Wer im Glashaus sitzt …

Durch das gewölbte Glas konnte Willy gut erkennen, wie die Croupière begann, die Karten zu mischen. Die Unterhaltung drang nur stark gedämpft zu ihm durch. Dank seines Rattengehörs verstand er jedoch die meisten Worte. Er musste sich nur darauf konzentrieren.

»Was geht dich das an, Menschenfrau?«, fragte Vincent in diesem Moment.

»Du hast gerade zugestimmt, ein Spiel mit mir zu machen.«

Das folgende Schweigen sprach Bände. Willy hätte beinahe laut losgelacht. Da hatten die Dämonin und die Kartengeberin den Höllenfürsten ordentlich reingelegt. Die Dämonin hatte ihren Namen nie erwähnt. Bei der Kartengeberin handelte es sich offensichtlich um Garmorra.

»DU WAGST ES, MICH ZU BETRÜGEN?«, brüllte Vincent mit einer Donnerstimme. Der gesamte Tisch vibrierte.

Die Frau mischte weiter in Seelenruhe die Karten. Sie antwortete: »Niemand hat dich betrogen. Dir wurden die Bedingungen des Spiels genannt, und du hast sie akzeptiert.«

»Ich …« Er schien nach Worten zu suchen. »Du bist die Kartengeberin. Die Bank. Beim Glücksspiel kann man auf Dauer nicht gegen die Bank gewinnen. Das sind keine fairen Konditionen.«

»Du hast dein eigenes Kartenspiel mitgebracht. Vermutlich, um deine Chancen zu erhöhen. Nennst du das fair? Außerdem spielen wir nur eine Runde. Es geht rein ums Gewinnen oder Verlieren.«

Er zögerte. »Ich verstehe. Trotzdem hast du als Bank einen unfairen Vorteil. In diesem Fall bestehe ich darauf, dass meine Chancen erhöht werden. Ich gewinne auch bei 22 Punkten.«

Willy war nicht klar, was Vincent damit erreichen wollte. Das war ein Punkt mehr als regulär. Aber ob das den großen Unterschied machen würde? Es würde nur eine Runde gespielt werden. Daher waren die Chancen sowieso nahezu fünfzig-fünfzig mit leichten Vorteilen bei der Bank.

Die drängendere Frage war, wie er selbst hier wegkäme. Er ignorierte das weitere Geplänkel der beiden. Testweise drückte er von unten gegen die gläserne Decke über sich. Das in Leder gebundene Buch war eindeutig zu schwer für ihn. Er konnte es nicht anheben. Er stemmte sich mit den Füßen in den grünen Filz. Dann versuchte er, das Glas zu schieben. Ja! Es bewegte sich und ließ sich verschieben. Nochmals legte er sich ins Zeug. Stöhnend und schnaufend schob er es in Richtung der wenige Zentimeter entfernten Tischkante. Dort blieb er hängen. Mist. Wie jeder Spieltisch im Casino gab es eine Kante. Sie verhinderte, dass Spielchips oder Karten versehentlich hinabfallen konnten. Im Hintergrund hörte er Vincent. Er schimpfte erneut über etwas und sprach von Betrug.



Frustriert warf er sich mit seinem Körper gegen die Seitenwand. Hart und massiv wie Beton. Das war zwecklos. Oder? Hatte sich in seinen Augenwinkeln nicht etwas bewegt? Nochmals warf er sein volles Gewicht gegen die Wand. Das Lederbuch! Es war ins Wanken gekommen. Vielleicht lag es nicht mittig auf seinem Gefängnis. Oder es hatte sich von seiner vorherigen Aktion verschoben. Dann bräuchte es nur einen kleinen Schubs …

»VERFLUCHTE KACKE!«, unterbrach Vincents Ausruf seine Gedanken.

Der Oberdämon stieß sich von dem Tisch ab und sprang auf. Ein wabernder Energiestrahl schoss von ihm zur namenlosen Dämonin. Sie warf sich rechtzeitig nach hinten, um ihm auszuweichen. Für ihre Masse war sie erstaunlich flink. Aber vermutlich waren auf Dämonen menschliche Maßstäbe nur begrenzt anwendbar. Sie antwortete in gleicher Manier. Wie in einem Science-Fiction-Film schossen energetische Ladungen durch den Raum. Wer das Pech hatte, im Weg zu stehen, wurde sprichwörtlich zu Asche verbrannt.

