilte ich mich zu nicken. „Ich auch“, schniefte ich.

„Ja, du bist auch eine Kämpferin.“ Cyrus lächelte und stand auf. Die Hände, die zuvor auf meinem Bauch lagen, legte er nun auf meine Wangen. Seine Daumen strichen die Tränen weg, die aus meinen Augen liefen. „Ich liebe dich, Nayara. Ich liebe dich von ganzem Herzen.“

Auch eine Kämpfer …? „Ich meinte froh! Dass ihm nichts passiert ist!“ Mein Atem stockte. Was hatte er gerade gesagt? Spürbar begann meine Unterlippe zu zittern. Ich schüttelte den Kopf. „Was hast du gerade gesagt?“

„Ich liebe dich, Nay. Ich liebe dich über alle Maßen. Mehr, als ich jemals für möglich gehalten habe.“

Ich war sprachlos, kein Wort verließ meinen Mund. Bloß meine Unterlippe zitterte, meine Beine drohten gleich wieder nachzugeben und mein Herz fühlte sich an, als würde es explodieren. Einige Male klappte mein Mund stumm auf und zu. „Und … ich … muss zuerst fast sterben, dass du das über deine Lippen bringst?!“ Ich war nicht wütend. Ich schwankte eher zwischen Fuchsteufelswild und reiner Glückseligkeit.



Cyrus schmunzelte; seine Augen funkelten frech. „Ich dachte, du magst diese drei Worte nicht. Ich dachte, sie seien dir zu simpel und schlicht.“ Sein Grinsen wurde noch etwas breiter. „Und eigentlich wollte ich, dass du das Wort Liebe zuerst in den Mund nimmst.“

„Habe ich!“ Störrisch drehte ich den Kopf weg. „Als wir im Ratssaal überfallen worden sind, mit einem Schwert an meiner Kehle.“ Ich hatte es lediglich nicht laut ausgesprochen. „Du bist sturer als ein kleines Kind! Und so etwas will König sein.“ Ich brummte. „Hättest du jetzt die Güte, dich meiner Größe zu erbarmen und dich herabzubeugen, sodass ich mich auch bedanken kann?“

„Verstehe. Da muss schon ein Schwert an deiner Kehle liegen, damit diese Worte sich in deinem Mund formen.“ Sein Grinsen war so breit, dass es ihm fast schon zu den Ohren raushing. Bevor ich noch etwas dazu sagen konnte, lagen seine Lippen auf meinen. Der Kuss war stürmisch, wild und ausgehungert. Seine Zunge schob sich gierig in meinen Mund, wo er leise hinein stöhnte. Eine Hand landete an meinem Rücken, die andere hielt meinen Kopf.

Atemlos erwiderte ich, ließ meine Hände an seinem Körper hinauf wandern und drückte mich an ihn. Hart lag seine Lust an meinem Unterbauch. Instinktiv wollte ich meinen Kopf zur Seite neigen, ihm mein Blut anbieten und mich hier und jetzt mit ihm vereinigen. Wäre da nicht diese eine kleine Sache, die uns die letzten beiden Wochen beinahe vorbereitend heimsuchte.

„Mami hat gesagt, es gibt Essen!“, brüllte der kleine Fratz und kam schlitternd vor uns zum Stehen.

Meine Mundwinkel zuckten, als ich mich von Cyrus löste. „Er kommt immer sehr passend, findest du nicht?“

Cyrus’ Fangzähne kratzten sanft über meine Unterlippe. „Ich kann ihn ja erschrecken. Dann wird er vorher klopfen.“ Seine Stimme war rau und kehlig. Sein ganzer Körper bebte vor Lust und Verlangen.

Ich schmunzelte. „Wir kommen, danke.“ An meinen Gemahl gewandt murmelte ich: „Untersteh dich. Stell dir einfach vor, es wäre unseres.“ Sanft führte ich seine Hand an meinen Bauch.

„Ihn würde ich in dieser Situation auch erschrecken“, brummte er heiser an meine Wange.

Bevor er von mir abließ, küsste er mich noch einmal kurz und leidenschaftlich. Dann machte er einen Schritt zurück und richtete möglichst unauffällig das Dilemma in seiner Hose. „Willst du schon mal vorgehen?“



Ich grinste, nickte aber und ließ mich von dem Kleinen in die Küche führen.

„Na sieh einer an, sie läuft wieder!“ Sichtlich erfreut kam Kathia auf mich zu. Sie war wirklich eine gute Seele.

„Mit ein wenig Hilfe der Wand, ja“, gab ich lächelnd zurück.

