33 Bericht des Schattens – Beobachtung eines privaten Treffens

Bericht des Schattens – Beobachtung eines privaten Treffens
Datum: 20.01.04-I-II
Ort: Korridor nahe der Erzengelsitzung
Beobachtete Ereignisse:
Ich hielt mich unbemerkt im Schatten, als Liriel Inias abpasste. Sie wirkte ruhig, ihre Präsenz gleichzeitig sanft und entschlossen. Als er erschien, war sein Schritt schwer, sein Blick hart. Liriel sagte zu ihm, dass sie reden wollte und sich Sorgen um ihn machen würde. Ohne Vorwarnung drückte er sie gegen die Wand, kam ihr bedrohlich nah und schrie:
„Sorgen? Du? Dort drinnen hast du gegen mich argumentiert! Tu nicht so freundlich! Du bist Balthasars Hund!“
Liriel reagierte nicht mit Wut oder Furcht. Sie blieb vollkommen gefasst und sagte:
„Ich bin nicht sein Hund, Inias. Dem einzigen, dem ich treu ergeben bin, ist der Ewige selbst. Ich sehe deinen Schmerz und fühle ihn ebenso.“
Sie legte ihre Hand liebevoll auf Inias Wange und sprach weiter, mit sanfter, aber bestimmter Stimme: von Hoffnung, von Vereinigung, vom Ende des Leids für Eltern und Kinder. Sie erklärte, dass Balthasar zwar ungeschickt sei im Umgang mit Schmerz, sie selbst jedoch verstehen könne, und dass sie gemeinsam eine bessere Zukunft gestalten könnten – auf ihrer Seite, nicht auf der ihres Vaters.
Dann übergab sie ihm einen Brief. Noch bevor Inias den Brief öffnen konnte, wandte sie sich ab:
„Das ist ein Brief von Izrail. Mach mit ihm, was du willst, und wenn du den Worten nicht glauben kannst, dann verbrenn ihn. Doch höre dir die Worte deines Sohnes an.” Freundlich und liebevoll ergänzte sie: “Wenn du mich brauchst, weißt du, wo du mich findest.“
Liriel ging, leise, entschlossen – und ließ Inias allein zurück, den Brief noch in der Hand. Ich beobachtete, wie seine Finger das Papier umklammerten, seine Brust sich hob und senkte, während seine Augen den leeren Flur fixierten. Die Aggression in ihm begann zu schwinden, ersetzt durch ein Zögern, eine Mischung aus Schmerz, Hoffnung und Fassungslosigkeit.
Er öffnete den Brief langsam. Die Worte seines Sohnes trafen ihn direkt: Izrail sprach von Glück, von Schmerz über die Abwesenheit bei seinem Vater, vom Wunsch, all die verlorenen Geheimnisse zu teilen, sobald es möglich sei. Ich sah, wie Inias’ Finger das Papier umklammerten, seine Lippen bebten, Tränen sich unterdrückten. Ein Kampf zwischen Wut, Bedauern und väterlicher Liebe spielte sich in seinem Gesicht ab, während er die Botschaft verarbeitete.
Auf mich machte die gesamte Situation den Eindruck, dass Inias mit der Situation derzeit überfordert ist. Er ist sonst als ruhiger, beherrschter Mann bekannt und er muss in meinen Augen erst einmal verarbeiten, was er an Informationen bekommen hat: Ein Übermaß, seine Welt scheint derzeit auf den Kopf gestellt.
Ich schlage an dieser Stelle vor, ihn in Ruhe zu lassen und seine Ausgangspost zu beobachten. Sollte sich ein Brief an seinen Sohn darunter befinden, so wäre es sicher sinnvoll, diesen abzufangen und zuzustellen. Die Etablierung eines Briefkontaktes zwischen Vater und Sohn dürfte sich meiner Meinung nach sehr positiv auf die Meinung Inias uns gegenüber auswirken.
Was ich auch gesehen habe, war das Verhalten Liriels. Sie ist von sehr klarer emotionaler Intelligenz und konnte Inias Zorn damit wohl abfangen. Wir sollten sie öfter als Mittlerin einsetzen. Generell rege ich an – so wir akzeptiert werden – einen Mittler einzusetzen. Um ehrlich zu sein: Scheiße, das Mädel hat uns in der Nummer hier den Arsch gerettet!
Ende des Berichts





































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