Kapitel 13

Belle erwachte mit dem Gefühl, festgehalten zu werden.
Es dauerte einen Moment, bis ihr Verstand sortierte, was Traum war und was Realität. Das Bett war warm—zu warm für sie allein. Eine kräftige Brust hinter ihrem Rücken, ein Arm um ihre Taille, ein Bein über ihrem, und dazu warmer Atem an ihrem Nacken. Tief, regelmäßig, eindeutig schlafend.
Cade.
Sie spannte sich reflexhaft an. In ihrem früheren Leben hätte sie jedem Mann eine Unterlassungserklärung wegen Belästigung geschickt, der sie so festhielt. Aber hier, nach dem Kuss und der absurden Nacht davor, fühlte es sich nicht übergriffig an. Eher selbstverständlich.
Sie bewegte sich vorsichtig, und der Arm um sie zog sich sofort enger.
„Wenn du fliehen willst,“ murmelte Cade mit rauer Morgenstimme, „tu es nach dem Frühstück. Vor dem Kaffee renne ich nie.“
Belle kniff die Augen zusammen. „Du schläfst überhaupt nicht, oder? Du lauerst einfach wie eine Katze.“
„Katzen schnurren. Ich knurre.“ Er hob den Kopf, sah sie an, und ein winziges, unverschämtes Lächeln huschte über seine Lippen. „Guten Morgen.“
Sie verdrehte die Augen und versuchte erneut, sich zu befreien. Cade ließ sie schließlich gehen—nicht sofort, aber nach mehreren ruhigen Herzschlägen, die eindeutig seine Entscheidung waren, nicht ihre.
Sie setzte sich auf, die Haare zerzaust, Wangen noch warm vom Schlaf, der Körper schwer vor Müdigkeit. Cade setzte sich hinter sie, die Ellbogen auf den Knien abgestützt, und betrachtete sie, als hätte er ein seltenes Tier aufgescheucht.
„Heute zeige ich dir das Haus,“ sagte er ruhig. „Und das Revier.“
„Revier,“ wiederholte sie skeptisch. „Meinst du Gelände? Oder meinst du wirklich Revier?“
„Beides,“ antwortete er.
Er stand auf, und erst da bemerkte sie den muskulösen Oberkörper, die Art, wie unter jeder Bewegung die Muskeln unter der Haut arbeiteten. Sie musste sich beherrschen, nicht zu starren. Oder sabbern. Oder beides. Gott, es war wohl zu lange her. Flüssiges Feuer sammelte sich in ihren Inneren …
Und genau in diesem Moment sah er sie an, direkt, intensiv. Sein Blick blieb an ihrem hängen. Oh nein. Er war ein Wolf—wie gut war sein Geruchssinn? Cade lächelte langsam, wissend, bevor er sich ein schwarzes T-Shirt überstreifte und ihr Kleidung reichte: eine dunkle Strumpfhose, ein weinrotes Kleid und warme Socken.




„Nora hat das ausgesucht. Du wirst draußen frieren.“
Belle griff danach, doch er zog es plötzlich zurück.
„Du solltest dich doch zuerst waschen. Ich möchte nicht, dass jemand etwas riecht, was nur ich wahrnehmen sollte. Etwas was nur für mich bestimmt ist.“ Sie wurde puderrot.
Verdammter Mistkerl.
Sie protestierte nicht—Protest kostete Energie, und Energie war ein knappes Gut. Sie verschwand im Bad, duschte, zog sich an, kämmte das Haar und trat wieder heraus. Cade wartete schon, Hände in den Taschen, geduldig wie ein Türsteher.
Im Flur trafen sie Nora. Die strahlte, winkte eifrig.
„Guten Morgen! Du siehst viel besser aus als gestern!“
„Danke,“ sagte Belle, überrascht von ihrer eigenen Ehrlichkeit.
„Komm,“ sagte Cade. „Die Tour beginnt.“
Das Wort „Haus“ war untertrieben.
Es war ein Herrenhaus—alt, aber gepflegt. Warm, aber nicht verspielt. Hohe Decken, dunkles Holz, breite Fensterbänke, handgeknüpfte Teppiche in dunklem Rot und warmem Braun. Es roch nach Feuerholz, Kaffee und Schnee. Eine Mischung aus Jagdschloss, moderner Logistikzentrale und Familienwohnsitz.
Er zeigte ihr zunächst den Wohnsaal—mit Kamin und mehreren Sofas, auf denen zwei junge Männer Karten spielten. Sie sprangen sofort auf, als Cade eintrat.
„Das sind Connor und Reed,“ stellte er vor. „Späher.“
Connor grinste offen. „Willkommen.“
Reed musterte sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Neugier. „Sie ist wirklich menschlich.“
Belle blinzelte. „Ja. Überraschend, ich weiß.“
Connor lachte. Reed bekam einen Stoß in die Rippen und murmelte beschämt: „Sorry. Ich habe kaum mit ihnen… also… du weißt schon.“
„Mit Frauen zu tun?“ hakte Belle süß nach.
Reed errötete tiefrot, Connor lachte laut, und Cade zog Belle weiter.
Die Küche war groß, hell, und roch verführerisch nach Kaffee und Pfannkuchen. Eine ältere Frau mit grauem Haar stand am Herd.
„Das ist Mae,“ sagte Cade. „Sie kümmert sich um Essen, Organisation und alles Wichtige.“
Mae musterte Belle ernst, wie eine Mutter, die entscheiden musste, ob ein fremdes Kind ins Haus durfte. Dann nickte sie zufrieden.
„Sie ist zu dünn,“ stellte Mae fest. „Ich mache ihr etwas.“
„Danke?“ sagte Belle irritiert.
Mae winkte ab und wendete Pfannkuchen.




