22 Himmelsbote 06.12.03-I-II

Himmelsbote – Sonderbericht
Datum: 06.12.03-I-II
„Zwei Uriel gleichzeitig?“ – Rätsel um doppelte Erscheinung sorgt für Unruhe
Iceron – Seit drei Monaten gibt es immer wieder Sichtungen von Erzengel Uriel – mal in Starbay, mal in Crystalbell und auch in den anderen Städten und Dörfern. Nun aber häufen sich Berichte, dass Uriel fast zur selben Zeit an mehreren Orten gesehen worden sein soll – trotz einer mehrtägigen Reisezeit zwischen den Städten, selbst mit einem der schnellen Himmelsschiffe, die von Engeln in Drachengestalt gezogen werden.
Der Vorfall fiel erst auf, als mehrere Augenzeugenberichte der Presse vorgelegt wurden. Während einige dies für ein göttliches Wunder halten, vermuten andere eine raffinierte Täuschung oder gar eine Bedrohung für die schwangere Erzengeldame. In den Tavernen von Eskela flüstern manche bereits von Illusionen, Doppelgängern oder dämonischen Tricks.
Die Kirche reagierte prompt mit einer offiziellen Stellungnahme:
„Es gibt keinerlei Grund zur Sorge. Wir kennen den genauen Aufenthaltsort von Erzengel Uriel und können bestätigen, dass sie und ihr ungeborenes Kind bei bester Gesundheit sind und sich in absoluter Sicherheit befinden.“
Auf die Frage, wie die gleichzeitige Sichtung zu erklären sei, wollte die Pressestelle nicht weiter eingehen. Man solle das Phänomen „ignorieren“ und sich „nicht in die Irre führen lassen“.
Für viele Gläubige ist diese Aussage allerdings nur bedingt beruhigend. „Wenn die Kirche so sicher weiß, wo Uriel ist – warum sehen wir sie dann gleich doppelt?“ fragt eine besorgte Händlerin aus Crystalbell. Ein Hafenmeister aus Starbay hingegen lacht über die Aufregung: „Vielleicht hat sie einfach gelernt, sich schneller zu bewegen als der Wind – oder die Himmelsschiffe haben plötzlich Turbolader.“
Ob es sich bei den doppelten Erscheinungen um göttliche Macht, gezielte Verwirrung oder schlichtweg eine Verkettung von Missverständnissen handelt – der Himmelsbote bleibt dran.
Leserbrief an die Redaktion
„Sehr geehrter Himmelsbote,
es mag sein, dass Uriel viel kann – aber zwischen Starbay und Crystalbell liegen mehrere Tage Flug mit einem Himmelsschiff. Dass Zeugen schwören, sie fast am selben Tag gesehen zu haben, ist… nun ja… beunruhigend. Vielleicht sollten wir alle lieber genau hinsehen, mit wem wir reden – und ob es wirklich Uriel ist.“
— P.S., besorgte Schneiderin aus Azura
Himmelsbote – Tagesbericht
Datum: 06.12.03-I-II
„Kerzen für das Lichtfest – Crystalbell in Vorfreude auf Dies lucis“
Crystalbell – Noch liegt die Stadt in klirrender Winterruhe, doch in den Werkstätten und Lagerräumen herrscht bereits Hochbetrieb: Die Vorbereitungen für das Hochfest „Dies lucis“ am 22. Dezember laufen auf Hochtouren.
Das wichtigste Gut dieser Tage ist Wachs. Seit Wochen sammeln Kerzenzieher und Händler die reinsten Vorräte, mischen spezielle Duftstoffe und gießen Formen in allen Größen. Jede Kerze muss bis zum Fest makellos sein – ein Funke Unachtsamkeit könnte nicht nur Wachs verschwenden, sondern auch ein Stück Symbolik. „Wir arbeiten fast ohne Pause“, berichtet Kerzenmeisterin Myriel, die in ihrer kleinen Werkstatt nahe des Marktplatzes ganze Stapel frisch gezogener Kerzen lagert. „Es sind viele Hände nötig, um dafür zu sorgen, dass am Dies lucis jeder Engel sein Licht erhält.“
Der Ablauf des Festes ist fest in der Tradition verankert: Um Punkt Mitternacht tritt Erzkardinal Gabriel aus den großen Toren der Kathedrale zu Crystalbell. In seiner Hand hält er die Laterne mit der Ewigen Flamme – ein Feuer, das seit Jahrmillionen ununterbrochen brennt.
