Garmorra

Wer, bitte, bringt sein eigenes Kartendeck an den Blackjack-Tisch eines Casinos? Vincent ließ das eingeschweißte Päckchen in eine Manteltasche gleiten und näherte sich der Feuerschutztür. Das Murmeln, Lachen und Weinen wurde deutlicher. In dem Raum musste ordentlich was los sein. Ohne zu zögern, öffnete er schwungvoll die Tür und trat ein.
Vor ihm breitete sich ein schmuckloser Saal mit Dutzenden Tischen und Hunderten Leibern aus. Die Menschen wurden von den einzelnen Spielen angezogen wie Fliegen von der Scheiße. Eine lauwarme Mischung aus Schweiß, abgestandener Luft und Schwefel stieg ihm in die Nase. Ähnlich wie in Uturoks Stadion mischten sich Helfer-Dämonen unter die Menschen. Sie wollten ihnen eine möglichst schlechte Zeit bereiten. Spielsüchtige waren natürliche Opfer für seine Kollegen, die in der Oberwelt neue Seelen rekrutierten. Diese Casino-Hallen mussten sich kilometerweit erstrecken, um die Kundschaft der Neuzeit unterzubringen. Hoffentlich befand sich der beschriebene Tisch neben dem WC nicht auf der anderen Seite dieser Hölle.
Er hielt einen schlaksigen Mann mit strähnigen blonden Haaren fest. Dieser drängelte sich irre grinsend mit einem Stapel Dollarscheine in der Hand an ihm vorbei: »Hey, wo finde ich die Toilette?«
Der Spieler hielt einen Moment inne und schaute ihn schweigend mit großen Augen an. Ein Zittern zeigte sich auf seinen Lippen, dann brach er in irres Gelächter aus. Nur, um ein paar Sekunden später den Mund zuzuklappen und ihn anzustarren.
»Ist eine einfache Frage, oder?«, versuchte er es nochmals. »Wo – ist – die – Toilette? Verstehst du mich? WC? Rest Rooms? Les toilettes?«
Die Mundwinkel des anderen zuckten erneut. Plötzlich steckte er sich seine Faust in den Mund und meinte erstickt: »Musst du nich‘. Nie wieda. Keen Essen. Keen Pissen. Nur spiele‘, spiele‘, spiele‘. Gell?« Damit wendete sich der Schlaksige ab und ging zum nächsten Tisch. Dort drehte eine Roulettekugel klackernd ihre Runden.
War ja klar, dass der Kobold ihn verarschen würde. Nur weil hier niemand ein dringendes Bedürfnis hatte – genauso wenig wie er selbst –, bedeutete das nicht, dass es keine Toiletten gab. Die könnte sein hiesiger Kollege platziert haben. Rein aus Gehässigkeit. Wonach er suchte, war jedenfalls eine Tür in der Wand. Kurzerhand trat er an den Roulettetisch, an dem der komische Kerl Platz genommen hatte. Den Protest von Spielern und Croupier ignorierend sprang er mit einem Satz auf den grünen Filz, um sich einen Überblick zu verschaffen. Im nebligen Dunst waren die entfernten Wände zwischen den Pfeilern kaum zu erkennen. Die Pfeiler trugen die Decke. Also war Fußarbeit angesagt. Grummelnd schubste er ein paar der lästigen Menschenseelen weg und machte sich auf den Weg.
Zügig lief er die Wände ab. Menschen, die das Pech hatten, im Weg herumzustehen, fegte er beiseite. Die niederen Dämonen wussten sich zu benehmen und behelligten ihn nicht. War Garmorra die hiesige Herrscherin dieser Hölle? Warum zeigte sie sich nicht? Vermutlich spielte sie ihr eigenes Spiel und genoss seine Ratlosigkeit.
