06 Inias Schreibstube

Inias war mitten in einer Akte, als sich der Raum veränderte.
Kein Alarm.
Kein Bote.
Keine Ankündigung.
Nur ein Windhauch, der die Kerze flackern ließ und dieses leise, kaum greifbare Gefühl, dass jemand da war, der nicht hätte da sein sollen – und doch immer durfte. Irritiert blickt Inias auf und lässt seinen Blick durch den Raum gleiten – sein Blick bleibt an der Person, die am offenen Fenster steht, hängen.

“Guten Abend, Inias”, erklingt eine ihm wohlbekannte Stimme und die Person streift die Kapuze ihres dunklen Umhangs zurück. Es ist tatsächlich Liriel oder besser gesagt Lilith. Im Schein des Mondes, der durch das Fenster scheint, scheinen die Runen in ihrem Gesicht zu schimmern. Sie mit diesen Runen zu sehen ist ungewohnt, doch sie stehen ihr.

“Guten Abend … Wie darf ich dich nun eigentlich nennen?”, fragte Inias nach einem Moment. Nicht scharf. Nicht vorwurfsvoll. Ehrlich.
Sie lächelte schwach.

„Lilith“, sagte sie. Dann, nach einem Atemzug:
„Aber Liriel ist nicht fort. Sie ist… integriert. Ich brauche sie noch.“
Er nickte. Kein Kommentar. Das war mehr Respekt, als viele Worte es gewesen wären.

Sie trat näher, blieb aber stehen, als spürte sie eine unsichtbare Grenze.
„Ich bin nicht als Vertreterin der Neunten hier, das Amt habe ich wieder an Gabriel abgetreten“, sagte sie. „Und auch nicht als… das, was man aus mir gemacht hat.“
Ihre Augen ruhten auf ihm. „Ich bin hier, weil ich wissen wollte, wie es dir geht. Wirklich.“
Inias antwortete nicht sofort.
Dann: „Ich funktioniere.“

Liliths Blick wurde wärmer – und schärfer.
„Das ist keine Antwort.“
Ein leises Ausatmen.
„Dann…“ Er suchte nach Worten, die ihm sonst nie fehlten. „Dann ist es schwierig.“
Sie setzte sich nicht. Sie blieb stehen. Wachsam, präsent.

„Und die Zusammenarbeit?“ fragte sie sanft. „Mit Anidiras.“
Der Name fiel ohne Zögern über ihre Lippen. Absichtlich.
Inias’ Kiefer spannte sich kaum merklich.
„Professionell. Respektvoll. Effizient.“
Ein bitterer Hauch. „Er ist gut in dem, was er tut.“
„Aber?“
Er sah ihr direkt in die Augen.
„Er ist nicht mehr der, den ich verloren habe.“
Eine Pause. „Und das ist… richtig. Und unerträglich zugleich.“

Lilith nickte langsam.




„Ich weiß“, sagte sie leise. „Ich kenne dieses Gefühl.“
Er sah überrascht auf.
„Ich habe nicht alle Schritte unseres Sohnes miterlebt“, fuhr sie fort. „Nicht seine Entscheidungen. Nicht seine Kämpfe. Nicht die Nächte, in denen er gelernt hat zu überleben.“
Ihre Stimme blieb ruhig, doch etwas darin vibrierte.
„Auch ich habe nur Bruchstücke. Und manchmal frage ich mich, ob das Schweigen schlimmer ist als das Wissen.“
Sie trat näher

„Ich habe auch nicht alles gesehen. Nicht alle Schritte. Nicht alles, was er werden musste.“
Ein Schatten glitt über ihr Gesicht. „Aber bald… werde ich es besser verstehen.“
Die hochgezogene Augenbraue und sein skeptischer Blick verraten, dass er nicht selbst auf die Lösung kommt und so ergänzt Lilith:
“Ich werde bald in die Leere gehen und mit eigenen Augen sehen, was meine Kinder bereits gesehen haben.”
Inias schnappte hörbar nach Luft, dann:
“Ich… weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Außer vielleicht: passt gut auf dich auf.”

Lilith lächelt ihn an
“Danke, ich werde vorsichtig sein. Es ist meine Pflicht dorthin zugehen, doch auch mein Wunsch endlich mit eigenen Augen zu sehen, was meine Kinder seit Jahrmillionen tun. Was sie tragen. Was sie aushalten.”

„Und du hast keine Angst?“
Sie lachte leise. Ohne Freude.
„Doch. Sehr.“
„Aber vielleicht ist Angst der Preis dafür, nicht länger aus sicherer Entfernung Mutter zu sein.“
Stille.

Dann sah sie ihn wieder an.
„Aber ich bin nicht wegen mir hier.“
Inias’ Schultern spannten sich.
„Du kämpfst mit ihm“, sagte sie sanft. „Nicht offen. Aber in dir.“
Er schwieg.

„Du suchst Izrail“, fuhr sie fort. „Und findest Anidiras.“
Der Name saß. Schwer. Richtig.
„Ich weiß nicht, wie ich ihm begegnen soll“, sagte Inias leise. „Als Vater. Als Erzengel. Als… etwas dazwischen.“
Liliths Stimme wurde ganz ruhig.
„Dann hör auf, es allein zu entscheiden.“
„Sprich mit ihm. Außerhalb der Sitzungen. Ohne Titel. Ohne Akten.“

Er sah sie an. „Und wenn er mich auf Abstand hält?“
„Dann tut er das nicht aus Grausamkeit“, sagte sie. „Sondern aus Selbstschutz.“
„Und du solltest ihm sagen dürfen, was du dir wünschst – genauso wie er.“

Sie legte den Kopf leicht schief. Ein Rest von Liriel.




„Klärt, was ihr füreinander sein wollt. Nicht, was ihr verloren habt.“

Sie ging zur Tür. Hielt inne.
„Du bist kein schlechter Vater, Inias“, sagte sie geradeheraus.
„Du bist ein Vater, der lernen muss, loszulassen und neu anzufangen.“

Dann war sie fort.

Und Inias blieb zurück –
mit der Akte vor sich, ungeöffnet,
und dem Gedanken, dass er vielleicht zum ersten Mal nicht wissen musste,
wie etwas enden sollte, sondern nur, wie er beginnen konnte.

 

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