26 Himmelsbote 27.12.03-I-II

Himmelsbote – Festtags-Exklusivbericht
Datum: 27.12.03-I-II
Wenn Schatten leuchten – das Dach der Kathedrale im Kerzenglanz
Crystalbell – Die diesjährige Eröffnungszeremonie des Dies lucis wird wohl noch lange in den Herzen und Gesprächen der Anwesenden weiterleben.
Schon seit Sonnenuntergang hatten aufmerksame Besucher eine ungewöhnliche Gestalt bemerkt: Ein einzelner Dämon hatte den Platz vor den Toren der Kathedrale betreten – und war seitdem wie versteinert stehen geblieben. Die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, rührte er sich nicht, selbst als der Wind den Stoff zurück wehte und sein Antlitz freilegte. Das matte, unheimliche Glimmen der Runen, die sich von seinen Wangen über die Nase zogen, verriet seine Natur – und doch lag in seiner Regungslosigkeit weder Bedrohung noch Hast, sondern eine geduldige, fast rituelle Erwartung.
Mit dem Glockenschlag von Mitternacht öffneten sich die schweren Flügeltüren. Erzkardinal Gabriel trat heraus, die heilige Flamme in den Händen. In der gespannten Stille löste sich der Dämon aus der Menge, schritt langsam und ohne Hast die Stufen hinauf – und kniete vor dem Erzkardinal nieder.
Er sprach mit fester, klarer Stimme:
„Ich bitte Euch, der Ihr mit der Stimme des Ewigen Drachen sprecht, dem wir alle die Treue geschworen haben, um das Licht des diesjährigen Dies Lucis, um es in unsere Höhlen zu bringen und sie – zum ersten Mal seit 100 Millionen Jahren – mit dem Licht des Ewigen Drachen zu erleuchten!“
Sollte der Kardinal überrascht gewesen sein, so ließ er es sich kaum anmerken. „Es wäre Frevel und Unrecht, jemandem, der um das Licht bittet, dieses zu verwehren“, erklärte er und entzündete die Kerze des Dämons an der Ewigen Flamme.
Der Dämon erhob sich, verneigte sich tief, entfaltete seine Flügel und erhob sich in die klare Nachtluft. Auf dem Dach der Kathedrale warteten weitere Dämonen – still, reglos, wie aus Stein gemeißelt. Einer nach dem anderen empfing das Licht. Bald glitzerten hunderte Kerzen auf dem vereisten Dach, das in goldenem Schein erstrahlte. Das Eis funkelte wie Diamanten und machte den Sternen Konkurrenz.
Plötzlich ertönte der Rythmus einer einzigen Trommel aus der Ferne, gefolgt von einer klaren, einsamen, weiblichen Stimme vom Giebel der Kathedrale, die das Lied des Dies Lucis anstimmte – jedoch mit veränderten Zeilen. Statt von der strahlenden Kraft des Lichtes war nun die Rede davon, „was uns voneinander trennt“. Wo es sonst hieß, Engel und Engel trügen Hand in Hand das Licht durchs Land, sang die Stimme nun von Engel und Dämon Hand in Hand – und davon, dass vergessen sei, was sie einst verband. Niemand stimmte ein, und so verklang das Lied allein in der frostigen Nacht.
Noch ehe der letzte Ton verklungen war, verschwanden die Dämonen und nahmen ihre Lichter mit sich. Doch als die Engel heimkehrten, bot sich ein unerwarteter Anblick: Über Crystalbell hinweg brannten auf vielen Dächern einzelne Laternen mit Kerzen. Anfangs löste dies bei manchen Unbehagen aus, doch wie eine ältere Dame dem Himmelsboten sagte, „war da auch ein Gefühl von Geborgenheit – fast so, als würden wir nicht allein wachen“.
Auch aus anderen Städten wurden ungewöhnliche Vorkommnisse gemeldet: Vor vielen Kirchen stand während der Zeremonien eine Laterne mit einer schwarzen Kerze.
Am Morgen folgte die letzte Überraschung: Als die ersten Gläubigen die Kathedrale betraten, stand die Jahreskerze nicht an ihrem gewohnten Platz in der Mitte des Altars, sondern am linken Rand. Auf der rechten Seite befand sich eine schwarz-blaue Kerze unbekannter Herkunft. Kardinal Gabriel ordnete sofort zusätzlichen Schutz für diese Kerze an und stellte sie – als wäre sie der Jahreskerze ebenbürtig – neben diese an die Statue der Alisazza.