Willy hatte keine Ahnung, wie Kämpfe zwischen Dämonen funktionierten. Er wusste auch nicht, wie lange das dauern würde. Aber eine bessere Gelegenheit zur Flucht bekäme er nicht. Mit neuer Energie warf er sich immer wieder gegen die Glaswand. Das – musste – irgendwann – … Ein kräftiger Ruck ging durch den Tisch und brachte ihn zum Torkeln. Auch das Lederbuch wurde ein Stück versetzt. Seine Vorarbeit hatte sich gelohnt. Wie in Zeitlupe kippte es zur Seite und verschwand hinter der Tischkante.

Leider hatte Garmorra es bemerkt. Ihr Arm zuckte nach vorne, um das Buch abzufangen. Willy wartete nicht darauf. Mit einem Aufschrei stemmte er sich gegen die obere Kante des Glases knapp unterhalb der Decke. Er setzte die Kraft einer verzweifelten Ratte ein. Hoffentlich … Ja … Es gab nach! Seine Füße fest im Tisch verkrallt und mit rutschfesten Pfoten brachte er es zum Kippen. Die Menschenfrau reagierte schnell und griff nach dem Gefäß. Nicht schnell genug. Geübt quetschte er sich innerhalb von Sekundenbruchteilen durch den geöffneten Spalt. Seinen Schwanz zog er im letzten Moment hinterher. Gerade noch, bevor die Kante auf den Filz knallte.

Er war draußen.

Zum Durchatmen blieb keine Zeit. Das Cocktailglas flog in der Hand der Frau auf ihn zu. Mit einem kurzen Satz brachte er sich in Sicherheit. Das war keine Dämonin, sondern eine Seele. Genau wie der Texaner an der Tankstelle. Ihn zu berühren hatte ihm damals seine menschliche Sprachfähigkeit zurückgebracht. Na dann … Als das nächste Mal das Glas angeflogen kam, warf er sich erneut zur Seite. Dieses Mal wendete er jedoch und sprang in Richtung ihrer Finger. Mit einem Aufschrei zuckte ihre Hand zurück. Sie ließ den gläsernen Gegenstand fallen. Er landete auf dem Filz, ohne sie zu berühren. Klirrend und splitternd zerbarst das Gefäß auf dem Boden.



Das Brutzeln der Energieentladungen verklang. Die beiden Kämpfenden hielten in ihrer jeweiligen Position inne. Sie wandten sich zu ihm. Jetzt hatte er die volle Aufmerksamkeit der beiden Dämonen. Genau das, was er nicht wollte. Zeit für Nägel mit Köpfen. Er wirbelte herum und sprang mit ganzer Kraft Garmorra vor die Brust.

Während er durch die Luft schoss, schien die Zeit für einen Moment stillzustehen. Hinter ihm schrie Vincent auf. Eine Energieentladung zischte in seine Richtung. Sie raste mit ihm um die Wette. Er war schneller.

Wie beim Texaner schwand die Frau mit einem Plopp, sobald er sie berührte. Er flog einfach weiter. Der Energieblitz schoss knapp über ihn hinweg. Er spürte noch die Hitze. Dann landete er auf allen Vieren auf den kalten Fliesen.

»Schnappt euch die Ratte«, brüllten die beiden Dämonen wie aus einem Mund.

Zum Glück hatten praktisch alle Spieler inzwischen das Weite gesucht. Oder sie versteckten sich hinter Tresen, Tischen und Säulen. Er sprintete los. Aber der Weg zum Ausgang war weit. Gegen die Dämonen konnte er nichts ausrichten. Im Gegenteil: Sie waren deutlich flinker als die Menschen. Dieses Mal würden sie ihm nicht aus dem Weg gehen.

Bereits warf sich der erste mit einem übermenschlich weiten Sprung in seine Richtung. Zwei behaarte Hände mit krallenartigen Fingernägeln verfehlten ihn nur um Zentimeter. Verflucht. Das sah übler aus, als er gedacht hatte. Was jetzt? Auf das Dach! Im Zickzack, über Stühle und Tische, zwischen krumme Beine hindurch kam er an der Wand an. Immer wieder wich er mit beherzten Sprüngen seinen Häschern aus. Schnell huschte er hinauf und unter der Decke entlang. Er war wie Spiderman. Das war deutlich leichter als erwartet. Die Dämonen sprangen in seine Richtung. Aber fliegen konnten sie nicht. Wenige Sekunden später hatte er bereits ein gekipptes Dachfenster gefunden. Er war draußen in der kühlen Nachtluft.

