41 Liriels Privatgemach – Inias und Liriel

 

Die Tür öffnete sich ohne Vorwarnung. Inias trat ein, groß, drohend, von einer inneren Unruhe getrieben, die den Raum aus Eis mit weiterer Kälte füllte. Man sieht ihm an, dass er wenig geschlafen hat.

„Hallo, Inias.“ Liriel saß an einem schlichten Tisch, erhob sich langsam und sah ihn ruhig an. „Ich dachte mir schon, dass du vorbeikommen würdest. Was kann ich für dich tun?“

Er trat dicht an sie heran. Seine Augen brannten sich in ihre, hart und voller Schmerz, als suche er eine Spur von Lüge in ihrem Blick. Tief in sich sammelte Liriel ihre Stärke.

Seine Stimme war rau, zerrissen: „Du hast es wirklich getan. Du hast Izrail Balthasar überlassen.“

Liriels Wimpern senkten sich, und sie schlug die Augen nieder. Ihre Antwort war kaum mehr als ein Flüstern: „So ist es.“

Inias’ Atem ging schneller. Der Zorn, den er so lange niedergerungen hatte, brach hervor. Mit einem Laut, halb Wut, halb Verzweiflung, packte er Liriel mit beiden Händen am Hals und drückte sie gegen die Wand. Das Eis der Wand knarrte, ihre Füße rutschten über den Eisboden.

Doch Liriel rührte sich nicht. Kein Schrei, kein Widerstand. Stattdessen hob sie den Blick und schenkte ihm ein liebevolles, trauriges Lächeln – ein Lächeln voller Verständnis, nicht voller Angst.

Inias’ Griff lockerte sich. Seine Hände zitterten, als er losließ. Die Fäuste blieben geballt, die Schultern bebten vor Wut. Sein Blick fiel auf den Boden, als könnte er Liriels Augen nicht mehr ertragen.

Da trat sie einen Schritt vor, ohne Zögern, und legte die Arme um ihn. Sanft, fest, unerschütterlich. Ihr Mund war nah an seinem Ohr, ihre Stimme leise, rau aber warm:

„Ich verstehe deinen Schmerz. Deinen Zorn, den ich verdient habe. Doch ich bin nicht dein Feind. Ich bin für dich da. Lass einfach los.“

Inias verharrte, starr wie Stein. Dann, langsam, vorsichtig, legte er die Arme um sie. Zuerst unsicher, fast ungelenk – dann fester, als hätte er Angst, wieder den Halt zu verlieren. Seine Schultern begannen zu beben.

Und schließlich brach er. Tränen liefen über sein Gesicht, unaufhaltsam, während er sein Gesicht in Liriels Schulter vergrub. Er weinte, nicht leise, nicht gefasst – sondern wie einer, der eine Last von Jahrhunderten fallen ließ.



Liriel hielt ihn. Schweigend, geduldig, wie ein Anker inmitten des Sturmes.

Irgendwann versiegten Inias’ Tränen. Sein Atem ging schwer, keuchend fast, als hätte er selbst gegen sich gekämpft. Langsam richtete er sich wieder auf, löste sich ein Stück von ihr.

Seine Stimme war rau, brüchig:

„Wie kannst du nur so ruhig bleiben … mich so liebevoll trösten? Ich habe dich angegriffen, Liriel. Ich habe dir wehgetan. Doch du …“ Er schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich verstehe es nicht.“

Liriel sah ihn an – ihr Blick war warm und milde.

„Weil ich nur ein Versprechen halte.“

Inias’ Brauen zogen sich zusammen. „Ein Versprechen?“

„An Izrail.“ Ihre Stimme war leise, beinahe zärtlich. „Ich habe ihm doch versprochen, dass ich für seinen Vater da sein würde … um ihn zu trösten.“

Inias stockte. Etwas in ihm schien zu brechen – nicht aus Schwäche, sondern aus Erkenntnis. Sein Blick, eben noch voller Härte und Zorn, wurde weich. Fast ehrfürchtig, als sähe er Liriel plötzlich zum ersten Mal wirklich.