„Na los, setz dich, Kindchen! Wo bleibt Percy?“

„Der kommt gleich.“ Zwischen den Kindern ließ ich mich nieder. Zuweilen half ich Kathia dabei, die Kleineren zu füttern, die mich mit Freuden in ihre Mitte nahmen. Dass ich Fangzähne hatte, störte sie nicht.

„Nay! Geht es dir wieder gut?“, fragte ein kleines, unglaublich süßes Mädchen, welches sich mit dem wilden Racker, der mich in die Küche geholt hatte, darum stritt, wer neben mir sitzen durfte. Sehr zu meiner Belustigung und Cyrus’ Verzagen, hatten die Kleinen seinen Kosenamen für mich übernommen.

Cyrus kam wenige Minuten später und setzte sich mir gegenüber auf den einzigen freien Platz, den es am Tisch noch gab. Lächelnd drückte er mir einen Kuss auf den Scheitel und setzte sich hin. Es sah aus, als gehöre das Haus ihm. „Meine Frau und ich werden in den nächsten Tagen wieder abreisen. Wir beanspruchen eure Gastfreundschaft schon zu lange.“

Ich schnaufte aus. Lerne er es denn nie? „Und wann wolltest du das mit mir besprechen, Liebster?“

„Nach dem Essen.“ Sein Blick ruhte ernst auf mir. „Es gibt einiges, das wir besprechen müssen. Aber nicht hier. Nicht jetzt.“

Kathia sah zwischen mir und Cyrus hin und her, dann nahm sie die Teller ihrer Kinder und gab jedem eine Portion. Danach mir und meinem Mann und zuletzt ihrem Mann und sich selbst. „Männer schieben die unangenehmen Themen immer so lange auf, wie es geht, nicht wahr? Das macht Herold auch immer.“

„Und was man auch tut …“

„Sie lernen es nicht“, beendete Kathia meinen Satz und brachte mich zum Schmunzeln.

„Ganz genau.“ Fast schon wie von selbst griff ich nach dem Löffel des Mädchens neben mir und begann, sie zu füttern.

„Ihr seid uns wirklich eine große Hilfe. Wir haben bestimmt nichts dagegen, wenn ihr noch bleibt. Die Kinder sind noch zu klein, um auf dem Feld zu helfen. Und der, der alt genug wäre, ist irgendwo in der Stadt, vermutlich eingesperrt im Schloss.“ Sie seufzte. „Hoffentlich geht es seinem Mädchen gut.“



„Euer Sohn ist bereits vermählt?“, fragte ich überrascht?

Herold lachte grimmig. „Nein, aber hoffnungslos verfallen ist er dem Mädchen.“

Kathia nickte lächelnd. „Sie wird ihm viele Kinder gebären. Sobald sie etwas älter ist.“

„Moment“, meinte Cyrus und sah zu Herold. „Wieso sollte er im Schloss eingesperrt sein?“

„Er ist noch nicht zurück. Zwar ist er nur Gärtner, aber die Vampire müssen ihn wohl festhalten, sonst wäre er mittlerweile nach Hause gekommen.“

Kathia seufzte. „Er hat vor einem Jahr ein süßes Mädchen mit nach Hause gebracht. Liebenswürdig und aufgeweckt. Sie wäre ihm eine gute Partie. Außerdem die Zofe der Königin, also hätte sie eine … nun ja, eigentlich gesicherte Stelle.“ Leise atmete sie aus. „In diesen Zeiten wohl nicht mehr.“

Mein Mund klappte auf. „Wie genau heißt dieses Mädchen?“

„Lia!“, rief das Mädchen neben mir.

„Aurillia ist ihr voller Name“, erklärte Kathia ruhig.

Die Augenbrauen hochgezogen, warf ich Cyrus einen fragenden Blick zu. Sollte Aurillia aus dem Schloss fliehen können, wäre hier eine sehr wahrscheinliche Anlaufstelle. Sie könnte uns finden. Oder zumindest erfahren, dass wir noch lebten …

„Wir sollten herausfinden, was in der Stadt vor sich geht, Nay. Du wirst wissen wollen, wie es Aurillia, Sharifa und Lyssa geht. Auch was mit den Ministern passiert ist, müssen wir in Erfahrung bringen.“ Sein Blick wurde ernst. „Wir müssen in Erfahrung bringen, wer unsere Feinde sind und den feigen Anschlag geplant hat.“

Harold und Kathia warfen sich bereits irritierte Blicke zu. Verlegen gestand ich: „Aus Angst vor Verfolgung hat mein Gemahl euch falsche Namen genannt. Ich bin Naya. Mit vollem Namen Aurelie Nayara Athanasia aus dem Geschlecht der Ignis-Robur. Und das ist Cyrus aus dem Geschlecht des Ora-Fides.“ Man konnte es auch übertreiben, realisierte ich. „Anders gesagt … äh …“ Götter, ich wollte nicht sehen, wie die erwartungsvollen, mittlerweile vertrauten Gesichter in Angst umschlugen.

