Arcane Crime Series Teil 1

1.

Ich kniete im Dreck und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Meine Finger vergruben sich hilflos im aufgeweichten Boden, während mir der bittere Geschmack von Salz, Galle und fauligem Holz den Hals hinaufstieg. Der Gestank hing so schwer in der Luft, dass er sich in meine Haut fraß, in meine Kleidung, in meine Gedanken. Jeder Atemzug war eine Prüfung, jedes Schlucken ein Kampf gegen den nächsten würgenden Krampf.

Der Wind wehte vom Wasser her, kalt und unerbittlich, und trieb mir die abgestandene Luft der Gasse entgegen und mit ihr diesen süßen, unerträglich warmen Leichengeruch, der meine Eingeweide zusammenzog. Hinter mir bewegte sich etwas unter den Planken, ein kleines, feuchtes Rascheln, gefolgt von diesem weichen Knacken, das mir längst unter die Haut kroch. Ratten. Sie hatten gefressen, während ich noch im Bett lag, während der Himmel schwarz gewesen war. Seit Stunden, vielleicht seit Tagen.

Mir drehte sich der Magen wie ein verfluchter Segler, der im Sturm die Segel verloren hatte. Aber es war nicht der Tod selbst, der mich in die Knie zwang. Das war ich gewohnt oder sollte es zumindest sein. Nein. Es war das Geräusch. Dieses Schmatzen, dieses Knacken, das mir keine Chance ließ, mich an den Anblick zu gewöhnen. Es kroch mir ins Ohr, ins Gedächtnis, als würde es dort Wurzeln schlagen und nie wieder gehen.

Ich wischte mir den Mund ab, verteilte dabei mehr Schmutz als Erleichterung im Gesicht, und schaffte es gerade, ein halbwegs kontrolliertes Zittern zu unterdrücken, als hinter mir dieses abfällige Kichern ertönte.

»Na, Kael, was hast du denn gemacht? Kriegst du ein Baby, oder warum kotzt du hier um?«

Seine Stimme schabte mir über den Nacken wie der stumpfe Rand eines Messers. Ich konnte ihn fast spüren, wie er nähertrat, nicht aus Sorge, denn ein hartgesonnener Hilfspolizist wie Fenric spürte keine Sorge, sondern weil er zusehen wollte, ob ich mich noch einmal übergeben würde. Die meisten Dunkelelfen waren zu stolz, um Anfängern Schwäche zuzugestehen. Aber Fenric war anders. Und mein Kollege hier, der hoffte nur darauf, dass ich im Dreck landete, damit er später etwas zum Lachen hatte.

Ich atmete scharf durch die Zähne, schmeckte Blut in meinem Mundwinkel, wahrscheinlich krampfhaften Zusammenbeißen meiner Zähne, und kämpfte mich wieder auf die Knie. Das Brennen in meiner Kehle zog sich wie ein heißer Draht in die Brust, und für einen Augenblick fragte ich mich, ob es jemals leichter werden würde, ob ich mich an diesen Job gewöhnen würde. An den Tod, an die Gerüche, an die Art, wie die Stadt ihre Geheimnisse in Winkel presste, in die kaum ein Lichtstrahl fiel.



Ich ignorierte ihn. Oder ich versuchte es zumindest. Seine Stimme klebte mir im Nacken wie feuchter Rauch, aber ich zwang mich, nicht darauf zu reagieren. Drei Monate war ich hier. Drei mickrige Monate. Und schon kniete ich vor einem Körper, den die Ratten schneller angenommen hatten als irgendein Priester, irgendein Verwandter, irgendeine Seele, die für ihn hätte beten können.

Mein Dienst war kaum angetreten, frisch von der Akademie, stolz wie ein aufgepumpter Hahn, der dachte, er hätte die Welt verstanden. Ich war hergekommen, um Ordnung zu bringen, um die Gesetze hochzuhalten, um etwas zu verändern. Und jetzt lag ich hier im Dreck, mit zitternden Armen und einem Magen, der Geräusche machte, die ich nicht einmal von Tieren kannte. Geräusche, die nicht zu einem Polizisten passten. Nicht zu einem Dunkelelfen. Nicht zu jemandem, der hoffte, jemals respektiert zu werden.