In der Morgenmesse sprach Gabriel mit ernster, aber sanfter Stimme zu den versammelten Gläubigen. Er erinnerte daran, dass das Licht des Ewigen Drachen keinem Volk, keiner Gestalt und keiner Geschichte vorenthalten sei, wenn es in Aufrichtigkeit erbeten werde. Die ungewöhnlichen Ereignisse der Nacht, so betonte er, seien kein Grund zur Furcht, sondern eine Einladung, das Unbekannte nicht vorschnell zu verdammen. „Wir sind Hüter des Lichts – und das heißt, wir tragen es auch dorthin, wo Schatten sind“, schloss er, bevor er mit einem stillen Gebet die beiden Kerzen segnete.
Leserbriefe an den Himmelsboten – Eindrücke vom Dies Lucis
„Ein Moment, den ich nie vergessen werde“
Von Lira, Kerzenmacherin aus der Altstadt
„Ich habe mein ganzes Leben in Crystalbell verbracht und schon viele Dies-Lucis-Feiern gesehen, aber noch nie so etwas. Als die Dämonen auf dem Dach standen, leuchtete es, als hätte der Himmel selbst eine Handvoll Sterne fallen lassen. Für einen Augenblick war da keine Furcht, keine Trennung – nur Licht. Ich habe geweint, und ich schäme mich nicht dafür.“
„Falsches Zeichen zur falschen Zeit?“
Von Garron, Händler aus dem Ostviertel
„So beeindruckend das Schauspiel auch war – ich kann nicht umhin zu fragen, ob wir damit nicht eine Grenze überschreiten. Die Dämonen haben in unserer Geschichte selten friedliche Absichten gezeigt. Ihnen das erste Licht zu geben, mag ein edler Akt erscheinen, aber ist es auch klug? Vertrauen ist leicht gegeben, aber schwer zurückzuholen, wenn es missbraucht wird.“
„Das Lied hat mich frösteln lassen“
Von Mytriel., Chorsängerin der Kathedrale
„Ich kenne jede Silbe des Dies-Lucis-Liedes seit meiner Kindheit. Als die Stimme plötzlich andere Worte sang – ‚was uns voneinander trennt‘ – spürte ich einen kalten Schauer. Es war schön, ja, aber auch schmerzhaft. Ich frage mich, ob es eine Mahnung war oder ein Vorwurf.“
„Laternen auf den Dächern“
Von „E.“ (Name der Redaktion bekannt)
„Ich weiß nicht, was die Dämonen uns sagen wollten. Aber als ich durch die Straßen ging und die Laternen auf den Dächern sah, hatte ich das Gefühl, dass da jemand Wache hält – nicht gegen uns, sondern für uns. Es war, als wären wir alle für eine Nacht Teil derselben Geschichte.“
Himmelsbote – Exklusivbericht
Datum: 27.12.03-I-II
Die Rede von Erzkardinal Gabriel
(diese wurde von einen geistesgegenwärtigen Reporter aufgezeichnet)
„Meine Schwestern und Brüder im Lichte,
heute Nacht ward uns ein Augenblick geschenkt, der unser Herz berührt, wie es Worte kaum fassen können. Aus den Tiefen des Schattens trat ein Bote – einer, den wir Dämon nennen – zu uns, nicht mit erhobener Waffe, nicht mit drohendem Blick, sondern mit einer Laterne in den Händen. Er bat um das erste Licht. Und ich reichte es ihm.
Nicht, weil er ein Dämon ist. Nicht, weil er ein Engel ist. Sondern weil er ein Wesen ist, das nach Licht strebt – wie wir alle.
Ihr alle tragt eine Flamme in euch. Nicht nur jene, die gleich eure Kerzen erhellen wird, sondern auch jene unsichtbare Flamme, die ihr in jedem Blick, jedem Wort, jeder Tat bewahren oder auslöschen könnt.
Diese Flamme, die ich hier trage, brennt seit Anbeginn. Sie hat Stürme überdauert, Zweifel besiegt und heute einen Funken Hoffnung in die dunkelsten Schatten getragen.
Ihr habt gesehen, wie das Licht zu denen wanderte, die wir sonst fern von uns wähnen. Wie sie es mit Gesang miteinander teilten, bis die Kathedrale im Schein unzähliger Kerzen glitzerte – und dann verschwanden sie, so leise, wie sie gekommen waren.
In dieser Nacht haben wir eine Brücke geschlagen – nicht aus Leichtsinn, nicht aus Unbedachtheit, sondern aus der tiefen Wahrheit heraus, dass Licht nicht weniger wird, wenn man es weitergibt. Nein – es wächst, es vervielfacht sich, und es leuchtet heller, je mehr Herzen es erreicht.
Dies ist kein Zeichen der Schwäche. Es ist ein Zeichen der Hoffnung. Denn manchmal schlägt das Unerwartete Brücken, die wir selbst nicht zu bauen wagten. Manchmal genügt eine einzige Geste, um zu erkennen, dass das Fremde nicht immer das Feindliche ist. Licht und Schatten sind keine Feinde – es ist unsere Entscheidung, was wir in ihnen sehen.