Zögernd hob er eine Hand, als wolle er ihr Gesicht berühren … doch er hielt inne, die Finger nur einen Hauch von ihrer Haut entfernt. Man konnte die Spannung in ihm förmlich sehen, den Kampf zwischen dem Bedürfnis nach Nähe und der Angst, es nicht zu dürfen.

Liriel wich nicht zurück, sondern legte ihre Wange in seine Hand.

„Wir waren nie ein Liebespaar, doch uns verbindet der Schmerz – und unser Sohn.“

Ihre Worte trafen Inias wie ein Schlag ins Herz. Die Beherrschung, an der er sich festklammerte, löste sich. Seine Finger bebten gegen ihrer Haut, und ein einzelner Laut brach aus ihm heraus – halb Schluchzen, halb Lachen, bitter und doch erleichtert. Tränen stiegen ihm erneut in die Augen, diesmal leiser, sanfter.

„Liriel …“ flüsterte er heiser, „bei allem, was war … ich habe dich nie verstanden. Aber in diesem Moment … sehe ich dich.“

Da lächelte Liriel warm, mit einer Sanftheit, die wie ein Lichtstrahl durch den Schatten drang. Sie ließ ihre Stirn kurz gegen seine ruhen, als wolle sie ihm Kraft schenken.

„Du bist einer der wenigen, die mich sehen können,“ sagte sie leise, beinahe ehrfürchtig. „Ich bin so froh, dass ich mich endlich zeigen darf.“



Für einen Augenblick lag eine unerwartete Nähe zwischen den beiden, so fragil und doch so echt, dass selbst die Mauern des Eis-Palastes den Atem anzuhalten schienen.

Die Nähe löste sich langsam, wie eine Welle, die sich zurückzieht. Inias trat einen Schritt zurück, und Liriel wich ebenfalls behutsam auf Abstand.

„Du wolltest doch eigentlich etwas anderes machen, bevor dein Zorn dich übermannt hat. Oder irre ich mich?“ fragte Liriel leise, ihr Blick aufmerksam, aber ruhig.

Inias nickte, seine Stimme rau und fast beschämt:

„Ja … ich wollte dich etwas fragen. Wie ist Balthasar wirklich? Ist er das Böse oder nicht? Eiskalter Stratege oder liebender Vater? Ich werde einfach nicht schlau aus ihm.”

Liriel blinzelte überrascht, fast so, als hätte sie mit vielem gerechnet – nur nicht mit dieser Frage. Ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Züge, doch ihre Augen verrieten den Ernst, mit dem sie antwortete.

„Balthasar ist ein eiskalter Meisterstratege mit dem Herz am richtigen Fleck. Seine Methoden sind die des Schattens, doch sein Herz will nur eins – beschützen. Er ist nur nicht besonders gut darin, dies vor anderen zu zeigen. Aber glaub mir, er geht sehr liebevoll mit den Kindern um, auch wenn er gleichzeitig sehr streng ist.”

Sie senkte für einen Moment den Blick, als müsse sie die richtigen Worte suchen. „Viele sehen nur die Härte, das Unerbittliche an ihm – und ja, das ist da. Er fordert viel, manchmal zu viel, und er verlangt Opfer, die kaum jemand zu tragen bereit ist. Doch wenn du ihn mit den Kindern siehst … dann erkennst du etwas, das die meisten übersehen: Er hört ihnen zu. Er nimmt ihre Sorgen ernst, selbst wenn er sie nicht mit tröstenden Worten beantwortet, sondern mit Taten. Strenge ist seine Sprache, aber Fürsorge ist sein Kern.”

Ihre Stimme wurde weicher, fast flüsternd: „Balthasar würde vielleicht nie zugeben, wie sehr er sie liebt. Aber ich habe gesehen, mit welchem Blick er den Kindern zusieht. Sein Herz schlägt für sie, Inias. Es schlägt stärker, als er selbst es je zugeben würde.”