Geschafft! Jetzt nichts wie ab zur Ebene. Er hoffte darauf, dass Evelyn dort wartete. Er rannte in Höchsttempo auf die Dachkante zu. Es waren maximal fünfzig Schritte, etwa ein halbes Fußballfeld. Was für einen Menschen ein kurzer Sprint war, bedeutete für ihn einen ordentlichen Lauf. Seine Anatomie war nicht für diese Art Flucht ausgelegt. Er war schließlich eine Ratte und kein Pferd.



Er hatte bereits einen Gutteil der Strecke hinter sich. Seine Lunge fing an zu brennen. Er fragte sich, ob er seinen Sprint verlangsamen sollte. In diesem Moment explodierte eines der Dachfenster vor ihm. Vincent flog im hohen Bogen heraus. Natürlich hatte der Dämonenfürst andere Fähigkeiten als seine Untergebenen. Weiteres Krachen und Splittern erklangen. Seitlich von ihm sprang die Namenlose durch heraus. Sie riss aufgrund ihres Umfangs direkt ein Stück Dachfläche mit. Dutzende Explosionen folgten. Er hatte das Gefühl, dass aus fast jedem Fenster eine höllische Kreatur emporsprang. Als er sich umschaute, zeichneten sich in der Ferne riesige, fledermausartige Silhouetten vor dem klaren Nachthimmel ab. Sie näherten sich mit kräftigen Flügelschlägen schnell.

Er war umzingelt. Unten im Casino wartete die restliche Dämonenbrut. Hier oben war er schutzlos aus der Luft angreifbar wie ein Hase auf dem Feld. Vielleicht war das Dach nicht die beste Idee gewesen.

Es war die hünenhafte Dämonin, die das Schweigen als Erste brach. Sie wendete sich an Vincent: »Das ist dein angebliches Maskottchen? Ein Seelenfresser in Rattengestalt? Ich denke, du hast auch nicht ganz ehrlich gespielt.«

»Gespielt schon. Außerdem habe ich dir gesagt, dass wir ein gemeinsames Problem haben. Aber du wolltest unbedingt darauf anlegen.«

»Du hättest nicht spielen müssen.«

»Ich brauchte Antworten. Aber die wird uns Garmorra jetzt wohl kaum noch geben können.«

Sehr schön. Während die beiden sich erneut stritten, konnte er ganz in Ruhe …

»Vergiss es, Ratte«, ließ die schneidende Stimme Vincents ihn innehalten. »Du kommst hier nicht weg. Außerdem wollen wir uns nur mit dir unterhalten. Also: Was bist du?«

Gut, im Grunde war er deswegen hierhergekommen. Er antwortete: »Nur ein Bote, der auf der Suche nach dir war. Aber können wir das nicht in … äh … kleinerer Runde besprechen? Ich weiß nicht, wie geschwätzig deine Freunde hier sind. Aber zumindest bei den Menschen würde ich sensible Angelegenheiten nicht in aller Öffentlichkeit diskutieren …«

»Was für eine Angelegenheit soll das bitte sein? Außerdem hast du mir meine Frage nicht beantwortet.«

»Na ja, der Vorfall an der Tankstelle? Du weißt schon … soll ich allen hier erzählen, was dort passiert ist? Nicht, dass ich damit ein Problem hätte …«



»In Ordnung. Zuerst kommst du zu mir. In meine Hand. Danach gehen wir an einen ruhigen Ort.«

»Ich komme mit«, stellte die Dämonin fest. »Oder wir setzen erst mal unsere Diskussion von unten fort. Dann schauen wir danach, wer von uns die Ratte mitnehmen kann.«

Vincent fuhr sich genervt mit der Hand über das Gesicht. »Womit habe ich das verdient? Gut. Ich war sowieso hier, um Antworten und Mitstreiter zu finden. Aber damit das klar ist: Der Stellvertreter vom Boss bin immer noch ich. Das ist meine Ratte. Ich treffe die Entscheidungen. Klar?«