Gerade wollte er in den nächsten Bereich abbiegen, da erklangen hinter ihm Schreie. Er hielt inne und sah sich um. Gab es ein Begrüßungskomitee? Nein. In der Mitte des ausladenden Raumes gab es einen Tumult. Spieler standen auf, reckten ihre Köpfe und deuteten mit ausgestrecktem Zeigefinger auf die Decke. Aus der Entfernung war nichts zu erkennen, und es konnte ihm egal sein. Am Ende siegte seine Neugier. Langsam bewegte er sich in Richtung des Geschreis und hielt Ausschau. Er konnte aber weiterhin nicht ausmachen, was es dort Besonderes gab.
In diesem Moment schien eine kleine Bombe in die Masse der Spieler einzuschlagen. Schreiend und rufend stoben sie auseinander. War etwas herabgefallen? Eine Riesenspinne? Interessiert trat er näher und reckte seinen Kopf. Jedoch hielt er sich im Hintergrund. Erneut erklangen Schreie. Menschen und Dämonen sprangen keine zehn Meter von ihm entfernt zur Seite und bildeten eine Schneise. Diese zog sich innerhalb von Sekunden in Richtung Wand. Das Geschrei verklang und wurde durch leises Gemurmel ersetzt. Scheinbar waren sich die Umstehenden unschlüssig. Würde etwas Spannendes passieren, oder sollten sie besser zu ihren Tischen zurückkehren? Seine Neugier war jedenfalls geweckt, und er bewegte sich langsam zu der Stelle an der Wand. Dort bildeten die Menschen immer noch einen Halbkreis.
Eine Hand legte sich auf seine Schulter und hielt ihn zurück. Wer wagte es …? Als er sich umdrehte, sah er das Gesicht des Schlaksigen. Dieser blickte ihn ernst an und schüttelte den Kopf. »Lass ma ’ lieber.«
»Wieso? Was ist los?«
»Das war so ’n kleenes Rattenbiest, des da durchgeflutscht ist.«
Eine Ratte, die hier ein außergewöhnliches Ereignis war? Genau wie damals, als sein bester Lakai aufgesogen wurde? An solche Zufälle glaubte er nicht. »Im Gegenteil«, antwortete er daher, »wenn es das ist, was ich vermute, muss ich da dringend hin.«
»Nee, halt dich ma ’ bessa zurück, ne?« Er deutete mit dem Daumen zur Seite.
Vincent drehte den Kopf und musste schlucken. Durch die Menge stapfte eine Frau in der weinroten Uniform eines Croupiers. Was sie besonders machte, war nicht nur ihre Masse. Sie überragte die Menschen locker um zwei Haupteslängen und dürfte das Fünffache eines Durchschnittsmannes auf die Waage bringen. Aber seltsame Gestalten gab es in der Hölle zuhauf. Dämonen mit einer energetischen Ausstrahlung, die es mit Uturok und ihm aufnehmen konnten, äußerst selten. Diese Dämonin war ihm unbekannt. Obwohl sie ihn mit Sicherheit ebenso glasklar wahrnehmen musste, wie er sie, würdigte sie ihn keines Blickes. Gemächlich wie ein Ozeandampfer schob sie sich durch die zurückweichende Menge und trat vor die Wand. Für ihre Masse verblüffend geschickt ging sie auf die Knie. Vermutlich wollte sie in den Spalt schauen, in dem die Ratte verschwunden sein dürfte.
Sollte er sie warnen? Falls es das gleiche sprechende Haustier der irren Wissenschaftlerin war, würde das für die Dämonin nicht gut ausgehen. Und für den Rest dieser Hölle auch nicht. Danach zu urteilen, was an der Tankstelle geschehen war.
»Hey!«, versuchte er mit einem Ruf die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Der Schlaksige zog an seinem Ärmel, aber er ignorierte es. »Hallo, die Dame? Das würde ich nicht tun. Das Biest da drinnen …«
Mit einem Schnaufen richtete die Dämonin sich auf und drehte sich in seine Richtung. Gut, dass er sie gewarnt hatte, ansonsten … Sein Gedanke wurde von dem protestierenden Quieken einer Ratte unterbrochen. Die Frau hielt den Schwanz des Tiers zwischen Daumen und Zeigefinger und ließ es demonstrativ vor ihrer Brust baumeln. Ein höhnisches Grinsen zog sich über ihre weinroten Lippen und entblößte vampirartige Fänge.