Um mich herum erstreckte sich das Hafenviertel, so trostlos wie immer. Eine dieser riesigen Holzkasernen ragte neben uns auf. Ein unförmiger Klotz aus rohen Balken, notdürftig zusammengezimmert, das Holz vom Salzwasser geschwärzt und an den unteren Rändern aufgequollen. Die Fenster waren unbeleuchtet, manche eingeschlagen, die Tür hing schief in ihren Angeln. Nichts an diesem Ort versprach Schutz oder Ordnung. Alles roch nach Vernachlässigung, nach Fäulnis und nach Dingen, die lieber unausgesprochen blieben.

Der Boden unter meinen Knien war eine Mischung aus Schlamm, kaltem Brackwasser und abgestandenen Ölflecken. Jeder Schritt, jeder Atemzug brachte neue Rinnsale zum Vorschein, die sich zwischen den Kopfsteinen sammelten oder in den Rissen der Planken verschwanden. Aus den Schatten unter den Holzverschlägen drang das Kratzen kleiner Krallen. Ratten, ganze Nester, die seit Jahren mit dem Hafen lebten, als wäre es ihr Reich und nicht unseres.

Das scharfe Schnauben von Pferden zerschnitt die Stille. Ein kurzer Ruck, Leder spannte sich, Metall klirrte. Die Zäume, die Geschirre, der Rhythmus einer Kutsche, die viel zu gepflegt war für diesen Teil der Stadt. Feuchtes Kopfsteinpflaster knirschte unter schweren Reifen. Das Geräusch wirkte fast fehl am Platz, als würde ein fremder Takt durch ein schmutziges Lied dröhnen. Ich erkannte dieses Auftreten. Dumpf. Regelmäßig. Autoritär. Stiefel, die wussten, wem sie gehörten. Ich wusste, wer das war, noch bevor er in mein Blickfeld trat. Diese überheblichen, langen Schritte, die immer klangen, als würde jemand versuchen, die Erde selbst zurechtzurücken, weil sie seiner Meinung nach falschlag. Ich musste nicht hinsehen, um zu wissen: Inspektor Vaelor Darrin war angekommen.



Er war einer der höheren Elfen. Sohn eines Diplomaten, Enkel eines Kommandeurs, Liebling irgendeiner Götterlinie, die sich sicher war, dass sie mit goldenen Löffeln statt mit Händen geschaffen worden war. Ein Mann, der sich nicht nur für besser hielt, sondern für selbstverständlich besser, als wäre seine Überlegenheit eine Naturgewalt, die niemand anzuzweifeln wagte. Seine blonden Haare waren selbst zu dieser frühen Stunde einwandfrei in Form gebracht. Manchmal lästerten die Kollegen darüber, dass er wohl einen eigenen Friseur beschäftigte.

Und ich? Ein Dunkelelf im Streifendienst. Keine glänzende Abstammung, kein alter Name, keine Macht im Rücken. Nur ein Rekrut, der froh sein konnte, dass man ihn überhaupt durch die Akademie gelassen hatte. Jemand, der die Regeln studierte wie Gebete und trotzdem immer spürte, wie weit oben die Elfen ihre Messlatte hielten. Hoch genug, dass wir nie drankamen.

Vaelor würdigte mich keines Blickes. Natürlich nicht. Er hatte schon bei meinem Amtseintritt klar gemacht, dass er von Dunkelelfen nichts hielt.

Er stapfte an mir vorbei wie an einem undefinierbaren Fleck Schmutz, den der nächste Regen schon beseitigen würde. Der Saum seines Mantels streifte beinahe meine Schulter. Immerhin schubste er mich nicht in den Dreck, aber das war nur ein schwacher Trost.

Er beugte sich über die Leiche und machte ein Geräusch, das irgendwo zwischen einem Schnaufen und einem abfälligen Lachen hing. Dieser Ton, der jedem in der Einheit sofort klar machte, dass er nicht nur urteilt, sondern verurteilt. Er brauchte keine Worte dafür. Es lag alles in der Art, wie seine Lippen sich verzogen, wie sein Kopf leicht schräg fiel, als würde selbst der Tote ihn enttäuschen.

»Ihr habt ihn angefasst?«, fragte er, ohne sich umzudrehen.

Die Frage war eine Klinge. Sie galt niemandem und gleichzeitig jedem, und doch fühlte ich sie direkt gegen meine Schläfe schlagen.

Ich wischte mir mit dem Ärmel über den Mund, schmeckte noch immer Salz und Galle, und kämpfte mich auf die Beine. Meine Knie protestierten, der Gestank drang mir wieder in die Nase, aber ich zwang mich, nicht erneut zu würgen.

