Ein kleiner Gefallen

»Schnappt ihn euch!«, war nicht die Begrüßung, die Vincent sich von Uturok erhofft hatte. Aber was hatte er erwartet? Er konzentrierte sich einen Moment. Er wollte die Täuschungsdämonen erspüren, die hier im Stadion reichlich verteilt waren. Genau wie bei den Regrettern waren es nicht seine Untertanen. Darauf kam es nicht an. Er schloss seine Augen und spannte sich kurz an. Mit Gewalt entzog er ihnen ihre Kraft. Auf dem Spielfeld und in den unteren Rängen im nahen Umkreis zerfielen Dutzende der körperlichen Hüllen zu Staub. Ein roter Ball aus purer Energie hatte sich um seine Hand gebildet. Als er seine Lider wieder öffnete, lächelte er seinen stierköpfigen Gegenspieler an.
»Ups … Keiner mehr da, um mich zu schnappen. Aber eigentlich wollte ich auch nur mit dir reden.«
Die restlichen Menschen um sie herum versuchten zu fliehen. Es war, als hätte man einen Stein in die Mitte eines Sees geworfen. Wellenartig drängelten, schubsten, schlugen und trampelten sie übereinander. Sie wussten, wann es Zeit wurde, besser zu verschwinden. Natürlich konnte niemand von ihnen »sterben«. Sie waren bereits tot und fristeten hier ein Dasein in ewiger Qual. Egal, was man mit ihnen anstellte – ob man sie verbrannte, ertränkte, erschoss oder zerquetschte –, ihre körperlichen Hüllen setzten sich immer wieder zusammen. Und da sie kein organisches Gehirn mehr hatten, konnten sie nicht verrückt werden. So konnten sie ihrem »Leben« nicht geistig entfliehen. Es war ein perfides System, das sein oberster Dienstherr hier unten eingerichtet hatte.
»Wie kommst du darauf, dass ich meine untersten Diener meinte?«, fragte Uturok lauernd und trat einen Schritt näher heran. »Im Gegensatz zu dir bin ich nicht so unvorsichtig und spaziere allein durch die Reiche meiner Feinde.«
Inzwischen konnte er den Schwefel und Schweiß riechen, die der halbmenschliche, halbtierische Körper verströmte. Tatsächlich war er beinahe so kräftig wie Vincent. Die brutzelnde Energie in seiner Hand konnte dem Stiermann nicht ernsthaft gefährlich werden. Falls dieser mächtige Untertanen in der Nähe hatte, würde es eng. Aber vermutlich bluffte er nur.
»Ich bin nicht hier, um einen Streit anzufangen«, versuchte Vincent es im geschäftsmäßigen Ton und ließ den Energieball verpuffen.
»Du hast mich zuerst angegriffen.« Uturok verschränkte seine Arme und starrte ihn wütend an.
»Streng genommen …« Nochmals hielt er inne. Nein, es brachte nichts, darauf hinzuweisen, wer hier wie angefangen hatte. Er atmete tief durch. »Okay, wenn du meinst, dann ist es so. Was soll’s. Wir haben ein Problem, das größer ist als das hier, und ich brauche deine Hilfe.«
Jetzt war es raus. Wie würde Uturok reagieren? Ließe er sich auf ein Gespräch ein oder würde er das Eingeständnis als Schwäche auslegen? Ein Grollen brachte die Luft zum Vibrieren. Tauchten gleich am Stadionrand mächtige Höllenwärter auf, um ihn anzugreifen? Der Stiermensch vor ihm begann zu zittern.
Dann brach es aus ihm heraus: »Wua-ha-ha-ieh-hi-hi-a-ha-ha-ha.« Das Grollen des Dämons entlud sich in einer Lachsalve. Er schüttelte und bog sich. Erst Sekunden später stützte sich der Stiermann an der Bande ab. Er wischte sich die Tränen aus den Rinderaugen und meinte: »Oh, Mann, dass ich das noch erleben darf. Der mächtige Vincent Crowley bittet um Hilfe.«
»Äh … nicht ganz«, korrigierte er ihn. »Ich sagte, ›wir‹ haben ein Problem.«
»Du und ich zusammen. Ja, ist klar. Und das wäre?«
»Nicht nur wir beide. Alle hier. Ein Mensch, eine Frau, hat es geschafft, einen Durchgang aus der Oberwelt zu den Regrettern zu öffnen. Sie hat die Energie von mehreren Täuschungsdämonen abgezogen.«
Das mit den mindestens zwei Seelen, die sie eingefangen hatte, und der Zerstörung der persönlichen Höllenebene ließ er lieber unter den Tisch fallen. Sonst käme Uturok noch auf die Idee, ihn beim Chef anzuschwärzen.
