PORTAL CHRONICLES Chapter One
Genre: Urban Fantasy· Dimensionsreise · Coming-of-Age Reihe: Portal Chronicles (3 Teile)
Leseempfehlung: ab 16 Jahren
Kapitel Eins
Wie war sie nur hierher gekommen?
Lara stand. Mitten auf staubigem Boden, den Blick nach oben gerichtet. Da war ein Berg.
Ein echter, massiver Fels, vielleicht fünfundvierzig Meter hoch. So riesig wie die Hochhäuser der Stadt. Fünfzehn Stockwerke hoch, als hätte sich Beton selbst in Bewegung gesetzt. Aber das war nicht das Schlimmste. Das Schlimmste war, dass sich dieser Berg … bewegte.
Steine splitterten ab, als etwas darunter hervorzubrechen versuchte. Arme, Beine, ein Brustkorb, der sich langsam aus dem Fels wälzte wie ein Koloss aus einem Albtraum. Gestein platzte auf, riesige Granitbrocken krachten zu Boden. Es war wie ein Wunder, dass keiner sie traf.
Grüne, gelbe, rote Lichtblitze zischten durch die Luft. Sie rochen nach heißem Metall. Irgendwo in der Ferne schrie jemand. Eine Stimme, verzerrt vom Lärm und zu weit weg.
Und Lara? Stand einfach nur da.
Gefangen zwischen dem, was sie sah, und dem, was ihr Verstand sich weigerte, zu glauben.
Die steinerne Gestalt erhob sich vollständig. Jetzt war er frei. Der Golem, der Gigant, der … was auch immer. Er sah aus wie ein Mensch aus Fels, mit Rissen über den Schultern, einem Gesicht ohne Mimik und einem Maul, das sich öffnete wie ein Krater. Er brüllte. Sandgelbe Zähne aus kantigem Stein blitzten zwischen den felsigen Lippen auf.
Ein Fuß setzte sich in Bewegung. Dann ein zweiter. Er taumelte, nur kurz, dann fand er das Gleichgewicht.
Und hob den Arm. Seine Faust hoch sich über Lara, wuchs wie ein Schatten, der alles verschluckt. Noch immer konnte sie sich nicht bewegen. Ihre Beine weigerten sich. Ihr Gehirn fühlte sich an, als sei es in Watte gepackt.
Das konnte nicht echt sein. Sie hörte wieder die Stimme, irgendwo weiter hinten. Jemand rief: War es ein Name? Kuchen? Kuchen?
»Was willst du?!«, rief sie zurück, ohne zu wissen, ob es laut oder nur in ihrem Kopf war. Die Faust kam näher.
Lara sah zu ihr hoch. Zu diesem drohenden Ende, das sich wie Zeitlupe auf sie herabsenkte.
Und dann, genau in diesem Moment, dachte sie: Schule. Und: Großmutter. Und: Kakao. Ein Riss ging durch ihren Geist. Und plötzlich war sie nicht mehr da. Nicht ganz. Nicht mehr im Jetzt. Die Faust hob sich, der Schatten wurde dunkler, bedrohlicher und dennoch rasten ihre Gedanken zurück.
Zurück an den Punkt, an dem alles begonnen hatte. Bevor sie vor ihm geflohen war. In ihrem nagelneuen Hosenanzug. Mit der schicken Frisur. Und den neuen Stiefeletten.
Einige Monate zuvor:
Im Physiksaal herrschte Aufbruchstimmung. Die Tische stiegen stufenweise an, wie in einem kleinen Hörsaal, und der Geruch von Staub, alten Heften und Zitronenreiniger hing in der Luft.
Stühle scharrten über Linoleum, Rucksäcke wurden zugeworfen, Papier raschelte, Stimmen kreuzten sich.
Vor wenigen Minuten war es noch unheimlich still gewesen.
Nicht einfach ruhig, sondern still. So still, dass jedes noch so kleine Geräusch sich wie ein Donnerschlag angefühlt hatte.
Ein Experiment zu Ton- und Schallwellen.
»Hört die Stille«, hatte Herr Bamberger gesagt.
