Kapitel 12
Livia verließ Kaels Büro mit wackeligen Schritten. Sie schloss die Tür hinter sich. Leise. Ihrer ganzen Energie beraubt.
Wer sie nun ansehen würde, hätte nichts bemerken dürfen. Zumindest redete sie sich das ein. Ihre Haltung war aufrecht, ihr Gesicht ruhig, ihre Bewegungen kontrolliert. Sie ging über den Gang in ihr zugeteiltes Büro. Vermied dabei jeden anzusehen der ihr über den Weg lief. Innerlich war sie mehr als aufgewühlt.
Sie lehnte sich gegen die geschlossenen Tür. Begrüßte Die kurze Ruhe.
Und im Nachhinein bemerkte sie das Fehlen von etwas.
Livia riss die Augen auf, deswegen fühlte sie sich nackt.
Dieser Mistkerl hatte ihren Slip zerrissen und ihn ihr nicht wiedergegeben.
Liv stellte sich wieder aufrecht hin und lief direkt an ihren Schreibtisch vorbei an die riesige Fensterscheibe die den Blick auf die Skyline unter ihr Preisgab.
Hier war es ruhig. Das Glas und Beton trugen hier weniger Stimmen her. Sie brauchte die Zeit um nachzudenken. Die Stadt lag unter ihr, geordnet, geschäftig und gleichgültig.
Livia legte eine Hand auf die kühle Fensterscheibe.
Das Gespräch hatte etwas in ihr verändert.
Es hatte etwas endgültiges gehabt. Wie er sich benommen hatte. So herrisch. So dominant. Und das schlimme daran war das es ihr Gefallen hat.
Sie hatte geglaubt, Abstand würde reichen. Dass Professionalität eine klare Linie ziehen konnte zwischen dem, was zwischen ihnen anscheinend war und was sich unaufhaltsam zwischen Ihnen anbahnte. Sie fühlte sich von seiner Art nicht bedrängt oder kontrolliert, wie es bei Ihrem Ex der Fall war. Auch nach dieser langen Zeit kostete es überwindung seinen Namen zu nennen.
Kael Ardent hatte diese Linie überschritten, die sie gezogen hatte– er hatte sie sichtbar gemacht und hatte sich dann so gekonnt durchbrochen das sie am Ende nicht mehr gewusst hatte wo oben oder unten war.
Und Livia hatte erkannt, wie dumm sie gewesen war.
Sie dachte an ihre Flucht. An die Jahre, in denen Weggehen ihre stärkste Fähigkeit gewesen war. An den Neuanfang, den sie sich erkämpft hatte, und an die Regeln, die sie sich auferlegt hatte, um nicht wieder in alte Muster zu rutschen.
All das war nicht falsch gewesen.
Aber sie fragte sich ob sie jemals eine Chance gegen Kael gehabt hatte, seit sie sich das erste mal begegnet waren.
Livia stand noch immer am Fenster, als ihr Handy vibrierte.
Sie sah nicht sofort hin, war immer noch in Gedanken an ihr eben erlebtes sexuelles Erlebnis. Erst beim zweiten Vibrieren griff sie danach um sich die Rundmail durchzulesen.
Herr Ardent hat das Gebäude außerplanmäßig verlassen.
Alle weiteren Meetings werden bis dahin ausgesetzt.
Der Satz war nüchtern formuliert. Sachlich und ohne Erklärung.
Livia las die Nachricht ein zweites Mal.
Und dann ein drittes mal.
Ein anderer Gedanke schob sich leise in ihr Bewusstsein. Er war vorhin nicht zum Ende gekommen. Hatte sich nur um Ihre Bedürfnisse gekümmert. Fachlich und Kompetent. Er hat bestimmt Erfahrung.
Vielleicht musste er sich abreagieren.
Sie stellte sich vor, wie Kael das Gebäude verließ, den Blick dunkel, die Schultern angespannt. Sein Blick erhitzt und begierig noch von unserer Begegnung. Wie er in ein Auto stieg, ohne jemanden anzusehen. Wie er irgendwohin fuhr.
Zu jemandem.
Der Gedanke kam ungebeten.
Und blieb in ihren Gedanken hängen.
Vielleicht gab es eine Frau in seinem Leben. Vielleicht sogar mehrer. Jemanden, der wusste, wie man mit seiner Wut umging. Jemand der wusste wie man diese kanalisierte und abfing, lenkte, beruhigte. Bis sich diese im Vollrausch entlud. Sie stellte sich vor wie er gerade jetzt bei jemanden war die er auch so begehrte wie sie selbst. Vielleicht war sie nur ein Notnagel weil diejenige jetzt nicht da war um seinen Sexualtrieb zu stillen.
Natürlich gibt es die, flüsterte eine gemeine und gehässige Stimme in ihr.
Männer wie er sind nie allein.
Ein unangenehmes Ziehen breitete sich in ihrer Brust aus. Kein Schmerz. Eher etwas Dumpfes, das sie gut kannte.
Zweifel. Aber Moment. Wenn es ihm nur um Sex ging, dann hätte er sich doch nicht nur um Ihre Bedürfnisse gekümmert. Egal ob bei dem jetzigen Treffen oder gestern.
Sie lehnte den Kopf gegen die kühle Scheibe, schloss kurz die Augen. Wusste nicht so recht wie sie mit ihren Empfindungen umgehen sollte. Sie wollte nicht soviel in diese Nachricht hineininterpretieren. Keine Bedeutungen sehen, wo keine waren.
Und doch meldeten sich alte Reflexe.
Du bist nicht besonders.
Du bist nur ein Moment.
Er geht – und du bleibst zurück.
Sie öffnete die Augen wieder.
Nein.
Das war nicht fair. Nicht ihm gegenüber. Und nicht sich selbst gegenüber. Kael hatte ihr nichts versprochen. Er schuldete ihr nichts. Was immer er tat, ging sie nichts an.
Und trotzdem…
Der Gedanke, dass sein Fortgehen mit ihr zu tun haben könnte, ließ sie unruhig werden.
Sie zwang sich, das Handy wegzustecken.
Diese Fragen führten nirgendwohin. Sie wusste das. Allerdings hatten die Zweifel bereits ihre Wurzel geschlagen.
Livia atmete tief durch, richtete sich auf und trat vom Fenster zurück.
Sie würde sich nicht verlieren in Vermutungen. Nicht heute. Nicht heute Nacht. Sie konnte ihn Fragen wenn er wieder da war.
Aber der Gedanke ließ sich nicht ganz vertreiben:
Kael Ardent war gegangen, um etwas loszuwerden.
Und sie wusste nicht, ob sie glücklich oder enttäuscht darüber sein sollte.

































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