46 Uriels Tagebucheintrag vom Spaziergang im Statuenpark

Liebes Tagebuch,

heute schreiben wir den 04.02.04-I-II und mein Date mit Balthasar ist leider anders als erhofft verlaufen. Aber ich will dir von Anfang an erzählen.

Ich bin voller Vorfreude zu Balthasars Büro in den Stollen gegangen und war auch etwas stolz darauf, dass ich mich in den Stollen nicht verlaufen habe und nur wenig Hilfe gebraucht habe, um das richtige Zimmer zu finden. Als ich anklopfte, konnte ich es kaum erwarten und wartete nicht auf ein “herrein”. Balthasar maßregelte dies direkt mit “ob ich keine Manieren habe”. Ich konnte nur die Augen rollen und ratterte die Etikette herunter, was er mit einem “Zumindest weißt du wie es richtig ist” quittierte. Ich ließ mir meine gute Laune nicht nehmen und fragte ihn, wie es ihm geht. Es ginge ihm besser, seitdem Indra jetzt ruhig schläft und ich erkundigte mich nach ihrem Zustand. Um Indras seelische Verletzungen zu heilen, wechselten sich 6 hochrangige Dritte ab, um ihre Träume und Erinnerungen zu beaufsichtigen und um zu helfen bei der Verarbeitung. Doch jetzt würde sie ruhig schlafen und die Dritten haben sich zurückgezogen, um sich selbst zu erholen. Ich fragte Balthasar, ob er sich den Nachmittag frei nehmen könne und er antwortete: “Kommt drauf an, was mein Rekrut Kael noch so anstellt und ob er seine Bestrafung widerstandslos annimmt,” Es stellte sich heraus, dass Kael Balthasar einen Streich spielen wollte, indem er einen Fisch in die Nähe von Balthasars Schlafgemach versteckt habe. Doch Kael würde erwischt und darf jetzt zur Strafe den gesamten Flur putzen. Kael nahm seine Strafe widerstandslos an und wir konnten uns auf den Weg nach Crystalbell machen. Dazu brachte mich Balthasar in einen Raum mit vielen Türen, der nur zu betreten war, wenn man einen bestimmten Code anwendete. Der Portalraum war von seiner Hexenmeisterin entworfen und jede Türe führte in eine andere Stadt oder Dorf. Balthasar meinte noch, dass die Hexenmeisterin ihn gesagte habe, dass er das Portal nach Cystalbell nicht nehmen sollte, weil das gefährlich sei, doch Balthasar ließ sich davon nicht abhalten und ging voraus. Ich folgte ihm und sah noch einen schwarzen Umhang an mir vorbeihuschen nach draußen. Als ich mich umsah, sah ich auch den Grund fürs Balthasars schnelle Schritte – wir standen in der Umkleide der Frauen eines Badehauses. Er hatte Glück, es war keine Dame vor Ort. Draußen traf ich ihn wieder – er schien nicht begeistert über den Streich der Hexenmeisterin. “Das ist nicht lustig”, sagte er, als er mich schmunzeln sah. Ich feixte mit ihm und sagte ihm, dass ein Lächeln ihm bestimmt auch mal stehen würde. In Anflug von überschwänglichen Übermut nahm ich meine Finger, legte ihm diese in die Mundwinkel und zog ihm diese zu einem Lächeln hoch. Es sah etwas komisch aus. Ich bestätigte ihm, dass seine Muskeln wohl wirklich zu ungeübt fürs Lächeln seien, und beließ es dabei.



