27 Eine Tasse Tee zum neuen Jahr

Liebes Tagebuch,
heute schreiben wir den 28.12.03-I-II und ich wünsche dir einen schönen Start ins neue Jahr. Auch wenn die meisten Völker das Jahr erst am 1. Januar beginnen, so beginnt das Jahr für uns Engel im Initium mit dem Ende der Festlichkeiten zum Dies lucis. Ich habe viel zu erzählen und jetzt erst Zeit, um alles aufzuschreiben.
Das jährliche Feuerwerk war auch in Kitary ein schöner Moment – vielleicht der schönste von allen, denn hier sah man Dämon und Engel Hand in Hand das Feuerwerk bewundern. Aber zunächst möchte ich vom Dies lucis erzählen:
Dieses Jahr war das Dies lucis etwas ganz Besonderes. Denn die Dämonen haben dieses Mal ebenfalls ein Licht erhalten, sogar das erste Licht. Es ist das erste Mal in der Geschichte, dass die Dämonen an diesem wichtigen Fest teilgenommen haben. Doch wie sie das erste Licht erhalten haben, das steht in der Zeitung. Was mich mehr rührt, ist der Umstand, dass sie dieses Licht sofort wieder zurück geteilt haben, indem sie es in die anderen Städte brachten. Gabriel hat genau richtig gehandelt und einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung eingeleitet. Klar, es gibt immer noch Skeptiker und jene, die den Dämonen misstrauen (verständlicherweise), doch auch sie werden eines Tages verstehen, dass die Dämonen eigentlich auch nur Engel einer Legion sind – einer Legion, die nicht geheimer hätte sein können. Balthasar, Gabriel und ich müssen in Zukunft darauf achten, dass einerseits nicht zu viel Informationen fließen und zum anderen Vertrauen schaffen. Nicht zu viel Information, weil das die Arbeit der Dämonen gefährlicher für sie machen könnte. Ein Geheimdienst, der nicht geheim ist, lebt gefährlich. Vertrauen schaffen, damit das Leben der Dämonen nicht mehr so einsam und abgeschottet ist. Ich hoffe für alle, dass es uns gelingt, diesen Balanceakt erfolgreich durchzuziehen.
Aber abgesehen von der Tragweite der Gesten, die zum Dies lucis getauscht worden, so sind die Festtage in Kitary doch sehr ruhig und besonnen gewesen. Ich hatte viel Zeit mich mit meiner Tochter Liri – entschuldige, ich meine Lilith (ich muss mich an ihren neuen Namen noch gewöhnen) – zu unterhalten und Smalltalk zu halten. Wobei Smalltalk kann man es wohl kaum nennen, schließlich habe ich Lilith regelrecht ausgefragt über Balthasar. Ich versuche mein Bild über ihn einfach zu vervollständigen und all seine Seiten kennenzulernen, auch wenn er mal wieder mit Abwesenheit glänzt. Ich ließ mir von Lilith erzählen, wie Balthasar zunächst als imaginärer Freund in ihrem Leben auftauchte und dadurch wurden mir Situationen klar, die für mich früher verwunderlich waren und keinen Sinn ergaben. Zum Beispiel, warum Lilith damals öfters in der Ecke stand als müsste sie aus Strafe dort stehen. Sie hatte damals tatsächlich etwas angestellt und wurde von Balthasar damit bestraft in der Ecke zu stehen und sich zu langweilen. Ich dachte damals, dass sie sich selbst bestraft für ihren Fehler und war mehr als nur verwundert über ihr Verhalten. Doch da ich gleichzeitig dabei war unsere Städte aufzubauen, konnte ich dem Umstand nicht wirklich nachgehen. Dass sie einen imaginären Freund hatte, war für mich verwirrend, aber da ich keine Ahnung hatte, ob das normal bei Kindern ist, machte ich mir nicht allzu viele Sorgen.