»Ja?«, fragte sie grollend und fixierte ihn mit ihrem Blick. »Gibt es etwas, das du mir zu diesem possierlichen Tierchen sagen möchtest?«
Ob diese Ratte mit dem Schemen an der Tankstelle zu tun hatte, war schwer zu beantworten. Trotzdem meinte er: »Das ist meine. Würdest du sie mir bitte geben?«
»Komisch. Ich sehe da keinen Zettel, auf dem ein Name steht. Wer bist du überhaupt?«
»Vincent Crowley. Ich nehme an, du hast schon von mir gehört.«
»Wer hat das nicht? Der Buchhalter vom Boss. Und was machst du hier? Glaubst du, dass wir Geld unterschlagen haben?« Ohne seine Antwort abzuwarten, stieß sie ein herzhaftes Lachen aus. Die Umstehenden fielen mit ein.
»Im Ernst«, setzte sie ihre Rede fort, nachdem sie sich wieder beruhigt hatte. Sie näherte sich bis auf zwei Schritte. »Du hast den langen Weg aus der Amtsstube nicht wegen diesem Ungeziefer auf dich genommen. Oder steckt mehr in dem kleinen Tierchen?«
Jetzt ließ sie die Ratte direkt vor seiner Nase baumeln. Inzwischen war er überzeugt, dass es kein normales Tier war. Nicht zuletzt, weil sie ihm zuzwinkerte und mit dem Gezappel aufgehört hatte.
»Ob du es glaubst oder nicht. Aber er ist eine Art Maskottchen für mich.«
»Er?« Sie hob sie vor ihr Gesicht und kniff ihre Augen zusammen. »Stimmt. Er. Was ist er dir wert? Für mich sieht er nach einem leckeren Appetithäppchen aus.«
»Können wir das an einem ruhigeren Ort besprechen?« Ob er wollte oder nicht, für den Moment musste er mit ihr ins Gespräch kommen. Energetisch war sie ihm unterlegen – so wie alle Dämonen. Aber er wollte nicht das Risiko eingehen, dass sie der Ratte sprichwörtlich den Kopf abbiss, bevor er ihr seinen Willen aufzwingen konnte.
»Klar. Kommt mit.« Daraufhin wendete sie und schritt gemächlich den gleichen Weg quer durch den Spielsaal zurück, den sie gekommen war.
Erneut teilte sich die Menge wie bei Jesus das Wasser. Er ging ihr hinterher und bemerkte die neugierigen Blicke und das Getuschel, das ihm folgte. Ein paar Minuten später wurde sein Verdacht bestätigt: Sie näherten sich einer der Seitenwände. Über einer halb aus den Angeln gerissenen Tür hing ein eindeutiges »WC«-Schild. Der beißend-faulige Gestank war unverkennbar. Vor der Wand stand ein Blackjack-Tisch mit einer einsamen Croupière, die auf sie wartete. Keine Dämonin, sondern eine einfache Menschenseele. Damit war klar, dass es sich bei der hünenhaften Gestalt vor ihm um Garmorra handeln musste. Aber warum hatte sie sich nicht ein angenehmeres Ambiente ausgesucht? Oder diente die ganze Show nur dazu, ihre »Gäste« zu beeindrucken?
Am Tisch angekommen, stopfte die Dämonin die Ratte in ein größeres Cocktailglas, das sie unterwegs mitgenommen hatte. Sie setzte es umgedreht auf den grünen Filz der Spielfläche. Zur Sicherheit beschwerte sie es mit einem schweren, in Leder gebundenen Buch. Dem Titel nach war es »nutzlos«. Das Tier konnte sich gerade so aufrichten und schien quiekend zu protestieren. Aber die Glaswand durchdrang kein Laut.