Während die beiden sich erneut in ein aus seiner Sicht sinnloses Wortgefecht verstrickten, fiel ihm etwas auf. Der Horizont zu seiner Rechten flimmerte leicht. Als gäbe es einen Auslass mit heißer Luft, die zu minimalen Verzerrungen führte. Das konnte hier in dieser Dimension alles Mögliche sein. Aber er hatte einen starken Verdacht …

»Ähm … Hallo?«, rief er so laut, wie es mit seiner piepsigen Rattenstimme ging. Er unterbrach das Streitgespräch. »Ich hätte da einen Vorschlag. Ihr beide bleibt hier und schickt einfach eure … äh … Leute weg. So hat keiner einen Vorteil. Und entkommen kann ich euch aus dieser Hölle sowieso nicht.«

Vincent wollte etwas einwerfen. Die Namenlose war schneller: »Einverstanden. Du auch?«, wandte sie sich an ihren Kontrahenten. »Meine Untertanen bleiben in der Nähe, aber außer Hörweite. Wenn die Ratte einfach so die Höllenkreise wechseln könnte, hätte sie es längst getan. Meinst du nicht?«

Er konnte sehen, wie die Wangenknochen des Höllenfürsten mahlten. Aber die Argumentation war schlüssig – wenn man ihre Vorgeschichte nicht kannte.

»Einverstanden«, stimmte der Dämon zu und kam näher zu ihm herüber.

Die Namenlose folgte ihm. Mit einem Wink verscheuchte sie ihre Heerschar von fliegenden, laufenden und krabbelnden Untergebenen. Sie hatten sich im Laufe der letzten Minuten um sie herum versammelt.

Als sie nach einer Weile nur noch zu dritt auf dem Dach standen, atmete er kurz durch. Er besann sich auf das, was er am besten konnte: Leute bequatschen.

»Wenn ich mich erst mal vorstellen darf: Mein Name ist Willy. Deinen Namen, Vincent, kenne ich bereits. Und wer ist die werte Dame? Offensichtlich nicht Garmorra, das habe ich erfahren.«



»Noone«, kam die grummelnde Antwort von der hünenhaften Dämonin.

»Wunderbar. Vincent. Noone. Es ist mir ein Vergnügen, zwei der mächtigsten Herrscher der Höllen persönlich kennenzulernen.« Er nickte ihnen zu und deutete eine Verbeugung an. »Ich bin damit beauftragt worden, Geschäftspartner zu finden. Solche, die uns mit größeren Lieferungen versorgen können.«

Die fragenden Blicke und leeren Gesichter zeigten ihm, dass er wohl deutlicher werden musste: »Seelen. Wir brauchen dringend Nachschub. Und mal ehrlich: Ihr habt mit denen nur Arbeit, oder? Die nehmen wir euch ab. Ganz ohne Bezahlung. Und das Beste ist: Niemand wird es bemerken. Denn was nicht mehr da ist, kann auch niemand vermissen. Das ist eine perfekte Win-Win-Situation für uns alle. Was meint ihr?«

Bis auf den pfeifenden Wind war für den Moment kein Geräusch zu hören. Dann meinte Vincent mit leiser Stimme: »Damit ich das richtig verstehe: Du willst unsere Seelen fressen. Und bietest als Gegenleistung … nichts?«

»Doch. Wir geben euch damit die Freiheit, euch auf höherwertige Themen zu konzentrieren. Auf die wichtigen Dinge im Leben. Ihr könntet euch weiterbilden, mehr Zeit mit der Familie verbringen und hättet mehr Freizeit.«

Jetzt mischte sich auch Noone ein: »Du weißt, mit wem du sprichst, oder? Und wer ist wir?«

»Nun ja, ich und meine Geschäftspartnerin. Aber wenn euch das nicht reicht, dann sagt mir gerne, was wir euch zusätzlich anbieten können.«

»Rattenfleisch?« Ihre nadelspitzen Zähne blitzten auf. Sie trat einen Schritt vor. »Und wo ist sie, deine Geschäftspartnerin? Ist sie so etwas wie eine unsichtbare Freundin?«

»So etwas Ähnliches«, kam Evelyns Stimme von rechts. Sie ließ sie alle drei zusammenzucken, obwohl er damit gerechnet hatte.

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