„Wir sind König und Königin dieses Landes. Nun, wir waren es zumindest. Ich habe den alten König gestürzt, um dem Goldenen Reich denselben Wohlstand zu bringen, wie er schon seit Generationen in den Ostlanden herrscht. Dort sind die Menschen frei und unabhängig. Die Wirtschaft floriert.“ Cyrus atmete tief durch. „Aber die Vampire hier sind faul und degeneriert. Die Menschen leiden Angst und Hunger, weil sie unterdrückt werden. Und jede Änderung führt zu Protesten, weil die Vampire fürchten, sie würden ihren Komfort und Wohlstand verlieren. Für sie sind Menschen wie Tiere …“ Cyrus ergriff über den Tisch hinweg meine Hand. „Wir wollten dies ändern. Weil Sklaverei nicht der richtige Weg ist. Und deshalb wollen sie uns töten.“



Ich seufzte leise, nahm seine Hand und zwang ein schwaches Lächeln auf meine Lippen. „Ja. Wir waren das Königspaar. Ist man das denn noch, wenn das Volk versucht, ihre Königin mitsamt Thronfolger zu ermorden?“ Ich biss mir auf die Lippe, meine andere Hand fand zittrig meinen gewölbten Bauch. Die Verletzung hatte sich geschlossen und das Fieber sich verzogen, aber noch immer verspürte ich starke Schmerzen. Es bräuchte auch nicht viel, einen schwachen Stoß vielleicht, und die Wunde wäre wieder offen.

„Mami, was heißt ermorden?“

„D…da…s heißt … nicht so wichtig, Spatz. Kinder“, Kathia klatschte laut in die Hände, „ab nach draußen, geht spielen, die Erwachsenen müssen reden!“ Die Kinder sprangen von den Bänken und rannten raus auf den Hof. Die Proteste der aufgeschreckten Hühner hörte man bis in die Küche hinein. „Königspaar?“, fragte Kathia mit großen Augen.

Herold stand auf, ging zu einem Schrank und nahm ein paar Gläser sowie eine Flasche mit goldgelber Flüssigkeit heraus. Ein Glas füllte er etwa zwei Fingerbreit und stürzte die zähe Flüssigkeit in einem Zug herunter. Danach füllte er das Glas erneut und sah in die Runde. „Noch jemand, der einen Schnaps braucht?“

Ich schüttelte den Kopf. „Ich war einmal in meinem Leben betrunken und kann mich an keine Sekunde davon erinnern. Das hat ausgereicht.“

„Ein Glas, danke.“ Cyrus wartete, bis Herold ein zweites Glas aufgefüllt hatte, setzte es an seine Lippen und nahm einen kleinen Schluck. Dann wandte er sich wieder dem Bauernpaar zu. „Nay und ich waren zu Besuch im Osten und im Norden. Dort wurden wir eingeschneit. Als wir zurückkehrten, wollten wir uns direkt wieder in die Arbeit stürzen. Doch wir waren zu lange weg. Schon am ersten Tag unserer Rückkehr wurden wir angegriffen. Meine geliebte Nay wäre dabei fast gestorben…“ Er trank einen weiteren, größeren Schluck. „Wir wissen nicht, wer uns nach dem Leben trachtet. Aber wer auch immer es ist, er ist bereit, ein ungeborenes Leben zu nehmen. Er wird also bis zum Äußersten gehen, um seine Ziele zu erreichen.“

Traurig stimmte ich ihm zu. „Wir werden gehen, um euch nicht weiter in Gefahr zu bringen. Das war nie unsere Absicht. Sagt am besten niemandem, dass wir hier waren. Außer … Leonard sollte Aurillia mitbringen. Vielleicht ist sie entkommen. Elaboris würde ich zutrauen, die Gänge im Schloss erkundet zu haben – der Junge ist gewitzt. Er könnte sie herausgebracht haben. Aber wie auch immer …“ Ich holte Luft. „Sollte Aurillia entkommen sein, dann wird sie wahrscheinlich hier herkommen. Einen anderen Ort in der Nähe kennt sie meines Wissens nach nicht. Sollte sie also kommen, wäre ich euch sehr verbunden, ihr setzt sie darüber in Kenntnis, dass wir noch leben. Sie macht sich bestimmt Sorgen.“ Wenn nicht sogar Vorwürfe, so wie ich sie kannte.



„Das … Also … Ich …“ Kathia stockte. „Ich finde keine Worte. Ihr beiden wirkt so völlig normal. Ich hätte nie gedacht, dass …“

Herold lachte. „Nun, zumindest wissen wir, jetzt, dass das Königspaar was taugt.“

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