Zusammen gingen wir zum Statuenpark – unser Ziel für heute. Ich holte uns jeweils ein Ticket und wir betraten den Park gemeinsam. Beim Durchschreiten des Parkes hakte ich mich bei ihm ein und zeigte ihm die schönen Statuen. Wir redeten zunächst über Belangloses. Doch schnell wurde es interessanter. Ich fragte ihn, welches Tier ich wohl in seinen Augen sei und er antwortete – Lowin, denn ich sei elegant und gefährlich, wenn es darum geht, die ihrigen zu schützen. Ich sagte: “Wenn ich eine Lowin bin, dann bist du ein schwarzer Panter. Perfekt im Schleichen und geheimnisvoll.” Er meinte daraufhin, dass er nicht so geheimnisvoll wäre und dass jeder, der lesen kann, ihn durchschauen könne. Aber die meisten haben verlernt zu lesen. Ich forderte ihn auf, dass er es mir doch beibringen möge. Denn ich würde gerne das “Buch” Balthasar gerne verstehen können. Balthasar gab zu, dass dies nicht so einfach zu lehren sei und dass man das nur selbst lernen könne. Ich weiß nicht mehr wie genau, aber wir kamen danach auf das Thema Liriel und uns wurde bewusst, dass Liriel der einzige geborene Engel ist, der nicht seine Legion wählen konnte, sondern für den gewählt worden ist. Alle anderen Engel durften sich ihre Legion wählen, nur sie nicht. Wer weiß, vielleicht ist Liriel ja der Grund, warum Engel selbst entscheiden dürfen und nicht eingeteilt werden. Aber dass Balthasar dies vor dem Ewigen anfechten will, zeigt einerseits seine beschützerische und gerechte Vaterseite, aber auch, dass er weniger Ehrfurcht vor dem Ewigen hat als andere. Ob das gut oder schlecht ist, vermag ich nicht zu sagen. Wir wechselten das Thema und ich redete darüber, dass ich mich schon auf die Herausforderung unseres Kindes freue. Balthasar bemerkte daraufhin, dass ich, wenn ich von unserem Kind spreche, oft den Maskulin verwenden würde. Da bin ich wohl ertappt worden und ich offenbarte ihm, dass er einen Sohn bekommen würde. Doch ich hatte eine andere Reaktion von ihm erwartet, als sein ungerührter Kommentar “Jungs sind einfacher”. Ich fragte sogar nach, ob er sich etwa lieber ein Mädchen gewünscht hätte. Doch er verneinte. Mädchen seien anstrengender. Seine Antwort war kalt und berechnet, was mich schmerzte. Ich hatte erwartet, dass er sich ernsthaft freuen würde über diese Nachricht, aber ich lag wohl falsch. Allgemein war er sehr zurückhaltend und kühl in seiner Ausstrahlung. Ja, er war da, doch hatte ich das Gefühl, ihn nicht wirklich zu erreichen.



Ich fragte ihn, ob er sich für unseren Sohn denn Zeit nehmen könne, damit er die wichtigen Dinge auch miterleben könne – zum Beispiel sein erstes Wort. “Ich werde mir Zeit nehmen. Schließlich habe ich es auch bei unserer Tochter getan”, war seine Antwort und stimmte mich etwas fröhlicher. Er fragte mich, ob ich noch wisse, welches Wort Liriels erstes war. Natürlich weiß ich es! Was denkt Balthasar da nur von mir? Ihr erstes Wort war “Dada”, doch Balthasar korrigierte mich, dass es “Danu” gewesen sei. Denn er habe Liriel die Geschichte der Fae und der Göttin Danu kurz vorher vorgelesen, als ich vor Erschöpfung eingeschlafen war. Ich beließ es dabei, auch wenn es wirklich “Dada” war. Denn ich erinnere mich noch genau an diese Situation. Ich hatte Liriel in meinen Armen und machte faxen, damit sie lächelte. Sie lachte, dann sah sie mir über die Schulter und sagte “Dada”, Ich drehte mich damals um, doch da war niemand. Heute weiß ich, dass Balthasar wohl in der Nähe war und er mit “Dada” gemeint war.

Aber zurück zu dem, was im Park passiert ist. Balthasar offenbarte mir zudem, dass er sich mal als Personal bei mir eingeschlichen habe, um mir eine Lektion beizubringen. Ich hatte Streit mit meiner Zofe, weil sie sich nie abmeldete und nie um Erlaubnis fragte. Dann kam Soriel, der sich noch nicht mal ohne Erlaubnis die Schuhe zubinden konnte. Soriel war in Wirklichkeit Balthasar gewesen, der mir beibringen wollte, dass Eigenständigkeit auch wichtig sei. Er brachte mich dazu, mich bei der Zofe zu entschuldigen und mehr Verständnis ihr gegenüber aufzubringen. Am Ende lernte nicht nur ich, sondern auch meine Zofe Kathriel uns auf ein gesundes Maß zu einigen. So viel zu dieser Anekdote aus unserer Vergangenheit.

Balthasar und ich redeten weiter und ich stellte fest, dass er vor allem von der Pflicht geleitet wird. Ich fragte mich, ob es auch seine Pflicht gewesen sei, mich damals zu verführen und sprach es auch aus. So ausweichend wie Balthasar reagierte, muss wohl was daran sein. Ich bin ihm nicht böse deswegen – wir alle haben unsere Pflicht zu erfüllen. Doch der Gedanke, dass er auch jetzt nur aus Pflichtgefühl sich mit mir trifft, weil er Verantwortung übernimmt, schmerzt. Die Verantwortung für mich als werdende Mutter und dem Kind gegenüber, meine ich. Er ist nur hier, weil ich seine Gesellschaft wollte und er den Wunsch einer werdenden Mutter nicht ablehnen kann, zumal weil er der Vater ist und er es nicht ausstehen kann, wenn Väter sich nicht kümmern. Alles läuft bei ihm auf Pflichtbewusstsein heraus . Nie handelt er aus eigenem Antrieb oder Vergnügen und das macht mich traurig. Ich hatte gehofft, dass da mehr ist als nur kaltes Pflichtbewusstsein, doch ich muss es einsehen.