Und sie hatten gehört. Das Summen der Neonröhren. Das leise Pfeifen durch ein schlecht geschlossenes Fenster. Das gleichmäßige Atmen von dreißig Schülern, irgendwann im gleichen Rhythmus.
Sogar das leise Schnarchen eines eingeschlafenen Mitschülers.
Ein paar Mädchen hatten gekichert. Jemand hatte einen Stift fallen lassen. Aber insgesamt war es ein Moment gewesen, in dem jeder versucht hatte, nichts zu stören. Lara hatte versucht, mitzumachen. Ehrlich.
Aber in ihrem Kopf war längst eine andere Geschichte losgegangen. Ein Wald. Mit Nebel. Und Schatten, die sich bewegten.
Feen mit schimmernden Flügeln, Kobolde mit zu großen Schuhen, sprechende Bäume. In ihrem Kopf war sie längst nicht mehr auf einem Schulstuhl in Gablingen, sondern zwischen den Seiten eines Romans verschwunden. Wäre das Umblättern nicht so laut gewesen, hätte sie längst ›Magisterium von Cassandra Clare‹ aus ihrer Tasche geholt. Aber das Buch wartete geduldig. Wie immer.
Lara hatte es wirklich versucht.
Das Experiment war gar nicht so schlecht gewesen. Rein theoretisch. Aber praktisch war es einfach nur… still. Und in dieser Stille war sie abgetaucht. Nicht in Physik. Sondern in die Welten, die ihr wirklich etwas bedeuteten. Sie hatte sich vorgestellt, wie Nebel über einen moosbedeckten Waldboden zog, wie ferne Flötenklänge durch die Bäume hallten und irgendwo ein silbernes Licht aufblitzte. Vielleicht von einem Dolch, vielleicht von einem Elfenauge.
Was solls, dachte sie. Wie die Welt funktioniert, ist doch egal. Hauptsache, sie funktioniert. »Ich schwöre, Bamberger hat das nur gemacht, weil er keinen Bock hatte, was zu erklären«, raunte jemand zwei Reihen hinter ihr.
»Der hat heute Safe ›nen Kater.«
»Ey, gehst du heute zum Sportplatz?«
»Nee, muss Mathe nachholen…«
»Man, das war so langweilig, ich hab fast angefangen, meine Hausaufgaben freiwillig zu machen.« Lara hörte alles. Aber nichts davon berührte sie wirklich. Naturwissenschaften waren für sie wie eine Fremdsprache, deren Vokabeln sie nicht lernen wollte.
Klar, sie verstand genug, um nicht komplett durchzufallen. Ihr Notendurchschnitt von zwei-Komma-fünf hielt sich irgendwie.
Aber was sie wirklich liebte, war Geschichte. Nicht die Jahreszahlen, sondern die Geschichten dahinter. Die Menschen. Die Schicksale. Die Legenden. Und Deutsch. Nicht wegen der Grammatik, die konnte ihr gestohlen bleiben. Sie wusste einfach, wie ein Satz klingen musste. Punkt. Aufsätze schreiben war ihr Ding. Mit Worten Bilder malen, Emotionen transportieren, Leser mitnehmen. Das war das, was sie konnte.
Sie war eine der Letzten, die den Raum verließ. Der Flur draußen war leerer, als er sein sollte. Und dann bemerkte sie ihn. Er lehnte an der Wand gegenüber der Tür. Einfach so. Wie jemand, der auf den Bus wartet. Oder auf sie. Zwei Mädchen gingen vor ihr raus, drehten sich kichernd um.
»Oha.«, flüsterte eine. Die andere schlug ihr grinsend gegen den Arm. Lara merkte erst, dass sie stehen geblieben war, als jemand sie leicht an der Schulter anstieß.
»Geh aus dem Weg.«
Sie trat beiseite, sah kurz auf ihren Rucksack, nestelte an einem losen Gurt. Dann hob sie den Blick. Grüne Augen. So grün wie ein tiefer Waldsee. Und so still wie Wasser kurz vorm Sturm. Sie fröstelte. Nicht weil ihr kalt war. Sondern weil ihr Körper irgendetwas spürte, was ihr Verstand noch nicht einordnen konnte.