»Setz dich.« Sie deutete auf einen abgewetzten, mit rotem Stoff bespannten Stuhl und setzte sich auf ein deutlich größeres Exemplar, das bedenklich knirschte. »Was ist dir dein … Maskottchen … wert?«
Er starrte die Ratte an. Sie hatte die Hände in die Hüften gestemmt und starrte zurück. Wenn er noch einen weiteren Beweis gebraucht hätte, dass es sich um ein besonderes Tier handelte – hier war er. Aber hatte es etwas mit der verrückten Wissenschaftlerin zu tun, oder war die Rattenform ihres Schusses Zufall gewesen? Nein, solche Zufälle gab es nicht. Das Biest war ihm gefolgt. Warum? Um ihn anzugreifen? Sollte er es Garmorra überlassen? Besser nicht, vielleicht hatte es wirklich ungewöhnliche Kräfte. Also musste eine andere Strategie her.
»Sie gehört mir bereits«, antwortete er. »Das sagte ich schon. Aber ich schenke sie dir.«
Die Dämonin kniff ihre Augen zusammen und musterte ihn. »Niemand verschenkt hier was. Außerdem bist du nicht in der Position, sie zu verschenken.«
»In Ordnung. Klären wir das später. Ich bin aus einem anderen Grund hier«, antwortete er, um das Gespräch in die richtige Richtung zu lenken.
Bevor die Dämonin antworten konnte, knallte die Croupière einen Kartenstapel auf den Tisch und sagte mit heiserer Stimme: »Möchten die Dame und der Herr ein Spiel machen?«
»Halt den Rand, wir spielen nicht«, wies er sie zurecht und wendete sich wieder an Garmorra: »Ich soll dich von Uturok schön grüßen.«
Sie lächelte ihn an und ließ erneut ihre Zähne aufblitzen. »Ist das so? Ich denke, wir sollten tatsächlich ein Spiel wagen. Der Gewinner bekommt die Ratte. Einverstanden?«
»Mir geht es um was anderes«, antwortete er, um sich nicht auf ihr Geplänkel einzulassen. »Wir haben ein Problem. Nicht nur wir beide. Wir alle hier. Daher hat Uturok mich zu dir geschickt. Er meinte, du könntest helfen. Bei den Regrettern ist eine Sterbliche aus der Oberwelt mit einem Portal aufgetaucht. Sie hat Seelen ausgelöscht, die Energie von niederen Dämonen absorbiert und damit am Ende den Höllenkreis zerstört. Ich habe keine Ahnung, was das für Konsequenzen hat, aber wir müssen sie dringend aufhalten.«
Die Dämonin warf einen Blick zur Croupière und sagte nur: »Wir spielen. Wenn du gewinnst, helfe ich dir – und bekommst die Ratte. Falls nicht, schuldest du Garmorra einen Gefallen.«
Er knirschte mit den Zähnen. Was für ein arrogantes Biest! Am liebsten hätte er sie auf der Stelle verpuffen lassen.
»Hast du mich nicht verstanden?«, presste er hervor. »Es geht nicht um mich, sondern um uns alle!«
»Habe ich«, antwortete sie emotionslos. »Willst du Garmorras Hilfe oder nicht?«
»In Ordnung. Darum bin ich hier. Aber wir nehmen meine Karten.« Er legte das eingeschweißte Kartendeck auf den Tisch, das der Kobold ihm überlassen hatte. Ob das eine gute Idee war, wusste er nicht. Hier wollte ihn sowieso jeder abziehen, da spielte das auch keine Rolle mehr. Er musste vorankommen, und seine einzigen Spuren waren Garmorra – und die Ratte.
Die hünenhafte Dämonin regte sich nicht und wirkte wie eingefroren. Die Croupière nahm das neue Deck in die Hand, entpackte es und mischte es mit flinken Fingern. Als sie fertig war, legte sie die erste Runde Blackjack-Karten auf den Tisch. Die alte Frau hob ihren Blick und lächelte ihn direkt an.
»Willkommen an meinem Tisch. Damit sind wir im Geschäft. Glaubst du wirklich, gegen Garmorra gewinnen zu können?«
































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