Vor der versammelten Menge richtet er einige Worte an die Gläubigen, ehe er zwölf Engeln – einen für jeden Monat des Jahres – zu sich ruft. Diese steigen nacheinander die Kathedral- Treppen empor und entzünden ihre Kerzen an der Ewigen Flamme. Mit diesen Lichtern treten sie zurück in die Menge und geben das Feuer an die Wartenden weiter. Kerze für Kerze, Reihe für Reihe, breitet sich das Licht aus, bis schließlich jeder Anwesende eine brennende Flamme in Händen hält.
Erst wenn auch die letzte Kerze leuchtet, ertönt ein tiefer Glockenschlag, der das Ende der Lichtweitergabe verkündet. Dann beginnt die Zeit der Stille: Die Engel tragen ihre Kerzen zu den Ofrendas ihrer Familien, um den Ahnen zu gedenken und das Licht mit ihnen zu teilen.
Das Schmücken der Straßen beginnt traditionell erst wenige Tage vor dem Fest, doch schon jetzt spürt man die wachsende Vorfreude. Händler in Crystalbell berichten von einer steigenden Nachfrage nach Kerzenhaltern und feinen Wachsbändern, während die Herbergen Gäste erwarten, die aus ganz Iceron anreisen, um das Fest in der Hauptstadt zu erleben.
„Dies lucis erinnert uns daran, dass ein einzelnes Licht die Dunkelheit durchbrechen kann“, sagt Erzkardinal Gabriel oft in seinen Predigten – und am 22. Dezember werden wieder tausende Flammen diesen Gedanken in die Winternacht hinaustragen.
Trotz aller Vorfreude mischt sich in diesem Jahr eine gewisse Unruhe unter die Bevölkerung. Seit die Dämonen ihre Präsenz in der Öffentlichkeit offener zeigen, fragen sich manche, ob die gewohnte Stille der Festtage ungestört bleiben wird.
„Gerade jetzt ist der Ritus wichtiger denn je“, meint die ältere Händlerin Solianne, die jedes Jahr selbst Kerzen für ihre Familie gießt. „Das Licht verbindet uns und hält die Schatten fern – wir dürfen uns nicht ablenken lassen.“ Andere sehen die Lage gelassener: „Die Dämonen haben uns in den letzten Jahrmillionen nie gestört. Warum sollten sie es ausgerechnet jetzt tun?“, sagt ein junger Kerzenverkäufer am Markt mit einem Schulterzucken.
Zwischen Sorge und Zuversicht herrscht also eine gespannte Erwartung. Wenn am 22. Dezember die Ewige Flamme weitergegeben wird, hoffen alle, dass das Licht nicht nur die Dunkelheit, sondern auch die Zweifel vertreibt.
Himmelsbote – Gesellschaft & Alltagsleben
Datum: 06.12.03-I-II
Streit um die Öffnungszeiten der Märkte
Crystalbell – In der sonst so friedlichen Markthalle von Crystalbell ist es in den letzten Tagen ungewohnt hitzig geworden – und das nicht wegen der Kälte draußen. Händler und Geistliche geraten aneinander über die Frage, wie lange die Märkte künftig geöffnet bleiben sollen.
Die Händler argumentieren, dass gerade in der Zeit vor dem Dies lucis die Nachfrage nach Lebensmitteln, Geschenken und vor allem Kerzen so hoch sei, dass die bisherigen Öffnungszeiten nicht ausreichen. „Wenn wir eine Stunde länger offen hätten, könnten wir alle Bestellungen rechtzeitig erfüllen“, sagt Marktfrau Serinna, die schon seit drei Generationen in der Kerzenherstellung tätig ist. „Gerade jetzt wollen die Leute noch schnell alles besorgen – und es gibt einfach nicht genug Zeit.“
Die Geistlichen hingegen sehen in den längeren Öffnungszeiten eine Gefahr für das geistliche Leben der Stadt. „Der Markt zieht die Engel von den Abendgebeten ab“, so Bruder Lior, Sprecher der Kirche. „Gerade in dieser heiligen Zeit sollten wir uns auf das Gebet und die Vorbereitung der Herzen konzentrieren, nicht auf zusätzlichen Handel.“
Die Kirchenversammlung will in den kommenden Tagen über einen Kompromiss beraten. Unter den Bürgern sind die Meinungen gespalten: Einige fordern, den Handel nicht zu beschneiden, um die Festvorbereitungen zu erleichtern. Andere sehen es wie die Geistlichen und erinnern daran, dass das Dies lucis nicht nur ein Fest der Lichter, sondern auch ein Fest des Glaubens sei.
