01 Ein ganz besonderes Dies Siderum

Schon seit den Mittagsstunden bewegten sich schwere, dunkle Gewitterwolken über die Encaster
Peaks hinweg auf das Dorf Kitary zu. Gegen Abend stand das Gewitter dann kurz vor dem Dorf und
als mit lautem Donnerschlag ein Blitz zu Boden ging, standen plötzlich die Dämonen des Alisazza vor
dem Dorf und marschierten in sauberer Formation gegen Kitary. Am Dorfeingang angekommen
fächerte die Formation sich auf: Die Spitze bildeten der Principales und die Hexenmeisterin, die
jungen Soldaten in einer Zweierreihe dahinter, umrahmt vom Halbkreis aus Veteranen. Die
Dorfbewohner hingegen hatten sich in einer Zweierreihe aufgestellt, vor dieser fanden sich der
Bürgermeister Araton, sowie die Hohepriesterin Mariel, welche nervös dem Schauspiel zuschauten,
sich dann zunickten und auf die Dunkle Legion zuschritt, um genau an der Grenze des Dorfes auf ihre
Führung zu treffen. Man tausche formelle Begrüßungen aus und Araton und Mariel luden die Schatten
offiziell und herzlich ein, an ihrer Dies Siderum-Feier teilzunehmen. Nachdem die Legionsführung
diese annahm, bot Araton der Hexenmeisterin den Arm an, während Mariel sich beim Principales
einhakte und sie ihre Gäste so zum Pavillon führten. Und dann begannen die Dorfbewohner, ihre
Gäste abzuholen: Paarweise traten sie vor und jeder von ihnen holte einen Schatten ab, um diesen zum
Tisch zu führen, was selbstverständlich ein wenig dauerte – doch am Ende fand jeder einen Platz und
als alles saß, erhob sich Araton und sorgte mit einer Geste für Ruhe, dann verkündete er: „Seid
Willkommen – willkommen zum diesjährigen Dies Siderum! Doch es ist kein gewöhnliches Dies
Siderum, denn heute begrüßen wir nicht nur die dunkle Jahreszeit, sondern auch ganz herzlich unsere
Gäste: Die Dunkle Legion! Bitte glaubt mir, wenn ich sage, dass es uns eine große Freude ist, euch als
unsere Gäste begrüßen zu dürfen. Danke, dass ihr so zahlreich erschienen seid. Ein großes
Dankeschön geht auch an Mariel und ihre Helfer, die dieses herrliche Buffet hergerichtet haben. Aber
ich will keine weiteren Worte verlieren – das Buffet ist eröffnet! Lasst es euch schmecken!“ Die Engel
standen nach und nach auf, statteten sich mit Tellern und Besteck aus und gingen zum Buffet. Die
Engel gaben sich größte Mühe, sich von ihrer besten Seite zu zeigen und bald saß jeder mit gefülltem
Teller wieder an seinem Platz. In den nächsten Minuten wurde gegessen, wobei man in dieser Zeit nur
wenige, leise geführte Gespräche hörte, die jedoch zumeist im Klappern des Geschirrs untergingen.
