45 Indras Rückkehr

Mein ganzer Körper schmerzt und trotzdem schlepp ich mich weiter…
Ich spüre wie mit jedem Tropfen Blut das Leben aus mir heraus fließt …
„Die Stollen sind nicht mehr weit. Ich muss es nur bis dahin schaffen“
ist mein Mantra, was mich aufrecht hält.
Ich habe nicht mehr die magische Kraft mich in die Stollen zu teleportieren …
Allein der Versuch zu Teleportieren würde mich sicher umbringen.
Dann passiert es:
Meine Beine versagen mir den Dienst und ich stürze.
Ich versuche mich aufzurichten, doch mir fehlt die Kraft.
Mein Blick wird unklarer und alles verschwimmt vor meinen Augen.
Ich sehe noch einen Engel auf mich zukommen …
Ob er mir helfen wird? Wohl kaum, schließlich bin ich eine Dämonin …
Dann war da nur noch Schwärze … tiefe Dunkelheit
Das Erste, was ich wahrnahm, war die Wärme und die Weichheit, die mich umfing. Mein Körper tat immer noch weh, doch war der Schmerz jetzt erträglicher. Scheinbar hatte man mich doch noch gefunden. Langsam öffnete ich meine Augen und erstarrte als ich in die Augen eines Engels blickte. Meinem ersten Impuls folgend, versuchte ich mich zu erheben und zu fliehen. Doch mein Körper gehorchte mir nicht und ich schaffte es noch nicht mal mich aufzusetzen. Der Engel legt mir eine Hand auf die Schulter und spricht in sanftem Ton: „Alles ist in Ordnung. Du bist hier sicher. Balthasar wird gerade informiert und wird sicher bald dazukommen.“ Ich halte innen bei dem Namen meines Bruders. Meine Gedanken rasen und gleichzeitig bleiben sie stehen. „Schwester, beruhige dich. Araton ist ein Freund“, hörte ich eine Stimme und drehte mich zu dieser – es war ein Dämon mit den vertrauten Runen im Gesicht. Ich war verwirrt und unschlüssig schaute ich zwischen dem Engel und Dämonen hin und her. Sowohl Engel als auch Dämon schienen keinerlei Angst voreinander zu haben, im Gegenteil sie schienen vertraut miteinander. Der Engel blickte mich mit tiefer Sorge an, als würde er keine Dämonin sehen, sondern eine Kameradin. War ich gestorben und bin im Himmel gelandet? In einem Himmel, wo Engel und Dämonen miteinander leben? Ich war unfähig zu sprechen. War dies ein Traum? Der Engel legte mir vorsichtig und geradezu liebevoll die Hand an die Stirn. „Also, Fieber hat sie keins. Ich mache mir aber sorgen, dass ihr Kopf etwas abgekommen hat.“, meint der Engel zum Dämon und der Dämon antwortet: „Wir konnten keine Kopfverletzung feststellen, aber eine Gehirnerschütterung kann man nicht ganz ausschließen.“ Beide wenden sich wieder mir zu und schauen mich besorgt an. Zittrig und mit rauer Stimme sage ich: „ist das ein Traum?… Oder bin ich im Himmel?“ Beide, sowohl der Dämon als auch der Engel, scheinen zuerst überrascht über meine Worte, doch dann lächeln sie einfach nur sanft. „Schwester, du bist nicht am Träumen und auch nicht tot. Du bist in Kitary und Araton hat dich vor dem Dorf gefunden und dafür gesorgt, dass du Hilfe bekommst.“, erklärt mein Bruder die Situation. „Aber warum?“, frage ich nur verwirrt. Araton, wie der Engel heißt, schnaubt leicht beleidigt: „Als ob wir eine Schwester der 10. Legion im Stich lassen würden.“ Ich schaue ihn verwirrt an. „Schwester, es hat sich sehr viel getan in letzter Zeit. Das Dorf Kitary hat uns angenommen und lebt mit uns zusammen, Hand in Hand.“, versucht der Dämon zu erklären und ich habe das Gefühl vom Glauben ab zu fallen. „Überfordert die arme Frau doch nicht gleich!“, höre ich eine weibliche Stimme streng sagen und Mariel tritt in mein Gesichtsfeld. „Gibt ihr die Ruhe, um zu verstehen. Also raus mit Euch.“ Die Herren gehorchen widerwillig und erheben sich, um zu gehen. Zurück bleibe ich und Mariel. Ich kenne Mariel noch von damals, als sie sich um unserer Kinder kümmerte ohne zu wissen woher die Kinder kamen. „Mariel… ich…“, doch Mariel unterbricht mich sanft. „Werde erstmal gesund. Du hast uns einen ganz schönen Schrecken eingejagt. Du warst mehr als nur schwer verletzt, aber mit der Hilfe der Dämonenheiler konnten wir dich retten. Ich bin nur froh, dass Araton dich noch rechtzeitig gefunden hat. Jetzt solltest du dich ausruhen.“ Mit der Liebe einer Mutter deckt sie mich wieder zu. „Ruhe dich aus. Sobald du wieder Kraft gefunden hast, können wir reden. Es eilt nicht, wir haben Zeit. Du bist jetzt in Sicherheit und das ist die Hauptsache.“ Mariel dämmt das Licht etwas, sagt „Wenn du was brauchst, rufe mich.“ und schenkt mir noch ein aufmunterndes Lächeln bevor sie den Raum verlässt. Ich bleibe mit gemischten Gefühlen zurück – Verwunderung, Unglaube aber auch das Gefühl von Geborgenheit. Mir passiert hier nichts, das ist mir bewusst. Ich spüre wie eine tiefe Müdigkeit in mir hinaufkriecht. Ich werde etwas schlafen und mir dann alles ansehen. Ich kann es nicht fassen … ich liege in einem Bett der Engel und werde von ihnen umsorgt. Wie komisch dieser Gedanke sich anfühlt… und gleichzeitig so schön. Meine Augen werden schwer und ich wehre mich nicht gegen den heilsamen Schlaf.