Bis zur Entscheidung wird der Markt nach den üblichen Zeiten schließen – was für einige Händler bedeutet, Nachtschichten in den Werkstätten einzulegen.
Leserbriefe
„Ich finde, die Händler sollten länger offen haben dürfen. Wir arbeiten auch lange, um uns auf das Fest vorzubereiten. Und ganz ehrlich – ein oder zwei Stunden mehr Marktzeit würden niemandem schaden.“
— Elion, Kristallschleifer aus der Weststraße
„Das Dies lucis ist keine Gelegenheit für noch mehr Geschäft, sondern eine Zeit der Besinnung. Wenn der Markt länger offen ist, verlieren wir die Ruhe, die dieses Fest besonders macht.“
— Schwester Amarelle von der Alisazza- Kirche
Himmelsbote – Sondermeldung
Datum: 06.12.03-I-II
Rätselhafte Rückkehr aus den Encaster Peaks
Crystalbell – Die von der Kirche ausgesandte Spähergruppe ist nach ihrer Expedition in die Encaster Peaks überraschend schnell und ohne neues Wissen über die dort vermuteten Dämonen zurückgekehrt. Der Auftrag war klar: Bestätigen, ob die Legenden stimmen, nach denen sich in den entlegenen Höhen ein verborgenes Volk von Dämonen aufhält.
Doch die Rückkehrer berichteten von… nichts. Zumindest von nichts, woran sie sich klar erinnern können. Alle Späher leiden unter Gedächtnislücken, können nicht sagen, was genau in den vergangenen Tagen geschehen ist. Äußerlich wirken sie gesund – keine Verletzungen, keine Anzeichen eines Kampfes. Lediglich ihre Kleidung ist in Fetzen, als hätte sie raues Gelände und eisige Winde stark zugesetzt. Irritierend war bloß, dass sie alle anscheinend medizinisch versorgt wurden.
Für Gesprächsstoff sorgt vor allem ein Fund am Rücken des Gruppenleiters: Ein sorgfältig gefalteter Zettel (aus echtem Papier!), befestigt mit einer kleinen, schwarzblauen Wachssiegelmarke. Darauf stand in sauberer Handschrift:
„Was ist mit Euch Engeln kaputt? Die Encaster Peaks sind gefährlich! Eure Gruppe wäre fast verunglückt! Ihr habt Glück, dass wir Dämonen über Euch wachen… A.“
Hinter „A.“ verbirgt sich anscheinend der bekannte Pressesprecher der Dämonen, der bereits in der Vergangenheit durch ungefragte, oft spitzfindige Kommentare in der Zeitung aufgefallen ist.
Die Reaktionen der Bevölkerung sind gespalten: Viele sind erleichtert, dass die Späher unversehrt zurückgekehrt sind, und manche werten A.s Nachricht sogar als Hinweis auf eine friedliche oder gar beschützende Haltung der Dämonen. Gleichzeitig herrscht Enttäuschung, da keinerlei konkrete Informationen über deren Aufenthaltsorte oder Absichten gewonnen werden konnten. Einige sehen in der Nachricht eine Warnung, andere deuten sie als ironischen Hinweis auf die Eigenheiten der Dämonen.
In den Tavernen und Gassen der Städte wird eifrig spekuliert: Beobachten die Dämonen die Engel wirklich, oder war dies nur ein Spiel mit den Gefühlen der Bevölkerung? Manche hegen Misstrauen und vermuten eine subtile Täuschung. Fest steht jedoch: Die Encaster Peaks bleiben ein rätselhaftes Gebiet, das seine Geheimnisse beharrlich schützt. Die Kirche hat angekündigt, vorerst keine weiteren Expeditionen zu entsenden, „bis die Umstände vollständig geprüft sind“. Bis dahin muss sich die Bevölkerung mit einem vagen, aber fast freundlichen Gruß aus der Kälte zufriedengeben.
Also, von mir war der Zettel definitiv nicht – oder glaubt ihr ernsthaft, ich bin der einzige, dessen Name mit A anfängt? Aber ich kann dem Kollegen mit seiner Aussage nur Recht geben! Oder gibt es demnächst gemütliche Picknicks im Encaster? Wäre nur die logische Konsequenz, wenn ihr schon in den Bergen spazieren geht… A.






















































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