Er wirkte normal. Schwarze Jeans. Blaues Hemd, offen am Kragen. Kurze, dunkle Haare. Klare Gesichtszüge. Hände in den Hosentaschen. Schlanke, leicht muskulöse Statur, lange Beine. Die Augen, umrahmt von dunklen Wimpern. Einfach ein Typ.
Und doch, jagte er ihr eine Gänsehaut über den Rücken. Zu perfekt. Nicht wie jemand, der zu spät zum Unterricht kommt. Eher wie jemand, der gerade aus einem dieser Teeniefilme gefallen war. Er sagte nichts. Tat nichts. Er stand einfach nur da. Und schaute sie an. Nicht aufdringlich. Nicht feindlich. Aber mit einer Intensität, die ihren Atem kurz stocken ließ. Lara wandte sich ab. Schneller, als nötig gewesen wäre. Sie lief den Gang hinunter, spürte seinen Blick noch in ihrem Rücken. Sie hatte keine Ahnung, wer er war. Aber irgendetwas in ihr wusste: Er war nicht einfach nur ein Schüler.
Als sie das Schulgebäude verließ, wartete der vertraute kleine, hellblaue VW ihrer Oma schon an der Straßenecke.
Lara atmete auf. Schule war vorbei. Jetzt begann der Teil des Tages, der sich wie echtes Leben anfühlte.
Sie zog die Autotür auf, warf einen flüchtigen Blick auf die andere Straßenseite und fröstelte.
Die grünen Augen waren wieder da. Diesmal nicht in einem Flur, sondern draußen. Im Sonnenlicht. Fixierten sie. Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
»Quatsch«, murmelte sie, schüttelte den Kopf und stieg ein.
»Hallo, Liebes. Wie war die Schule?«
Die Stimme ihrer Oma war wie eine warme Decke, in die man sich einfach fallen lassen wollte.
»Wie immer. Was gibt’s zu essen?«
»Kaiserschmarrn. Für mehr hat’s nicht gereicht. Im Laden war viel los.« Laras Augen begannen zu leuchten.
»Ist die neue Lieferung gekommen?«
»Genau. Aber…«
»…erst die Hausaufgaben.« Lara stöhnte gespielt.
»Schön, dass wir uns verstehen.«
Zu Hause roch es nach Vanille und frischer Wäsche.
Lara liebte dieses Haus. Das Wohnzimmer voller Bücher, das Summen des alten Wasserkochers, die Stimme ihrer Oma aus der Küche. Das war ihr echter Rückzugsort. Nach dem Essen setzte sie sich an den Küchentisch, machte brav Mathe und Englisch, auch wenn sie bei Algebra gedanklich mehr in einem Zauberwald unterwegs war als in Zahlenreihen.
»Alles erledigt. Können wir jetzt in den Laden?«
»Zieh dir was Bequemes an. Ich mach uns schon mal eine Kanne heiße Schokolade.«
Zehn Minuten später saß sie mit ihrer Oma im Auto. Das Radio dudelte irgendeinen Popsong. Lara sang mit. Falsch, laut und glücklich. Denn gleich würde sie in den Laden kommen.
Ihren Laden. »Books and More.« Zu Hause Nummer zwei.
Lara war ein Buchmensch. Sie brauchte keine großen Partys, keine Serien-Marathons, keine stundenlangen Handygespräche. Sie brauchte Seiten. Papier voller Buchstaben. Geschichten. Sie war nicht einfach ein Bücherwurm. Sie war eine ganze Bibliothek auf zwei Beinen. Kaum war das Auto vor ›Books and More‹ zum Stehen gekommen, hüpfte Lara fast vom Beifahrersitz.
»Wo stehen die neuen Bücher, Omi?«
»Geduld, mein Kind. Ich schließ erst mal auf.«
Sie folgte ihrer Oma zur Eingangstür, das Herz schon ein bisschen schneller. Neue Lieferung hieß neue Welten. Neue Namen. Neue Abenteuer. Doch dann blieb ihr Blick am anderen Straßenrand hängen. Gelbes Bäckerei-Schild. Krapfen in der Hand. Und diese Augen. Er stand einfach da. Lehnte lässig an der Wand, als gehöre er dahin, aber irgendwie auch nicht. Ein Bissen vom Krapfen, der Zucker klebte leicht an seiner Lippe. Und trotzdem: nichts an ihm wirkte schlampig. Lara spürte es sofort wieder. Dieses Unbehagen. Wie ein kalter Lufthauch zwischen zwei warmen Gedanken. ›Was will er hier? Verfolgte er sie? Blödsinn. Zufall. Zufall‹, sagte sie sich. Lauter als nötig.
