50 Ein klärendes Gespräch

Liebes Tagebuch,

heute ist der 09.02.04-I-II und ich konnte mich mit Balthasar etwas aussprechen.
Ich war gerade in der Küche, um mit Mariel das Abendessen vorzubereiten, als Balthasar in die Küche kam und wir ins Gespräch kamen. Zunächst redeten wir über das in zwei Tagen stattfindende Fußballspiel zwischen Kitary und der 10. Legion. Dass ich das Kitary Team als Trainerin beaufsichtige, überraschte ihn und gleichzeitig war er etwas beunruhigt, ob das nicht zu viel Aufregung für eine Schwangere wäre. Also wirklich! Natürlich darf ich Spaß haben und mit einem Spiel mitfiebern. Nur weil ich schwanger bin, muss ich mir doch nicht alles entsagen. Es ist ja nicht so, als würde ich selbst auf dem Feld sein und mitspielen. Aus sicherer Entfernung werde ich mein Team anfeuern. Die Jung-Engel sind fleißig am Trainieren und freuen sich schon riesig. Balthasar meinte, sein Team würde sehr dreckig spielen und man einen unabhängigen Schiedsrichter bräuchte. Ein Stein-Schere-Papier- Spiel entschied darüber, aus welcher Legion der Schiedsrichter sein sollte. Ich hatte für 7. Legion gestimmt und Balthasar für die 4. Legion – es wird die 4. Legion. Nachdem das geklärt war, forderte Balthasar mich auf, ihm meine linke Hand zu geben. Er packte liebevoll meine bandagierte Hand aus und versorgte den Schnitt mit einer Salbe. Ich hatte mich beim Apfelschälen geschnitten. Balthasar fragte nach dem Grund meiner Verletzung und ich gab zu, dass ich unaufmerksam gewesen war. Dass ich vor lauter Liebeskummer momentan kaum klar denken kann, sagte ich ihm nicht. Doch Balthasar fragte nach, was mich derartig beschäftigen würde und ich gab zu, dass er und unsere Beziehung zueinander es wären, die mich beschäftigten. Mariel fragte, ob wir nicht einen anderen Ort für unser Gespräch wählen wollen würden, damit sie hier weitermachen kann. Balthasar sagte, dass er sich ums Essen kümmern würde und sie ruhig gehen könne. “Es beruhigt meine Nerven, etwas zu tun zu haben”, meinte Balthasar und fing an Kartoffeln zu schälen. “Das überrascht mich, dass du Beruhigung brauchst.”, sagte ich und gesellte mich zu ihm, um zu helfen. Während des Kochens redeten wir. Ich beschwerte mich über seine kalte, distanzierte Art und nannte meinen ersten Besuch in den Stollen als Beispiel, wo er mich als Kommandanten behandelt habe und nicht als die Frau Uriel. Balthasar behauptete daraufhin, dass er keinen Kommandanten in die Stollen geführt hätte. Dass ich die Stollen besuchen und mein Gedächtnis behalten dürfte, wäre ein großer Vertrauensbeweis seiner Seite. “Du bist tiefer in die Schatten vorgedrungen als jemals ein Licht-Engel zuvor.”, meinte Balthasar. Doch ich hatte das Gefühl, dass Balthasar noch immer nicht verstand, was mich störte und ich versuchte erneut die Gefühle in Worte zu fassen – was sehr schwierig ist. Ich nannte ihm auch, dass er keinerlei Freude gezeigt habe, als ich ihm gesagt habe, dass er einen Sohn bekommen würde. Er sagte zwar, dass er sich sehr freuen würde – egal ob Junge oder Mädchen – doch nichts an seiner Körpersprache oder seiner Stimme zeigte das. Doch dann machte Balthasar einen kleinen Scherz darüber, dass er noch nicht wisse, welche Holzeisenbahn er unserem Sohn schenken soll und für einen kurzen Augenblick lächelte er sogar. Das war es, was ich suchte, einen kleinen Beweis, dass er fühlt und nicht nur kalte Pflicht ist.