»Mein Kollege, feige wie immer, wenn Vaelor in Hörweite war, zog sich hastig zurück. So hastig, dass seine Stiefel im Schlamm schmatzten, als befürchte er, allein schon neben mir verdächtig auszusehen. Als würde er nicht hierher gehören, wenn der Kommandant beschloss, jemanden vor versammelter Mannschaft zu vernichten.



Ich blieb stehen. Weil man als Dunkelelf nicht weglief, wenn ein Elf einen ansah. Weil man lernte, den Blick zu senken, aber den Rücken gerade zu halten. Und weil ich wusste, dass jede Regung zu viel schon ein Fehler war.

»Nein, Herr Kommandant«, brachte ich hervor, meine Stimme immer noch rau vom Brechreiz. Ich räusperte mich, doch das Kratzen blieb. »Wir haben lediglich den Tatort gesichert und Sie sofort informiert.«

Hinter mir schnaubte mein Kollege leise, kaum mehr als ein freches Aufatmen, das er bestimmt für clever hielt.

»Er scheint nicht begeistert zu sein«, murmelte er. »So früh steht der normalerweise nicht auf. Schon gar nicht wegen eines Arkanen, der unter seinem Stand ist.«

Natürlich hörte Vaelor es. Vaelor hörte immer alles. Er war einer dieser Menschen—nein, Elfen—deren Gehör wie ein gespannter Draht war: jedes Flüstern, jedes Zögern, jede Regung nahm er wahr. Und doch tat er wie gewohnt so, als stünde niemand außer ihm selbst in diesem Hof. Als gehörten Stimmen, die nicht die seinige waren, zum Hintergrundrauschen eines unbedeutenden Tages.

Er beugte sich über die Leiche, nicht mit Anteilnahme, sondern mit einer gelangweilten Präzision, als prüfe er, ob der Tote wenigstens noch für einen schlechten Eindruck taugte. Der Rand seines Mantels streifte erneut meine Schulter, ein flüchtiger, kalter Hauch von zu feinem Stoff an zu schmutzigem Ort, und wie immer ignorierte er mich, als wäre ich ein Teil der Feuchtigkeit, die aus den Ritzen des Hafens kroch.

Ich zwang mich, nicht zu nah bei der Leiche zu stehen. Meine Knie wackelten, als hätte der Gestank selbst sich darin festgesetzt. Ich wischte mir erneut unauffällig über den Mund, doch der saure Geschmack blieb im Hinterkopf wie ein Echo, das nicht verschwinden wollte. Der Gestank und das Bild, welches ich hier vorgefunden hatte, hing zwischen den feuchten Mauern, dick und schwer, wie ein schlechter Gedanke, der sich in jede Ritze drückte und den man nicht abschütteln konnte.

Wir befanden uns hinter dem großen Registrierhaus, diesem unförmigen, hölzernen Klotz, der direkt an den Kai gesetzt worden war. Hier wurden die Arkane aus den ankommenden Seglern aufgereiht – nass, müde, verängstigt –, bevor man sie irgendwo in der Stadt verteilte.



Die neuen Hafenanlagen hatten die Schiffe schneller und größer gemacht, monströse Gebilde voller Seile, Segel und fremder Stimmen. Jeden Tag spuckten sie mehr Menschen aus, mehr Beine, mehr Flossen, mehr Federn und Schuppen, als der Kai überhaupt tragen konnte. Die Gassen quollen über, das Holz ächzte unter der Last, und die Luft vibrierte vor Unruhe. Steenhaven war eine aufstrebende Handelsstadt, doch mit dem Geld der Händler, kamen auch Gesindel und Krankheiten.

Jetzt, am frühen Morgen, war es noch still, doch selbst diese Stille war trügerisch.

Sie hatte etwas Erwartungsvolles. Etwas Bedrückendes. Etwas, das mir sagte, dass dieser tote Dschinn nicht das letzte Problem sein würde, das wir in diesem Hafen hatten.

Hier, im Schatten des Lagerhauses, war von all dem kaum etwas zu hören. Der Lärm des Hafens, die Rufe der Seeleute, das Kreischen der Möwen, das Knarren der Schiffe, schien an dieser Ecke der Welt zu ersticken. Zwischen den schiefen Holzwänden sammelte sich die Stille wie abgestandene Luft. Nur das Tropfen von Wasser aus den maroden Dachrinnen verriet, dass irgendwo über uns ein neuer Morgen begann.