Ich komme wieder zu mir und spüre, dass der Schlaf Wunder gewirkt hat. Es geht mir deutlich besser. Ich sollte vielleicht noch nicht zaubern oder mich anderweitig belasten, aber ich habe genug Kraft um aufzustehen. Ich setze mich auf die Bettkante, leichter Schwindel erfasst mich und vergeht wieder. Ich sehe ein Glass Wasser auf dem Nachtisch und trinke erstmal vorsichtig einen Schluck. Das Eiswasser tut gut und belebt mich richtig. Ich bleibe noch etwas sitzen, dann stehe ich vorsichtig auf. Nachdem das geklappt hat, beginne ich mit den ersten vorsichtigen Schritten und es gelingt mir. Ich gehe zur Tür und öffne diese vorsichtig. „Ich will wissen, wo ich hier bin“, denke ich und gehe vorsichtig auf den Flur. Niemand ist zu sehen, doch ich höre Musik von einem Raum kommend. Langsam gehe ich den Flur entlang und komme der Musik näher. Ich bleibe am Türrahmen der offenen Tür stehen, kurz geblendet von dem Licht, das den Raum füllt. Ich blinzle und dann seh ich etwas, was für mich wie eine Szene aus einem Traum erscheint: Ein heller Gemeinschaftsraum und darin sowohl Dämonen und Engel, die gemeinsam den Liedern einer kleinen Dämonin lauschen. Alle lauschen gebannt den Liedern, die von uns Dämonen erzählen und kein Engel stört sich daran – im Gegenteil! Die Engel und Dämonen feiern zusammen die Lieber. Ich sehe wie Dämonen neben Engel sitzen und mit einander feixen und lachen. Das kann doch nur ein Traum sein. Mir steigen Tränen in die Augen – Tränen der Freude. Ein leises „Indra ist dein Name richtig? Geht es dir gut?“, höre ich neben mir. Ich wische die Tränen weg und schaue in Mariels besorgten Augen. Ich antworte: „Ja, hatte nur was im Auge.“ Mariel lächelt, wird dann aber ernst: „Ich hoffe, dass wir dich nicht geweckt haben. Eigentlich müsste ich dich sofort ins Bett schicken, aber ich sehe, dass dein Herz hierbleiben will. Komm, leiste uns Gesellschaft. Aber danach geht es zurück ins Bett.“ Sie tritt an meine Seite, gibt mir Stabilität und geleitet mich zu dem Platz neben dem Bürgermeisterstuhl. Ich nehme vorsichtig Platz, Araton nickt mir zu und schenkt mir etwas zu trinken ein. Ich danke ihm und sofort wird mir von Mariel eine Platte mit Essen vorgesetzt. „Iss, damit du wieder zu Kräften kommst“, meint Mariel und eins ist klar, Mariel wird nicht ehr zufrieden sein bis ich etwas gegessen habe. Ich nehme einen Bissen und eine Träne rinnt mir über die Wange. Wie lange ist es her, dass ich etwas so Leckeres gehabt habe? „Alles in Ordnung?“, fragt Araton besorgt und fürsorglich. „Ja, es ist nur, dass ich schon lange nichts mehr so Leckeres zu essen hatte“, gestehe ich ihm. „Du musst nichts sagen. Werde erstmal gesund, dann kannst du immer noch erzählen was dir widerfahren ist. Balthasar wird uns sicher auch bald mit seiner Anwesenheit beehren. Er ist gerade in der Erzengelsitzung und unser Bote wird nicht zu ihm gelassen. Er wird dich sicher sehen wollen.“ Meine Augen weiten sich vor Angst, mein Herz rast: „Er ist vor dem Erzengelrat getreten? Woher weiß der Rat vom Ihm? Werden sie ihn anklagen und verurteilen?“ Ich spüre plötzlich eine sanfte Hand auf meiner Schulter. „Ganz ruhig. Er ist nicht dort, um gerichtet zu werden. Er hat seinen Platz als Teil des Rates angenommen und macht ihnen mehr die Hölle heiß, als sie ihm.