 

Mir fielen die Nadelstiche in seinen Fingerspitzen auf und ich fragte ihn danach, nachdem ich ihm eine Handcreme gereicht habe. Er machte ein Ratequiz daraus, doch am Ende sollte ich erfahren, was es damit auf sich hat. Balthasar ist wieder am Sticken und Nähen. Um genau zu sein, näht er eine Erinnerungsdecke – auf der in kleinen Bildern das Leben einer Person darstellt wird. Damals war eine dieser Decken bei mir aufgetaucht und zeigte Liriels Leben. Zudem würde diese wie durch Zauberhand immer größer und neue Bilder kamen dazu. Jetzt weiß ich, dass Balthasar diese anfertigt – ein Zeichen seiner Liebe zu seiner Tochter. Er erklärt, dass die Schatten ihre Liebe durch Taten zeigen würden und gibt zu, dass er Fehler gemacht habe. Zum Beispiel, dass Liriel ihn verleugnen musste und dass er sich nicht gut genug um mich gekümmert habe. Er hat zwar immer auf mich und meine Gesundheit geachtet, aber nicht wie es mir gefühlsmäßig gehen würde. Ich sagte, dass Fehler zum Leben dazugehören und dass man daraus lernen kann. Und als er fragte, was ich mir von ihm wünschte, antwortete ich: “Du bist immer um mich herum, doch kommst mir nie näher – hälst immer den höflichen Abstand ein. Genau wie es Aknara in ihrem Lied singt – Nimmst nie meine Hand.” “Ich wusste nicht, dass ich das darf. Du hast mir nie die Erlaubnis erteilt.”, war Balthasars Antwort darauf und ich erwiderte: “Wenn du unbedingt eine Erlaubnis brauchst, dann sei sie dir hiermit erteilt.” Ich sah ihn neugierig an, doch von ihm kam nichts. Innerlich seufzte ich und sah zu wie sich Balthasar weiter um das Essen kümmerte. Dieser Idiot. Hallo, wir hatten Sex, da darf man doch auch mal die Hand nehmen oder einander näher kommen. Dass Balthasar noch auf eine Erlaubnis wartet, um mir näher zu kommen als der höfliche Abstand, ist wirklich seltsam, um es diplomatisch zu äußern. Zudem ist es frustrierend, aber gut – Ich soll mich ja nicht aufregen.

 

Das Essen war auch gleich fertig – es wurde mein Lieblingseintopf. Balthasar hatte extra Eiskraut dazu gegeben – ein Kraut, welches wir in unseren Anfängen gefunden haben und nur selten heute noch verwendet wird. Ich mag Gerichte mit diesem Kraut, weil sie mich an früher erinnern. Es ist wirklich süß, dass er mein Lieblingsessen gekocht hat. Er weiß wirklich viel über mich, doch ich kenne ihn kaum. Mir wird wieder dieses unfaire Ungleichgewicht bewusst. Er hatte Jahrmillionen über Zeit mich zumindest aus der Ferne kennenzulernen und ich kenne ihn noch nicht mal ein Jahr. Aber es ist wie es ist. Nicht nur Balthasar hat viel zu lernen, ich habe es ebenso viel. Bevor Balthasar wieder ging, sagte er, er habe etwas für mich in meinem Zimmer und verschwand. Als ich dann in mein Zimmer kam, staunte ich nicht schlecht, denn über meinem Bett und dem Boden lag eine riesige Erinnerungsdecke, die mein Leben wiedergab. Ich strich über die Bilder und spürte die Liebe in jedem Nadelstich. Er liebt mich wirklich sehr, auch wenn er es nicht direkt zeigen kann. Ich frage mich, ob ich mit dieser “kalten” Art zu Lieben zurecht kommen werde. Klar, ich sehe, dass er mich liebt in seinen Taten, doch mir fehlt die Nähe zwischen uns – körperlich wie emotional. Aber vielleicht hat ja das Gespräch von heute ja etwas bewirkt, Mir bleibt nur zu hoffen, dass dem so ist.



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