Das Schnauben der Pferde des Kommandanten hallte dumpf zwischen den feuchten Mauern, jedes Ausatmen ein heißer Nebelschleier, der sich mit dem beißenden Geruch der Verwesung mischte. Und immer wieder dieses leise, beharrliche Kratzen und Quieken. Ratten, die sich unter die Planken zurückzogen, als hätten wir ihnen ihren Anteil streitig gemacht und nun hielten sie widerwillig Abstand, solange wir hier standen.

Vaelor richtete sich auf, sein Mantel raschelte wie trockenes Laub, und er stieß ein leises Schnaufen aus, als wäre die ganze Situation keine Frage von Leben und Tod, sondern eine persönliche Beleidigung gegen seinen Schlaf. Er wirkte wie jemand, der sich sicher war, dass die Welt ihm Unannehmlichkeiten schuldig wäre, aber bitte nicht zu dieser Uhrzeit.

»Ich verstehe nicht warum man mich dafür aus dem Bett geholt hat. Es ist doch offensichtlich was hier geschehen ist«, sagte er, ohne uns eines Blickes zu würdigen. Seine Stimme war glatt, kühl und genervt, wie immer. »Es ist früh, ich habe anderes zu tun, und jeder halbwegs denkende Mensch erkennt, dass dieser…«



Er machte eine beiläufige Handbewegung, als hätte er einen toten Fisch vor sich liegen. »…dieser Mann sich selbst umgebracht hat.«

Ich blinzelte irritiert, der Gestank der Leiche brannte mir noch in der Nase, und meine Gedanken stolperten über seinen Satz. Selbstmord? Dieser Anblick? Diese Stellung des Körpers? Diese Spuren?

»Selbstmord? Wie kommen Sie denn darauf?«, fragte ich, bevor ich darüber nachdenken konnte. Mein Kollege verstummte sofort, als hätte ich ihm die Luft aus der Lunge gezogen. Die Stille zwischen uns wurde schwer.

Und Vaelo? Vaelor drehte sich mit einer so langsamen, kontrollierten Bewegung zu mir um, dass mir ein kalter Schauer den Rücken hinab lief. Jeder Zentimeter seines Blicks war eine Warnung. Jeder Muskel in seinem Gesicht sagte mir, dass ich eine Grenze überschritten hatte, von der ich nicht einmal wusste, dass sie existierte.

»Hören Sie zu, Kael.« Seine Stimme war bedrohlich leise. Ruhig wie stehendes Wasser über einem tiefen Abgrund. Jeder Ton darin war schärfer als jede Klinge, ein präzises Werkzeug, geschmiedet aus Arroganz und jahrhundertelangem Machtanspruch. Die Art Stimme, die nicht lauter werden musste, um eine Drohung auszusprechen. Sie war die Drohung.

»Es reicht nicht«, fuhr er fort, »dass jetzt sogar Dunkelelfen die Akademie besuchen dürfen.«

Ein kaum hörbares Zischen lag auf dem Wort Dunkelelfen, als wäre es ein Makel, den er aus einem weißen Tuch wischen wollte.

»Nein. Ich bekomme auch noch so einen in meine Abteilung gesetzt.«

Er machte einen Schritt auf mich zu, langsam, kontrolliert, als wolle er jede Bewegung dafür nutzen, mich daran zu erinnern, dass er über mir stand – weit über mir. Sein Blick glitt kurz über meine Stiefel, über die Ränder voller Schlamm und Hafenwasser, als würde er prüfen, ob ich überhaupt würdig war, auf dem gleichen Boden zu stehen wie er.

»Halten Sie einfach den Mund«, sagte er leise, »und tun Sie, was ich Ihnen sage.«

Keine Drohung. Eine Feststellung. Ein Gesetz, gesprochen von jemandem, der wusste, dass niemand ihm widersprach, ohne den Preis dafür zu zahlen.

Er zeigte mit dem Finger auf die Leiche. Eine knappe, herrische Bewegung.

Die Schlinge um den Hals des Dschinn war im schwachen Morgenlicht kaum zu übersehen, raues Hanfseil, tief und unbarmherzig in die Haut gedrückt. Das Fleisch darunter war verfärbt, leicht aufgeraut, als hätte jemand die Schlinge nicht nur gelegt, sondern nachgezogen, bis jedes Leben in dem Mann erloschen war. Dabei machte es für den Kommandanten keinen Unterschied, dass der Tote auf dem Boden lag.