“, meint eine weiche weibliche Stimme halb lachend und ich drehe mich zu ihr. Ich blicke in die sanften Augen von Uriel und ich zweifle an der Gegenwart. Uriel setzt sich neben mich und mir fällt ihre vorgeschrittene Schwangerschaft auf. Uriel lächelt mich sanft an und nimmt meine Hand in ihre. „Es ist viel passiert. Die 10. Legion hat sich dem Erzengelrat offenbart und ich erwarte Balthasars Kind. Doch noch ist die Vereinigung zwischen Dämonen und Engel noch nicht vollständig. Doch ich hoffe, dass Liriel und Balthasar zusammen es schaffen werden, dass es bald überall so wird wie hier in Kitary. Ich weiß nicht was dir widerfahren ist, aber du hast einiges verpasst. Wenn du willst, werde ich dir alles erzählen. Aber nicht heute, erstmal solltest du zu Kräften kommen. Genieße einfach den Abend mit uns und erhole dich. Es freut mich dich kennenzurlernen Indra.“ Uriels Lächeln so warm und voller Licht berührt meine geschundene Seele. „Danke. Ich freue mich auch dich kennenzulernen, Uriel.“ Sie drückt mir aufmunternd die Hand und lässt diese dann los. Ich habe das Gefühl, als würde die Welt Kopf stehen, doch ich begreife langsam, dass dies kein Traum ist, sondern die Realität. Ich wende mich wieder den Lidern zu und fange an zu realisieren, dass ich hier wirklich in Sicherheit bin, auch wenn ich von Engeln umgeben bin. Wer hätte gedacht, dass ich mal an einer Tafel der Engel sitzen würde, um mit ihnen Liedern zu lauschen? Hier ist keine Feindschaft zu spüren, sondern gegenseitiger Respekt und Vertrauen. Es fühlt sich so unwirklich an und doch ist es wahr. Ich atme tief aus – ich bin wirklich hier. Ich bin zuhause – einem neuen Zuhause, aber nicht allein.
Doch die Unsicherheit bleibt. Nach einer Weile wende ich mich an Uriel: „Uriel? Ist das alles real hier? Mir sieht man es an den dunklen Flügeln an, dass ich eine Ursprüngliche der Dämonen bin und doch hat weder Araton noch Mariel Angst oder Ehrfurcht vor mir. Sie behandeln mich, als wäre ich eine von ihnen. Es ist verwirrend, aber gleichzeitig auch schön. Und mit dir gehen sie genauso um. Dazu kommt noch dieses Gefühl der Gemeinschaft zwischen Engeln und Dämonen, das den Raum füllt. Auch wenn ich merke, dass ich in der Realität bin, so habe ich Angst, dass ich nur träume. Es scheint zu schön, um real zu sein.“ Ich habe es ausgesprochen … wird jetzt der Traum zerplatzen wie eine Seifenblase? Uriel sieht mich mit einer Mischung aus Fürsorge, Sorge und Ehrlichkeit an. Sie nimmt meine Hand in ihre und sagt: „Nein, Schwester, dies ist kein Traum. Hier in Kitary sehen wir die Zukunft, die wir erreichen können. Und was das Verhalten von Mariel und Araton betrifft, so waren die schon immer so. Sie beurteilen nicht nach Rang oder Macht, sondern wie man sich verhält. Die anderen Dorfbewohner haben sich stets ein Beispiel an den beiden genommen und dadurch ist die Gemeinschaft entstanden, die du hier siehst. Kitary ist echt, genau wie du und ich. Geh in dich und nehme wahr, was um dich ist und du wirst erkennen.“ Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf meine Sinne. Uriels warme Hände um meine eigene Hand. Der feste Stuhl mit dem Kissen darauf, auf dem ich sitze. Die reine Luft, die mit verschiedenen Gerüchen gefüllt ist – Essen, Karminfeuer und der Geruch von Engeln und Dämonen. Das mentale Netzwerk, wo mein dunkler Stern zwischen den hellen Sternen der Engel und den anderen dunklen Sternen der Dämonen ist. Ja, jeder Sinn sagt mir, dass das hier real ist. Ich atme tief aus. „Danke“, ist alles was ich zu Uriel sage, doch es liegt so viel in diesem einen Wort. „Gerne Schwester. Ich helfe dir immer gerne“, meint Uriel weich und ich lache auf: „Hätte mir jemals jemand gesagt, dass du, Uriel – das Licht in Person – zu mir Schwester sagen würde und es damit ernst meinst, ich hätte diesen jemand in die Heilanstalt geschickt, weil ich dachte, dass er verrückt sei! Aber hier sitzen wir tatsächlich zusammen und nennen einander Schwestern. Ich kann nur den Kopfschütteln und gleichzeitig fühlt es sich richtig an. Ich zweifle und gleichzeitig sehe ich das es real ist. Es ist verwirrend und ich weiß nicht wie ich darauf reagieren soll.