Weiter ging es durch Büro, Bibliothek, Trainingsraum und Wintergarten. Überall sahen Wölfe Belle an—als wäre sie selten, wertvoll oder gefährlich. Sie wusste nicht, welche Möglichkeit ihr lieber war.
Schließlich führte Cade sie hinaus.
Eiszige Luft schlug ihnen entgegen. Das Gelände war weitläufig—verschneite Wiesen, dichter Wald, ein Fluss in der Ferne, Werkstätten und Garagen neben dem Hauptgebäude.
„Das ist das Rudelgelände,“ erklärte Cade. „Nicht alles gehört uns. Aber alles gehört zu uns.“
Belle zog den Schal enger. „Und wo hört ‚das‘ auf?“
„Drei Meilen nördlich am Fluss. Vier Meilen südlich am alten Sägewerk. Osten ist Grenze zu Silberborn. Westen ist Menschenland.“
„Silberborn,“ wiederholte Belle.
„Mhm.“
Sein Ton machte deutlich, dass es kein belangloses Wort war. Er verschwieg mehr, als er sagte.
In geringer Entfernung wartete eine Gruppe von fünf Personen. Männer und Frauen, körperlich stark, aufrecht, wachsam.
„Mein Rudel,“ sagte Cade knapp.
Der Satz war neutral ausgesprochen, aber er hallte in der Luft wie ein Schwur.
„Belle,“ stellte er sie vor. „Meine Gefährtin.“
Das Wort fiel wie ein Stein in stilles Wasser.
Ein junger Mann mit dunklen Augen und raspelkurzem Haar trat vor. „Elias,“ sagte er. Kein Titel nötig—Belle wusste sofort, dass er ein höherrangiger Wolf sein musste. Sie merkte es an seiner Ausstrahlung. Er reichte ihr die Hand. „Schön, dich zu sehen.“
„Oder interessant,“ ergänzte eine schlanke Frau mit braunem Haar und scharfem Blick. „Ich bin Aria. Die Heilerin hier.“
Belle nickte. „Kein Wolf. Kein Heiler. Keine Ahnung von irgendwas. Aber ich bemühe mich.“
Aria lächelte. „Das reicht.“
Ein breitschultriger Blondschopf folgte, mit dem energiegeladenen Ausdruck eines Mannes, der gerne provozierte.
„Jonas,“ sagte er. „Gesandter von Silberborn.“
„Wieder Silberborn,“ murmelte Belle. „Du bist nicht von hier.“
„Richtig,“ sagte Jonas trocken. „Ich reise bald ab.“
Zuletzt trat eine junge Frau vor, kaum älter als Nora, mit schmalen Schultern und ernstem Blick.
„Rin,“ sagte sie. „Ich arbeite in der Bibliothek.“
Belle sagte: „Die habe ich gesehen, da sind wir dran vorbeikommen.“
„Wie haben drei,“ korrigierte Rin. „Für Magie, Geschichte und… normale Sachen.“ drei Stück?




„Und wie viele davon verstehe ich?“ fragte Belle.
„Keine,“ antwortete Rin ehrlich. „Aber ich kann es dir erklären.“
Belle lachte. Zum ersten Mal seit Tagen echt.
Cade beobachtete sie schweigend und aufmerksam, während Belle mit seinem Rudel interagierte.
Sie gingen weiter über Trainingsplätze, Schießstände, Werkstätten und Wohnhäuser. Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, der Wind spielte in ihrem Haar. Wölfe sahen sie an mit Neugier, Zweifel oder schlicht unverhohlener Faszination.
Und Belle spürte etwas, das sie monatelang nicht gefühlt hatte:
Ablenkung.
Raum.
Ungefilterter Atem.
Cade blieb schließlich neben ihr stehen.
„Das hier ist dein Zuhause,“ sagte er leise. „Ob du willst oder nicht.“
Belle schnaubte. „Das ist keine Frage, oder?“
„Nein,“ sagte er. „Das ist eine Tatsache.“
Sie sah ihn lange an. In ihren Augen lag kein romantisches Funkeln—nur Müdigkeit und Stahl.
„Ich werde herausfinden,“ sagte sie ruhig, „ob ich bleiben kann oder nicht.“
Cade sah sie an, und sein Wolf sah sie ebenso. Beide antworteten gleichzeitig:
„Du wirst bleiben.“
Zum ersten Mal seit Tagen lächelte Belle—klein, erschöpft, aber aufrichtig.
Nicht weil sie glaubte, dass er recht hatte.
Sondern weil sie wusste, dass er keine Ahnung hatte, wie hart Menschen kämpfen konnten, wenn man ihnen sagte, sie hätten keine Wahl.

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