»Lara, kommst du?«
Ihre Oma hatte schon aufgeschlossen. Sie zwang, sich den Blick loszureißen. Drehte sich um. ›Soll er doch seinen Krapfen essen, wo er will‹, dachte sie trotzig. Sie hatte jetzt Wichtigeres zu tun.
Am nächsten Morgen war alles wieder normal. Schulglocke. Pausenbrot. Mathe, dass keinen Sinn ergab. Bis sie ihn sah. Er stand da. Wieder. Vor ihrem Klassenzimmer. Als würde er auf jemanden warten. Oder wartete er etwa auf sie? Lara blieb ein paar Schritte vor der Tür stehen. Beobachtete ihn aus dem Augenwinkel. Er hatte sich kaum verändert. Gleiche Haltung. Gleiche Ruhe. Gleiche Augen.
›Das bildest du dir nur ein.‹
›Vielleicht geht er ja auch einfach nur in den Kurs nebenan.‹
›Vielleicht hat er eine Freundin an der Schule.‹
Sie schob die Gedanken weg. Mit Kraft. Wie man eine Tür zudrück, die nicht richtig schließt. Und ging einfach weiter. Nicht gucken. Nicht reagieren. Und doch, als sie vorbeiging, trafen sich ihre Blicke. Wieder. Ein kurzer Moment. Ein Blinzeln. Aber er war da.
›Was will der Typ bloß?‹
Und das Seltsame? Er machte nichts. Gar nichts. Er sprach sie nicht an. Er kam ihr nicht näher. Er war einfach nur da. Wie ein Schatten, der sich langsam in ihre Realität schob.
Nachmittags war die Welt wieder in Ordnung.
Kakao dampfte in der Lieblingstasse, ein Lesezeichen lugte aus einem dicken Fantasyroman, und zwischen den Regalen von ›Books and More‹ roch es nach Papier, Tinte und alten Geschichten.
Lara fühlte sich zu Hause. Wirklich. Hier gab es keine Physiktests, keine komischen Blicke im Schulflur, keine grünen Augen. Dachte sie. Bis die Tür aufging. Es klingelte leise. Ein völlig normales Geräusch. Aber diesmal traf es sie wie ein kalter Luftzug. Sie hob den Kopf. Und da war er. Er trat ein, sah sich kurz um und ging direkt zur Theke. Oma war vorn, wie immer, freundlich, zugewandt. Sie hörte gar nicht, wie Laras Herz zu rasen begann.
›Was macht der hier?‹
›Das ist kein Zufall mehr.‹
Sie duckte sich leicht hinter ein Regal, schob sich zwischen zwei Reihen gebrauchter Klassiker, als könne sie sich unsichtbar machen.
Er sagte etwas. Sie konnte es nicht verstehen. Aber seine Stimme war tief. Ruhig. Fast angenehm. Was es irgendwie nur schlimmer machte.
›Vielleicht ist er einfach ein Kunde. Vielleicht will er ein Buch. Vielleicht ist alles ganz harmlos.‹
Und trotzdem fühlte es sich nicht harmlos an.
Nicht hier. Nicht an diesem Ort. Nicht, wenn er in ihr Refugium eindrang. Sie spähte vorsichtig zwischen zwei Buchrücken hindurch. Er lehnte sich leicht vor, sagte noch etwas, dann zeigte Oma Ilse ihm ein Regal weiter hinten. Er nickte. Dachte kurz nach. Und drehte sich um. In Laras Richtung. Sie hielt den Atem an. Aber er sah nicht zu ihr. Er sah an ihr vorbei. Trotzdem. Er war da. Wieder. Und diesmal nicht draußen. Sondern mittendrin. In ihrer Welt.
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