“ Sie drückt mir aufmunternd die Hand. „Ja, es ist viel auf einmal. Aber keiner erwartet, dass du es von jetzt auf gleich verstehen kannst. Lass dir Zeit und genieße einfach die Sicherheit dieses Ortes.“ „Ich bin durch die schlimmste Hölle gegangen… doch jetzt werde ich mit dieser Wärme belohnt. Ich habe das Gefühl zusammenzubrechen und gleichzeitig spüre ich Heilung in meinem Herzen.“, flüstere ich und Uriel nimmt mich plötzlich in den Arm. „Es ist alles wieder gut. Du bist zuhause im Initium. Hier kann und wird dir niemand etwas tun.“ Uriels Worte lösen meine Tränen und ich lasse sie laufen. Ich weiß nicht, wie lange ich in Uriels Armen geflennt habe, doch danach ging es mir besser. Uriel gab mir Halt und ich nahm diesen an. Ich bin nach dem Heulen erleichtert, aber auch auf eine angenehme Art erschöpft. „Danke, Schwester“, bedanke ich mich und Uriel lässt mich los. Der Raum war still geworden und alle sahen mich mit Mitgefühl und Sorge an – Engel wie Dämonen. „Sorry, wollte die Stimmung nicht vermiesen“, sage ich. „Also ich wusste ja, dass manche meiner Lieder zum heulen schön sind, aber das sollte man doch nicht wörtlich nehmen!“, meint die kleine Dämonin scherzhaft und ich fange an zu lachen. In mein Lachen stimmen noch andere Stimmen ein und es wird gerufen: „Aknara! Du weißt, wie man die Stimmung hebt! Bitte sing weiter!“ Mit einem Lächeln singt Aknara ein rockiges Lied und alle feiern mit ihr. Mariel reicht mir unauffällig ein Taschentuch und ich bedanke mich. Ich trockne meine Tränen und bin einfach nur glücklich überlebt zu haben.
Plötzlich fliegen die Türen der Halla auf und Balthasar steht in der Türe. „Wo ist sie?“, donnert seine Stimme durch den Saal, bevor sein suchender Blick mich trifft. Ich atmete erleichtert aus – mein Bruder, mein Kommandant ist da. Er kommt auch sofort zu mir und fragt mich, wo ich gewesen war. Kurz flackern Bilder meiner Gefangenschaft in mir auf, doch ich dränge sie zurück. „In der Leere“, sage ich mit schwacher Stimme und erschaudere. „Du hast jetzt die Wahl, entweder du erzählst jetzt oder später. Doch bedenke, dass es später nicht einfacher wird. Mach es jetzt und du hast es hinter dir“, stellt er mich vor die Wahl. Seine dunkle und gebieterische Stimme beruhigt meine Nerven. Ich erzähle, was passiert ist, wobei meine Stimme fester klingt als sie eigentlich ist. Nach meiner Erzählung ordnet Balthasar ein weiteres Reinigungsritual durch Gabriel an. „Mariel, nicht böse nehmen, aber ich will auf Nummer sicher gehen und Gabriel das Reinigen überlassen. Indra, wir werden dich in Stasis versetzen, damit Körper und Seele heilen können. Du wirst eine scheiß Nacht haben“, meint Balthasar, wobei er den letzten Teil sanfter ausspricht und Uriel wirft ein: „Vielleicht solltest du einen von der 3. Legion um Unterstützung bitten?“ „Ich habe aber keinen Kontakt zu den Dritten …“, meint Balthasar: „Moment, ich habe doch eine Möglichkeit!“ Und schon verschwand er in einer Schattenwolke. Wohin? Nun, das weiß ich nicht, aber er wird mir Hilfe organisieren. Meinen Bruder gesehen und gehört zu haben, tut mir gut. „Indra, mach dir keine Sorgen. Wir werden dir helfen – gemeinsam“, versucht Uriel mich zu beruhigen. „Danke, aber ich habe keine Angst. Ich vertraue Balthasar, der weiß was er tut.“ Uriel lächelt zufrieden: „Dann ist ja alles gut.“




















































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