Man muss mir meine Trauer angesehen haben, denn Balthasar fragte nach, was los sei. Ich sagte ihm, dass ich gerade enttäuscht bin. Dass ich mir selbst was vorgemacht habe und nun nicht mehr meiner eigenen Täuschung unterliege. Wir führten eine Diskussion darüber, ob er wirklich nur aus Pflichtbewusstsein bei mir gerade ist und ob er sich wirklich auch amüsieren würde. Ob er überhaupt weiß, was amüsieren bedeutet. Balthasar argumentierte, dass er sogar ab und zu ins Theater gehe, um sich zu amüsieren – natürlich nicht offen, sondern als Inhaber des Theaters verkleidet. Doch seine Worte waren dabei so kalt und ausdruckslos, dass man meinen könnte, dass er keine starken Emotionen habe. Ich weiß nicht, was ich denken soll. Wenn ich ihn so hier sehe, wie er kalt argumentiert, frage ich mich, ob er wirklich derselbe Mann ist, der mich mit seiner Leidenschaft verführt hat, vor so vielen Jahrmillionen.

Ich erinnere mich noch gut an seine leidenschaftlichen Küsse, die mir die Sinne raubten, doch jetzt steht er hier vor mir, argumentiert und ist mir so fern. Kein einziges Mal heute hat er meine Hand genommen oder anders angedeutet, dass er den Augenblick mit mir genießt. Seine Körpersprache ist die eines Bodyguards, der seine Pflicht erfüllt und auf mich Acht gibt. Aber ich sehne mich nach den Mann zurück, der mich begehrt und dem ich wichtig bin, nicht nur weil ich sein Kind in mir trage. Dem Mann, der mich leidenschaftlich geküsst hat, als würde sein Leben davon abhängen und mir all die Jahre treu gewesen ist. Aber scheinbar erlag ich da einem Trugschluss und habe in die Küsse mehr interpretiert als es wirklich war.

Meine Niedergeschlagenheit schien mir angesehen zu werden, denn Balthasar wechselte das Thema. Wir redeten über andere Welten, insbesondere über die Würfelwelt, die ihre ganz besonderen Naturgesetze hat. Plötzlich sagte Balthasar, dass er noch einen Termin habe. Er hielt mir die Hand hin und ohne zu Zögern nahm ich seine Hand. Er teleportieren uns in eine Welt des Iriels, um in einem Laden für Spielzeuge einzukaufen. Ich verstand nicht recht, was wir hier wollten, doch er besorgte mir ein Notizbuch, Stift und ein Würfelset, was ich später noch brauchen sollte. Ich war zwar neugierig, aber auch nervös. Schließlich ist es eigentlich untersagt, dass eine Schwangere das Initium verlässt – aus Sicherheitsgründen. Aber ich habe Balthasar an meiner Seite, da wird schon nix passieren, so hoffte ich und zum Glück kehrten wir nach dem Einkauf auch sogleich ins Initium zurück. Als ich in den Stollen der 10. Legion ankam, atmete ich erleichtert aus. Balthasar nahm mich mit in den Gemeinschaftsraum und sein Termin erwies sich als Pen-and-Paper- Spielrunde einiger Kinder heraus, woran wir teilnahmen. Ich hatte Spaß beim Spielen und die Kinder waren echt super im Erklären, sodass ich das Spiel auch verstand. Mein Charakter flirtete Balthasars Charakter an und Balthasar meinte, mich erinnern zu müssen, dass wir beide weibliche Charaktere spielen. Ich sagte dazu nur, dass es angeblich auch Liebe unter Frauen geben soll. Doch sollte er meine wahre Absicht mit den Flirts nicht erkennen – ihm zeigen, was ich mir an Flirts wünschen würde. Denn ich verhielt mich mit meinem Charakter so, wie ich es mir wünschen würde, dass Balthasar mit mir umgehen würde. Wenn ich schon nicht im realem Leben Leidenschaft und Liebe haben kann, so erspiele ich es mir zumindest ein wenig.



Ob Balthasar jemals durchblicken wird, dass ich ihm mit diesem Spiel gezeigt habe, was ich will? Wer weiß, was in seinem Kopf vorgeht. Er glaubt, er kenne mich in und auswendig aufgrund seiner Beobachtungen, doch er sieht nur die Spitze des Eisberges.

Auf jeden Fall bedankte ich mich bei den Kindern fürs Spiel und wurde eingeladen, mal wieder mitzuspielen, was mich sehr freute. Meine Verabschiedung war etwas distanziert und ich bedankte mich höflich für den schönen Tag. Ohne weitere Worte ging ich nach Hause und Balthasar hielt mich auch nicht auf. Jetzt sitze ich hier in meiner Wohnung und schreibe diese Zeilen. Mir blutet immer noch etwas das Herz, aber ich kann nix daran ändern. Ich erwarte wohl wieder zu viel von Balthasar und unsere Beziehung zueinander, wenn man das überhaupt Beziehung nennen kann. Aber es wird Zeit, zu Bett zu gehen, ich bin müde und sollte mich ausruhen. Also, gute Nacht.

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