Nachdem alle mit dem Essen fertig waren – die Stimmung war auf dem Tiefpunkt angekommen, wenn
auch mit einem Lächeln – stand Araton erneut auf und bat um Aufmerksamkeit, bevor er sich an den
Principales wandte: „Mit Eurer Erlaubnis, Kommandant, würde ich nun den offiziellen Teil der
Veranstaltung für beendet erklären.“ Nachdem dieser nickte, gab Araton seinen Leuten ein Zeichen
und sagte laut: „So sei es!“ Es folgte ein kurzes Zögern, bevor ein erleichtertes „Na endlich!“ der
Zwillinge das Eis zu brechen schien: Die Männer nahmen ihre Bolo-Krawatten von den Hälsen, die
Damen die Haarbänder aus den Zöpfen und mit einem lauten „HURRAY!“ warfen sie alle die Zeichen
des offiziellen Teils in die Luft. Dann fasste jeder mit an, Tische und Stühle an den Rand zu räumen,
um eine große Tanzfläche zu erschaffen. Einige Engel des Dorfes griffen sich ihre Musikinstrumente
und begannen zu spielen – während Araton und Mariel ihre Gäste auf die Tanzfläche führten, um dort
den Tanz zu eröffnen. Bald gesellten sich – nachdem sie sahen, dass auch für sie Instrumente
bereitstanden – die Musiker der Zehnten Legion zu der Band und schon nach kurzer Zeit (niemand
wagte auch nur ein Wort der Kritik an den anfänglichen Disharmonien) hatten sie die Melodie
aufgenommen und die Tanzfläche füllte sich rasch mit lichten und dunklen Engeln, wobei die
Dorfbewohner ihre Gäste einfach mit auf die Tanzfläche nahmen und ihnen wenig Möglichkeit zur
Flucht ließen, doch bald ließen diese sich mitreißen. Derweil nahmen sich die Veteranen des Dorfes
der alten Schatten an – und gingen mit ihnen an der Bar einen heben und begannen, Kriegsgeschichten
mit ihnen auszutauschen. Insgesamt war die Stimmung nun recht ausgelassen und heimlich, still, leise
woben sie alle zusammen einen Zauber – denn waren die Dämonen bisher nur schattenhafte
Beobachter der Feste ihrer lichten Brüder und Schwestern gewesen, so waren sie nun mittendrin, ein
Teil von ihnen. Gerade den Jungengeln der Schatten schien dies gut zu tun, zu nah waren ihnen noch
die Feste, an denen sie als Engel der 9. Legion teilnahmen. Araton, Mariel, die Hexenmeisterin und
der Principales hingegen saßen als Beobachter am Rand und sie alle schienen insgesamt recht
zufrieden zu sein.
Als der Abend voranschritt, wurde die Musik langsam ruhiger und es ging zum gemütlichen Teil über:
Die Jungengel tauschten Streichideen aus, während die Erwachsenen sich eher mit Spielen
vergnügten, bis man schließlich um Mitternacht die Lichter löschte und gemeinsam die Sterne
beobachtete. Manche standen Hand in Hand, andere hatten sich eingehakt – und ein außenstehender
hätte in diesem Moment sicherlich nicht unterscheiden können, wer nun ein Dorfbewohner und wer
ein Dämon war. Dann, mit einem schrillen Pfeifen, begann ein atemberaubendes Feuerwerk als
Höhepunkt und Abschluss des Abends.
Wehmut breitete sich unter den Engeln aus, als ihnen bewusst wurde, dass nun der Abend einen
Abschluss gefunden hatte und mit gemischten Gefühlen nahmen sie voneinander Abschied. Doch der
Zauber des Abends schlug erneut zu und so sprachen einzelne Dorfbewohner spontane Einladungen
aus, doch geschah dies von so vielen, dass man hätte glauben können, dass es so geplant gewesen
wäre, bis Araton beide Hände hob: „Ihr habt einzeln, jeder von euch eine Entscheidung getroffen –
doch in so großer Zahl, dass ich nur sagen kann: Brüder und Schwestern der Zehnten Legion, ihr seid
jederzeit in diesem Dorf willkommen!“ Der aufbrausende Applaus und Jubel zeigte ihm die
Zustimmung seines Dorfes.
Nachdem noch gemeinsam aufgeräumt worden war und man sich für den Abend endgültig
verabschiedet hatte, standen nur noch Araton und der Principales zusammen. „Araton…“, setzte der
Principales an, doch Araton schüttelte nur lächelnd den Kopf, bevor er meinte: „Ihr braucht nichts
sagen – außer vielleicht ‚Bis zum nächsten Mal.‘“ Damit streckte er dem Anführer der Schatten die
Hand entgegen. Dieser ergriff sie und nach einem kurzen aber kräftigen Händedruck verschwand der
Herr der Dämonen in den Schatten.
































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