Dass hinter dem imaginären Freund ihr Vater steckte, auf die Idee bin ich nie gekommen. Jetzt im Nachhinein machen die ganzen seltsamen Dinge in meinem Leben plötzlich Sinn. Der Eisrosenstrauch in meinem Wintergarten, um den sich immer jemand gekümmert hat, ich aber nie rausgefunden habe wer. Ich ließ mir also von Lilith erklären wie Balthasar so war als Vater in den Schatten. „Er ist sehr streng, hat einen Faible für Disziplin, aber ist auch fürsorglich. Wenn er was macht, dann aus gutem Grund und meistens aus Schutzgründen.“, sagte Lilith über ihren Vater. Als Lilith älter wurde, hatte sich Balthasar ihr offenbart als Vater und ihr alles erklärt. Zunächst habe Lilith sich gegen die Vorstellung „Mutter der Legion“ zu werden gesträubt, doch nachdem sie ein tiefgründiges Gespräch mit dem Ewigen Drachen hatte, akzeptierte sie ihre Aufgabe und wurde eine Neunte. Mittlerweile jedoch hat sie gefallen an ihrer Rolle gefunden und dass sie nun endlich doch zur 10. Legion wechseln konnte, freut sie. Auch wenn sie nicht die Fähigkeiten der 10. Legion hat, sondern die der 9. Legion, so ist sie gerne das Ehrenmitglied. „Die Dämonen brauchen eine Person, die sie auffangen kann und ihre seelischen Wunden verarztet mit Liebe und Geduld.“, meint Lilith. Doch hofft Lilith, dass in naher Zukunft das seelische Leid der Dämonen weniger wird. Sie möchte das Beste für ihre Kinder und Nachkommen und damit kommt sie sowohl nach mir als auch nach Balthasar. Ich habe mich dazu hinreißen lassen, Lilith zu fragen, was genau Balthasar meinte damit, dass ich die einzige Frau in seinem Leben war, bin und sein werde. Und Lilith bestätigte mir, dass Balthasar laut ihrem Wissen nie eine andere Frau berührt habe. Ich sei die Einzige mit der er jemals das Lager geteilt habe. Mit anderen Worten – er war mir all die Jahrmillionen stets treu, auch wenn er sich nie gezeigt hatte. Das ehrt mich, aber gleichzeitig fühle ich mich schuldig, weil ich ihm nicht treu war. Okay, zu meiner Verteidigung zusagen ist, dass es die Aufgabe der 9. Legion war für Nachwuchs zu sorgen, damit das Volk zahlreich wird. Tja und als Führung musste ich mit gutem Beispiel voran gehen und Kinder in die Welt setzten. Doch jetzt muss ich das nicht mehr aus Pflicht, sondern kann Balthasar so treu sein wie er mir. Das lange Gespräch bei einer – Korrektur: mindestens 5 – Tassen Tee war sehr ereignisreich und beleuchtet alte Geschichte im neuen Licht. Ich bin dankbar darüber, dass ich nun so viel weiß, aber es lässt mich auch mit gemischten Gefühlen zurück.
Balthasar habe ich seit langem nicht gesehen – er war beschäftigt. Zunächst mit den Vorbereitungen fürs Dies lucis, dann mit der Feier selbst und schließlich ist er persönlich zu denen gegangen, die in der Leere selbst stationiert sind, um ihnen vom Fest zu erzählen und ihnen das Licht zubringen. In der Leere stationiert – allein der Gedanke lässt mich erschaudern. Nur die Dämonen sind dazu fähig in dieser sein-feindlichen Umgebung zu überleben. Kein normaler Engel könnte diese Sphäre betreten ohne fast augenblicklich zu vergehen oder korrumpiert zu werden. Ich bekomme gerade allein bei dem Gedanken Gänsehaut und damit mein ich nicht die Gute. Es wäre wohl besser, wenn ich an was anderes denke.
Ich genieße halt gerade meine Zeit mit Lilith, auch wenn diese selten so lange anhält wie die letzten Tage. Sie ist halt sehr viel eingebunden und verrichtet Arbeiten während Balthasars Abwesenheit. Ansonsten kann ich über das Leben in Kitary sagen, dass es einem gut tut und man zur Besinnung kommt. Ich vermisse Balthasar sehr, doch meine anfängliche Aufgeregtheit legt sich auch langsam. Ich weiß jetzt, dass ich ihn theoretisch jederzeit besuchen kann. Dieser Umstand ist beruhigend und hält meine Sehnsucht im Zaum. Zudem spüre ich mein Kind immer deutlicher und langsam stellt sich die Gelassenheit und Zufriedenheit einer Mutter ein, die schon viele Kinder hat. Durch meine Verbundenheit zu meinem Kind, weiß ich auch schon welches Geschlecht es hat – doch das behalte ich erstmal für mich. Ist das vielleicht etwas gemein? Vielleicht, aber ich will auch mal ein Geheimnis haben. Aber es ist jetzt Zeit Schlafen zu gehen. Schlaf ist wichtig, nicht nur für mich. Gute Nacht.
























































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