Inias schwieg einen langen Moment. Seine Augen suchten Liriels Gesicht, als wolle er in ihren Worten jede Spur von Unsicherheit entdecken. Doch sie blieb ruhig, fest – wie jemand, der eine Wahrheit sprach, die nicht mehr zu nehmen war.



Schließlich atmete er schwer aus. „Das klingt … so ganz anders, als ich ihn je gesehen habe. Ich sehe nur den Kommandanten. Den, der Befehle gibt und kalt Entscheidungen fällt, als wären es bloße Zahlen in einem Krieg.” Seine Stimme zitterte, Wut und Traurigkeit lagen dicht beieinander. „Wie soll ich da glauben, dass derselbe Mann liebevoll zu Kindern ist? Zu meinem Sohn?”

Liriel hob sanft die Hand, als wolle sie seine Worte besänftigen, ohne sie zu unterbrechen. „Weil du nur die eine Seite von ihm kennst, Inias. Er zeigt dir die Maske des Strategen, weil er weiß, dass du nichts weniger akzeptieren würdest. Du verlangst Klarheit, Stärke, Entschlossenheit – und genau das gibt er dir. Aber hinter dieser Fassade lebt ein Mann, der die Kinder wie seine größte Verantwortung behandelt. Streng, ja, aber niemals grausam. Wenn er hart wirkt, dann nur, um sie zu stählen – nicht, um sie zu brechen.”

Inias senkte den Blick, ballte die Hände zu Fäusten. „Und doch hat er mir meinen Sohn genommen …”

Liriels Stimme wurde leiser, doch sie trug eine Wärme, die den Schmerz darin nicht ganz verbergen konnte.
„Ja, er hat dir deinen Sohn genommen – um ihn zu schützen und ihn vorzubereiten auf ein Leben, das seiner Natur gerecht wird. Es war kein Raub, Inias, auch wenn es sich für dich so anfühlen muss. Für Balthasar war es ein Aufnehmen seines Erben, der die Veranlagung des Schattens geerbt hat. Du weißt selbst, dass Izrail anders als andere Kinder war.

Das ist das Paradox, das Balthasar ausmacht: Er denkt wie ein Stratege, kalt und berechnend in seinen Mitteln. Doch im Innersten ist er Vater – voller Fürsorge, auch wenn er sie hinter Strenge und Schatten verbirgt. In seinem Tun liegt oft Dunkelheit, aber sein Herz schlägt im richtigen Takt.”

Inias schwieg lange, als müsse er die Worte erst durchdringen lassen. Schließlich hob er langsam den Blick, und in seinen Augen lag weniger Zorn, dafür etwas Neues – Nachdenklichkeit.
„Ein Schatten also … kein Licht, sondern die Dunkelheit, die schützt,” murmelte er, fast so, als koste er den Gedanken zum ersten Mal. „Ich habe ihn immer nur gesehen als den, der uns etwas nahm. Aber wenn er in Wahrheit meinen Sohn in seinen Schatten geborgen hat, nicht um ihn mir zu entreißen, sondern um ihn zu behüten … dann habe ich vielleicht vieles falsch gedeutet.”



Er atmete tief ein, als wolle er sich selbst die Worte glaubhaft machen.
„Vergeben kann ich ihm noch nicht – vielleicht werde ich das nie können. Aber … vielleicht muss er nicht mein Feind bleiben. Vielleicht ist er mehr als der Dämon, den ich in ihm sehe. Ein Stratege, ja … aber einer, der sein Herz dennoch an die Kinder verschenkt, die er unter seine Fittiche nimmt.”

Ein schwaches, müdes Lächeln huschte über seine Lippen.
„Vielleicht habe ich zu lange nur den Schatten als Bedrohung gesehen. Vielleicht ist er auch ein Schutz, den wir brauchen – ob ich das will oder nicht.”

Liriel legte eine Hand sanft auf Inias’ Arm, ihr Blick voller Wärme und Mitgefühl.
„Du siehst es richtig, Inias. Er ist ein Schatten – immer war er einer. Aber ein Schatten, der schützt, der wacht, der aufpasst, auch wenn es manchmal schwer zu erkennen ist. Es ist nicht seine Art, sich zu zeigen, wie wir es von Lichtwesen gewohnt sind. Doch gerade darin liegt seine Stärke.”