Bald werden wir den Ritus beginnen. Die Flammen, die wir entzünden, sollen nicht nur unsere Straßen und Häuser erhellen, sondern auch jene Räume in uns, die lange dunkel geblieben sind. Tragt dieses Licht hinaus, in die Nacht, in die Welt, zu denen, die Angst kennen, die Misstrauen tragen, die Einsamkeit fühlen.
Denn vielleicht – ja, vielleicht – werden eines Tages selbst jene, die heute im Schatten stehen, zu Fackeln, die die Dunkelheit durchbrechen.
Lasst uns diesen Augenblick in unseren Herzen tragen. Lasst uns das Licht teilen, das wir halten. Denn selbst im Unerwarteten, selbst im Schatten, wohnt Hoffnung – und heute haben wir es gesehen.“
Bericht der Engel nach Gabriels Rede
Nachdem Gabriels Worte verklungen waren, breitete sich in den Reihen der Engel eine gespannte Stille aus. Es war nicht nur Ehrfurcht, sondern ein tiefes Nachdenken über das, was sie gerade gehört hatten. Ein Dämon, der ohne Bedrohung vortrat und um das erste Licht bat – diese Vorstellung ließ selbst die erfahrensten Engel innehalten. Viele spürten, dass Gabriels Botschaft die starren Grenzen zwischen Licht und Schatten hinterfragte.
Eine Gruppe von Engeln fühlte ein leises Erwachen in ihrem Herzen. Sie erkannten, dass Licht geteilt werden kann, ohne dass es weniger wird, und dass Hoffnung selbst im Unerwarteten wohnen kann. „Vielleicht“, murmelte eine Stimme, „ist das Licht nicht unser Besitz, sondern etwas, das wir weitergeben sollen. Dass es sich vervielfältigt, je mehr Herzen es erreicht, das haben wir nie so klargesehen.“
Doch nicht alle Engel waren überzeugt. Einige beobachteten Gabriels Geste mit wachsendem Misstrauen. „Mag sein, dass seine Absicht gut ist“, flüsterte ein skeptischer Engel, „aber kann es wirklich klug sein, einem Dämon das erste Licht zu geben? Was, wenn er uns alle beeinflusst hat? Vielleicht ist diese Freundlichkeit nur eine List.“ Andere fragten sich, ob Gabriels Urteil bereits von den Schatten getrübt sein könnte, und blickten auf ihn mit vorsichtiger Skepsis.
So standen zwei Strömungen nebeneinander: Die einen, die die Rede als Hoffnungs-Saat verstanden, die anderen, die warnend die Augen weiteten und den Erzkardinal hinterfragen. Selbst unter den Engeln blieb ein Hauch von Unsicherheit zurück – ein leiser Zweifel daran, ob die Brücken, die Gabriel schlug, wirklich sicher waren, oder ob das Licht, das er reichte, einen Preis fordern könnte, den sie noch nicht erkannten.
Am Ende der Nacht trugen die Engel dennoch die Erinnerung an die Flammen in sich. Einige trugen sie als Symbol der Hoffnung, andere als Mahnung zur Wachsamkeit. Beide Gruppen spürten, dass dieser Augenblick ihr Denken verändern würde – die einen, um mutiger Licht zu teilen, die anderen, um wachsam zu bleiben und das Gleichgewicht zwischen Vertrauen und Vorsicht zu wahren.
Leserbrief an die Redaktion der „Himmelsbote“
Betreff: Licht und Schatten – ein Augenblick der Hoffnung
Sehr geehrte Redaktion,
die Rede des Erzkardinals Gabriel vor der Kathedrale von Crystalbell hat viele von uns tief berührt – und zugleich nachdenklich gemacht. Es war ein Moment, der zeigte, dass Licht nicht an Herkunft oder Wesen gebunden ist, sondern eine Gabe, die geteilt werden kann. Die Vorstellung, dass selbst ein Dämon nach Licht strebt und dass es uns möglich ist, dieses Licht zu geben, lässt hoffen.
Gleichzeitig darf man die Skepsis nicht vergessen, die einige Engel äußern. Es ist nur verständlich, nach solchen außergewöhnlichen Ereignissen vorsichtig zu sein. Vertrauen und Vorsicht müssen Hand in Hand gehen, denn nicht jede Geste, so wohlmeinend sie auch erscheint, ist ohne Risiko.
Dennoch glaube ich, dass Gabriels Rede ein wichtiger Schritt war, um unsere Herzen zu öffnen und die Möglichkeit zu zeigen, dass Licht selbst im Schatten wachsen kann. Es ist ein Aufruf, über alte Grenzen hinauszublicken, die eigene Flamme zu schützen und zugleich weiterzugeben.