»Eine Sterbliche? Also muss man ihr eine Lektion erteilen. Aber warum kommst du damit zu mir? Du bist doch der große Vincent Crowley, oberster Bürokrat, Herr einer Armee unsterblicher Beamter. Wenn du das nicht kannst – wer kann es dann?«
»Zunächst einmal habe ich keine Idee, wie ich sie finden kann. Schließlich hat sie keinen von uns gerufen. Und falls doch, weiß ich nicht, wie mächtig ihre Maschine ist. Eventuell saugt sie einfach alles an Energie auf, was wir auf sie werfen.« Er hob mahnend den Finger und lief im Kreis. »Nein, es braucht dafür List und Tücke. Einen Vertrag, den wir anbieten können, wenn wir sie das nächste Mal sehen. Aber keinen der üblichen. Er muss verlockend und gleichzeitig bindend sein. Scheinbar simpel, aber so durchtrieben, dass ihre Seele in kürzester Zeit bei uns landet.« Er hielt inne und sah seinen Erzfeind direkt an: »Betrug und unfaire Spiele sind doch dein Metier. Hast du eine Idee?«
»Garmorra«, antwortete Uturok mit einem Nicken. »Wenn jemand einen Seelenvertrag als Waffe konzipieren kann – dann sie. Aber um es klar zu sagen: Es ist dein Problem, nicht ›unseres‹. Du warst es, den diese Menschfrau über den Tisch gezogen hat und der sie nicht aufhalten konnte, nicht ich. Also sieh zu, dass du es löst, bevor der Chef davon Wind bekommt.«
Die Tatsache, dass sein Gegenspieler nicht direkt verschwand, um ihn zu verpetzen, zeigte etwas anderes. Er sah es durchaus als sein Problem. Warum sonst sollte er ihm ohne Gegenleistung helfen? Oder war es keine Hilfe, sondern eine perfide Falle, in die ihn Uturok lockte? Das würde er selbst herausfinden müssen.
»In Ordnung«, willigte er ein. »Wo finde ich diese Garmorra?«
»Nicht ihn. Sie. Schau dich in den Casinos um. Und grüß sie schön, ich schulde ihr nämlich noch was.« Das Grinsen seines Stierkopfs machte deutlich, dass er sich darauf freute, Vincent dorthin zu schicken.
Die Casinos. Na, super. Das war einer der wenigen Höllenkreise, in denen die Dämonen nicht nur Menschen, sondern sich gegenseitig ausstachen.
⌁⋅⌁
Er stand vor einer verbeulten, mit Graffiti beschmierten Tür, die in einer schwarzen Felswand eingelassen war. Hinter ihm erstreckte sich eine endlose schwarzpolierte Ebene. Sie vereinigte sich in der Ferne mit einem Himmel gleicher Farbe. Wer hier ankam, dem wurde damit deutlich zu verstehen gegeben, wohin er oder sie sich zu wenden hatte. Es gab keine Klinke. Nur eine geschlossene Klappe auf Brusthöhe.
Genervt hämmerte er mit der Faust gegen das Eisen: »Aufmachen!«
Nichts passierte.
Das war ihm zu blöde. Er legte seine Hand auf das Metall, um es zu schmelzen. Verwundert bemerkte er, dass es kalt blieb. Seine Energie schien von dem Blech einfach verschluckt zu werden.
»Hier ist Vincent Crowley. Mach auf, oder von der Wand ist gleich nicht mehr viel übrig!«, rief er.
Schabend wurde die Klappe zur Seite geschoben. Zwei strahlendgrüne Iriden erschienen. »Wie heißt das Zauberwort?«, schnarrte eine Stimme.
»Fick dich.« Er beugte sich runter und schaute dem Türsteher direkt in die Augen. »Und jetzt mach hin. Ich bin nicht in der Stimmung für Spielchen.«
»Ich bin nicht in der Stimmung für Spielchen«, äffte der andere ihn nach und kicherte. »Warum willst du dann ins Casino, wenn du nicht in der Stimmung für ein Spielchen bist?«
Er rollte mit den Augen. Sollte er den Kerl einer sinnvollen Bestimmung zuführen? Zum Beispiel der eines Aschehaufens? Aber nein, er war hier, um Hilfe zu finden, nicht, um einen Krieg anzufangen. »Ich muss mit Garmorra sprechen. Bitte.«
»Na, geht doch.« Damit schloss sich die Klappe.
Kurz darauf wurden offenbar diverse schwere Riegel und Ketten entfernt. Ganz schön viel Aufwand dafür, dass sie froh sein sollten, wenn neue Seelen hereinkamen. Oder gab es etwas dort draußen, vor dem sie sich schützen mussten? Zumindest würde es nichts geben, vor dem er sich in Acht nehmen musste.