Sie lächelte schwach, fast erschöpft, aber voller Zuneigung.
„Ich weiß, dass es schwer ist, den Schatten zu verstehen, der Liebe trägt. Aber ich spüre, dass dein Herz den ersten Schritt gemacht hat. Vielleicht, nur vielleicht, können wir auf diesem Weg etwas Neues erschaffen – Vertrauen, selbst im Schatten. Etwas, das unsere Kinder schützt und uns wieder zusammenführt.”

Inias atmete tief, als würde ein Gewicht von seinen Schultern genommen, und ein leiser Funken Hoffnung flackerte in seinen Augen.

Inias senkte den Kopf, seine Schultern sanken leicht. „Danke, Liriel… dafür, dass du mir geholfen hast, die Dinge klar zu sehen. Ohne dich hätte ich…“ Er zögerte, rang nach den richtigen Worten. „…ohne dich hätte ich mich in meiner Wut verloren.“

Seine Stimme wurde leise, rau vor unterdrücktem Schmerz. „Es tut mir leid… dass ich versucht habe, dich zu erwürgen. Das war falsch. Ich war blind vor Zorn.“

Er hob den Blick und traf Liriels Augen, die ihm voller Verständnis entgegenblickend. „Ich hoffe, du kannst mir irgendwann verzeihen. Ich… ich wollte nie, dass es so weit kommt.“

Liriel trat näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter und sagte mit sanfter Stimme: „Und ich wollte dir nie wehtun.“ Dann stupste sie ihn spielerisch in die Seite. „Ich habe dir längst verziehen. Mach dir keinen Kopf – von meiner Seite ist alles vergeben und vergessen.“



Sie lächelte ihn mit diesem liebenswert frechen Ausdruck an, den er schon damals so bemerkenswert gefunden hatte. „Frieden?“ fragte Liriel aufrichtig und hielt ihm die Hand hin.

Inias sah erst überrascht aus, dann huschte ein sanftes Lächeln über sein Gesicht. „Frieden“, antwortete er und ergriff ihre Hand. Für einen Moment sah er in ihrem Lächeln das Gesicht seines Sohnes. Mit leiser Stimme murmelte er: „Wie die Mutter, so der Sohn…“

„Wie bitte?“ fragte Liriel, doch Inias winkte nur ab. „Es wird Zeit, dass ich gehe. Gute Nacht“, sagte er und verließ den Raum, ein kleines, beruhigtes Lächeln auf den Lippen.

 

Als Inias weg war, seufzte Liriel erleichtert und vergewisserte sich, dass sie allein war.
“Danke, dass du nicht eingegriffen hast.“, sagte sie in die Stille des Raumes.
Aus dem Schatten schälte sich ein Dämon und verneigte sich leicht vor Liriel.
“Ihr seid eine exzellente Kriegerin, ihr hättet ihn locker abwehren können. Aber ihr habt ihn gewähren lassen, also gab es keinen Grund für mich zu handeln. Außerdem hattet ihr einen Schutzzauber um eure Kehle, den Inias nicht bemerkt hat, ich aber schon.”, sprach der Schatten. Liriel ließ das so stehen und wechselte das Thema: “Du weißt aber, was du jetzt zu tun hast, oder?” “Natürlich, ich werde Balthasar berichten.” “Sag ihm, dass Inias ihn nicht mehr als reinen Feind sieht und dass er darauf achten soll, dass er ihn nicht wieder gegen sich aufbringt.”, erklärt Liriel und der Schatten verschwindet mit einem “Jawohl”.

Liriel ließ sich in den Sessel sinken und betastete ihren Hals. Langsam begann ihre Hände zu zittern. “Auch wenn ich mit dem Angriff gerechnet habe, so ist er nicht spurlos an mir vorbei gegangen.“, gesteht sich Liriel selbst ein. “Es ist nicht einfach, seine eigene Verteidigung so weit herunterzufahren, aber das Ergebnis war es wert.”

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