»Ratten haben das Seil angeknabbert, deswegen liegt er im Dreck. Wer weiß wie lange schon.« Doch für mich sah es nicht aus, als wäre das Seil »angeknabbert«. Wie hätten diese grauen widerlichen Plagegeister denn auch nach oben kommen sollen und wo zum Teufel ist dann der Rest vom Seil? All diese Hinweise, die offensichtlich waren, wurden von meinem Kommandanten einfach mit einem Schulterzucken als unwichtig abgetan. »Niemand interessiert sich für einen toten Dschinn«, schnaubte er und richtete sich wieder auf. Es sah nicht nach einem freiwilligen Ende aus. Es sah nach Gewalt aus. Nach einem Kampf, den der Tote verloren hatte.

»Sorgen Sie dafür, dass das hier abtransportiert wird.« Vaelors Stimme hatte den Tonfall eines Mannes, der einer Dienerin befiehlt, eine lästige Kaffeetasse wegzuräumen. »Und informieren Sie die nächsten Angehörigen.«

Er wedelte mit der Hand in einer abfälligen Geste, als wolle er das Thema selbst aus der Luft schieben.

»Das passiert ständig. Einwanderer, die keine Zukunft sehen. Keine Arbeit. Kein Platz in dieser Stadt.«

Sein Blick streifte den Körper, als wäre dieser Tote nicht mehr wert als ein Stück Treibholz.

»Sie hängen sich auf, springen ins Wasser, werfen sich vor Karren. Alltag, Kael. Nichts davon ist besonders.«

Sein Nichts schnitt tiefer als jedes Messer.

Als wäre der Mann am Boden nie ein Mensch gewesen, nur eine Zahl, ein weiterer Fleck in der Bilanz einer Stadt, die zu viel sah und zu wenig hinsah. Und obwohl meine Kehle noch immer brannte, war mir plötzlich klar: Nichts von dem, was Vaelor sagte, passte zu dem, was ich hier vor mir sah. Und nichts, was ich auf der Akademie gelernt hatte, schien diesen Mann heilig zu sein.

Ich öffnete den Mund, die Worte schon brennend auf der Zunge. Ich wollte widersprechen, wollte sagen, dass die Ratten die Kehle zuerst erwischt hatten und nicht das Seil… dass die Stellung des Körpers nicht passte, dass seine Hände nicht die eines Mannes waren, der sich selbst aufgegeben hatte. Ich wollte all das aussprechen, laut und klar, so wie man es auf der Akademie gelernt hatte.

Doch ich kam nicht einmal zum Atmen.

Ein einziger Blick von Vaelor, schmal, kalt, mit dieser unendlichen Überheblichkeit, die nur höhere Elfen besaßen, erstickte den Gedanken, bevor er überhaupt Form annehmen konnte. Es war kein Blick, der warnte. Es war ein Blick, der urteilte. Einer, der mir deutlich machte, dass Widerspruch nicht nur unerwünscht war, sondern als Anmaßung galt. Ich presste die Lippen zusammen, hart genug, dass ich das Pochen meines eigenen Pulses darin spürte. Meine Zunge schmeckte nach Metall, vielleicht vom Blut. Weil ich mir vor Zorn in die Lippe gebissen hatte, der mir den Mund austrocknete.



Der Kommandant wandte sich bereits ab. Mit derselben Gleichgültigkeit, mit der man einen Stein beiseite tritt. Für ihn war die Sache erledigt, abgeschlossen, nicht der Rede wert. Ein weiterer toter Arkaner, den man aus der Statistik kratzen und in irgendein Loch werfen konnte.

Doch in meinem Magen drehte sich etwas anderes als Galle. Etwas Kaltes. Etwas Hartnäckiges. Etwas, das sich nicht von einem Blick einschüchtern ließ. Etwas stimmte hier nicht. Nicht im Geringsten.

Kein einziger Teil dieses Tatorts roch nach Selbstmord. Nicht die Haltung des Körpers.

Nicht die Schlinge. Nicht der Ausdruck im halb verrotteten Gesicht. Nicht einmal die Stille der Gasse. Es war, als hätte der Tod selbst geschwiegen, um nicht aufzufallen.

Und ganz sicher war es kein Selbstmord.

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Jeden Monat ein neues Kapitel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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