Das Türblatt schwang knarrend auf und verdrängte den Gedanken. Vor ihm stand ein waschechter Kobold, der ihm maximal bis zum Bauchnabel reichte. Wie war er an die Klappe herangekommen? Mit grünem Jackett, grünem Hut, einer goldenen Schnalle, gebogenen Schnabelschuhen und allem Drum und Dran. Nur das zerknautschte Gesicht und die listigen Augen wollten nicht so recht ins Bild passen.
»Was glotzt du denn so?«, blaffte ihn der kleine Türsteher an und streckte seine Brust vor. »Noch nie einen Kobold gesehen oder was?«
»Du weißt schon, wer ich bin?«, gab er zurück.
»Nee, kann ja nicht jeden Rumtreiber kennen, der an die Hintertür klopft.«
Sollte er den Kleinen vielleicht doch noch …? Aber nein, er kannte sich hier nicht aus und hatte es eilig. Er schaute sich um. Vor ihm erstreckte sich ein schmuckloser Betonkorridor. Der endete zehn Schritte weiter an einer grauen Feuerschutztür. Dumpf drangen Stimmengewirr, Lachen und Klackern von Roulettekugeln durch den Gang.
»Wo kann ich Garmorra finden?«, fragte er.
Ein bösartiges Grinsen erschien auf den Lippen des Kobolds und ließ messerscharfe Zähne aufblitzen. »Ernsthaft? Du willst freiwillig zu ihr? Halte dich lieber an die regulären Spieltische.«
Es reichte ihm. Er packte den Winzling am Kragen und hob ihn mit einer Hand auf seine Augenhöhe hoch. Langsam entzog er ihm ausreichend Energie, um ihn spüren zu lassen, mit wem er es zu tun hatte. Normalerweise hatten die niederen Dämonen ein Gespür für so etwas, ohne dass er explizit werden musste. Schweißtropfen bildeten sich auf der faltigen Stirn des Kobolds.
»Hey, hey, schon gut«, lenkte er ein, »geh zum Blackjack-Tisch am Ende der Halle. Kurz vor den Toiletten. Ist nicht zu verfehlen. Einfach dem Gestank folgen. Sobald du ein Spiel mit 21,5 Punkten machst, wird man dich zu ihr bringen.«
»Was soll der Blödsinn?« Er kniff seine Lider zusammen und verstärkte den Energiefluss. »Das ist ein Kartenspiel, bei dem die Augen gezählt werden. Halbe Punkte gibt es nicht. Außerdem wäre das über 21. Damit hätte ich verloren.« Der Kleine schien ihn weiterhin verarschen zu wollen.
»Nuuun … das kommt ganz auf das Kartendeck an, mit dem du spielst …«
»Lass mich raten, du hast eins im Angebot?«
»Ja, aber wenn ich hier gleich zu Staub zerfalle, ist davon nichts mehr übrig.«
Widerwillig stellte er den Kobold auf dem Boden ab und ließ ihm seine Restenergie. »Also?« Er streckte die Hand aus.
»Was also? Ich hab nichts zu verschenken«, gab der Kleine dreist zurück und war wieder in alter Form.
»Ich …« Er schloss seine Augen und atmete tief durch. »Was willst du?«
»Och, nichts Großes: Ich schenke dir das Kartenset. Dafür schuldest du mir einen Gefallen.«
»Und welchen?«
»Das überlege ich mir später.«
Alles in ihm schrie danach, den dreisten Türsteher in eine Staubwolke zu verwandeln und weiterzugehen. Diese Art von Geschäften schlossen seine Kollegen und er mit arglosen Menschen. »Nur ein kleiner Gefallen.« Wie oft hatte er diese Worte genutzt, als er noch aktiv in der Oberwelt im Dienst war? Zu oft. Und alle, die einen Deal mit ihm abgeschlossen hatten, hatten es am Ende bereut. Aber später wiederzukommen, war keine Option. Der Kerl wäre garantiert von hier verschwunden.
»In Ordnung. Ich nehme es – als Geschenk ohne Bedingungen. Wenn du irgendwann zu mir kommst, werde ich mich wohlwollend daran erinnern. Außerdem lasse ich dir deine Energie.«
Einen Moment schien der Kobold etwas einwenden zu wollen. Am Ende rollte er mit den Augen. Er griff sich ins grüne Jackett und holte ein eingeschweißtes Kartendeck heraus. »Hier. Bestell dem Croupier einen schönen Gruß von mir. Er schuldet mir noch einen Gefallen.«
Mit einem Zwinkern übergab der Kleine es ihm und tippte sich an die Hutkante. Er verschwand mit einem vernehmlichen »Plopp«. Zurück blieb nichts als ein leichter Schwefelgeruch.



































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