Mögen wir alle diesen Augenblick in unseren Herzen tragen – sowohl die Hoffnung, die er schenkt, als auch die Wachsamkeit, die er erinnert.
Mit lichtvollen Grüßen
Seraphiel, Priesterin der Alisazza Kirche
Weitere Leserbriefe und Stimmen des Volkes
„Ein gefährlicher Idealismus“
Von Turiel, Hauptmann der Paladine
„Die Worte des Erzkardinals sind schön – vielleicht zu schön. Licht mag sich teilen lassen, aber Vertrauen nicht so leicht. Die Geschichte kennt zu viele Nächte, in denen jene aus dem Schatten gekommen sind und mehr nahmen, als ihnen gegeben wurde. Ich fürchte, Gabriel hat mit seiner Geste Türen geöffnet, die sich nicht so leicht wieder schließen lassen.“
„Ich habe zum ersten Mal Hoffnung gespürt“
Von Miriel, 78 Jahre
„Ich dachte immer, Engel und Dämonen würden niemals nebeneinander stehen. Als Gabriel die Flamme übergab, habe ich zum ersten Mal geglaubt, dass es vielleicht doch eine andere Zukunft geben könnte. Ich habe meine Kerze in dieser Nacht nicht nur für mich angezündet – sondern für uns alle.“
„Zu naiv für die Realität“
Von „H.“ (Name der Redaktion bekannt)
„Das klingt alles schön, aber das Leben ist kein Gleichnis. Licht und Schatten mögen keine Feinde sein – in der Theorie. In der Praxis sind wir es schon lange. Ich sehe in dieser Rede den Anfang einer gefährlichen Romantisierung. Die Ewige Flamme ist ein Symbol unserer Gemeinschaft. Sie sollte nicht leichtfertig geteilt werden, schon gar nicht mit jenen, deren Absichten wir nicht kennen.“
„Das Wichtigste, was je gesagt wurde“
Von Bruder Amion, Bibliothekar
„Ich habe jede Aufzeichnung der Reden zum Dies Lucis studiert. Keine hat mich so tief bewegt wie diese. Sie bricht mit einer Tradition der Angst, die wir seit Jahrhunderten pflegen. Vielleicht war es nicht nur eine Rede – vielleicht war es ein Wendepunkt.“
“Ein Funke Hoffnung”
Von A. (so selbst bezeichnet)
“Ich weiß, ich reize gern und necke – doch dieses Mal möchte ich einfach Danke sagen! Danke an den Erzkardinal, dass er das Licht mit uns teilte. Danke an die, die schwiegen, als die junge Aknara (85) ihr Lied sang. Danke an jene, die uns das Licht gönnen. In dieser Nacht haben auch wir viele Lichter entzündet und versucht, das Gefühl der Sicherheit mit euch zu teilen, indem wir Lichter verteilten, die euch einen sicheren Heimweg schenken sollten. Viele haben seit langer Zeit nicht mehr das Licht dieser Nacht selbst tragen dürfen, für manche war es sogar das erste Mal überhaupt und gestandene Veteranen in unseren Reihen weinten, als sie ihr Licht in den Händen hielten. Ihr habt uns in dieser Nacht sehr, sehr glücklich gemacht. Ihr habt uns ein Zeichen gesandt, dass diese uralte Kluft überwunden werden kann.
Eines muss euch klar sein: Diese Welt wurde uns allen geschenkt. Wir wissen das und darum erheben wir unsere Klingen gegen jeden, der es wagt, den Frieden dieser Welt zu stören (kleinere Scherze sind damit nicht gemeint!). Glaubt mir bitte eines – und ich weiß, dies fällt schwer, doch ich bitte um den Versuch: Wir waren nie, wir sind nicht und wir werden niemals eure Feinde sein. Vor langer Zeit wurden wir getrennt und doch sind wir doch alle zusammen nichts als Drillinge, welche zueinander gehören. Wir verehren denselben Gott, sprechen dieselbe Sprache und teilen uns eine Welt. Die Entscheidung liegt bei euch, ob ihr die Hand, die Gabriel an der Pforte der Kathedrale dem jungen Erachnon reichte, offen halten oder zurückziehen wollt. Wir hoffen auf ersteres.
Und nun wünsche ich allen ein segensreiches Dies Lucis und den Kindern die Geschenke, auf die sie gehofft haben (und ich habe wieder keinen Schoko-Engel gekriegt… Und übrigens, verehrter Chef-Redakteur, ich hoffe es war genehm, dass ich das wackelnde Stuhlbein repariert habe? Kein Wunder, dass der Stuhl Rückenschmerzen auslöst…)



















































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